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Gewollte Benachteiligung

Mittwoch 6. Juni 2007 von Junge Freiheit


Junge Freiheit

Norbert Geis
Gewollte Benachteiligung

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und das Bundesfamilienministerium haben im November 2004 ihre gemeinsame Strategie zu deutschen Familienpolitik veröffentlicht. Ihr Ziel: „Kinder in die Krippe und Eltern an den Arbeitsplatz.“ Die Wirtschaft fĂŒrchtet um die Verknappung der erwerbstĂ€tigen Bevölkerung. Aus diesem Grund will sie die Eltern, vor allem die jungen MĂŒtter, fĂŒr die Erwerbsarbeit mobilisieren. Die Kinder spielen dabei keine Rolle. Die jungen VĂ€ter und MĂŒtter sind meist sehr gut ausgebildet und deshalb willkommene ArbeitskrĂ€fte. Die weniger gut ausgebildeten jungen MĂŒtter werden als HilfskrĂ€fte gebraucht.

Deshalb wĂŒnscht sich die Wirtschaft mehr KrippenplĂ€tze. Darauf, dass die Kleinkinder im Krippenalter bis zu drei Jahren besser von ihren VĂ€tern oder MĂŒttern betreut werden, wird keine RĂŒcksicht genommen. Auch wird nicht bedacht, dass die MĂŒtter und VĂ€ter vor allem den Jugendlichen ArbeitsplĂ€tze wegnehmen, denn die Industrie stellt lieber ArbeitskrĂ€fte ein, die bereits im Berufsleben waren und eine gewisse Berufserfahrung mitbringen. Die Jugendlichen bleiben auf der Strecke. Das zeigt sich in Frankreich, wo ja viele MĂŒtter berufstĂ€tig sind. Dort sind ĂŒber 20% der Arbeitslosen im jugendlichen Alter. Kein Wunder, dass diese randalieren, weil sie keine Zukunftsperspektive haben. Sollen sich bei uns Ă€hnliche VerhĂ€ltnisse einstellen?

So weit denkt die Industrie nicht. Hauptsache sie verfĂŒgt momentan mit den MĂŒttern und VĂ€tern ĂŒber qualifizierte ArbeitskrĂ€fte. Deshalb darf auch die finanzielle UnterstĂŒtzung fĂŒr junge Familien nicht zu hoch ausfallen, damit der Anreiz besteht, bald in das Erwerbsleben zurĂŒckzukehren. Ganz offen sprach das im Jahr 2004 der damalige BDI-Chef Rogowski im Rahmen einer Konferenz zur Familienpolitik aus: „Wenn kein Geld mehr gezahlt wird, werden die meisten (Eltern) freiwillig frĂŒher zurĂŒckkehren.“ Ein Jahr Elterngeld ist deshalb genug. Der Elternteil, der keinen Anspruch auf Elterngeld hat, weil er nicht erwerbstĂ€tig war, erhĂ€lt fĂŒr ein Jahr Erziehungsgeld in Höhe von 300 Euro. Das reicht nicht. Also sind Vater oder Mutter gezwungen, bald nach der Geburt des Kindes auf Jobsuche zu gehen. FĂŒr sie gibt es keine Wahlfreiheit. Sie sind die Benachteiligten. Aber das ist gewollt.

Die SPD hat diese familienfeindliche Politik wegen der Wahl 2005 nicht mehr durchsetzen können. Die Große Koalition ist dabei, dies nachzuholen. Bleibt zu hoffen, daß die Suppe nicht so heiß gegessen werden muß, wie sie gekocht wird.

In: JUNGE FREIHEIT, 16. MĂ€rz 2007

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 6. Juni 2007 um 11:29 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik.