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Cantate: Die wichtigste Frage.

Freitag 13. Mai 2022 von Thomas Karker


Thomas Karker

Der Lateiner kennt sich ja aus: Cantare heißt ja ‚singen‘. Ein Gottesdienst, in dem fleißig gesungen wird ist ja etwas Feines. Ein richtiger Ohrenschmaus. Richtig, deswegen sind sie ja gekommen und heute morgen schon so frĂŒh aufgestanden. Aber warum ist denn solch ein GD im Jahreskreis dem Singen gewidmet? Diese Frage ist wichtig, warum singen die Christen ĂŒberhaupt? Sie werden sagen: o, wenn es mir gut geht, dann trĂ€ller ich ein Liedchen, wenn ich vom Arzt eine gute Nachricht erhalten habe, dann posaune ich es aus, bin ich bei der nĂ€chsten Tariferhöhung mit dabei, dann zwitschern die Alten wie die Jungen. Ja wenn uns allzu Gutes widerfĂ€hrt, dann haben wir auch einen guten Grund zu singen und fröhlich zu sein und Gott zu loben und zu danken.

Aber wieso singen die Christen? Da stirbt Jesus elendiglich am Kreuz; ist das ein Grund zum Singen? Wenn er wenigstens etwas auf dem Kerbholz gehabt hĂ€tte, dann könnte man ein Jubellied anstimmen: Endlich ist Ruhe! Und jetzt ist Kantate in Philippi, natĂŒrlich nicht in einem alten Gotteshaus. Die Musikfreunde dieser römischen Kunstmetropole gehen dazu auch nicht in einen Konzertsaal der Bremer Glocke. Dieses Kantate findet im GefĂ€ngnis statt. Diese geistliche Musik schallt aus vergitterten Fenstern, durch ZellengĂ€nge und schwedische Gardinen. Kantate im Knast, so könnte eine ïŹ‚ott aufgemachte ZeitungsĂŒberschrift lauten. Und weil diese AuffĂŒhrung in Philippi solchen Eindruck hinterließ, wurde sie immer wieder notvollen Situationen gesungen. Weil es so viel GefĂ€ngnisse gibt, in denen wir leben und leiden, deshalb tun wir gut daran, auf diese Kantate zu hören, was dieses Kantate fĂŒr Auswirkungen hatte. Da wollen wir heute genau hinhören, was das auch mit unserer Predigtreihe zu tun hat.

1. Gefangen und doch frei!

Ich möchte Ihnen einen Mann vorstellen, dem ein solcher Schreck gewaltig in die Knochen gefahren ist. Lukas berichtet von ihm in der Apostelgeschichte, in 16. Kapitel. Obwohl er einen anstĂ€ndigen, einen ehrbaren Beruf hat. Niemand kann ihm einen fragwĂŒrdigen Lebenswandel vorwerfen. Er ist Beamter im römischen Weltreich. Und das ist schon was. Er arbeitet als GefĂ€ngniswĂ€rter, als Chef einer Justizvollzugsanstalt in Philippi. Seltsame Gefangene hat er in dieser Nacht. Er weiß gar nicht so richtig, was ihnen vorgeworfen wird. Ein paar Leuten haben sie offensichtlich ihre dunklen GeschĂ€fte verdorben. Es ist zum Aufruhr gekommen, von Unruhestiftung war die Rede, davon, dass diese Leute Sitten einfĂŒhren wollten, von denen sich römische BĂŒrger fernzuhalten hĂ€tten. Die Beamten, die ĂŒber den Fall zu entscheiden hatten, haben sie auspeitschen lassen und sie dann ins GefĂ€ngnis gesteckt. In sein GefĂ€ngnis. Und dann haben sie ihm noch gesagt, er sei fĂŒr sie verantwortlich. Er solle gefĂ€lligst gut auf sie aufpassen. Irgend etwas stimme nicht mit diesen Leuten. (siehe Skizze unten: GefĂ€ngnis)

Ja, irgend etwas stimmt nicht mit diesen Leuten. Er hat sie in die hinterste Zelle gesteckt, wo es dunkel, kalt und feucht ist, wo den meisten Gefangenen die Knie schlottern vor KĂ€lte und Angst. Als Zugabe hat er ihre FĂŒĂŸe noch in den Holzblock geschlossen, so dass sie sich nicht mehr bewegen können. Und dann war die TĂŒr zu!

Im GefĂ€ngnis in Philippi ist es Nacht. LĂ€ngst sind die Lichter gelöscht. Es geht auf Mitternacht zu. Da werden die HĂ€ftlinge plötzlich geweckt. Wegen einem GerĂ€usch fahren sie aus dem Schlaf hoch und richten sich auf ihren Pritschen auf. Was war das fĂŒr ein ungewöhnlicher Ton in diesem Zellenbau? Das Hallen der Schritte, das Drehen der SchlĂŒssel, das Klirren der Ketten, das Knarren der TĂŒren, das BrĂŒllen der WĂ€chter, das Klatschen der Peitschen, das Stöhnen der Ärmsten, das alles war ihnen wohl vertraut, aber was ist das? Singen von MĂ€nnern? Das muss von draußen kommen: feuchtfröhliche SpĂ€theimkehrer von der Kneipe. Das muss von droben kommen: weinselige Aufpasser beim Kartenspiel. Nein! der Gesang kommt von drinnen. Ein Duett wird gesungen. Was fĂŒr ein Wohlklang geht durch die RĂ€ume. Ein Nachtkonzert erfĂŒllt den Trakt. Auch wenn ihre Sperrsitze hinter abgesperrten TĂŒren nicht die beste Akustik bieten, so tut ihnen dieses Lob Gottes wohl. Das Loblied hat immer stĂ€rkenden Charakter. Der Lobgesang hat immer einen tröstenden Aspekt. Der Lobpreis ist die Arznei fĂŒr die kranke Seele. Bei Paulus und Silas ist das Gotteslob festgeschrieben. NatĂŒrlich schmerzt die Behandlung durch den Mob auf der Straße; ihre RĂŒcken waren eine einzige Wunde. NatĂŒrlich drĂŒckt die verschĂ€rfte Haft im Bunker; ihre FĂŒĂŸe waren schmerzhaft gepïŹ‚ockt. Aber weil die beiden Apostel sich jetzt nicht nach vorne oder hinten, sondern nur nach oben orientieren, sind sie des Lobes voll.

2. Frei und doch verloren!

Er kann schlecht schlafen in dieser Nacht, unser GefĂ€ngniswĂ€rter. Irgendwie ahnt er, dass etwas passieren wird. Er war ja von der harten Sorte als pensionierter Soldat. Plötzlich ein gewaltiges Erdbeben. Balken bersten, Steine brechen, TĂŒren krachen auf. Sofort ist er aus dem Bett. Er weiß: „Wenn die Gefangenen weg sind, dann geht es mir dreckig. Ich bin fĂŒr die Gefangenen verantwortlich. Wenn sie fliehen sitz ich selber da, wohin ich meine Delinquenten gesteckt habe.“ Und seine dunkelsten Ahnungen werden bestĂ€tigt. Die TĂŒren sind alle offen. Da gibt es nur eins: Er nimmt sein Schwert und will sich töten.

Da hört er plötzlich die Stimme eines seiner Gefangenen, der mit klarer Stimme ruft: „Tu dir nichts an, wir sind noch alle hier.“ Das gibt es doch nicht, das kann es doch nicht wahr sein. Welcher Gefangene wĂŒrde nicht fliehen, wenn er die Gelegenheit dazu hĂ€tte? Das mĂŒssen Wesen aus einer anderen Welt sein. Jetzt ihn packt das schiere Entsetzen.  Der GefĂ€ngniswĂ€rter fĂ€llt zitternd auf seine Knie. Und er fragt: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ (Skizze: 3 MĂ€nner) Eine seltsame Frage in dieser Situation. Rettung hatten doch die anderen nötig, seine Gefangenen. Paulus und Silas. Und nicht er, der GefĂ€ngniswĂ€rter. Die hatten Schlimmes zu erwarten, er doch nicht. Es war doch alles gut geworden. Keiner der Gefangenen war weg. Er musste keine Angst haben, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Und doch bricht diese seltsame Frage aus ihm heraus: „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“

Ich glaube, ihm war in einem Augenblick klargeworden: gefangen sind nicht meine Gefangenen, gefangen und verloren bin ich. Meine Gefangenen sind in Wirklichkeit frei. Wer in der hintersten Zelle, eingesperrt in den Block, singen kann, wer Gott loben und preisen kann, der muss frei sein, unendlich frei. Und wer zitternd ein GefÀngnis zu bewachen hat, wer Angst haben muss vor Erdbeben und Vorgesetzten, der ist in Wirklichkeit gefangen.

Was muss ich tun, um gerettet zu werden, um frei zu werden, um genauso frei zu werden wie ihr? Denn ihr, ihr seid doch im Grunde viel besser dran als ich.

Was muss ich tun um gerettet zu werden?

Wenn jemand einen bösen Autounfall erlebt, fragt er genauso. Was muss ich tun um gerettet zu werden? Dann aber nichts wie ins Krankenhaus, da flicken sie dich wieder zusammen.

Wenn jemand am Ertrinken ist, fragt er nicht mehr, was muss ich tun, dass ich gerettet werde, das fragen fĂŒr ihn andere und werfen den Rettungsring.

Der frĂŒhere Evangelist Julius Dammann sagte einmal: „Ich fĂŒrchte kein Wort in der Bibel so, wie das Wort ,verloren‘.

Der GefĂ€ngniswĂ€rter wusste: „Ich bin verloren,“ und jetzt fordert Gott Rechenschaft und ich kann nicht auf eins antworten. Da kann ich noch so eine weiße Weste haben.

FĂŒr viele ist Gott doch so etwas wie ein ĂŒberirdischer Punktesammler, der vielleicht zu Weihnachten mahnende Briefe verschickt, etwa so: „Punktekonto ist unterschritten. Im letzten Jahr hat es leider nicht gereicht.“

Gott ist Einer, vor dem man sich zu hĂŒten hat. Einer, der meilenweit ĂŒber einem steht. Einer, mit dem man besser nicht allzu viel zu tun bekommt, bei dem man nur den KĂŒrzeren ziehen kann.

Ist Gott aber so? Ist Gott so etwas wie ein ĂŒberirdischer Punktesammler der peinlich genau darauf achtet, dass wir auch ja genug Umsatz bringen? Ist Gott einer, vor dem man sich im Grunde hĂŒten muss? ZunĂ€chst einmal: Ja! Denn wenn man es genau nimmt, und Gott nimmt es genau, dann genĂŒgen unsere Leistungen nie und nimmer seinen Erwartungen. Die Diagnose, die Paulus im Römerbrief stellt, gilt doch bis heute: „Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. . .  da ist keiner, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer . . . sie sind allesamt SĂŒnder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“

Luther sagt im kleinen Katechismus: ich bin ein verlorener und verdammter Mensch.

Warum? Seit Adam und Eva autonom sein wollten, ohne Gott leben wollten, sind wir wie sie auf dem highway to hell, auf der Autobahn in die Hölle. (Skizze: Minuszeichen)

Bsp. Du willst mit dem Zug nach Stuttgart, steigst aber in den Zug nach Hamburg. Du kannst die tolle Gegend bestaunen, wirst aber nie am Ziel ankommen. Seit dem SĂŒndenfall sitzen wir im falschen Zug und sind jenseits von Eden.

Wer sich Gottes Wort aussetzt, merkt, das der SĂŒndenfall Trennung von Gott bewirkt, der kann sich nicht mehr edel, hilfreich und gut vorkommen, der spĂŒrt etwas von dem, was Karl Barth den „unendlichen qualitativen Unterschied“ zwischen Gott und Menschen genannt hat. Der entdeckt: Meine Leistungen genĂŒgen ja nie und nimmer seinen Erwartungen. Das fĂ€ngt ja schon beim ersten Gebot an: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ Was sind denn Götter? Martin Luther sagt: „Woran du dein Herz hĂ€ngst, das ist dein Gott.“ Und da fĂ€llt mir doch unendlich vieles ein. Vieles, woran ich mein Herz hĂ€nge, vieles, was ich festhalten möchte mit aller Kraft.

Die Bibel gibt diesem unendlichen qualitativen Unterschied einen Namen, der nicht mehr allzu populĂ€r ist heute: SĂŒnde. Wir zwei passen nicht zusammen, du heiliger und gerechter Gott und ich erbĂ€rmlicher, erbarmungswĂŒrdiger Mensch, ewig verloren. Dein Anspruch und meine Leistung, das passt nicht zusammen. Kaufleute wĂŒrden heute sagen: „Das rechnet sich nicht.“ Verloren, ewig verloren.

3. Verloren und doch gerettet.

Ich weiß nicht, welche Antwort der Kerkermeister erwartet hat in dieser Situation. Die Antwort jedenfalls, die Paulus und Silas ihm geben, muss ihn noch mehr verwirrt haben: „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und deine Angehörigen gerettet.“

Was ist aber jetzt ‚Glaube‘?

Um das zu erklĂ€ren, habe ich hier mal ein chin. Schriftzeichen. Daran möchte ich ihnen etwas erklĂ€ren. Die chin. Schriftzeichen sind vielfach aus mehreren Elementen zusammengefĂŒgt und ergeben so den Sinn. (Skizze: Chin. Zeichen)

Wir fangen einmal mit diesen 3 Strichlein hier an. Der untere Strich ist die Erde, ist ja klar, auf ihr stehen wir ja. Der obere, das ist der Himmel da oben und etwas was dazwischen ist, etwas was zwischen Himmel und Erde ist, das sind schlicht und einfach Worte. Das was zwischen Himmel und Erde ist, das sind Worte und diese Worte, die kommen natĂŒrlich woher. HierfĂŒr haben wir hier unten dieses KĂ€stchen. Die Worte, die kommen aus einem Mund. Und in diesem Fall kommen sie aus dem Munde eines eines anderen, also nicht aus dem eigenen. Worte die aus dem Munde eines anderen kommen, und mit diesen Worten aus dem Munde eines anderen, da geschieht etwas. Jetzt erlauben sie mir, dass ich ein bisschen aushole und aus dem Strich hier mal ein wenig etwas anderes mache. Da macht jemand mit den Worten aus dem Munde eines anderen etwas. Stellen sie sich vor dieses MĂ€nnchen hier nĂ€hme statt den Worten aus dem Munde eines anderen einen Stuhl, und der stĂŒtzt sich da drauf. Was meinen sie was passieren wĂŒrde, wenn ich den Stuhl wegnehmen wĂŒrde? Dann wĂŒrde der gute Mann auf die Nase fallen. Der stĂŒtzt sich mit seinem ganzen Dasein auf diesen Stuhl; Glauben heißt nichts anderes, als sich mit allem was ich habe auf das Wort aus dem Munde Jesu zu stĂŒtzen.

Ja, gibt es denn so etwas? Da ist einer zutiefst entsetzt, weil er vielleicht zum ersten mal in seinem Leben spĂŒrt, wie unfrei, wie gefangen er ist, zutiefst entsetzt, weil er zum ersten mal mit der Welt Gottes konfrontiert wird. Da erwartet er nun vielleicht auf die Frage: Was muss ich tun! Die Antwort: Du musst noch mehr opfern! Aber Paulus sagt: Glaube an den Herrn Jesus und du wirst gerettet! Vielleicht hat er gedacht: Du musst Dich religiös mehr ins Zeug legen, aber Paulus sagt: Glaube an den Herrn Jesus und du wirst gerettet! Vielleicht schaut er Paulus und Silas mit offenem Mund und geweiteten Augen an und wartet auf das, was jetzt noch kommt. Aber es kommt nichts mehr. Paulus hat gesagt: Glaube an den Herrn Jesus und du wirst gerettet!

Ja, aber, soll das denn alles sein? So einfach ist das, sich retten zu lassen? (Skizze: +)

So einfach ist das, mit Gott ins Reine zu kommen? So einfach, weil es fĂŒr Gott so schwer war. Gott hat es seinen Sohn gekostet. Jesus wurde ausgelacht, verspottet, geschlagen, angespuckt, angepöbelt, gefoltert, ans Kreuz genagelt, starb einen grausamen Erstickungstod, damit das nun so einfach ist, mit Gott ins Reine zu kommen.

Der Kerkermeister hat nicht argumentiert: Ich hab doch gar nichts gegen Gott gemacht, er hat nicht diskutiert: Mensch, das mit Jesus, kann das alles sein? Und er hat nicht lamentiert: O, was werde meine Nachbarn jetzt denken, wenn ich fromm werde. Er hat ganz einfach sein Leben Jesus anvertraut! Er hat vielleicht proklamiert: Herr Jesus, ich will gerettet werden. Ich bekenne dir meine SĂŒnden. Ich brauche dich. Dir soll mein Leben gehören. Ich ĂŒbergebe es dir. (Skizze: Spruchband)

So wirst du gerettet, indem du dich auf Jesus verlÀsst, indem du aufhörst, dich alleine retten zu wollen! Es gibt nur einen Weg zum Leben, nur einen Weg zur Wahrheit, nur einen Weg zur Freude und zur Freiheit, und das ist Jesus Christus. Sich auf ihn verlassen, einzig und allein auf ihn vertrauen. So geschieht Rettung durch Jesus heute. So einfach ist das Evangelium.

Jetzt hat der Kerkermeister auch seinen Cantate-Sonntag gehabt!

Luther hat schon damals in der Pest, die ganze Landstriche entvölkert hat, die 2G Regel verkĂŒndet: Der Gerechte wird aus Glauben leben! Hast Du dich auch schon retten lassen?

Amen

PrÀdikant Thomas Karker, Sonntag Cantate, 15.5.2022

Skizze:

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 13. Mai 2022 um 13:58 und abgelegt unter Predigten / Andachten.