Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Zum Stand der Ermittlungen im Mordfall Malatya

Freitag 23. November 2007 von Martin-Bucer-Seminar


Martin-Bucer-Seminar

Zum Stand der Ermittlungen im Mordfall Malatya

(Bonn, 23.11.2007) Der Autor des folgenden Textes, Orhan Kemal Cengiz (orhan.kemal@tdn.com.tr), ist einer der Anw├Ąlte der Hinterbliebenen der Malatya-Opfer. Der Artikel wurde am 22.11.2007 in der ÔÇ×Turkish Daily NewsÔÇť unter dem Titel ÔÇ×What is going on in the Malatya massacre case?ÔÇť ver├Âffentlicht. Das englische Original ist ebenfalls als BQ ver├Âffentlicht.

Wenn der Staatsanwalt missionarische T├Ątigkeiten als kriminell ansieht, ist es nicht schwer zu verstehen, wie einige Personen ausrasten und solche Menschen t├Âten.

Vor sieben Monaten wurden drei christliche Missionare erbarmungslos ermordet von einer Bande t├╝rkischer Nationalisten in der ostanatolischen Stadt Malatya. Die M├Ârder brachen bei Zirve Yay─▒nc─▒l─▒k, einem Bibelverlag, ein; sie folterten ihre Opfer zuerst und ermordeten sie danach, indem sie ihnen die Kehle durchschnitten.

Sieben Monate nach den blutigen Morden er├Âffnete der Staatsanwalt sein Verfahren gegen die Verbrecher. Sieben lange Monate konnten wir keinerlei Dokumente der Akte einsehen, da sie als vertraulich eingestuft worden waren. Auf was haben wir sieben Monate gewartet? Nachdem ich die Akte gelesen habe, bin ich zu dem Schlu├č gekommen, da├č wir umsonst gewartet haben. Wir wissen nicht mehr als das, was wir schon vor sieben Monaten wu├čten. Was hat somit der Staatsanwalt w├Ąhrend dieser langen Zeit gemacht?

Die Mentalit├Ąt des Staatsanwalts

Es gibt 31 Aktenordner in diesem Fall, aber nur 15 dieser Aktenordner beinhalten Informationen ├╝ber den Mord. Um was geht es in den anderen 16 Ordnern? Sie werden es nicht glauben, aber diese Akten handeln von den Aktivit├Ąten der Opfer, deren Kehlen durchgeschnitten worden waren. Der Staatsanwalt lud sich alle Dokumente von den Computern der Opfer herunter und legte sie in den Akten des Falles als ÔÇ×BeweisÔÇť ab. Wenn ich den Hintergrund nicht kennen w├╝rde, w├╝rde ich denken, da├č hier zwei Banden einander bek├Ąmpften und da├č Mitglieder der einen Bande die Mitglieder der anderen t├Âteten, und da├č der Staatsanwalt Beweise sammelte ├╝ber diese beiden Banden! In Wirklichkeit sprechen wir aber ├╝ber ein unglaubliches Abschlachten dreier unschuldiger Personen, deren einzige ├ťbeltat es war, missionarische T├Ątigkeiten am falschen Ort ausge├╝bt zu haben! Aber der Staatsanwalt sammelte alle Informationen ├╝ber ihre missionarischen T├Ątigkeiten. Wenn ein Staatsanwalt missionarische T├Ątigkeiten als kriminell ansieht, ist es nicht schwer zu verstehen, wie einige Menschen ausrasten konnten und diese Missionare t├Âteten!

Au├čerdem k├Ânnen diese Akten, die nun ver├Âffentlicht sind, zu neuen Morden f├╝hren, da sie viele Details enthalten ├╝ber andere Protestanten, die in unterschiedlichen Teilen der T├╝rkei wohnen. Die Adressen, eMail-Adressen und Telefonnummern vieler t├╝rkischer Protestanten sind in diesen Akten, welche auch schon in den H├Ąnden der M├Ârder gewesen waren. Der Staatsanwalt vers├Ąumte es, eine gr├╝ndliche Untersuchung durchzuf├╝hren, und brachte zudem viele weitere Menschenleben in Gefahr. Warum all diese Informationen in den Akten sind, d├╝rfte m.E. niemand erkl├Ąren k├Ânnen.

Ein Blick in diese Akten gen├╝gt, um zu verstehen, wie ineffizient diese abgefa├čt wurden. Die Aussagen wurden nicht korrekt festgehalten, die richtigen Fragen nicht gestellt, wichtigen Details nicht nachgegangen. Ich w├╝rde Ihnen gerne einige genauere Informationen geben, allerdings w├╝rde dann, wenn ich auf alle seltsamen Details eingehen wollte, aus diesem Artikel ein kleines Buch werden. Deshalb m├Âchte ich vorl├Ąufig einige Beispiele geben, um Ihnen ein allgemeines Bild zu geben ├╝ber den Stand der Proze├čvorbereitungen im Fall des Malatya-Massakers.

Ungen├╝gende Ermittlung

Emre Gunayd─▒n, der Hauptverd├Ąchtige in diesem Fall, gibt an, da├č er von mehreren Personen auf die Protestanten gelenkt wurde, und gab einige Namen an. Ihm wurden aber keine Fragen gestellt, wie er genau gelenkt wurde oder was ihm gesagt worden war. Emre gibt an, da├č er Mitglied war von ├ťlk├╝ Ocaklar─▒ (des Jugendfl├╝gels der ultranationalistischen ÔÇ×Partei der Nationalistischen BewegungÔÇť, MHP), aber ihm wurde keine einzige Frage ├╝ber seine Mitgliedschaft in ├ťlk├╝ Ocaklar─▒ gestellt, deren Mitglieder zuvor gegen missionarische T├Ątigkeiten des Bibelverlages demonstriert hatten.

Die Stellungnahme von Ruhi Polat, der laut Emre diesen ├╝ber missionarische Aktivit├Ąten informierte und der Mitglied der MHP ist, ist gerade eine halbe Seite lang. Weder die Polizei noch der Staatsanwalt f├╝hrte irgendeine Untersuchung ├╝ber die Verbindungen zu dieser Person durch. Diese Person gibt an, da├č er einmal mit Emre telefonierte; sieht man sich aber den Telefonverkehr in der Akte an, kann man erkennen, da├č vor den Morden viele Telefonaten zwischen Emre und dieser Person stattfanden. Aber niemand st├Ârte sie, indem er nach diesem Widerspruch gefragt h├Ątte. Selbst ein unge├╝btes Auge kann erkennen, da├č viele Bandenmitglieder, die wahrscheinlich in verschiedenen Stufen des Planes eingebunden waren, nur deshalb freigelassen wurden, weil nicht ausreichend in die Untersuchung ihrer Beziehungen und Handlungen investiert wurde. Alle Aussagen dieser Akte sind oberfl├Ąchlich, es fehlen unerl├Ą├čliche Details. Aus den Aussagen geht klar hervor, da├č dieser Mord seit mindestens mehreren Monaten geplant und vorbereitet wurde. Es ist wirklich sehr schwer zu glauben, da├č die Polizei oder die Gendarmerie keinerlei Informationen ├╝ber die Pl├Ąne dieser M├Ârder hatten.

Durch die Protokolle ├╝ber Kommunikation, wie Telefon etc., die in die Akte aufgenommen wurde, verstehen wir, dass Necati Ayd─▒n, eines der Opfer, unter st├Ąndiger ├ťberwachung gewesen war, und in seinem Polizeibereicht wurde er als fr├╝herer Krimineller gemeldet mit dem ÔÇ×VerbrechenÔÇť der ÔÇ×missionarischen T├ĄtigkeitÔÇť (obgleich er seinerzeit freigesprochen wurde!, Red. BQ).

Der Staatsanwalt, der alle Arten der Dokumente ├╝ber die Aktivit├Ąten der Opfer der Akte zuf├╝gte, untersuchte auf keine Weise die provozierenden Publikationen der ├Ârtlichen Zeitungen.

Kurz gesagt wurde dieser Fall so bearbeitet, da├č es den Anschein erweckt, als ob eine Handvoll junger Leute ├Ąrgerlich ├╝ber die Missionare geworden sei und beschlossen habe, sie zu eliminieren. So einfach ist das.

Massaker f├╝r das Heimatland

Wenn Sie sich die letzten Seiten der Akte anschauen, k├Ânnen Sie aber ein ganz anderes Bild gewinnen. Da gibt es Briefe, die diese M├Ârder an ihre Familien und Freundinnen schickten. In diesen Briefen sagen sie, da├č sie sich f├╝r das, was sie getan haben, nicht sch├Ąmen, weil sie es f├╝r ihr Land taten, und da├č sie sich f├╝r ihr Heimatland geopfert haben. Sie m├Âchten daf├╝r ger├╝hmt und sich gesch├Ątzt wissen. Und es mu├č einige Menschen geben, die ihnen diese positiven Empfindungen geben.

Wenn offizielle Vertreter des Staates jeden Tag davon reden, da├č die T├╝rkei in nahe bevorstehender Gefahr sei, da├č es Feinde mitten im Land g├Ąbe, da├č Missionare die Agenten fremder Staaten seien, die versuchten, die T├╝rkei zu zerbrechen, und so weiter und so fort, dann sind solche f├╝rchterlichen Verbrechen unvermeidlich. Wenn ÔÇ×Feinde im InnerenÔÇť so wie Missionare auf unz├Ąhligen Webseiten als legitime Ziele gezeigt werden und kein gesetzliches Vorgehen gegen diesen Wahn erfolgt, werden wir fortgesetzt neue Morde, Angriffe und Abschlachten sehen.

Beide F├Ąlle, der von Hrant Dink und der von Malatya, sind f├╝r die Zukunft des Landes extrem wichtig. Die vom Staatsanwalt erarbeitete Akte rief sehr gro├če Entt├Ąuschung bei mir hervor. Aber die Anw├Ąlte von Dink und einige Anw├Ąlte des ┼×emdinli-Falles (ein Bombenanschlag auf einen Buchladen in der s├╝d├Âstlichen Stadt ┼×emdinli im Jahr 2005) wohnen dem Fall von Malatya bei. Auf diese Weise werden wir ein kollektives Ged├Ąchtnis entwickeln, und ich hoffe, da├č dieses Ged├Ąchtnis uns helfen wird, Licht in dieses Netz dunkler Verbindungen zu bringen.

Die erste Anh├Ârung ist diesen Freitag [23.11.2007] in Malatya. Wir wollen versuchen, ein Licht zu entz├╝nden.

┬ę 2005 Dogan Daily News Inc. www.turkishdailynews.com.tr

Aus: Bonner Querschnitte 23.11.07

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 23. November 2007 um 14:54 und abgelegt unter Christentum weltweit.