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Predigt zum Karfreitag ĂĽber Luk 23,33-49

Donnerstag 14. April 2022 von Pfr. Dr. Hans-Gerd Krabbe


Pfr. Dr. Hans-Gerd Krabbe

Was für Worte fallen da auf Golgatha! Was für Worte hallen da zurück in diesem Steinbruch draußen vor den Toren Jerusalems! »Vater, vergib ihnen« – »Hilf dir selbst und hilf uns« – »Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!« Römische Soldaten tun ihr Werk und richten drei Männer zu einem gewaltsamen Tode. Auf damals brutalste Art und Weise werden drei hingerichtet: gekreuzigt. Über mehrere Stunden hängen sie da am Kreuz, manches Mal gar tagelang, bis dann der erlösende Erstickungstod endlich eintrat.

Verschiedenste Menschen sind Zeugen des Geschehens: die Soldaten, die Oberen, die Hochpriester, dazu viele Schaulustige, auch einige Frauen aus Galiläa. Mehrere Leute machen sich lustig, treiben ihren Spott, haben ihren Spaß, verhöhnen und verlachen den, der in der Mitte hängt und der die Mitte ist: »Andere hat Er gerettet, nun helfe Er sich selbst!« – »Bist Du denn nicht der Juden König? So hilf Dir selbst!« – »Bist Du denn nicht der Christus? Dann hilf Dir selbst und hilf uns!« – »Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott«: diesen Spruch hätten sie locker-leicht ebenso hinaustönen können.

Jesus hört alle diese Worte. Alle diese Worte, die beleidigen und kränken und wehtun wollen. Erbarmen scheinen diese Menschen nicht zu kennen. Mitleid scheint ihnen fremd. Stattdessen geilen sie sich auf und steigern sich hinein in ihren Spott: gegenüber einem Schwachen und Wehrlosen. Was nur können Menschen einander antun! Zu welchen Gräueltaten sind Männer und Frauen fähig! Nicht genug, dass sie mit Worten verletzen und töten, nicht genug, dass sie mit Vorurteilen nageln und martern, nicht genug, dass sie andere hintergehen, über den Tisch ziehen und betrügen, nicht genug, dass sie ihre Bosheit wie Gift versprühen! Über Leichen können sie gehen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken! Wem es dreckig geht, über den wird nach Lust und Laune hergezogen, der wird lächerlich gemacht und bloßgestellt – wer in der Gosse liegt, dessen Kopf wird noch tiefer hineingetreten. Vielen bereitet es sichtlich Freude, wenn es anderen schlecht geht, wenn sie andere schlechtreden können, wenn sie andere niedermachen können, wenn andere in Not sind. Ihre Spielchen treiben sie mit denen, die ihnen wehrlos ausgeliefert sind: das war damals so, das war in der Zeit des sog. Dritten Reiches so, das ist in der Ukraine so.

»Aber das Volk stand da und sah zu« – genauso wie Menschen heutzutage in aller Regel dastehen und zusehen, gaffen und hinstarren, keinen Finger rühren, niemandem zur Hilfe eilen, sich an schrecklichen Bildern und Szenen ergötzen und das Leid anderer genießen. Lieber die Hände in Unschuld waschen als dreckige Finger bekommen und helfen.

Wie ist das mit der sogenannten Weltgemeinschaft, der UNO: Schaut die nur zu? Blockiert die sich selbst, stets neu mit Veto-Rechten? Wer denn sorgt beim Krieg in der Ukraine endlich fĂĽr ein wirksames Ende?

»Vater, vergib ihnen«, sagt Jesus vom Kreuz herab – während sie ihm die Nägel durch Hände und FĂĽĂźe jagen und das Blut nur so herausspritzt. Er flucht und verflucht nicht, auch die nicht, die Ihm zusetzen bis aufs Blut die ihn verlachen und verhöhnen mit dieser elenden Dornenkrone. Und sie nicht, die ihn mit Steinen bombardieren und geiĂźeln, die ihn Seinen Kreuzesbalken schleppen lassen, die ihn auspeitschen und schlieĂźlich kreuzigen: »Sie wissen nicht, was sie tun …« Keine Anklage, kein Hass, nichts dergleichen gelangt ĂĽber Jesu Lippen, obwohl er da hängt, das Blut rinnt, die Luft hoffentlich bald ausgeht. Stattdessen Seine FĂĽrbitte selbst noch in der letzten Stunde: »Vater, vergib ihnen!« Gemeint sind die damals unter dem Kreuz, und gemeint sind wir, die wir oft nicht wissen, was wir tun, was wir geschehen lassen, was uns kalt und gleichgĂĽltig sein lässt. Gemeint sind wir, wenn wir daran mitwirken, dass andere Menschen ihr Kreuz schleppen mĂĽssen.

»Aber das Volk stand da und sah zu …«: Stehen wir dabei und schauen wir zu, ohne den Finger und das Herz zu rĂĽhren? Wenn Kinder im Mutterleib abgetrieben werden? Wenn ›das Menschenrecht auf Abtreibung‹ auch fĂĽr unser Land beschlossen wird? Tun wir etwas, wenn in Betrieben und Geschäften und in den Schulen rĂĽcksichtslos gemobbt wird? Zählen wir zu der groĂźen schweigenden Mehrheit, die immer und stets zu allem schweigt und die es nicht wagt, eine eigene Meinung zu äuĂźern und damit aufzufallen? Noch vom Kreuz herab bittet Jesus Gott fĂĽr die Menschen, fĂĽr alle Menschen! »Vater, vergib ihnen!« Die meisten, die das hören, haben dafĂĽr nur Hohn und Spott ĂĽbrig.

Damals, im Steinbruch vor Jerusalem, auf dieser ekelerregenden Schädelstätte: einer von den Mitgekreuzigten, einer hört Jesu Worte und wacht auf. Mitten in seinem Kreuz, mitten in seinem Sterbeprozess hört er erstmals Jesu Stimme! Schlagartig kommt er zur Besinnung, wehrt sich gegen den Spott über Jesus und bittet: »Denke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst!« Viel kann der Verbrecher am Kreuz nicht mehr tun, doch das, was jetzt noch hilft, das tut er. Viel Zeit hat er nicht mehr, doch die Zeit, die ihm bleibt, nutzt er: »Denke an mich!«  Drei Worte, die sein Leben und seine Zukunft entscheiden. »Denke an mich!« Der Verbrecher klagt und stöhnt und flucht nicht mehr, nein er betet! Er bittet nicht darum, dass ihm jetzt noch kurz vor seinem Tode mal schnell ›aus der Patsche‹ geholfen wird, nein, seine Worte lauten: ›Denke an mich, an mich, der ich in meinem Leben vieles verkehrt gemacht habe, denke an mich, der ich vor Dir eigentlich nicht bestehen kann!‹ »Wahrlich, ich sage dir«, antwortete Jesus: »Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein, bei Gott!«

»Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist«: Mit diesem Todesschrei, wohl nur mit letzter Kraft ausgestoßen, stirbt Jesus am Kreuz. Sein erstes und letztes Wort am Kreuz heißt: »Vater!« Keine Macht der Finsternis, kein Leid, kein Schmerz, nichts kann Ihn von Gott trennen! Bis zuletzt, bis in die tiefste Tiefe des Leidens hinein ist und bleibt Gott sein Vater! Den kann Er immer noch anrufen! Nicht einmal das Kreuz schafft es, einen Keil zwischen Gott und ihn zu jagen! Römische Soldaten feilschen um seine Kleider. »Elend, nackt und bloß« hängt Er da am Schandpfahl. Doch seine letzten Worte bleiben voller Vertrauen, voller Ergebung in Gottes Willen: »Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist«.

»Vater« In diesem einen Wort kann ich mich bergen. In diesem einen Wort finde ich Schutz, den nötigen Halt. »Vater«, dieses Wort hält mich, wenn mich sonst nichts mehr hält! Wenn uns die Worte ausgehen, wenn wir am Ende sind, wenn wir nicht mehr beten können: Dieses eine Wort kann mir immer noch helfen, mich immer noch trösten, mich aufrichten und meinen engen Horizont sprengen: »Vater!« Wie viel vermag dieses eine Wort auszudrücken!

Ich wünsche Ihnen, dass Sie Gott immer, immer noch und immer wieder neu als Ihren Vater im Himmel anrufen können und von ihm die Hilfe erfahren, die Sie brauchen! Amen.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 14. April 2022 um 15:06 und abgelegt unter Predigten / Andachten.