Gemeindenetzwerk

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Leserbrief zur demographischen Entwicklung in Deutschland an die F.A.Z.

Dienstag 27. September 2022 von Dr. Joachim Cochlovius


Dr. Joachim Cochlovius

In der F.A.Z. hĂ€ufen sich die Berichte ĂŒber den zunehmenden Mangel an ArbeitskrĂ€ften in unserem Land (26.7.22 „Deutschland sieht alt aus“; 3.8.22 „Jedem zweiten Betrieb fehlt Personal“; 5.8.22 „Transformation braucht ArbeitskrĂ€fte“; 17.9.22 „Die große Personalnot“). Der Blick dieser Texte in die demographische Zukunft zeigt dĂŒstere bis katastrophale Perspektiven. „Es rĂŒcken viel weniger junge Menschen nach“ (17.9.). „Die heutigen FachkrĂ€fteengpĂ€sse sind allerdings ein laues LĂŒftchen, verglichen mit der Orkanfront, die der demographische Wandel nun durch den Übergang der Babyboomer in den Ruhestand in den hiesigen Arbeitsmarkt treibt“ (5.8.), „Es scheiden in Deutschland pro Jahr bis zu 400 000 mehr Menschen altersbedingt aus dem Erwerbsleben aus, als neue aus der Schule dazukommen“ (3.8.).

All die Artikel, die sich dankenswerterweise mit diesem auf uns zukommenden Riesenproblem beschĂ€ftigen, sind voller kluger Gedanken („Gezieltes Anwerben von FachkrĂ€ften aus dem Ausland“, „StĂ€rkung der MINT-Schulbildung“ – also der FĂ€cher Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, „StĂ€rkere Anreize fĂŒr die ErwerbstĂ€tigkeit beider Elternteile“). Auch die Politik ist nicht untĂ€tig. Mit dem FachkrĂ€fteeinwanderungsgesetz vom MĂ€rz 2020 soll der Anreiz fĂŒr qualifizierte FachkrĂ€fte aus dem Ausland, nach Deutschland zu kommen, erhöht werden.

Ich frage mich allerdings, wie erfolgversprechend die vorgetragenen Konzepte sind. Sollte es wirklich unsere vorrangige Aufgabe sein, qualifizierte FachkrĂ€fte aus den Entwicklungs- und SchwellenlĂ€ndern anzuwerben, die wahrscheinlich zum Aufbau der dortigen Infrastrukturen mindestens ebenso dringend benötigt werden? Ist es wirklich ein sinnvolles Ziel, noch mehr Frauen in die VollerwerbstĂ€tigkeit hineinzufĂŒhren und damit noch mehr Kindern elterliche bzw. mĂŒtterliche Geborgenheitserfahrungen wegzunehmen? Ist es wirklich realistisch, angesichts des Lehrermangels und des allgemein abnehmenden Leistungspegels gerade in den unteren Klassen auf eine bessere MINT-Qualifikation zu hoffen?

WĂ€re es nicht naheliegender, das demographische Problem an der Wurzel anzupacken und eine nachwuchsfreundlichere Einstellung in unserer Gesellschaft zu fördern? Die demographische Entwicklung ist nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde von uns selber verursacht. Wir selbst leisten uns den zweifelhaften Luxus, mit öffentlichen Mitteln Jahr fĂŒr Jahr mindestens 100 000 menschliche Leben im Mutterleib auszulöschen. Hier sollte eine zukunftsorientierte Familienpolitik ansetzen und eine neue Willkommenskultur fĂŒr das Kind aufbauen. Ich staune darĂŒber, dass in den erwĂ€hnten klugen Artikeln diese naheliegende Schlussfolgerung aus dem ArbeitskrĂ€ftemangel nicht diskutiert, ja ĂŒberhaupt nicht gesehen wird. Die Zukunft unserer Gesellschaft hĂ€ngt nicht in erster Linie von den Zuwanderern ab, sondern von uns selbst.

Pastor Dr. Joachim Cochlovius, Walsrode

(Der Leserbrief wurde am 24. September 2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht)

 

Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 27. September 2022 um 14:48 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik, Lebensrecht.