Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Predigt über 2 Samuel 9,1-13: Mephiboseth: eine alttestamentliche Reformationsgeschichte

Freitag 28. Oktober 2022 von Prädikant Thomas Karker


Prädikant Thomas Karker

Am Montag haben wir ja wieder den Reformationstag und werden uns dazu dann den Lutherfilm anschauen können. Was war denn bei Luther so besonders? Heute sagt man ja: Juden, Christen, Hottentott, glauben all an einen Gott. Was hat Luther denn wieder ganz neu herausgefunden? (Glauben allein, Christus allein, die Heilige Schrift allein, die Gnade allein) Heute soll es um einen dieser vier reformatorischen Gesichtspunkte gehen, die Luther wieder neu entdeckt hat.

1 Und David sprach: Ist noch jemand übrig geblieben von dem Hause Sauls, dass ich Barmherzigkeit an ihm tue um Jonatans willen? 2 Es war aber ein Knecht vom Hause Sauls, der hieß Ziba; den riefen sie zu David. Und der König sprach zu ihm: Bist du Ziba? Er sprach: Ja, dein Knecht. 3 Der König sprach: Ist da noch jemand vom Hause Sauls, dass ich Gottes Barmherzigkeit an ihm tue? Ziba sprach zum König: Es ist noch ein Sohn Jonatans da, lahm an den Füßen. 4 Der König sprach zu ihm: Wo ist er? Ziba sprach zum König: Siehe, er ist in Lo-Dabar im Hause Machirs, des Sohnes Ammiëls. 5 Da sandte der König David hin und ließ ihn holen von Lo-Dabar aus dem Hause Machirs, des Sohnes Ammiëls. 6 Als nun Mefi-Boschet, der Sohn Jonatans, des Sohnes Sauls, zu David kam, fiel er auf sein Angesicht und huldigte ihm. David aber sprach: Mefi-Boschet! Er sprach: Hier bin ich, dein Knecht. 7 David sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, denn ich will Barmherzigkeit an dir tun um deines Vaters Jonatan willen und will dir das ganze Ackerland deines Vaters Saul zurückgeben; du aber sollst täglich an meinem Tisch essen. 8 Er aber fiel nieder und sprach: Wer bin ich, dein Knecht, dass du dich wendest zu einem toten Hund, wie ich es bin? 9 Da rief der König den Ziba, den Knecht Sauls, und sprach zu ihm: Alles, was Saul gehört hat und seinem ganzen Hause, hab ich dem Sohn deines Herrn gegeben. 10 So bearbeite ihm nun seinen Acker, du und deine Söhne und deine Knechte, und bring die Ernte ein, damit es das Brot sei des Sohnes deines Herrn und er sich davon nähre; aber Mefi-Boschet, der Sohn deines Herrn, soll täglich an meinem Tisch essen. Ziba aber hatte fünfzehn Söhne und zwanzig Knechte. 11 Und Ziba sprach zum König: Ganz so, wie mein Herr, der König, seinem Knechte gebietet, wird dein Knecht tun. Und Mefi-Boschet, sprach David, esse an meinem Tisch wie einer der Königssöhne. 12 Und Mefi-Boschet hatte einen kleinen Sohn, der hieß Micha. Und alle, die im Hause Zibas wohnten, dienten Mefi-Boschet. 13 Mefi-Boschet aber wohnte in Jerusalem, denn er aß täglich an des Königs Tisch. Und er war lahm an seinen beiden Füßen. (2. Samuel 9,1-13)

David war auf dem Höhenpunkt seines Lebens, keine Verfolgung mehr durch Saul, keine Ablehnung, unwidersprochen König über das ganze Volk. Da wollte er Gott auf diese Weise seinen Dank bezeugen und es überkam ihn ein Gedanke: „Ich möchte wissen, ob irgendeiner aus dem Hause Sauls noch lebt. Ich möchte ihm Barmherzigkeit erweisen.“

Seinem Freund Jonathan hatte David versprochen, seinen Nachkommen gnädig zu sein.

An dieser Geschichte aus dem AT soll uns die Gnade Gottes an seinem Volk dargestellt werden. An Davids Barmherzigkeit gegenüber Mephiboseth, sollen wir Gottes gnädiges Verhalten uns gegenüber besser verstehen lernen.

Zur Vorgeschichte: Mephiboseth wird in 2. Sam. 4,4 als fünfjähriges Kind erwähnt. Als die Nachricht, von Sauls und Jonathans Tod bekannt wurde, war die Amme des Kindes entsetzt. Sie nahm Mephiboseth auf die Arme und rannte um ihr Leben, dabei ließ sie das Kind fallen. Mephiboseth war sein Leben lang an den Füßen gelähmt. Aber, man fragt sich, warum dieses Entsetzen und diese Eile? Ganz einfach:

ŒNach dem Tode Sauls und Jonathans, war Mephiboseth als Sohn Erbe des Throns. Jeder wusste, dass Gott David zum König erwählt hatte. Sicherlich würde David, wenn er den Thron besteigen würde, zuerst jeden möglichen Rivalen vernichten.

Die Amme erinnerte sich, wie gemein Saul David behandelt hatte. So war sie sicher, dass David sich, an jedem Glied der Familie Sauls, rächen würde.

Mephiboseth ist hier nun erwachsen. Er setzt alles dran, David aus dem Wege zu gehen. Obwohl erwachsen, erfüllte ihn eine tief Angst und Ablehnung gegenüber dem König David. Dies alles stand seinem eigenen Anspruch auf den Thron im Wege.

1. Die verpasste Gnade.

In 3 einfachen Worten möchte ich den Zustand Mephiboseths beschreiben:

  1. Er war fern vom König. Seine Heimat war Lode-Bar. Lode-bar bedeutet „Verlassenes, trostloses Land, einsam, wüst und leer.“ Das Rienicker-Lexikon übersetzt den Namen mit „ohne Worte.“ Der Enkel Sauls wurde dort einfach vergessen.
  2. Auf der Flucht fiel der Fünfjährige hin, verletzte sich schwer und blieb gelähmt. Mephiboseth war also körperlich behindert. Seine Behinderung disqualifizierte ihn für den Tempeldienst, den Umgang mit Gott.
  3. Sein Name Mephiboseth hieß: aus dem Mund kommt Schande. Eine nicht gerade rühmlicher Name.

Ein lahmer Mann, vergessen und unwürdig, in einem hoffnungslosen Land. So lebte Mephiboseth.

Das ist auch der Zustand eines Herzens, das ohne Gott lebt. Man lebt, fern von Gott, weit weg, in der Fremde. Wir empfinden, es doch am sichersten, an Gott vorbeizusteuern und ihm nicht zu nahe zu kommen.

Wodurch kommt das? Die Bibel sagt, dass „durch eines Menschen Ungehorsam viele zu Sündern geworden sind“ (Röm. 5,19). Seit unserer Kindheit kennen wir das Gefühl, der Ewigkeit fremd zu sein, das Empfinden des Abstandes, der Trennung von Gott. Da ist eine Kluft zwischen Gott und uns. Wir sind weit ab von Gott, wir haben Angst vor Gott.

Wie Mephiboseth lahm war an seinen beiden Füßen, so ist auch der Mensch kraftlos, hilflos in seinem gelähmten, verlorenen Zustand. Durch die Schuld eines anderen ist dies Verderben auf uns gekommen, wir haben es ererbt. Wir entstammen einem sündigen Geschlecht. Wir sind geboren unter dem Gesetz der Sünde und des Todes (Röm. 8,2) und wir sind unfähig, uns selbst zu befreien aus diesem Elend. Ach wie klang das damals verlockend an Evas Ohren: Ihr könnt sein wie Gott! Das ICH auf dem Thron! Und beide: Adam und Eva, sind ungehorsam geworden, ihrem Wesen und Willen nach Gott-los. Die Hölle wird einmal nichts anderes sein, als dass wir Gott los sind. Jetzt können wir Gott los sein, dann müssen wir es in der Hölle, das ist entsetzlich! Wir haben damit das Ebenbild Gottes zum Zerrbild gemacht. Die Rebellion des Menschen gegen Gott bedeutet ewige Trennung von Gott!

Gott ist absolut vollkommen, gerecht und heilig. Darum können wir ihm so wie wir sind, nicht begegnen.

Und doch machen wir uns auf, diesen Gott zu suchen, das zerstörte Verhältnis irgend wie zu reparieren. Einige Beispiele:

Im Jahre 1486 wurde in Mexiko ein großer Götzentempel eingeweiht. Zu diesem Fest wurden 70.000 Menschen geopfert. Das ist historisch belegt. Das Herz wurde ihnen bei lebendigem Leib herausgerissen. So wollte man den Graben zwischen Gott und den Menschen überbrücken.

Luther hat versucht im Kloster ganz besonders sein Leben in den Griff zu bekommen um damit Gott zu gefallen. 8 x täglich Gebet und Lobgesang, ganz strenges Leben. Sein Beichtvater v. Staupitz sagte Luther einmal, dass es bloß eingebildete Sünden seien und er solle „nicht mit solchem Humpelwerk und Puppensünden“ umgehen.

Jetzt kommt Fürchtenix, der sagt: „Ich habe mir doch nichts vorzuwerfen! Da will ich doch vor Gott stramm stehen. Was ich nicht alles vorzuweisen habe: Kirchensteuerbescheid, Spendenquittungen, Taufbescheinigung, Konfirmationsurkunde! Ein anständiges Leben. Das muss doch reichen oder?“

Was ist das für eine maßlose Selbstüberschätzung, wenn man nur auf die eigene Kraft vertraut. Das sind alles Sackgassen. Als wenn wir Gott zum Schuldner machen könnten. Es muss heißen: „Ich habe gesündigt und darum fürchte ich mich vor Gott.“ Ich habe gesündigt, wir alle haben gesündigt. Es ist auch nicht die Frage, ob du tief gefallen bist, ob du lahm bist, oder ob du in einem verlassenen Land dich befindest. Du bist ein armer, verlorener Sünder und kannst dich vor Gott nicht verbergen. Du könntest es keine Minute in der Gegenwart Gottes aushalten, weil alles in dir verdorben und Gott-los ist. Luther sagt über sich selber: „Ich bin in alter dreckiger Madensack.“ Da ist nichts Gutes an uns. Dieser Wahrheit über uns müssen wir uns stellen! In Ps. 14,3 heißt es: „Aber sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben; da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.“ Den Himmel kann man sich nicht verdienen!

„Herr wenn du wolltest mit mir ins Gericht gehen, ich könnte dir auf Tausend nicht Eins antworten!“ (Seiltrick https://www.dailymotion.com/video/x2ta12v)

2. Die rettende Gnade.

Gott macht immer den Anfang, um den Segen in unser Leben zu bringen. Nicht wir machen den ersten Schritt, dazu sind wir nicht fähig. Es ist Gott, der das Gespräch mit uns eröffnet. Es ist Gott, der in seiner Gnade zu uns herabsteigt, der kommt, um unsere Not zu beseitigen.

Vom italienischen König Umberto I. (1844 bis 1900) wird eine interessante Begebenheit erzählt. Sein Justizminister legte dem König eines Tages das Gnadengesuch eines Mannes vor, der zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt war. Dieser Mann bat, ihm den Rest seiner Strafe zu erlassen. Der Justizminister allerdings sah den Antrag als unbegründet und schrieb unter das Gesuch: „Gnade unmöglich, im Gefängnis zu belassen!”

Dann brachte er das Gnadengesuch zu König Umberto zur Unterschrift. Der König studierte das Bittgesuch. Dann griff er zur Feder und verschob in der Anmerkung seines Ministers das Komma um ein Wort nach vorne. Damit lautete der Satz: Gnade, unmöglich im Gefängnis zu belassen!”

Unter diesen leicht veränderten Vermerk setzte der König dann sein „Genehmigt.“ Damit war der Verurteilte begnadigt und frei.

Gott ist im Kommaverrückungsgeschäft. Ein barmherziger und gnädiger Gott, der uns völlig unverdient überreich beschenkt.

Aber wir wollen der Reihe nach vorgehen:

Beachten wir, wie das Kapitel beginnt. Was tat David im Augenblick seines Triumphs? Er fragte: „Ist auch jemand übriggeblieben von dem Hause Sauls?“ Wozu? „Damit ich mich an ihm räche?“ Nein! „Damit ich meine Verfolgung durch Saul vergelte und jeden möglichen Rivalen ausrotte?“ Nein! Sondern „damit ich Barmherzigkeit an ihm tue um Jonathans willen!“

Warum sucht David Mephiboseth? Weil David es Jonathan versprochen hatte seinem Haus auch nach seinem Tod Barmherzigkeit zu erweisen. Der Bund mit Jonathan war der einzige Grund für die Barmherzigkeit an Mephiboseth. David hält sich an sein Versprechen.  „Ist einer aus dem Hause Sauls übrig, damit ich Barmherzigkeit an ihm tue?“

David fand einen Knecht Sauls namens Ziba, der ihm von Mephiboseth berichtete. Sofort sandte David dorthin, in das Land Lo-Dabar, „das unfruchtbare Land,“ der Ort der Verlassenheit und des Elends. Dort lebte Mephiboseth. Er wusste, dass er menschlich gesehen nur den Tod erwarten kann. Deshalb fürchtete er sich.

Dann trat er vor den König. Er nannte sich einen „Knecht“ und einen „toten Hund”: In der Bibel ist der Hund ein Bild für Unreinheit. Das war sein wahrer Zustand.

Und dann sprach David mit Mephiboseth: „Fürchte dich nicht, denn ich will Barmherzigkeit an dir tun um deines Vaters Jonathan willen und will dir den ganzen Besitz deines Vaters Saul zurückgeben; du aber sollst täglich an meinem Tisch essen“ (9,7).

Sind wir uns eigentlich bewusst, aus welchem Elend heraus Gott uns zu sich berufen hat? Aus dem Machtbereich des Teufels, beherrscht von unseren Lüsten und mit einem Lebenswandel, der nur Gottes gerechten Zorn nach sich ziehen kann! (Eph. 2,1-6)

Aber da ist ein Gott, der uns trotzdem sucht, der uns findet, der das Komma verrückt:  von „Gnade unmöglich, im Gefängnis lassen“ zu „Gnade, unmöglich im Gefängnis lassen.“

Nur die Gnade kann einen solchen Zustand beheben. Gott ist nicht gegen uns. Er hat uns über alle Zweifel hinaus seine Liebe erwiesen, da „Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Röm. 5,8). „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben; wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm. 8,31.32).

Gott muss nicht mit uns versöhnt werden, wir müssen mit Gott versöhnt werden. Die Erlösung ist um unserer Sünde willen geschehen, und der Abstand zwischen uns und Gott wurde am Kreuz aufgehoben. Es stimmt, dass wir fern von Gott und ohne Berührung mit ihm sind, wenn wir in diese Welt kommen. Aber der Abgrund wurde auf Golgatha überbrückt, „denn Gott versöhnte in Christus die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu . . . Er hat den, der von keiner Sünde wusste für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch ihn gerettet werden“ (2. Kor. 5,19.21).

Wo nehmen wir es denn das neue Kleid her, mit welchem wir vor den lebendigen Gott ohne Zittern hintreten dürfen? Es ist ein fremdes Kleid; denn von Natur tragen wir Adams Kleid, und das taugt nicht für den Himmel. Das fremde Kleid der vollgültigen Gerechtigkeit, mit der wir allein vor Gott treten können, das hat der andere Adam uns bereitet. Fragst du: Wo? Schau dort zum Ölberg und dann zum Kreuz nach Golgatha. Dort liegt Jesus auf seinen Knien, die Seele betrübt ist bis in den Tod, dort ringt er mit dem Tode und schwitzt Blut. Jesus musst du ins Auge fassen.

Jesus, der am Kreuze hing zwischen zwei Übeltätern, nackt und bloß. Den Mann mit der Dornenkrone, mit den fünf Wunden an Händen und Füßen und in der Seite, den Mann, der da schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – Jesus musst du ins Auge fassen. Dort am Kreuz hat er uns armen, elenden, verlorenen und verfluchten Sündern das Kleid erworben, in seiner blutigen Arbeit, in welchem wir allein vor dem Vater erscheinen können. Denn, „wie durch eines Menschen Ungehorsam viele Sünder geworden sind, so werden auch durch eines Gehorsam viele gerecht.“ Der Herr Jesus Christus hat sich über uns erbarmt, der Herr Jesus Christus ist an unserer statt dem Vater gehorsam geworden bist zum Tode am Kreuz. – O Wunder der Gnade! Der Vater selbst schenkt jedem, wenn wir an den Herrn Jesus glauben, das ewige Leben.

Das erste ist die Annahme. „Gott fragt dich heute: „Gibt es solche Leute, denen ich meine Barmherzigkeit erweisen kann um Jesu willen? Ich habe mit meinem Sohn einen Bund gemacht, dieser Bund ist mit Jesu Blut besiegelt und reicht für alle Menschen. Gibt es jemanden, dem ich meine Barmherzigkeit erweisen kann um Jesu willen?“

Ja, „denn wenn wir mit Gott versöhnt sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir gerettet werden durch sein Leben“ (Röm. 5,10). „Gibt es irgendeinen, dem ich meine Barmherzigkeit erweisen kann, obwohl er mich so behandelt hat?“

Wie vermag er das? Er vermag es um Jesu willen! Jeder, der sich Jesus anvertraut darf das wissen, die Schuld ist bezahlt, weil Jesus mit seinem Blut diese Schuldpreis bezahlt hat. Deswegen ruft er uns heute auch noch zu: „Gibt es irgendeinen, dem ich meine Barmherzigkeit erweisen kann um Jesu willen?“

Mein zweites Wort heißt Beugung. David, der Mephiboseth rief, ist nur ein Bild für Gott, der den Menschen ruft, der weit weg ist.

In dem Augenblick, in dem er dem wir Jesus gegenüberstehen und die Gnade Gottes annehmen, fällt er wie Mephiboseth seinem Meister zu Füßen. Er schaut ihm ins Angesicht und sagt: „Mein Herr und mein Gott!“

Die Gnade, die David über diesen Mann ausschüttete, brachte ihn dahin, seine Niedrigkeit und seinen Mangel anzuerkennen. Immer bewirkt die Gnade das. Das Kreuz bringt uns ganz herab zu den Füßen unseres Herrn, und wir erkennen, dass wir unfruchtbar und ewig verloren sind.

Wie es der Apostel Paulus auf dem Wege nach Damaskus tat, und fragen ihn: „Wer bist du, Herr?“ Und wenn wir erkannt haben, wer er ist, fragen wir: „Herr, was willst du, das ich tun soll?“ Es gibt keine Offenbarung der Gnade in einem Herzen, die nicht solche Beugung bewirkt.

Mein drittes Wort heißt Überfluss. „Ich will dir den ganzen Besitz deines Vaters Saul zurückgeben,“ sagte David zu Mephiboseth, „du aber sollst täglich an meinem Tisch essen“ (2. Sam. 9,7).

Überfluss! „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christus“ (Eph. 1,3).

„Du aber sollst täglich an meinem Tisch essen,“ sagte David.

Gewiss setzte sich Mephiboseth oft an des Königs Tafel und sagte sich: „Ich bin es nicht wert, so nahe bei dem König zu sein. Wenn ich daran denke, wie fern und wie ablehnend ich war, warum werde ich jetzt so behandelt?“ Dann aber kam ihm gewiss der Gedanke: „Ich bin ja hier um meines Vaters Jonathan willen!“

Jeden Tag darf er gemeinsam mit David essen. Ein königliches 5-Gänge-Menü, aber – noch viel wichtiger – jeden Tag Zugang zum König. 4 x spricht unser Text davon, dass Mephiboseth an Davids Tisch essen soll!

Was hat uns unser Gott nicht alles geschenkt? Wir haben einen Hirten, der uns mit allem versorgt, was wir brauchen, nichts wird uns mangeln! (Ps 23). Wir sind mit allem beschenkt, was wir „zu einem Leben in Ehrfurcht vor Gott brauchen“ (2. Petr 1,3). Wir sind Erbe: Dieses Erbe ist das ewige Leben (1Petr 1,4) Wir dürfen an den Tisch des Herrn kommen. Immer wenn wir das Abendmahl miteinander teilen. Wie viele von uns schlagen dieses Geschenk aus?

3. Die weitergebende Gnade

Jetzt begegnet uns zu dieser Geschichte ein Zusatz, der sehr kostbar ist. Er steht in Kapitel 19 und zeigt uns die Antwort, die die Gnade verdient.

Viele Jahre sind vergangen, und in Davids Leben hat ein Niedergang stattgefunden. David fiel in Sünde und musste die Folgen seiner Sünde tragen. Sein Sohn Absalom empörte sich gegen ihn, und er musste in die Verbannung gehen. Mit dem Tode Absaloms fand die Empörung ihr Ende. Als David nach Jerusalem zurückkehrte, trat er Mephiboseth gegenüber. Was hatte dieser in der Zeit während der Verbannung getan? Es wird uns in 2. Sam. 19,25 gesagt: „Mephiboseth, der Enkel Sauls, kam auch herab, dem König entgegen. Und er hatte seine Füße und seinen Bart nicht gereinigt und seine Kleider nicht gewaschen von dem Tag an, da der König weggegangen war, bis zu dem Tag, da er wohlbehalten zurückkäme.“

Dieser Mann, der Davids Gnade empfangen hatte, führte während der Zeit, als dieser verstoßen und verbannt war, ein ihm völlig ergebenes Leben. Die Art, wie er lebte, machte deutlich, wie er an den Leiden seines verstoßenen Königs teilnahm.

Das war um so härter für ihn, weil sein Knecht Ziba ihn verleumdet hatte. Als David den Ziba nach Mephiboseth fragte, antwortete dieser: „Siehe, er blieb in Jerusalem; denn er denkt: Heute wird mir das Haus Israel meines Vaters Königtum zurückgeben“ (2. Sam. 16,3). Dieses Gespräch fand auf der Flucht vor Absalom statt, an der Mephiboseth nicht teilnehmen konnte. Diese Lüge überzeugte David, dass Mephiboseth ein Verräter sei. Der König sagte zu Ziba: „Siehe, es soll alles dein sein, was Mephiboseth hat.“

Doch als David zurückkam und erkannte, wie Mephiboseth gelitten und sich um sein Wohlergehen gesorgt hatte, fragte er: „Warum bist du nicht mit mir gezogen, Mephiboseth?“ Und dieser sagte dem König, dass Ziba ihn verleumdet habe. David erkannte seinen Fehler und sagte: „Du und Ziba, teilt den Besitz miteinander.“ – „Mephiboseth sprach zum König: Er nehme ihn auch ganz, nachdem mein Herr und König wohlbehalten heimgekommen ist“ (2. Sam. 19,31).

Mephiboseth sagt nichts anderes als: „Ich brauche das alles nicht! Ich will nur dich!!“ Es ging ihm nicht um Reichtum, Ehre, Landbesitz, Häuser, Autos, Handys oder Genuss. Er wollte nur die Gemeinschaft mit seinem König!

Mephiboseth suchte nicht das Geschenk, sondern den Schenker. Er gibt das weiter, was er selber geschenkt bekommen hat! Es ist ihm egal, dass Ziba ihm die Hälfte seines Landes abgegaunert hat. David ist ihm wichtiger als das Land.

Psalm 73,25: Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.

Wenn du verstanden hast wie unverdient Jesus dich beschenkt hat und Jesus dir wichtiger ist als seine Gaben, dann kannst du auch getrost weiterschenken!

Das ist der Segen der reformatorischen Gnade!

Prädikant Thomas Karker, Predigt vom 30.10.2022

 

Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 28. Oktober 2022 um 17:28 und abgelegt unter Predigten / Andachten.