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„In 20 Jahren wird Frankreich dem Libanon ähnlich sein“

Donnerstag 16. März 2006 von Die Welt


Die Welt

„In 20 Jahren wird Frankreich dem Libanon ähnlich sein“ Interview mit Michel Gurfinkiel

Michel Gurfinkiel fürchtet das Ende des homogenen Nationalstaates und schildert die Folgen des europäischen Appeasements von Jacques Schuster

DIE WELT: Noch vor kurzem war die moslemische Welt in Aufruhr über die dänischen Mohammed-Karikaturen. In den Banlieues blieb alles ruhig. Aus welchem Grund?

Michel Gurfinkiel: Daß es so ruhig blieb, lag erstens an der massiven Polizeipräsenz in den Vorstädten.

 Michel Gurfinkiel

Michel Gurfinkiel, französischer Publizist
Foto: Martin Lengemann

Zweitens haben die radikalen oder konservativen moslemischen Führer in Frankreich ihre wichtigsten Ziele schon erreicht. Anders war dies in Kopenhagen, wo die Protestaktionen der Moslems vor allem das Ziel hatten, die gleichen Rechte und Privilegien zu erhalten wie die christliche Staatskirche. In Frankreich haben sich die Moslems als größte Glaubensgemeinschaft nach den Katholiken etabliert. Diese Stellung wird sich auch in Gesetzen niederschlagen. So wird die 100 Jahre alte Trennung von Staat und Kirche einer Revision unterzogen.

WELT: Dagegen gibt es Widerstand.

Gurfinkiel: Das ist richtig. Doch steht der radikale Islam als Gewinner da. Es wäre für ihn kontraproduktiv gewesen, wegen der Karikaturen zu Aufruhr anzustacheln.

WELT: In Frankreich gibt es Enklaven, in denen das islamische Gesetz dominiert. Wird das Land zu einer muslimischen Nation?

Gurfinkiel: Ich glaube, daß wir auf eine Balkanisierung zusteuern. Frankreich hat als Modell eines homogenen Nationalstaates ausgedient. So haben wir Gebiete, wohin sich niemand mehr zu gehen traut, auch die Polizei nicht, und wo Leute von draußen nicht willkommen sind. Dort entwickelt sich eine Bewegung, die radikal-moslemisch organisiert ist.

WELT: In den USA fühlen sich Einwanderer als Teil des Landes. Wie schaut es in Frankreich aus?

Gurfinkiel: Da sich der Islam vor allem politisch versteht, neigt er dazu, sich selbst als „islamische Nation“ oder als „Gemeinschaft der Gläubigen“ zu porträtieren. Die Moslems haben eine klare Vorstellung davon, was islamisch ist und was nicht. Nehmen wir zum Beispiel die aus Algerien gekommen Moslems. Für uns Franzosen war Algerien eine Kolonie. Seit 1962 ist es für uns ein unabhängiges Land ist. Die moslemischen Algerier denken anders. Für sie haben die Franzosen über sie geherrscht. Jetzt fühlen sie sich ihnen ebenbürtig. Manche wollen auch Rache nehmen. Selbst als französische Staatsbürger fühlen sie sich als moslemische Algerier, die in Frankreich leben, das sie als eine algerisch-französische Einheit betrachten. Dies trifft auch für viele andere Moslems in Frankreich zu. Einen Treueeid würden sie zuerst auf ihre moslemische Gemeinschaft und erst danach auf Frankreich oder Europa ablegen.

WELT: Sehen Sie die Gefahr, daß auf lange Sicht die französische Lebensart unter dem moslemischen Einfluß Schaden leiden könnte?

Gurfinkiel: Hier kommt die Demographie ins Spiel. In Frankreich werden die Menschen immer älter und die Kinder immer weniger. Man spricht zwar immer von der hohen Geburtenrate, doch wird damit das Problem der Überalterung nicht gelöst, da die meisten Frauen ihre Kinder erst im Alter von über 30 bekommen. Es gibt immer weniger Familien, in denen mehrere Kinder aufgezogen werden. Von den 62 Millionen Franzosen sind 20 Millionen über 50 Jahre alt. Sie werden bald Rentner und viele auf soziale Hilfe angewiesen sein. Unter den 40 verbleibenden Millionen sind etwa acht bis zehn Millionen Einwanderer, in ihrer großen Mehrheit aus Nord- und Schwarzafrika. Genaue Zahlen liegen nicht vor, da die illegale Einwanderung hoch ist und es gesetzlich untersagt ist, Statistiken nach religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit zu führen. Sicher ist hingegen, daß der Anteil der moslemischen Immigranten in der jungen Generation dramatisch steigt. In manchen Städten wie in Lille und Roubaix sind heute schon über 50 Prozent der jungen Generation Moslems. Dieser Trend wird sich fortsetzen, und der Einfluß der moslemischen Gemeinschaft in der französischen Gesellschaft wird zunehmen. Ich glaube, daß die französische Nation in 20 Jahren dem Libanon oder Malaysia sehr ähnlich sein wird. Ob dies zur Gründung einer islamischen Republik in Frankreich führt, wie manche Leute befürchten, wage ich nicht zu sagen. Doch wird sich der Druck erhöhen, moslemisches Regelwerk in das französische Gesetzeswerk aufzunehmen.

WELT: Steigt nicht die Gefahr, daß Unruhen wie im November eine religiöse Dimension bekommen?

Gurfinkiel: Nach allem, was wir heute über die Unruhen wissen, gab es auch schon im November ein starkes religiöses Element. Die meisten Unruhestifter sehen sich als Mitglieder der „islamischen Nation“. Es ist auch kein Geheimnis, daß die Ruhe erst nach Verhandlungen mit moslemischen Führern vor Ort hergestellt werden konnte.

WELT: Angesichts des Gewichts der moslemischen Gemeinschaften ist es somit kein Zufall, daß Jean-Marie Le Pen auf diese Wählerstimmen schielt, wenn er behauptet, daß er in einer Islamisierung Frankreichs keine Gefahr sieht.

Gurfinkiel: Da möchte ich Ihnen interessanten Zahlen nennen. Skyrock ist ein sehr populärer privater Radiosender, der vor allem von den Jugendlichen in den Vororten gehört wird. Auf seiner Website fragt der Sender die Jugendlichen schon heute, wem sie unter 34 potentiellen Kandidaten bei den nächsten Präsidentschaftswahlen ihre Stimme geben würden. An erster Stelle steht wirklich Le Pen mit 29 Prozent.

WELT: Also ist Le Pen für die Moslems wählbar?

Gurfinkiel: Sie können sich eine Allianz mit ihm vorstellen. Wir wissen, daß die moslemischen Führer, und hier meine ich die sehr einflußreichen Botschaften der islamischen Länder und die Imame, die moslemischen Gläubigen auffordern, sich in die Wahllisten einzutragen, sich in allen französischen Parteien zu engagieren, um den Islam als einen festen Bestandteil der französischen Gesellschaft zu etablieren. Und keine Partei, die gewählt werden will, wird auf die Stimmen der Moslems verzichten wollen. Das wird sich auch auf die künftige Gesetzgebung auswirken.

WELT: … Auch eine Art von Integration.

Gurfinkiel: Es gibt verschiedene Arten von Integration. Bis Ende der sechziger Jahre bestand sie darin, Franzose zu werden, den französischen Lebensstil zu pflegen, seine Religion aber als Privatsache zu behandeln. Doch steuern wir jetzt auf eine andere Situation zu. Die Immigranten haben heute nicht nur das Recht, gleichberechtigter Partner der französischen Gesellschaft zu werden, sondern auch das Recht, die Gesellschaft nach ihrer eigenen Kultur zu verändern.

WELT: Ist der Eindruck richtig, daß viele führende Politiker in Europa gegenüber dem Islam eine Appeasement-Politik betreiben?

Gurfinkiel: In der Tat scheint dies der Fall zu sein. Allerdings geht es um die Beschwichtigung der extremistischen Moslems, welche die moslemische Welt unter Kontrolle bekommen wollen, um die gesamte Welt zu beherrschen. Ein Grund für dieses Appeasement ist Angst.

Michel Gurfinkiel ist Autor mehrerer Bücher über internationale Beziehungen und Leitartikler des Wochenmagazins „Valeurs Actuelles“. Aufmerksamkeit erregten seine jüngsten Arbeiten zur Immigration. Die Fragen stellten Jochen Hehn und Jacques Schuster.

Artikel erschienen am Do, 16. März 2006

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 16. März 2006 um 15:13 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Interview.