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Beziehungsraum Mutterleib

Montag 16. Mai 2022 von Dr. med. Christl R. Vonholdt


Dr. med. Christl R. Vonholdt

Von der Befruchtung an ist das ungeborene Kind auf Beziehung, Verbundenheit und auf Lernen angelegt und angewiesen. Sobald es Zellen gibt, sind sie lebendig, nehmen wahr, reagieren auf die Umwelt und ĂŒben schon Funktionen aus. Ohne Lernen gibt es keine Entwicklung, kein Überleben. Und nur in der Beziehung entwickelt sich das Kind, dabei ist viel weniger festgelegt, als man vermuten könnte. Lange glaubte man, die vorgeburtliche Entwicklung sei vor allem genetisch gesteuert. Heute wissen wir, dass Gene nur Optionen bereitstellen. Was sich von diesen Optionen verwirklicht, hĂ€ngt stark von der Umgebung des ungeborenen Kindes ab.

„Das sich entwickelnde vorgeburtliche Kind ist ein lebendiges interaktives Wesen, das von der EmpfĂ€ngnis an durch seine mĂŒtterliche Umgebung beeinflusst wird.“ (Krens) Das Ungeborene lernt durch das, was aus seiner vorgeburtlichen Umwelt auf es eindringt, auch die einzelnen Zellen lernen von ihrer unmittelbaren Umgebung; dieses Lernen beeinflusst die Struktur- und Funktionsentwicklung des Gehirns; und das wiederum hat Auswirkungen auf die weitere Entwicklung des Kindes. Verbundenheit mit seiner Umgebung erlebt das vorgeburtliche Kind auf zahlreichen Wegen: Über die Sinnesorgane, durch die Nabelschnur (Plazenta), aber auch auf anderen, noch weniger erforschten Wegen.

Tastsinn, riechen und schmecken

Im Alter von etwa acht Wochen reagiert der Embryo (2,5 cm groß), wenn seine empfindlichen Lippen etwas berĂŒhren. Ab etwa dieser Zeit kann man bei ihm gezielte intentionale Bewegungen erkennen. Wenn Mutter oder Vater ihre Hand liebevoll auf den Bauch der Mutter legen, spĂŒrt das Kind diese BerĂŒhrung und bewegt sich zuverlĂ€ssig zu jener Seite, an der die Hand von außen aufliegt.

Auch ab etwa acht Wochen kann das Ungeborene riechen und das Fruchtwasser schmecken. Nach der Geburt erkennt das Kind seine Mutter am Duft der Muttermilch wieder. Auch ihre Brustwarzen riechen nach bestimmten Pheromonen, die schon im Fruchtwasser enthalten sind. Isst die Mutter viel Anis wĂ€hrend der Schwangerschaft, bevorzugt das Kind auch nach der Geburt den Anisgeschmack. Legt man einem Neugeborenen zwei Stillvorlagen vor, auf der einen sind einige Tropfen Milch von der eigenen Mutter, auf der anderen ist Milch einer fremden Mutter, wendet sich das Neugeborene zuverlĂ€ssig zur Stillvorlage mit der Milch der eigenen Mutter. Es weiß, wie die Mutter „schmeckt“. Die Sinneswahrnehmungen des Kindes sind auf eine vorgeburtlich-nachgeburtliche Verbundenheit angelegt. Das stĂ€rkt sein Vertrauen in die noch unbekannte, nachgeburtliche Welt: Alles ist in Ordnung, ich kenne mich aus. Ich weiß, wo es Nahrung gibt und deshalb kann ich leben. – Das Kind kann sich entspannen, sein kleines Gehirn kommt zur Ruhe – eine wichtige Voraussetzung fĂŒr eine gute Gehirnentwicklung.

Hören und Schmerzempfinden

Das ungeborene Kind reagiert auf zahlreiche GerĂ€usche; leise Töne scheint es zu genießen, bei lauten zieht es sich erschreckt zusammen oder strampelt wild. Es kann freundliche von aggressiven Stimmen unterscheiden. Der PrĂ€natalforscher Thomas Verny zeigte Ultraschallaufnahmen eines Fötus im fĂŒnften Lebensmonat: Man sah deutlich, wie er plötzlich zusammenzuckte und sich in sich zusammenzog, als sich die Eltern stritten, ein Glas zerbrach und die Mutter laut aufschrie. (Alberti)

Intensiv nimmt das Ungeborene den Herzschlag der Mutter wahr: Klopft ihr Herz schnell, klopft seines auch schnell, beruhigt sie sich, kann das Kind auch entspannen. Neugeborene schreien weniger und schlafen besser, wenn man ihnen eine Tonaufnahme mit dem mĂŒtterlichen Herzschlag vorspielt. Vorgeburtlich hören Kinder die mĂŒtterliche Stimme nicht nur von außen, sondern auch ĂŒber die WirbelsĂ€ule und das Becken der Mutter. Dieses ist wie ein Resonanzkörper; es gerĂ€t bei genau jener Frequenz in Schwingung, die der Frequenz einer Frauenstimme entspricht.

Menschliche Stimmen sind nicht denkbar ohne das Mitschwingen von Stimmungen und Emotionen. Das Kind nimmt sie wahr, verarbeitet sie in seinem Gehirn und â€žĂŒbt“ sich in das menschliche GefĂŒhlsleben ein. Wenn die Mutter lacht, bewegt sich Sekunden spĂ€ter das Ungeborene in ihrem Bauch. Neugeborene zeigen Freude und entspannen sich, wenn sie Melodien hören, die sie schon aus der vorgeburtlichen Zeit kennen.

Auch die Stimme des Vaters ist ihnen bereits vertraut, weil sie mit ihrer niedrigeren Frequenz als etwas von außen Kommendes vorgeburtlich gut wahrgenommen wird. Ebenso kommt der Vater in der Gedanken- und GefĂŒhlswelt der Mutter vor – positiv oder negativ – beides ĂŒbertrĂ€gt sich auf das Kind. Wenn Paare schon wĂ€hrend der Schwangerschaft ihr ungeborenes Kind in die gemeinsame Vorstellungs- und Beziehungswelt mit einbeziehen, geht es dem Kind spĂ€ter besser: Im Kleinkindalter kann es Konflikte effektiver und flexibler lösen und zeigt weniger aggressives Verhalten.

Das vorgeburtliche Schmerzempfinden ist bisher wenig erforscht. Sicher nachgewiesen ist: Wenn Föten im Alter von 19 Wochen einem schmerzhaften Eingriff ausgesetzt sind, etwa der EinfĂŒhrung einer Nadel fĂŒr eine Bluttransfusion, produzieren sie Stresshormone. Wenn Kinder zwischen der 21. und 23. Schwangerschaftswoche abgetrieben werden, können sie hörbar schreien. (HĂŒther)

Plazenta und Nabelschnur

Die Nabelschnurverbindung zwischen Mutter und Kind existiert schon am 13. / 14. Tag nach der Befruchtung. Anfangs ĂŒber das mĂŒtterliche Gewebe direkt, danach ĂŒber die Nabelschnur gibt die Mutter ihr Wohlbefinden (z. B. ĂŒber das Hormon Oxytocin), aber ungewollt auch ihren Stress an das Kind weiter. „Über die Nabelschnur ist der Fötus auch an das emotionale Erleben der Mutter angeschlossen. GefĂŒhlszustĂ€nde haben auch eine physiologische Basis: Sie zeigen sich z. B. in hormonellen VerĂ€nderungen im Blut, in der QualitĂ€t der Sauerstoffzufuhr und in den VerĂ€nderungen der Herzfrequenz. Wenn sich die Mutter Ă€ngstlich fĂŒhlt, werden vermehrt Stresshormone wie Adrenalin und Kortisol ausgeschĂŒttet. (…) Alle Stresshormone ĂŒberschreiten ohne Probleme die Plazentaschranke und stimulieren im Fötus die physiologische Reaktion auf genau dieses GefĂŒhl von Angst und Furcht. Ob das Kind daraufhin Angst ‚erlebt‘, wissen wir nicht. Wenn man seine Reaktion im Ultraschall beobachtet, bekommt man allerdings den Eindruck, dass sein kleiner Körper in gewisser logischer Weise auf diesen ‚Angstreiz‘ reagiert.“ (HĂŒther)

Vorgeburtlicher Stress und Depressionen

Stress wird nicht nur durch Ă€ußere Lebensbedingungen verursacht (Hektik, chronischer LĂ€rm, Ă€ußere Überlastungen), sondern auch durch „psychosoziale Reize sowie innere Denk- und Emotionsprozesse“ (Krens), etwa wenn finanzielle oder Beziehungsprobleme oder andere Faktoren die Mutter belasten. Stress bewirkt beim Kind normalerweise die Aktivierung seiner „Stressachse“, einer biologischen Abfolge verschiedener Eiweißstoffe im Gehirn und Körper. Nimmt der Stress ĂŒberhand oder wird er chronisch, kann es zur Fehlregulierung oder zum Zusammenbruch der Stressachse kommen. In der Regel fĂŒhrt das beim Kind zu einer chronischen Übererregung, möglicherweise auch zu einer Starre. ÜbermĂ€ĂŸige vorgeburtliche Belastungen zwingen das sich entwickelnde Gehirn zu funktionellen und strukturellen Anpassungen, wodurch auch im spĂ€teren Leben die Stressempfindlichkeit eines Menschen erhöht und LernfĂ€higkeit und Neugierverhalten beeintrĂ€chtigt sein kann. Die Stresshormone Kortisol und Adrenalin fĂŒhren zudem zu einem Zusammenziehen der BlutgefĂ€ĂŸe, was die Sauerstoffzufuhr beim Kind beeintrĂ€chtigt und den fötalen Stress weiter erhöht.

Die Wege, auf denen sich die Mutter mitteilt, sind nicht nur hormonell, wie dieses Beispiel zeigt: Denkt eine rauchende Mutter an die nĂ€chste Zigarette, ohne sie zu rauchen, fĂŒhrt die Reaktion der Mutter zu einer unmittelbaren Stressreaktion beim Kind: Sein Herzschlag beschleunigt sich. (Geuter) „Trotz der methodischen Probleme, die die prĂ€natale Stressforschung zu ĂŒberwinden hat, gibt es eine ĂŒberwĂ€ltigende Anzahl von Daten, die konsistent darauf hindeuten, dass Stressoren wĂ€hrend der Schwangerschaft Folgen fĂŒr die weitere Entwicklung des Kindes haben.“ (Krens) Als mögliche Folgen werden in Studien genannt: erhöhte Erregbarkeit des Kindes, vermehrte Unruhe, Lernschwierigkeiten, geringere AnpassungsfĂ€higkeit an Ă€ußere UmstĂ€nde, psychische Probleme, psychische und motorische Entwicklungsverzögerungen, hĂ€ufigere Ängste, Selbstregulationsstörungen.

Neugeborene von MĂŒttern, die im letzten Drittel der Schwangerschaft depressiv waren, zeigen, genau wie ihre MĂŒtter, die fĂŒr Depressionen typischen physiologischen VerĂ€nderungen im Blut: erhöhtes Kortisol, erniedrigtes Dopamin. Das Ungeborene ist also schon mit dem Reaktionsmuster Depression vertraut. Das „droht Teil seiner körperlichen und emotionalen Welt zu werden und Einfluss darauf zu nehmen, wie das Kind spĂ€ter sowohl auf positive wie auch auf negative Umweltreize reagiert.“ (HĂŒther)

Weitere Verbindungen mit der Mutter

„In jeder bewussten Kontaktaufnahme mit dem Kind in ihrem Bauch kommen immer auch die Befindlichkeit und das GefĂŒhl der Mutter ihm gegenĂŒber zum Ausdruck: in der Art und Weise, wie sie sich und ihre Bewegungen und AktivitĂ€ten auf die Anwesenheit des Kindes einstellt, ob und wie sie zu ihm oder ĂŒber es spricht … ob und wie sie mit dem Kind in Kontakt tritt – direkt durch die BerĂŒhrung der Bauchdecke oder gefĂŒhlsmĂ€ĂŸig, indem sie ihre Aufmerksamkeit innerlich auf seine Anwesenheit und seine Befindlichkeit ausrichtet.“ (HĂŒther) Möchte die Mutter die Beziehungsaufnahme nicht, aus welchen GrĂŒnden auch immer, belastet das die Bindung zum Kind.

Mehr noch als bewusste Kontakte spielen wohl unbewusste Anteile in der Beziehung zwischen Mutter und Kind eine Rolle – Anteile, in denen Empfindungen, GefĂŒhlszustĂ€nde und vielleicht sogar Bilder und Vorstellungen kommuniziert werden. Thomas Verny geht, wie andere PrĂ€natalforscher auch, davon aus, dass es eine „intuitive Kommunikation“ zwischen Mutter und Kind gibt: „Über einen intuitiven Weg teilt die Mutter ihre Gedanken, Vorhaben und viele ihrer GefĂŒhle dem Kind mit und empfĂ€ngt umgekehrt auf demselben Weg auch Botschaften vom Kind, hĂ€ufig in Form von TrĂ€umen.“ (Krens) Diese Kommunikationswege sind bisher wenig erforscht. Möglicherweise spielen Spiegelhormone eine Rolle. Sie „stellen das neurobiologische Korrelat fĂŒr die intuitive Wahrnehmung anderer Menschen und fĂŒr intersubjektive Bezogenheit und Bindung dar. Sie sind schon direkt nach der Geburt in Funktion.“ Wenn „organismische Wahrnehmungs- und Bindungsprozesse“ schon vorgeburtlich wirken, können die Informationen, die das Kind auf diesen Wegen erreichen, möglicherweise einen prĂ€genden Einfluss auf seine Entwicklung haben – im Positiven wie im Negativen. (Krens)

Die vorgeburtliche Entwicklung des Gehirns

Heute wissen wir, wie stark die Gehirnentwicklung des Kindes von vorgeburtlichen Erfahrungen abhĂ€ngig ist. „Die vielfĂ€ltigen Reize, die aus der Beziehung zwischen Mutter und Kind entstehen, bieten einen stĂ€ndigen Strom von Lernerfahrungen, mit denen sich das Kind auseinandersetzt, indem es die im Gehirn erzeugten Erregungsmuster mit bereits angelegten Mustern zu verknĂŒpfen und als neue Erfahrungen zu verankern sucht.“ (HĂŒther) Die Nervenzellen im Gehirn teilen sich, vermehren sich, lernen voneinander, bilden immer komplexere Netzwerke mit immer weiteren Verschaltungen. Strukturelle und funktionelle Entwicklung gehen Hand in Hand.

Das Grundprinzip der menschlichen Entwicklung ist die Zunahme der KomplexitĂ€t. Der menschliche Organismus entwickelt sich nicht vom Niedrigen zum Höheren, sondern ist immer nur in einer Weiterentwicklung: Neues kann nur auf Altem aufbauen. Neues kann im Gehirn nur verankert werden, wenn es an Älteres anknĂŒpfen kann. Strukturell gesehen: Von außen kommende Signale verursachen ein Erregungsmuster im Gehirn, eine „Unruhe“, die erst wieder zur Ruhe kommt, wenn das Neue verarbeitet ist, d. h. wenn es mit Ă€lteren Strukturen verbunden und in sie eingebettet ist. Auf der funktionellen Ebene bedeutet es fĂŒr das Kind das GefĂŒhl: Es ist gut. Ich habe etwas dazu gelernt. Ich bin dadurch gewachsen und reifer geworden. Das gibt mir Vertrauen und Sicherheit und macht Lust, weiter zu lernen. Lust, neue Erfahrungen zu machen und dazuzulernen, ist eine wesentliche Voraussetzung fĂŒr Entwicklung. Diese FĂ€higkeit kann beeintrĂ€chtigt sein, wenn das ungeborene Kind mit belastenden Signalen ĂŒberflutet wird. Die auf das Gehirn eindringenden Wahrnehmungen können dann „so fremd und ĂŒbermĂ€chtig [sein], dass es im Gehirn des Kindes nicht gelingt, sie in irgendeiner Weise an das bereits vorhandene Wissen anzuknĂŒpfen und in die bereits entwickelten Verschaltungsmuster zu integrieren.“ (HĂŒther) Das gilt besonders fĂŒr heftige Angst- und Stressreaktionen aber auch fĂŒr zahlreiche andere Stressoren wie große psychische Belastungen der Mutter, die beim Kind anbranden, oder UnterernĂ€hrung oder Alkohol-, Nikotin- und Drogenkonsum der Mutter.

Die im Gehirn sich ausbreitende Unruhe kommt dann vielleicht nicht mehr zur Ruhe. Je nach Schwere der anbrandenden Stressoren und auch abhĂ€ngig von der genetischen Ausstattung des Kindes gewöhnt sich das Kind entweder an die Störung oder kĂ€mpft immer wieder mit der Überforderung. Sein Gehirn wird dadurch aber etwas anders aufgebaut und die Verschaltungen etwas anders gelegt, als es ohne die Belastungen gewesen wĂ€re. Es kann sein, dass es solchen Kindern im spĂ€teren Leben „nur schwer [gelingt], die fĂŒr schwierige Wahrnehmungs- und Lernprozesse erforderlichen hochkomplexen Erregungsmuster in ihrem Gehirn aufzubauen und als neuronale und synaptische Verschaltungsmuster zu stabilisieren. Sie [die Kinder] sind verunsichert, Ă€ngstlich oder wĂŒtend und erleben nur selten das GefĂŒhl, dass sie in der Lage sind, Probleme zu meistern und ĂŒber sich hinauszuwachsen.“ (HĂŒther)

Möglicherweise ziehen sich die betroffenen Kinder spĂ€ter schneller zurĂŒck, haben mehr Ängste, sind weniger aufgeschlossen fĂŒr neue Erfahrungen. Sie lassen sich emotional leichter oder schwerer erregen. Sind ihre Gehirn-Erregungsmuster stark verschoben, können sie durch „schwieriges Verhalten“ auffallen und mĂŒssen dann zusĂ€tzlich zu ihren vorgeburtlichen Lasten möglicherweise noch Ablehnung oder ZurĂŒckweisung von ihrem Umfeld verkraften. Wichtig ist aber auch: Jedes Kind reagiert nicht nur, sondern ist selbst aktiv und nimmt auf seine eigene Weise am vorgeburtlichen Beziehungsgeschehen teil. Es gibt niemals ein einfaches Ursache-Wirkung-Prinzip. Dazu ist menschliche Entwicklung zu komplex und viele Faktoren sind noch unbekannt. Im Einzelfall lĂ€sst sich deshalb auch nicht vorhersagen, wie sich bestimmte vorgeburtliche Belastungen auf ein Kind auswirken. Das Gute ist: Das Gehirn kann lebenslang hinzulernen. Wesentliche Strukturen im Vorderhirn sind erst im Alter von etwa 25 Jahren ausgereift, die funktionelle Entwicklung hĂ€lt lebenslang an.

Erfahrungen aus der Therapie

Der PrĂ€natalforscher Ludwig Janus stellte auf einem Kongress diesen Fall vor: Ein achtjĂ€hriger Junge litt Zeit seines Lebens an Erbrechen, ohne dass eine organische Ursache gefunden werden konnte. Er wurde deshalb an einen Psychotherapeuten verwiesen. In Bildern malte er immer wieder sich selbst schlafend auf dem Grund eines tiefen Brunnens. Durch GesprĂ€che mit der Mutter und die Arbeit mit seinen Bildern stellte sich heraus, dass die Mutter versucht hatte, ihn mit einer giftigen FlĂŒssigkeit abzutreiben, als sie im fĂŒnften Monat schwanger war. Danach entschied sie sich fĂŒr das Kind und nahm liebevoll eine Beziehung zu ihm auf – die traumatische Erfahrung war im Jungen aber gespeichert und noch unverarbeitet. Nachdem er in der Therapie die Erfahrung verarbeiten konnte, hörte das Erbrechen auf. (Alberti)

Diesen Fall beschrieb die Psychotherapeutin Natascha Unfried: Ein siebenjĂ€hriger Junge kam in die Therapie, weil er unter schwerer sozialer Isolation litt. Weder mit den Adoptiveltern noch mit den gleichaltrigen Kindern konnte er eine Beziehung aufnehmen; er litt unter panischen Ängsten, dem GefĂŒhl, wie tot zu sein und, wie sich dann in der Therapie herausstellte, unter einer unendlichen inneren Verlassenheit. Aus der Vorgeschichte ergab sich, dass die leibliche Mutter sich schon frĂŒh in der Schwangerschaft entschieden hatte, den Jungen nicht bei sich zu behalten. Es kam zu einer erschwerten und verlĂ€ngerten Geburt, danach wurde das Kind gleich von der Mutter getrennt. Natascha Unfried geht davon aus, dass der Junge schon vor der Geburt einer Bindungsstörung ausgesetzt war, und mehrere traumatische Erfahrungen folgten: „prĂ€natale emotionale VernachlĂ€ssigung, Geburtstrauma und postnatales Trennungstrauma“. In AbhĂ€ngigkeit von den frĂŒhen Erfahrungen entwickelte das Gehirn des ungeborenen Kindes ein inneres Bild von der (Um-)Welt, wie sie gemacht ist, wie man mit ihr umgeht und mit ihr in Beziehung tritt. Vorgeburtliche Traumata fĂŒhren dazu, dass sich das entwickelnde Gehirn verĂ€ndert und die neuronalen Netzwerke so verschaltet werden, dass „verzerrte Bilder von der Welt und sich selbst“ entstehen. Zum GlĂŒck konnte der Junge durch die therapeutische Arbeit Schritt fĂŒr Schritt seine innere Verlassenheit aufgeben und Beziehungen zu anderen aufnehmen.

Orientierung am Kind

Der Mensch wird nicht Mensch, sondern ist es von Anfang an. Seine körperliche, seelische und soziale Entwicklung sind nicht voneinander zu trennen, sondern bilden von der Befruchtung an eine komplexe Einheit. Macht es einen Unterschied, ob ein Kind in einer liebevollen Beziehung gezeugt wurde oder in einer kalten Laborschale, von Anfang an getrennt von Mutter und Vater? Macht es einen Unterschied, ob ein Kind in die GebĂ€rmutter einer fremden Frau eingepflanzt wird, die sich keine Bindungsbeziehung zum Kind leisten kann? Macht es einen Unterschied, ob ein Kind nach der Geburt wieder eine Trennung erlebt? Jede Unterbrechung und Trennung in der frĂŒhen Lebenszeit, so Peter Fedor-Freybergh, ist ein negativer Stressmarker fĂŒr das sich entwickelnde Gehirn, der sĂ€mtliche Entwicklungsprozesse negativ beeinflussen kann.

Die Auflösung des natĂŒrlichen Ehe-, Familien- und Elternbegriffs fĂŒhrt zu Unverbundenheit, Bindungslosigkeit, Verunsicherung oder sogar Nicht-IdentitĂ€t. Die vorgeburtliche empirische Forschung bestĂ€tigt, was wir aus der frĂŒhkindlichen Bindungsforschung wissen: Ein Kind braucht zuallererst Verbundenheit, Schutz und Sicherheit, KontinuitĂ€t und Bindung. Dies sind entscheidende Grundlagen dafĂŒr, dass es spĂ€ter Vertrauen ins Leben entwickeln kann.

Dr. med. Christl Ruth Vonholdt

Copyright: Salzkorn – Anstiftungen zum Gemeinsamen Christenleben (02-22), Offensive Junger Christen

Die ungekĂŒrzte Fassung dieses Beitrages finden Sie hier.

 

Verwendete Literatur:

AusfĂŒhrliche Zitation im ungekĂŒrzten Artikel, DIJG Bulletin 23 (Leibliche Elternschaft – Relevanz und Bedeutung fĂŒr das Kindeswohl); online https://www.dijg.de/ehe-familie/bindung/mutterleib-vorgeburtliche-entwicklung/

Alberti, B.: Die Seele fĂŒhlt von Anfang an. MĂŒnchen, 6. Aufl. 2012

Blechschmidt, E.: Sein und Werden. Stuttgart 1982

Fedor-Freybergh, P.: Die Schwangerschaft als erste ökologische Situation des Menschen. In: Janus, Ludwig u.a. (Hg): Seelisches Erleben vor und wÀhrend der Geburt. Neu-Isenburg 1997, S. 15f.

Ders.: Continuity and indivisibility of integrated psychological, spiritual and somatic life processes. http://www.scienzaespirito.it/files/img_serv/sanmarino/Prof_Freyberg.pdf

Geuter, U.: Im Mutterleib lernen wir die Melodie unseres Lebens. In: Psychologie heute 2003, Heft 1, S. 20 – 26

HĂŒther, G. u. I. Krens: Das Geheimnis der ersten neun Monate – Unsere frĂŒhesten PrĂ€gungen. Beltz, Weinheim, 4. Auflage 2011.

Janus, L.: Der Seelenraum des Ungeborenen. Ostfildern, 4. Aufl. 2013.

Krens, I. u. H. Krens: Beziehungsraum Mutterleib. In: Krens, I. und Krens, H.: Risikofaktor Mutterleib. Göttingen 2006

Unfried, N.: PrĂ€natale Traumata und ihre Bearbeitung in der Kindertherapie. In: Krens u. Krens: Risikofaktor Mutterleib. A.a.O., S. 188 – 204

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 16. Mai 2022 um 13:46 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Lebensrecht.