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Schwererziehbare Politiker

Donnerstag 13. Januar 2005 von Die Tagespost


Die Tagespost

JĂŒrgen Liminski
Schwererziehbare Politiker

Überraschend sind die Zahlen nicht. Alle paar Monate werfen die Umfrage-Institute neue Befunde zum Geburtendefizit in Deutschland auf den Markt – und sie unterscheiden sich nur wenig in der Gewichtung. Die Politik pickt sich dann das heraus, was sie nach der gerade vorherrschenden Meinung gebrauchen kann. So werden in der am Dienstag vorgestellten Forsa-Umfrage sowie in einem Zahlenwerk von Allensbach vor ein paar Monaten die finanziellen Belastungen mit als stĂ€rkstes Motiv fĂŒr die Kinderlosigkeit angegeben – aber die Politik meint, solche Fakten sind Nebensache, nur eine dichtere Betreuungsstruktur wĂŒrde Abhilfe schaffen und Kindersegen bringen.

Man braucht natĂŒrlich beides, Geld und Betreuung. Im Osten haben wir eine flĂ€chendeckende Betreuungsstruktur, und dennoch eine Geburtenquote, die noch unter dem mageren Gesamtdurchschnitt liegt. In West und Ost herrscht Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Daß den Familien Geld fehlt, schlĂ€gt sich seit Jahren in sĂ€mtlichen Armutsberichten nieder. Aber das erklĂ€rt nicht alles. Bereits seit 1972 liegt die Geburtenrate unter jener der bittersten Kriegsjahre 1917/18 und 1945.

Die Deutschen sind kinderentwöhnt, viele haben vergessen oder noch nie erlebt, wie das Herz aufgeht, wenn ein Baby lacht. Die Fixierung auf den Wiederaufbau des Landes, auf die Sicherung des Wohlstands und auf die eigene Karriere haben das Urmenschliche, die Sehnsucht nach GlĂŒck und Liebe, verdrĂ€ngt. Viele junge Leute wurden so beziehungsunfĂ€hig. 44 Prozent der Kinderlosen fehlt „der richtige Partner“, sagen sie. Aber den Prinzen und die Prinzessin gibt es nicht, Liebe heißt auch immer ein StĂŒck selbstlose Hingabe. „Kinder sind sichtbar gewordene Liebe“, schrieb der deutsche FrĂŒhromantiker Novalis. Das ist die Tragik, die in den demoskopischen Zahlen verborgen liegt: Zu viele Deutsche trauen sich das GlĂŒck nicht mehr zu.

Es ist eine persönliche Tragik mit gesellschaftlicher Sprengkraft. Die 44 Prozent sind die Frucht einer Politik, die die Mutterschaft konsequent vernachlĂ€ssigt und als Heimchen am Herd verunglimpft hat. Es hat an warnenden Stimmen gerade in Deutschland nicht gefehlt. Christa Meves zum Beispiel zieht seit mehr als dreißig Jahren durch die Lande. Wer auf sie gehört, ihre BĂŒcher gelesen und versucht hat, ihre RatschlĂ€ge umzusetzen, dessen Kinder haben meist jene emotionale Kompetenz, diese BeziehungsfĂ€higkeit, die bald der HĂ€lfte der jungen Deutschen abgeht.

Diese Kinder indes, mittlerweile selbst im elternfĂ€higen Alter, haben es schwer, einen Partner fĂŒrs Leben zu finden. Es mĂŒĂŸte nĂ€mlich jemand sein, der mit einem entschiedenen Ja auf Fragen antwortet wie: Sind Sie bereit, Ihrem Ehepartner auch dann (lebenslang) Unterhalt zu gewĂ€hren und die Treue zu wahren, wenn er/sie schwer krank geworden ist oder wenn er/sie untreu war? Sind Sie bereit, Ihr Einkommen durch drei, vier, fĂŒnf oder mehr zu teilen, um fĂŒr mehrere Kinder ordentlich zu sorgen und dann auch noch eine deutliche Minderung Ihrer Altersvorsorge hinzunehmen? Sind sie bereit, tĂ€glich mehrere Stunden zu opfern, um als Schul-/Lehrerersatz die Hausaufgaben ihrer Kinder zu betreuen? Sind Sie bereit, die versteckte Kinderfeindlichkeit der Gesellschaft und die Heuchelei der Politik zu ertragen?

Man könnte die Liste leicht verlĂ€ngern. Wer auf solche Fragen mit Ja antwortet, der liebt. Wer diese UmstĂ€nde ertrĂ€gt, freilich auch versucht im Rahmen seiner Möglichkeiten diese UmstĂ€nde zu verbessern, der hat verstanden, daß die Liebe das „Ur-Geschenk“ (Thomas von Aquin) ist. Sie ermöglicht erst die ErfĂŒllung, das GlĂŒcksempfinden.

Johannes Paul II. hat es einmal in einem Satz, der wie eine Summa vitae, wie ein Kernsatz seines Pontifikats klingt, so gesagt: „Auf dieser Erde hat es immer MĂ€nner und Frauen gegeben und es gibt sie auch heute, die wissen, daß ihr ganzes Leben nur dann einen Wert und einen Sinn hat, insofern es eine Antwort ist auf die Frage: Liebst Du, liebst du mich? Nur dank dieser Frage ist das menschliche Leben wert, gelebt zu werden.“

Die Liebe ist es, die trĂ€gt und ertrĂ€gt. Die Politik macht es den Menschen nicht leicht. Im Gegenteil, die derzeitige Familienpolitik aller Parteien, auch der Union, verhindert die Leistungsgerechtigkeit fĂŒr Familien. Viele Frauen mĂŒssen einer außerhĂ€uslichen Erwerbsarbeit nachgehen, damit die Familie finanziell ĂŒber die Runden kommt. Sie sind doppelt belastet und leisten die Arbeit fĂŒr den wichtigeren Beruf als Hausfrau und Mutter nahezu umsonst. Ihnen fehlt die echte Wahlfreiheit fĂŒr Frauen. Viele wĂŒrden lieber mehr Zeit mit den Kindern verbringen und so auch besser erziehen können. Politik und Wirtschaft gönnen es ihnen nicht.

So aber können junge Leute kaum ihren stillen, unterdrĂŒckten Herzenswunsch erfĂŒllen: Mehr als achtzig Prozent der jungen Leute geben in fast allen Umfragen der letzten Jahre eine treue Partnerschaft und ein Familienleben mit Kindern als erste Lebensziele an. „Mehr Kinder, mehr Leben“ heißt die am Dienstag vorgestellte Studie. Rousseau meinte einmal, „viele Kinder haben schwer erziehbare Eltern“. Heute muss man konstatieren: Die Deutschen haben schwer erziehbare Politiker. Mit ihnen wird es weder mehr Kinder noch mehr Lebensperspektive geben.

Die Tagespost vom 13.1.2005

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 13. Januar 2005 um 17:29 und abgelegt unter Demographie, Ehe u. Familie.