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Ernstfall – Corona und die Kirchen

Dienstag 7. April 2020 von Netzwerk Bekennender Christen Pfalz


Netzwerk Bekennender Christen Pfalz

Deutschland und andere LĂ€nder befinden sich heute (Anfang April 2020) in einer noch nie dagewesenen Situation. Ganze Volkswirtschaften werden heruntergefahren und das öffentliche und zum Teil sogar private Leben empfindlich beschnitten, um die Ausbreitung eines aggressiven Virus, gegen den es noch kein Heilmittel gibt, zu bremsen. Die Angst geht um, und mittlerweile ist es nicht mehr nur die Angst davor, sich anzustecken, sondern die zunehmende existenzielle Angst vor der Zukunft. Wie wird meine Welt aussehen, wenn die Corona-Krise endlich vorbei ist? Werde ich meinen Arbeitsplatz noch haben? Werde ich mein Haus weiter abbezahlen können? Was wird aus meiner Altersvorsorge? Und nicht zuletzt: Was wird aus meinen bĂŒrgerlichen und sonstigen Freiheiten geworden sein, die ich zurzeit um der guten Sache willen einschrĂ€nken muss? Werde ich sie wirklich alle zurĂŒckbekommen?

Und auch dieses: Wie wird es „nachher“ in meiner Kirchengemeinde aussehen? Was wird wieder sein wie zuvor, was wird sich vielleicht verĂ€ndert haben?

Die folgenden Zeilen wollen keine Analyse der medizinischen Problematik versuchen. Sie wollen nicht der Frage nachgehen, warum wir vor gut drei Jahren, als eine Grippewelle durch Deutschland raste, die 25.000 Tote forderte und den Autor dieses Beitrags von jetzt auf gleich ins Bett warf, weiter zur Kirche, zur Schule, in die Bibliothek und in die Buchhandlung gehen konnten, und heute nicht. Es soll auch nicht um die blĂŒhenden Verschwörungstheorien gehen oder um den ebenfalls blĂŒhenden erhobenen Medienzeigefinger, ja keiner Verschwörungstheorie zu glauben. Auch nicht um die alte Frage „Cui bono?“ (also: Wer hat etwas davon, wenn die Wirtschaft kollabiert oder Millionen Privatvermögen vernichtet werden?).

Das Thema soll wesentlich begrenzter sein. Es soll um zwei sehr konkrete Einzelaspekte der Corona-Krise gehen: den Umgang mit Gott und das Verhalten der christlichen Kirchen und Gemeinden.

1. Das Große Schweigen

Corona hĂ€lt uns jetzt schon seit etlichen Wochen in Atem. In dieser Zeit sind die Infektionszahlen explodiert und die FreiheitsrĂ€ume der BĂŒrger auf ein Maß geschrumpft, wie man es sonst noch nicht einmal aus Kriegszeiten kannte. Doch eines ist beharrlich konstant geblieben: das Schweigen ĂŒber Gott. Gott kommt im öffentlichen und medialen Diskurs ĂŒber Corona nicht vor. Oder haben Sie schon einmal einen Bußaufruf eines MinisterprĂ€sidenten und Landesvaters gehört, sich in den Kirchen zu versammeln, um in Bittgottesdiensten Gott anzuflehen, die Epidemie von uns zu nehmen? In welcher ihrer Reden hat die deutsche Kanzlerin Corona als mögliche Antwort Gottes auf die systematische Zerstörung der Familie in Deutschland bezeichnet und sofortige Gesetze zum erneuten Schutz der Familie gefordert? Wie viele Bischöfe haben Corona als Zeichen des Zornes Gottes ĂŒber eine von ihm und seinem Wort abgefallene Kirche und Theologie bezeichnet? Es wird heftig darĂŒber diskutiert, was Atemschutzmasken bringen – nicht aber darĂŒber, was Buße bringen könnte.

Die biblische Tradition des Alten wie des Neuen Testamentes bezeugt ohne Wenn und Aber einen Gott, der auch zornig sein und strafen kann. Man lese nur die AnkĂŒndigung von Segen und Fluch fĂŒr das junge Gottesvolk Israel, wenn es Gottes Geboten gehorchen bzw. nicht gehorchen wird, in 5. Mose 28 – eine Warnung, die im Babylonischen Exil furchtbare RealitĂ€t wurde. Es lohnt sich, das ganze Kapitel 5. Mose 28 durchzulesen (Tipp: besser nicht direkt vor dem Schlafengehen).

Auch die Propheten und die Psalmen bezeugen einen Gott, der durchaus auch Unheil ĂŒber sein Volk und seine Schöpfung bringen kann. „Geschieht etwa ein UnglĂŒck in der Stadt, und der Herr hat es nicht getan?“ Dieser Satz aus Amos 3,6 ist nur eines von zahlreichen Beispielen.

Und wer meint, im Neuen Testament sei das doch alles abgeschafft, der lese etwa die Endzeitreden Jesu oder die Johannesoffenbarung. Hinter dem Bild von den „Zornesschalen“, die Gott ĂŒber unserem Planeten auskippt (Offenbarung 16), steckt eine konkrete, furchtbare RealitĂ€t. Es ist ein dicker roter Faden im Neuen Testament, dass vor der Wiederkunft Christi und dem neuen Himmel und der neuen Erde zunĂ€chst einmal große Katastrophen und der Untergang der alten Erde kommen werden.

Man muss kein versponnener „Endzeitspezialist“ sein, um auf die Frage zu kommen, ob Corona – und vielleicht mehr noch die Corona-Angst (vgl. Lukas 21,26!) – nicht vielleicht eine neue QualitĂ€t und neue Stufe in der Entwicklung der Welt hin zum Ende unserer Zeit und zur Wiederkunft Christi markiert. Und es braucht nicht allzu viel Fantasie, um sich vorzustellen, fĂŒr welche Dinge Corona womöglich tatsĂ€chlich eine Strafe bzw. ein Gerichtsreden Gottes sein könnte. Zur Wahl stehen etwa die jĂ€hrliche massenhafte Tötung Ungeborener im Mutterleib, die Gender-Ideologie mit der Zerstörung der Familie und der Frau, der real existierende neue Raubkapitalismus, der hemmungslose Individualismus und Egoismus, der neu florierende Antisemitismus, bei dem wieder einmal die Juden an allem schuld sind, und eine schon viel zu lange Tradition kirchlicher Dekonstruktion der Bibel und ihrer Lehren. Und möglicherweise das Allertiefste, auf das Gott mit Corona und anderen Gerichten zielt, ist jene alte sozialistische Maxime „Es geht ohne Gott“, deren postmoderne Version bekanntlich lautet: „Das schaffen wir schon.“ Der allmĂ€chtige Gott demonstriert uns gerade tĂ€glich, was wir alles nicht schaffen!

Doch zu all dem herrscht – Schweigen. Man muss in Medien und Internet schon ganz bestimmte Missionswerke und Pastoren aufrufen (die meist als mehr oder weniger fundamentalistische und politisch unkorrekte Außenseiter gelten), um den Versuch einer Einordnung von Corona in den Kontext der Gebote und Strafen, des Redens und Werbens Gottes zu bekommen.

C.S. Lewis hat in einer klassischen Formulierung das Leid als „Megafon Gottes“ bezeichnet. Zurzeit redet Gott schon nicht mehr, er schreit geradezu – und die Politiker, die Medien, die öffentlichkeitsrelevanten Stimmen nehmen es nicht zur Kenntnis. BaumĂ€rkte sind systemrelevant und dĂŒrfen geöffnet bleiben; Gott ist nicht systemrelevant, sodass Gottesdienste in der Kirche nicht stattfinden dĂŒrfen.

2. Das große Einknicken

Als in Deutschland innerhalb von Tagen die behördlich erlaubte Obergrenze fĂŒr öffentliche Versammlungen von 1.000 auf 100 Personen, dann auf 90 und zum Schluss auf 2 sank und dies ausdrĂŒcklich auch auf die Kirchen und ihre Veranstaltungen angewendet wurde, machte eine Kirche nach der anderen dicht (wobei mancherorts die Freikirchen schneller waren als die Großkirchen). In den kirchlichen Nachrichten der Tageszeitungen heißt es seitdem, dass aufgrund der Coronakrise (oder der „aktuellen Situation“) bis auf weiteres keine Veranstaltungen mehr stattfinden. Die Formulierung in den EingangstĂŒren mancher LĂ€den und Restaurants „Aufgrund behördlicher Anordnung geschlossen“ mutet da etwas prĂ€ziser an.

Dieser Schritt der Kirchen, quer durch alle Denominationen hindurch, er ist unfassbar, aber wahr. Ein flĂ€chendeckendes Verbot fĂŒr Christen, sich zum Gottesdienst zu versammeln, das hat es selbst in Kriegszeiten und unter den meisten totalitĂ€ren Regimes nicht gegeben. Und es sind natĂŒrlich nicht nur die Gottesdienste betroffen, sondern alle Veranstaltungen ĂŒber 2 Personen. Kinderkirche? Bibelstunde? Lobpreisabend? Seniorenkreis? Geht nicht mehr. Selbst bei Beerdigungen ist ein wĂŒrdiger, vollwertiger Gottesdienst vor versammelter Trauergemeinde untersagt.

Es ist unfassbar. Aber, wie gesagt: BaumĂ€rkte sind als systemrelevant erklĂ€rt worden. Kirchen nicht, womit sie ĂŒbrigens zum ersten Mal in ihrer Geschichte etwas mit Bordellbetrieben gemeinsam haben, denn die dĂŒrfen zurzeit auch keine Kunden bedienen.

Ja, es ist unfassbar, und Gott sucht Menschen, viele Menschen, die dies ebenfalls unfassbar finden.

In einem Leitartikel, der am 28. MĂ€rz 2020 in der „NĂŒrtinger Zeitung“ veröffentlicht wurde, schreibt Paul Kreiner, Rom-Korrespondent der „Stuttgarter Zeitung“: „In Deutschland hat ihr [der Kirche] der Staat sogar alle Gottesdienste verboten – und widerstandslos ließen die Bischöfe diesen Übergriff in ihre SphĂ€re geschehen. Selbst wenn wenigstens die Kirchenbauten als solche offen bleiben, so ist doch eklatant sichtbar, dass der aktuelle Umgang mit der Corona-Pandemie genau das Gegenteil von dem ist, was Kirche sein und leisten soll. Sie, die Menschen zur Gemeinschaft zusammenfĂŒhren will, atomisiert sich genauso wie der Rest der Gesellschaft. Jedes ‚Mehr‘ ist verschwunden.“

Was wĂ€re denn geschehen, wenn Bischöfe und Pastoren – viele Bischöfe und Pastoren – in Deutschland weiter Gottesdienst gehalten hĂ€tten und die GlĂ€ubigen weiter in die Kirche gekommen wĂ€ren? HĂ€tte die Polizei sie eingelocht? Wie wĂ€re anschließend die Reaktion der Öffentlichkeit gewesen? Wie lange hĂ€tte der Staat das ĂŒberhaupt durchhalten können? Wir werden es nie erfahren, denn die Kirchen und Freikirchen haben keinen Versuch zur Gegenwehr unternommen. Der Aufruf der staatlichen Obrigkeit „Bleibt zu Hause und steckt euch nicht an!“ war stĂ€rker als der Aufruf Christi „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Nationen!“

Inzwischen (Stand: 4. April 2020) wissen wir, dass es auch anders geht. Eigentlich sollten in Baden-WĂŒrttemberg am Karfreitag und Ostersonntag die SupermĂ€rkte geöffnet sein, um die Kundenströme zu entzerren. Nach scharfer Kritik der Kirchen und Gewerkschaften wurde dies zurĂŒckgenommen.

Warum haben die Kirchen bei dieser Gelegenheit nicht auch gefordert, dass sie sich zum Karfreitags- und Ostergottesdienst versammeln dĂŒrfen?

3. Ursachenforschung I

Wie ist es zu diesem Einknicken der Kirchen gekommen? Es greift zu kurz, die Sache mit dem Überrumpelungseffekt – es ging halt alles so schnell – der Corona-Krise erklĂ€ren zu wollen. Zwei tiefere Wurzeln aus verschiedenen Phasen der Kirchengeschichte lassen sich ausmachen.

Da ist erstens die sogenannte historisch-kritische Theologie, die im 19. Jahrhundert ihren Siegeszug im christlichen Abendland, zuvörderst Deutschland, begann, den sie im Laufe des 20. Jahrhunderts vollendete. Diese in der philosophischen AufklĂ€rung mit dem Primat des autonomen Menschen wurzelnde Methode, mit dem christlichen Glauben umzugehen, hat zu dem grĂ¶ĂŸten Paradigmenwechsel in der Geschichte des Christentums gefĂŒhrt: Die Bibel ist nicht mehr Gottes Wort, sondern ein Sammelsurium von interpretationsbedĂŒrftigen Texten. Sie ist nicht mehr ein historischer Raum, sondern nur noch ein semantischer Raum („natĂŒrlich“ hat es den Exodus aus Ägypten nie gegeben, aber er ist ein wunderbares Symbol, das etwas bedeuten muss). Der durchschnittliche evangelische Pastor, der heute (zum Beispiel in einem Taufgottesdienst) das Apostolische Glaubensbekenntnis murmeln lĂ€sst, glaubt nur noch einen Bruchteil von dem, was dort steht.

Der Gott der heute auf der Mehrzahl der Kanzeln im Mutterland der Reformation herrschenden Theologie kann keine Wunder tun, Christus ist nie auferstanden und wird auch nicht wiederkommen, es gibt viele Wege zu Gott (nicht nur Christus), es gibt kein Gericht und keine Hölle. Wer solch eine Art „Christentum“ vertritt, wird sich natĂŒrlich nicht mit dem Staat anlegen, wenn dieser anfĂ€ngt, Gottesdienste zu verbieten.

Doch auch im sogenannten „evangelikalen“ Sektor, der sich traditionell als „bibeltreu“ verstanden wissen will, gibt es Entwicklungen, die das große Corona-Kuschen der Kirchen befördert haben. In immer mehr Gemeinden ist der richtende und gnĂ€dige Gott der Bibel, vor dessen Richterthron wir alle einmal werden treten mĂŒssen (Römer 14,10-12; 2. Korinther 5,10), abgelöst worden von einem alltoleranten himmlischen Opa, der uns selbstverstĂ€ndlich „bedingungslos“ liebt, uns super toll findet und selbstverstĂ€ndlich nichts und niemand straft (ausgenommen vielleicht Menschen, die homophob oder islamophob sind und nicht genug fĂŒrs Klima tun). Diese Gotteskonstruktion wird bis zum Abwinken gut gefunden und lobgepreist. Viele Gemeinden, die als FrĂŒchte der großen Erweckungsbewegungen begannen, sind heute zu WohlfĂŒhlkirchen verkommen, und man darf sich nicht wundern, dass sie unfĂ€hig sind, Corona realistisch-biblisch zu bewerten.

Doch nicht nur der strafende (und damit ja immer auch an unsere ErlösungsbedĂŒrftigkeit erinnernde) Gott ist weithin aus dem Blickfeld geraden, sondern auch die eindeutigen biblischen Mahnungen an die GlĂ€ubigen, auf Menschen in Not zuzugehen, wenn es sein muss, auch auf weniger als zwei Meter. Was fĂŒr ein Ansteckungsrisiko mag der Barmherzige Samariter in Lukas 10 eingegangen sein? Und sollte es uns heute nicht in den Ohren klingeln, wenn es im Gleichnis vom Großen Weltgericht heißt: „Ich bin krank und im GefĂ€ngnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht“ (MatthĂ€us 25,43)?

4. Ursachenerforschung II: Vor was soll ein Christenmensch Angst haben?

Noch stĂ€rker als die Pandemie sind bekanntlich die Ängste, zu denen sie gefĂŒhrt hat. Dies fĂŒhrt zu einer Frage, die bei der Erforschung der Ursachen fĂŒr das Einknicken der Kirchen die tiefste Ebene darstellt: Vor was darf ein Christ eigentlich Angst haben und vor was nicht? Das traditionelle christliche Paradigma, das sich von den ersten Christengenerationen ĂŒber Mittelalter, Reformation, die großen Missions- und Erweckungsbewegungen bis hin zu den glĂ€ubigen Rebellen unserer Tage findet, sieht folgendermaßen aus: Ein Christ hat Angst zu haben vor dem Teufel, der SĂŒnde und der ewigen Verdammnis. Also: Angst vor dem großen Widersacher Gottes, der als transzendente Macht und Person in dieser Welt wĂŒtet und auch die Christen verfĂŒhren und beherrschen will. Angst davor, durch ein Leben, das Gottes Geboten zuwiderlĂ€uft, Gott zu betrĂŒben, meinen Mitmenschen zu schaden, ja meiner eigenen Seele zu schaden. Und Angst davor, in Gottes Gericht verworfen zu werden und in der Hölle zu landen.

In diesem Paradigma treten alle normalen geschöpflichen Ängste in den Hintergrund. Der glĂ€ubige Christ muss keine Angst haben vor Leiden, MĂŒhsalen, Verfolgung und eben auch Krankheit und Tod, denn all diese Dinge sind vorĂŒbergehend und nicht das Letzte. Die absolute ZentralitĂ€t meiner Verlorenheit vor Gott und der Erlösung, die mir durch das stellvertretende SĂŒhneopfer und die Auferstehung Christi angeboten wird, sticht alles andere aus. Die große Frage Martin Luthers und spĂ€ter John Wesleys war nicht: „Wie bekomme ich ein langes, leidensfreies Leben?“, sondern: „Wie bekomme ich einen gnĂ€digen Gott?“ Wen diese Frage nie umgetrieben hat, der kann kein Christ sein.

Jesus hat die Frage, vor was wir uns fĂŒrchten sollten und vor was nicht, auf den Punkt gebracht in dem klassischen Satz: „FĂŒrchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und danach nichts mehr tun können. Ich will euch aber sagen, wen ihr fĂŒrchten sollt: FĂŒrchtet den, der, nachdem er getötet hat, Macht hat, in die Hölle zu werfen. Ja, ich sage euch, den sollt ihr fĂŒrchten“ (Lukas 12,4-5). Viele heutige Gemeinden und Theologen haben dies genau umgedreht: Bei dem ach so „lieben“ Gott gibt es nichts zum FĂŒrchten, denn das Gericht und die Hölle sind ja abgeschafft. Nein, der postmoderne Christ fĂŒrchtet sich vor all dem, was ihm das irdische Leben schwer machen könnte. In den Himmel komme ich sowieso, aber vorher möchte ich, bitte sehr, ein gelungenes Leben haben und vor allem glĂŒcklich werden …

Kein Wunder, dass diese Kirchen und Gemeinden so prompt den Laden zugemacht haben.

5. Was lernt die Gesellschaft gerade von den Kirchen?

Was können der Staat, die Behörden, die verschiedenen Meinungslobbys, aber auch der ganz normale DurchschnittsbĂŒrger aus der Reaktion der Kirchen auf Corona lernen? Was haben sie vielleicht schon gelernt?

Es dĂŒrften vor allem zwei Dinge sein. Erstens: Christen haben die gleichen Ängste wie die „normalen“ Menschen. Wenn sie sich in der Kirche anstecken könnten, kommen sie lieber nicht mehr zusammen. Dass in Krisenzeiten Christen sich erst recht versammeln, es gilt nicht mehr.

Wie viel Anziehungskraft geht von solchen Christen und Kirchen noch aus?

Zweitens und noch ominöser: Es ist möglich, den Kirchen Versammlungsverbote aufzulegen, ohne dass sie sich wehren. Mag sein, dass dies in der jetzigen Situation noch keine weiter reichenden Folgen hat, und sicher haben die jetzigen Behörden in Deutschland nicht an Christenverfolgung gedacht, als sie gottesdienstliche Versammlungen untersagten. Aber immer stĂ€rkeren KrĂ€ften im Lande sind das Christentum, die Bibel, christliche Werte und christliche Kultur ein Dorn im Auge. Sie werden das Corona-Einknicken der Kirchen möglicherweise als Muster und Vorlage fĂŒr kĂŒnftige BeschrĂ€nkungsversuche kirchlicher Arbeit und christlicher Existenz deuten. Wie wĂ€re es zum Beispiel mit der systematischen EinschrĂ€nkung der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit? Oder damit, nur noch staatlich „zertifizierte“ kirchliche AusbildungsstĂ€tten und Mitarbeiter zuzulassen? Es waren genau solche Wege, die die kommunistischen Machthaber in der Christenverfolgung im ehemaligen Ostblock in den Jahren zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Fall des Eisernen Vorhangs gegangen sind; heute werden sie z.B. in China erneut gegangen.

KĂŒnftige antichristliche KrĂ€fte in den postchristlichen Gesellschaften des ehemaligen christlichen Abendlandes werden sich gerne an die bereitwillige SelbstbeschrĂ€nkung der Kirchen und Gemeinden wĂ€hrend der Corona-Krise erinnern.

6. Internet gut – alles gut?

Aber hat die Corona-Krise doch nicht schon auch kirchliche Entwicklungen in Gang gesetzt, die ausgesprochen positiv sind? Man kann doch weiter den Gottesdienst feiern und Predigten hören, jetzt halt im Internet. Richtig live sieht man da den Prediger, und die passende Musik, von Bach bis Pop, kann dazugeliefert werden. Schon gibt es TrĂ€ume von einer neuen, „digitalen Kirche“.

Solchen TrĂ€umen mĂŒssen drei große Bedenken entgegengestellt werden. Erstens: Das, was das Neue Testament, ja die ganze Kirchengeschichte unter Gemeinschaft und Nachfolge versteht, ist eindeutig etwas Physisches, nicht Virtuelles. Es ist schön, die Predigten vollmĂ€chtiger Pastoren im Internet hören bzw. sehen zu können, aber ein Ersatz fĂŒr eine physische Gottesdienstgemeinde ist dies nicht. Und das Heilige Abendmahl im Internet oder am Telefon? Man kann dies bestenfalls als Not-Abendmahl sehen; das physische Zusammensein wie in jenem Raum in Jerusalem, es fehlt einfach. Und sollte man, wenn man hier den Gedankenfaden weiterspinnt, dann womöglich auch virtuelle Taufen veranstalten, bei denen der TĂ€ufling daheim in die Badewanne steigt, wĂ€hrend in seinem Smartphone der Pastor die passenden Worte sagt? Oder virtuelle Beichten mit Absolution via Skype? Und was, wenn findige Kirchenleitungen auf die Idee kommen sollten, dass man ja jetzt noch mehr Pastorenstellen einsparen kann, wenn die ganze Sache auch per Internet und Smartphone geht?

HÀtte Martin Luther das Internet genutzt, wenn es das damals bereits gegeben hÀtte? Absolut! HÀtte er seine Predigten und Gottesdienste in Wittenberg ohne eine Gemeinde im KirchengebÀude gehalten? Absolut nicht!

Zweitens: Die digitale Kirche bedeutet, dass die Ausgrenzung der Älteren in den Gemeinden (von denen viele aus nachvollziehbaren GrĂŒnden nicht ins Internet gehen, ja vielleicht gar keinen Computer haben) noch weiter getrieben wird. Jetzt nimmt man ihnen sozusagen nicht nur Paul Gerhardt weg, sondern den ganzen Gottesdienst.

Drittens kann die digitale Kirche die Gemeinde vor Ort schwĂ€chen. Zurzeit erleben viele Christen, dass im Internet alle Gemeinden gleich weit entfernt sind. Der Autor dieser Zeilen verfolgt zurzeit die Internetgottesdienste in St. Martini im Bremen. Er kĂ€me niemals auf die Idee, in den Zug zu steigen und nach Bremen und zurĂŒck zu fahren – viel zu weit, viel zu teuer. Aber am Computer ist die Distanz aufgehoben. Wenn das Versammlungsverbot fĂŒr die Kirchen genĂŒgend lange weitergeht, werden sich dann, wenn die NormalitĂ€t zurĂŒckkehrt, möglicherweise manche Pastoren die Augen reiben, dass bestimmte Leute nicht mehr kommen. Sie haben im Internet etwas Besseres gefunden, und warum sollten sie das wieder aufgeben?

Beim vierten und letzten Einwand wird es ganz heikel: Jeder, der sich ernsthaft mit dem Internet befasst, weiß, dass so ziemlich alles, was im Internet lĂ€uft, von außen beobachtet und kontrolliert werden kann. LĂ€ngst verschwinden BeitrĂ€ge aus den Sozialen Medien oder werden User gesperrt, weil sie – angeblich – „Hassrede“ bringen oder „rassistisch“ oder sonstwie „istisch“ sind. Wer heute die Predigten bekannter gottesfĂŒrchtiger Pastoren auf entsprechend definierte „Hassrede“ durchforstet, wird fĂŒndig werden – vielleicht nicht so sehr wie bei Jeremia, Elia, Mose, Paulus oder Jesus, aber immerhin.

Um einen „physischen“ Gottesdienst zu observieren, mĂŒssen die Behörden oder Lobbys Personen abstellen, die dorthin gehen; um einen gut besuchten Gottesdienst zu sprengen, braucht es ein paar Dutzend EinsatzkrĂ€fte oder geschulte SchlĂ€ger. Im Internet reicht es, wenn man die Leitung blockiert, die Übertragung stört oder einen Lösch-Knopf drĂŒckt.

Um es ganz deutlich zu sagen: Die digitale Kirche ist die total glÀserne Kirche.

7. Gesucht: Eine neue Reformation

Jede Krise birgt Chancen. Die Corona-Krise der Kirchen kann zum Brandbeschleuniger ihrer Selbstunterwerfung unter eine zunehmend gottlose Gesellschaft werden, sie muss das aber nicht. Als Martin Luther sich zu Wort meldete, befand sich die abendlĂ€ndische Kirche am Rande des geistlichen Ruins, und ihre FĂŒhrungsstrukturen waren zum Teil mafiös. Weil einige wenige Leute sich von Gott aufwecken ließen und gehorsam waren, konnte der Untergang abgewendet werden.

Wir brauchen heute eine neue Reformation, und wenn die Corona-Krise zum Beschleuniger dieser Entwicklung wird, hat sie sogar etwas Gutes gehabt. Folgende VerĂ€nderungen dĂŒrften unabdingbar sein:

  1. Entschlossene Abkehr vom WohlfĂŒhlevangelium und der WohlfĂŒhlgemeinde; Wiederentdeckung des Gottes der Bibel (es gibt nur diesen Gott, andere existieren nicht). Nur der Gott des Gerichtes kann uns begnadigen und erlösen, nur der heilige Gott kann uns zu heiligen Menschen machen, d.h. zu Menschen, die nicht Sklaven der Welt mit ihren Ideologien sind.
  2. Neuentdeckung der Bibel. Die gute alte Bibelstunde muss wieder zum festen Bestandteil des Wochenplans unserer Gemeinden werden. Sie ist nicht Luxus, sondern Fundament. Sie ist Pflicht, das 1001. Lobpreisexperiment ist nur KĂŒr. Gerne darf man auch die Sonntagsschule wieder einfĂŒhren, also den BibelgesprĂ€chskreis in der Kirche, vor dem eigentlichen Gottesdienst. (Bei den Adventisten ist das die Sabbatschule – ein absoluter Schatz.)
  3. Neuentdeckung der SchĂ€tze in den alten Liturgien und Kirchenliedern. Abkehr von der unchristlichen pauschalen Verachtung von allem, was „alt“ und „nicht mehr zeitgemĂ€ĂŸâ€œ ist oder angeblich „die Leute nicht erreicht“. Ersetzung des Zeitgeistes durch den Heiligen Geist. Neues Lernen, was Liturgie ist, wozu sie ĂŒberhaupt gut ist und wie man sie richtig macht.
  4. Neuanfang bei Evangelisation und Mission. „In keinem anderen ist das Heil …“ (Apostelgeschichte 4,12). Unsere Gemeinden mĂŒssen wieder zu Orten werden, wo die Menschen erfahren, dass es Erlösung NUR in Jesus Christus gibt.
  5. Neuentdeckung des Prinzips: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29). Der Lieblingsbibelvers vieler Gemeinden, wenn es um den Christen in der Gesellschaft geht, scheint heute ja „Suchet der Stadt Bestes“ zu sein (Jeremia 29,7). Manchmal bekommt man den Eindruck, dass die Kirchen diesen Vers nicht als das verstehen, was er war (nĂ€mlich eine Aufforderung an das Volk Gottes, in einer sehr schweren Zeit zusammenzuhalten und sich nicht aufzugeben), sondern als Ermutigung dazu, sich möglichst stark mit der „Gesellschaft“ bzw. „Zivilgesellschaft“ zu identifizieren. Die Zivilgesellschaft im ehemaligen christlichen Abendland ist das postmoderne GegenstĂŒck zum alten Rom – und sie wird die Christen nicht weniger konsequent verfolgen, wie Rom das tat. Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen – dies wird die auf die Wiederkunft Christi, aber auch den Antichristen zugehende Gemeinde buchstabieren lernen mĂŒssen, oder sie wird scheitern.

Und wenn die Welt voll Teufel wĂ€r‘
und wollt‘ uns gar verschlingen,
so fĂŒrchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.
Der FĂŒrst dieser Welt,
wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht;
das macht, er ist gericht‘:
ein Wörtlein kann ihn fÀllen.

(Martin Luther, 1529)

Ein einziges Wort der Wahrheit
kann die ganze Welt aufwiegen.

(Alexander Solchenizyn, Nobelpreisrede1970)

Friedemann Lux, NĂŒrtingen, 04.04.2020

Quelle: www.nbc-pfalz.de

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 7. April 2020 um 12:14 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Kirche.