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Ein Land in Blau und Gelb

Montag 13. Juni 2022 von Holger Lahayne


Holger Lahayne

Der Krieg in der Ukraine geht nun schon in den vierten Monat. Es wundert kaum, dass die Sympathien der allermeisten Litauer ganz auf der Seite des angegriffenen Landes liegen. Weite Teile der Ukraine geh├Ârten schlie├člich einst zum Gro├čf├╝rstentum Litauen. Aber viel wichtiger d├╝rfte sein, dass man mit den Opfern der Aggression Russlands mitf├╝hlt. 1940 und dann wieder 1944/45 wurde Litauen von dem Imperium im Osten gegen seine Willen einverleibt. Der Partisanenkampf nach dem II Weltkrieg hatte keine Aussicht auf Erfolg, und dass man sich 1940 ohne jede Gegenwehr besetzen lie├č, wird immer noch als Schmach verstanden. Den Russen die Stirn bieten – das tut nun die Ukraine, und im Herzen ganz dabei auch Litauen. Von Freiwilligen aus Litauen an der Front im Donbass ist zwar nichts zu h├Âren, aber dennoch ist der Konflikt in der Ukraine eine Art Stellvertreterkrieg des Herzens zwischen Litauen und Russland.

In der Hauptstadt Vilnius ist daher das Blau und Gelb der ukrainischen Flagge geradezu allgegenw├Ąrtig. Manchmal k├Ânnte man den Eindruck gewinnen, dass man sich in der Ukraine befindet. Von zahlreichen Balkonen und Fenstern h├Ąngt die Flagge des slawischen Bruderlandes, der Fernsehturm und andere Objekte erstrahlen in den beiden Farben, so gut wie alle ├Âffentlichen Geb├Ąude haben nun neben der litauischen Trikolore (und meist der Europa-Fahne) die Flagge der Ukraine gehisst. Auf dem Subacius-H├╝gel von Vilnius (s.o. Foto), wo man einen herrlichen Blick ├╝ber die Altstadt hat, weht einzig eine riesige ukrainische Fahne. So gut wie niemanden st├Ârt es, dass gerade mit dem Hissen an Verwaltungsgeb├Ąuden das litauische Flaggengesetz verletzt wird. Neben der Nationalfahne d├╝rfen die Flaggen anderer Staaten nur unter ganz bestimmten, recht engen Umst├Ąnden aufgezogen werden. Der strenge gesetzliche Schutz von Gelb-Gr├╝n-Rot wird also ├╝bergangen. Der rechtliche Nihilismus, der in der Pandemie schon um sich griff, findet hier seine Fortsetzung. (Am 4. Juni, dem Tag des „Baltic Pride“-Marsches, hing am Wirtschaftsministerium auch die Regenbogenflagge der LGBTQ-Bewegung – schlicht und einfach illegal.)

Die Regierung Litauens hat sich ganz dem Slogan „Gemeinsam [mit der Ukraine] bis zum Sieg“ verschrieben und gibt den Takt vor. Auch im Seimas, dem Parlament, h├Ąngen vom Sitz der Vorsitzenden nun zwei Flaggen. Zahlreiche Firmen und Organisationen haben ihr Logo in Blau und Gelb eingef├Ąrbt oder zeigen im Internet daneben die ukrainische Flagge. Die private Organisation „Blue/Yellow“ sammelt seit vielen Jahren Spenden f├╝r die Unterst├╝tzung der ukrainischen Einheiten im Osten des Landes (wobei nicht Waffen, sondern Ausr├╝stung wie Helme, Schutzwesten oder Drohnen gekauft werden). Ihre „Schicke Geld zum K├Ąmpfen“-Plakate sind nun an jeder Ecke zu sehen. Die Illustration eines Mannes mit Panzerfaust in Form eines Geldscheines macht deutlich, worum es geht, n├Ąmlich den bewaffneten Kampf. Gr├╝nder des Vereins ist der Schwede Jonas ├ľhman, der einst lutherischer Pastor werden wollte, mit dem Glauben aber schon lange nichts mehr am Hut hat. Auf seinem Portrait-Foto auf der „Blue/Yellow“-Seite hat ├ľhman als einziger Rot und Schwarz unter den Augen – die Farben des „Rechten Sektors“ in der Ukraine, des paramilit├Ąrischen Zusammenschlusses radikaler nationalistischer Organisationen seit dem Euro-Maidan 2014. Das ist sicher kein Zufall, aber nat├╝rlich st├Ârt sich in Litauen auch daran niemand, im Gegenteil.

Fl├╝chtlinge erster und dritter Klasse

Schon Ende Februar war die Welle der Hilfsbereitschaft f├╝r Fl├╝chtlinge aus der Ukraine gro├č. Zahlreiche Organisationen wie z.B. „Stark zusammen“ k├╝mmern sich um die Vermittlung von Hilfe. Die Unterbringung bei Familien lief von Anfang an reibungslos. In der reformierten Gemeinde in Kaunas kamen ein gutes Dutzend Ukrainerinnen mit Kindern unter. Auf dem H├Âhepunkt der Fluchtwelle waren etwa 70.000 Ukrainer im Land registriert. Mittlerweile hat die R├╝ckreisewelle eingesetzt, gut 50.000 Fl├╝chtlinge werden noch gez├Ąhlt.

Von staatlicher Seite wurde von Anfang an viel f├╝r die Fl├╝chtlinge getan. Der Nahverkehr ist f├╝r sie kostenlos, auch viele Firmen bieten Nachl├Ąsse an. Mit Russischkenntnissen k├Ânnen sich Ukrainer auch ohne gro├če Probleme im Arbeitsmarkt integrieren. Manche Privilegien sto├čen aber auch auf gewisses Unverst├Ąndnis:┬á Automobile aus der Ukraine d├╝rfen auch ohne Haftpflichtversicherung und T├ťV weiter durch die Gegend fahren. Und die Lebensmittelpakete sind von der Spitzenklasse. Noch br├Âckelt die Solidarit├Ąt nicht, aber es ist auch in Litauen nicht zu ├╝bersehen, dass unter den Geflohenen nicht wenige Wohlhabende sind, die die staatlich finanzierten Leckereien auch selbst bezahlen k├Ânnten.

Die einen werden mit Kusshand genommen, aber wehe man kommt aus dem von den Taliban geschundenen Afghanistan. Migranten/Fl├╝chtlinge aus den Nahen und Mittleren Osten haben es in Litauen seit Jahren sehr schwer. Viele werden weiterhin an der Grenze zu Belarus „zur├╝ckgeschoben“. Die meist muslimischen Fl├╝chtlinge leben bis heute wie in Internierungslagern. Um sie k├╝mmert sich die eine oder andere kirchliche Einrichtung, aber ansonsten sind sie Fl├╝chtlinge zweiter oder gar dritter Klasse.

Im ├Âffentlichen Raum und den Leitmedien bestimmt die Rhetorik des Sieges der Ukraine den Ton. Dass man mit Putin&Co nicht reden kann (und darf), ist Dogma. Mit Polen und Briten bilden die Balten die Hardliner-Fraktion in Europa in der Haltung zu Russland. Scharfe Kritik an den Regierungen von Frankreich und Deutschland ist an der Tagesordnung. „Deutschland zittert vor Angst“ hie├č es sp├Âttisch in einer ├ťberschrift des katholischen Portals „bernardinai.lt“. Andere haben das ach so feige Westeuropa schon komplett abgeschrieben. Gibt es in Deutschland noch Debatten, so ist in Litauen klar: einen Sieg-Frieden schaffen mit immer mehr Waffen.

Einen gro├čen Einfluss ├╝ben auch sog. Influencer aus wie nicht zuletzt Andrius Tapinas. Der Journalist und Gr├╝nder von „Laisves TV“ (Freiheits-TV) hat schon in der Vergangenheit so manche ├Âffentlichkeitswirksame Aktion gestartet. W├Ąhrend der Pandemie propagierte er lautstark das Impfen (und verh├Âhnte alle Impfgegner) und geh├Ârt auch nun zu den Trommlern f├╝r Waffenlieferungen und den totalen Boykott Russlands. Ende Mai startete er eine Crowdfunding-Aktion f├╝r eine t├╝rkische Bayraktar-Kampfdrohne f├╝r die Ukraine. Innerhalb weniger Tage kamen tats├Ąchlich ├╝ber 5 Mio Euro zusammen. Die Drohnenstory brachte Tapinas in die internationalen Medien wie CNN, Al Jazeera usw. Die litauische Post wird der Aktion eine eigene Briefmarke widmen. Der Stolz ├╝ber das eigene Engagement kennt fast keine Grenzen. Nur dumm, dass die T├╝rkei nun verk├╝ndet hat, dass sie die Drohne der Ukraine fast geschenkt abgibt. Was macht Tapinas nun mit 3,5 Mio Spendengeldern?

Auf in den Kampf!

Ob nun die Regierung, die Leitmedien oder Tapinas&Co – das ├Âffentliche Narrativ kann man nur als bellizistisch bezeichnen. Schon Anfang M├Ąrz machte Ex-Pr├Ąsidentin Grybauskaite von sich reden, als sie auf „Facebook“ schrieb: Wenn ein Krieg Russlands mit dem Westen schon unvermeidlich ist, dann lasst ihn uns auch f├╝hren! Diese „wenn-schon-dann-richtig“-Position bekr├Ąftigte sie noch einmal Ende April bei einer Fachkonferenz in Vilnius. Echten Widerspruch hat sie eigentlich von keiner Seite geh├Ârt. Von Deeskalation ist also in Litauen keine Rede, eher im Gegenteil. Verhandlungen gelten als aussichtslos, „Kompromiss“ gilt schon als Schimpfwort und Pazifismus wird gerne gepaart mit Worten wie „naiv“, „radikal“ oder „gef├Ąhrlich“.

Es herrscht nun der politische Konsens, dass alle Kontakte nach Russland einzustellen sind – wirtschaftliche wie kulturelle. Und das trotz vielfacher Verflechtungen. Der B├╝rgermeister von Kaunas war als Unternehmer in der Lebensmittelbranche zu Verm├Âgen und Ansehen gekommen. Sein Image eines Machers hat ihm in der zweitgr├Â├čten Stadt Litauen phantastische Wahlergebnisse eingebracht. Nun steht er am Pranger, weil er nicht alle Produktionsstandorte in Russland aufgeben will

Im Bereich der Kultur rief der Schriftstellerverband Litauens auf, den Himmel f├╝r die russische Kultur zu schlie├čen (in Anspielung an die milit├Ąrische Flugverbotszone) – ein totaler Boykott der russischen Kultur, die auf absehbare Zeit ihre Unschuld verloren h├Ątte. Der bekannte Journalist Rimvydas Valatka, ├╝brigens Mitglied der lutherischen Gemeinde in Vilnius, geht sogar noch weiter: in einem Beitrag f├╝r das Nachrichtenprotal „delfi“ sah er die Ursache der Aggression im russischen Volk selbst, gar nicht in Putin und seiner Clique. Die Russen h├Ątten in ihrer Geschichte es wieder und wieder verpasst, „Menschen zu werden“.

In das gleiche Horn stie├č mehrfach Vytautas Landsbergis, als erstes Staatsoberhaupt in der Zeit des Ringens um die Unabh├Ąngigkeit vor ├╝ber drei├čig Jahren der Politik-Patriarch Litauens. Trotz seines hohen Alters ist er in den Medien immer noch fast allgegenw├Ąrtig. Die gro├če Mehrheit der Russen, die, glaubt man den Umfragen, Putins Politik bef├╝rworten oder sie zumindest nicht klar ablehnen, bezeichnete er mehrfach als „Zombies“ und „Menschenfresser“. Diese ganze Rhetorik ist nat├╝rlich von der eigenen, schmerzhaften Geschichte mit den Russen gespeist. Dennoch klingen solche S├Ątze in den Ohren eines Deutschen mehr als seltsam – es fehlt nur noch der Begriff des „Untermenschen“.

Willkommene Ablenkung

Die Regierung erkl├Ąrte schon im M├Ąrz wegen des Krieges in der Ukraine den Ausnahmezustand. Verfassungsexperten bezweifeln allerdings, dass die Voraussetzungen daf├╝r gegeben sind. Litauen steht mit dieser radikalen Entscheidung allein in Europa da (erst Ende Mai verk├╝ndete auch Ungarn den Ausnahmezustand). Aber Widerspruch im Land selbst wird kaum lautstark ge├Ąu├čert, schlie├člich will niemand auch nur in den Verdacht geraten, nicht f├╝r die Ukraine zu sein.

Der Regierung kommt der Krieg nur recht, denn unter normalen Umst├Ąnden w├╝rde sich Unmut in der Bev├Âlkerung regen. Die Inflation ist mit um die 20 Prozent die h├Âchste im Euro-Raum und leert der nicht so wohlhabenden Bev├Âlkerung das Portemonnaie. Im vergangenen Jahr war die ├ťbersterblichkeit eine der h├Âchsten weltweit – und dies gar nicht wegen der Corona-Toten. Auch in diesem Jahr werden schlimme Zahlen erwartet, die zumindest zeigen, wie schlecht immer noch das Gesundheitssystem aufgestellt ist. Schlie├člich zeichnet sich eine gerade katastrophale demographische Entwicklung ab. Die Geburtenzahl ist auf dem tiefsten Stand seit 1990, der leicht positive Trend hat sich schon wieder umgekehrt. Innerhalb von zwei Generationen wird sich die Bev├Âlkerung Litauens durch niedrige Geburtenrate, hohe Sterbequote und Emigration wohl fast halbieren (von 3,7 Mio 1989 auf etwa 2,1 Mio in drei├čig Jahren). Auch in der Familienpolitik sind keine vern├╝nftigen Gegenma├čnahmen geplant, im Gegenteil. Der Regierung liegen viel mehr die Rechte der LGBTQ-Bewegung am Herzen. Vor der Sommerpause soll unbedingt noch ein Gesetz ├╝ber eine eingetragene Lebenspartnerschaft durch das Parlament gebracht werden.

Die politischen Aussichten sind eher d├╝ster, selbst ohne Krieg im eigenen Land. Umso mehr muss es erstaunen, dass von den Kirchen Litauens in diesen schwierigen Zeiten fast gar keine eigenen Akzente gesetzt werden. Anfang M├Ąrz fand ein Gebet f├╝r die Ukraine auf dem Lukiskes-Platz in Vilnius statt, bei dem viele Kirchenleiter der wichtigsten Konfessionen teilnahmen.┬á Auch sonst man betet man viel „f├╝r die Ukraine“. In einigen Gemeinden h├Ąngt die ukrainische Flagge am Altar oder steht neben dem Kreuz. Die Katholiken diskutieren teilweise sehr kontrovers die Aussagen ihres Papstes zum Krieg, der auf ├╝berraschend viel Ablehnung st├Â├čt. Dass es auch in Russland Christen gibt, ist fast gar nicht auf dem Radar. Aktionen f├╝r Friedensgebete – Fehlanzeige.

Wo sind die Friedensstifter?

Frieden – fast schon ein Wort, dass man in Litauen derzeit besser nicht in den Mund nimmt. Man k├Ânnte sich ja dem Verdacht aussetzen, das Narrativ Putins zu befeuern. Was soll aber aus der Kirche werden, wenn sie sich nicht f├╝r Vers├Âhnung unter verfeindeten V├Âlkern einsetzt? Es w├Ąre gut gewesen, wenn es vor achtzig Jahren mehr Friedensgebete gegeben h├Ątte, Gebete gerade f├╝r die Geschwister im Land des jeweiligen Erzfeindes. Verblendet waren damals auch viele deutsche Christen. Manchmal bringen totale Niederlagen V├Âlker zur Einsicht, aber w├╝nschen sollten Deutsche dies wirklich niemandem. In Litauen fordern nun viele Politiker einen „K.O.-Schlag“ der Russen, was in einer Katastrohe enden k├Ânnte. Es ist nun wirklich Zeit, f├╝r ein Ruhen der Waffen zu beten.

Holger Lahayne, 6. Juni 2022 (www.lahayne.lt)

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 13. Juni 2022 um 9:42 und abgelegt unter Christentum weltweit, Gesellschaft / Politik.