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Hermeneutische Demut

Mittwoch 12. Februar 2020 von Holger Lahayne


Holger Lahayne

Der ZĂŒrcher Reformator Huldrych Zwingli starb 1531 auf dem Schlachtfeld bei Kappel. Bald danach wurde der noch junge Heinrich Bullinger zu seinem Nachfolger als Hauptpastor des evangelischen Zentrums in der Schweiz gewĂ€hlt. Über vier Jahrzehnte konnte er in ZĂŒrich wirken. Nicht zuletzt durch seine zahlreichen Schriften und Briefe wurde er zu einer SchlĂŒsselfigur der Reformation in Europa und ein – wie wir heute sagen wĂŒrden – wichtiger Netzwerker.

Im 16. Jahrhundert war Bullinger neben Luther der meistgelesene Reformator in Europa. Zu dieser PopularitĂ€t trug vor allem sein 1552 abgeschlossenes Hauptwerk bei: die Dekaden, lat. Sermonum Decades quinque. Darin erlĂ€utert Bullinger die ganze evangelische Lehre in fĂŒnf Teilen oder BĂŒchern zu je zehn (daher der Name) „Predigten“. Diese fĂŒnfzig Lehrpredigten beeindrucken bis heute durch ihre Verbindung von  theologischer Tiefe und Klarheit sowie PrĂ€gnanz im Ausdruck. (In den Heinrich Bullinger Schriften des TVZ die BĂ€nde III–V.)

Die fĂŒnfte Dekade widmete Bullinger der Kirche, ihrem Wesen, ihren Dienern (den Pastoren) und den Sakramenten Taufe und Abendmahl. In der zweiten Predigt der Reihe zur Notwendigkeit und Einheit der Kirche findet sich ein bemerkenswerter Abschnitt ĂŒber die Auslegung der Bibel im Kontext der Spaltungen in der Kirche, die es zu vermeiden gilt. Bullinger erlĂ€utert dort kurz sein Konzept von hermeneutischer Demut, das ein SchlĂŒssel zu evangelischer Einheit war und ist. In dieser Woche des Gebets fĂŒr die Einheit der Christen sind diese AusfĂŒhrungen wieder aktuell.

Bullinger wundert sich eingangs â€žĂŒber den verdorbenen und kirchenspaltenden Sinn etlicher“. Einige Schismatiker trennen sich „wegen irgendeiner leichten Ursache von der Heil und Freude bringenden Gemeinschaft oder Versammlung der heiligen Kirche“. Er kritisiert ihre Rechthaberei: „Bei allen vermissen sie noch etwas, nur bei sich selbst finden sie nichts zu tadeln.“ Die Lehre der Amtsdiener in der Kirche erscheint solch perfektionistischen Spaltpilzen immer „noch nicht genug gereinigt, geschliffen, erhaben
 grĂŒndlich und geistig“.

Bullinger nimmt nun eine wichtige Unterscheidung vor. Es gibt einige „feste und unverĂ€nderliche LehrsĂ€tze“ des christlichen Glaubens, wozu er die Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses zĂ€hlt. Zu diesen KernĂŒberzeugungen gehören u.a.: „Alle Menschen sind SĂŒnder, die in der SĂŒnde empfangen und geboren worden seien“; die Notwendigkeit der Wiedergeburt; Rettung aus Gnaden allein, allein „durch das Verdienst Christi“; Christus wurde „einmal fĂŒr die SĂŒnden geopfert worden und werde kein weiteres Mal geopfert“; die Wichtigkeit der Sakramente und des Gebets. Es genĂŒge, so der Reformator, „wenn diese und Ă€hnliche Punkte ĂŒbereinstimmend, rein und einfach in der Kirche gemĂ€ĂŸ der Schrift gelehrt werden
“

Nicht alle offenbarten Wahrheiten sind gleich wichtig – es gibt zentrale Wahrheiten. UngefĂ€hr zur gleichen Zeit schrieb auf der gleichen Linie Bullingers Freund und Kollege Johannes Calvin in der Institutio:

„Nicht alle StĂŒcke der wahren Lehre sind von gleicher Gestalt. Einige von ihnen sind derart notwendig zu wissen, daß sie bei allen [GlĂ€ubigen] unerschĂŒtterlich und unzweifelhaft fest stehen mĂŒssen, gleichsam als die eigentlichen LehrstĂŒcke der Religion. Dazu gehören zum Beispiel folgende Aussagen: Es ist ein Gott, Christus ist Gott und Gottes Sohn, unser Heil besteht in Gottes Barmherzigkeit
 Dann gibt es andere LehrstĂŒcke, ĂŒber die unter den Kirchen Meinungsverschiedenheiten herrschen, die aber die Einheit im Glauben nicht zerreißen.“ (Inst. IV,1,12)

Calvin betont einerseits, dass alle Christen „von einem Nebel der Unwissenheit umhĂŒllt“ sind und wir deshalb nie alle exakt dasselbe glauben, lehren und bekennen werden. Doch er will auch nicht „Schutzpatron der IrrtĂŒmer“ sein. Es gehe vielmehr darum, das zentral Wichtige von weniger Wichtigem zu unterscheiden; es mĂŒsse unbedingt beachtet werden, dass „jene Lehre gesund und unverkĂŒrzt erhalten wird, auf der die Unverletztheit der Frömmigkeit beruht“. Man dĂŒrfe sich daher „nicht leichtfertig um irgendwelcher kleinen Meinungsverschiedenheiten willen von der Kirche trennen.“

Auf seine Weise formuliert diese Gedanken auch der reformierte Heidelberger Katechismus. „Was ist fĂŒr einen Christen notwendig zu glauben?“, lautet dort Frage 22. Antwort: „Alles, was uns im Evangelium zugesagt wird.“ Das ist angemessen breit formuliert. Konkret nennt Autor Ursinus dann aber das Apostolikum. Und auf die zentralen Wahrheiten richtet auch schon Frage 2 das ganze Augenmerk: „Was musst du wissen, damit du in diesem Trost selig leben und sterben kannst [Thema von Frage 1]?“ Nur drei Dinge – auch hier das Wesentliche: das Wissen um die eigene Verdorbenheit, also SĂŒnde, dann um die Erlösung „von allen meinen SĂŒnde und Elend“ und drittens „wie ich Gott fĂŒr solche Erlösung soll dankbar sein“.

Die Betonung einer Gruppe von Hauptaussagen durch die Reformatoren ist biblisch begrĂŒndet. Denn schon im Neuen Testament finden wir Zusammenfassungen der Kernaussagen des Evangeliums (s. vor allem Lk 24, 44–47; Apg 2, 22–40; 17, 22–31; 1 Kor 15, 3–5). Hier werden durchaus recht unterschiedliche Akzente gesetzt, wird je nach Situation, Zuhörer- oder Leserschaft auf verschiedene Weise zusammengefasst. Insgesamt prĂ€sentiert und das Neue Testament in diesen Passagen zentrale Wahrheiten, die verschieden ausformuliert sein können.

In der Bibel selbst finden wir also eine gewisse Vielfalt. Selbst die wesentlichen Lehrinhalte des christlichen Glaubens werden daher unterschiedlich formuliert. So lehrt der Heidelberger Katechismus, wie wir sahen, man mĂŒsse drei Dinge wissen. Das ist eingĂ€ngig und sinnvoll, ein anderer Katechismus könnte aber auch von zwei, vier oder fĂŒnf Punkten sprechen, die es zu glauben gilt.

„Die Verursacher von Schismen sind meistens hochmĂŒtig und ĂŒberheblich“

In der „tĂ€glichen Auslegung der Schrift, in ihrer Anpassung an unsere Zeiten, Orte und BedĂŒrfnisse“, so Bullinger weiter, „bestand immer eine große Vielfalt und Verschiedenheit, weswegen sich aber trotzdem kein verstĂ€ndiger Mensch von der Gemeinschaft der Kirche losgesagt hĂ€tte“. Er geht nun also ĂŒber von den „festen und unverĂ€nderlichen LehrsĂ€tzen“ zu der Anwendung der biblischen Wahrheiten im Gemeindealltag, in Predigt, VerkĂŒndigung und Seelsorge. Hier schreibt der Pastor und Gemeindepraktiker Bullinger:

„Denn es geschieht oft, dass zwei, drei oder noch mehr dieselbe Stelle nicht auf dieselbe Art, sondern auf sehr verschiedene Weisen auslegen. Der eine gibt sie dunkler wieder, der andere klarer. Dieser trifft den Sinn, jener nicht. Der eine wendet die Stelle, die er behandelt, sehr treffend an, ein anderer hat nicht dieselbe Geschicklichkeit darin; und trotzdem sagt er nichts, was der Wahrheit des Glaubens und der Liebe zu Gott und der NĂ€chstenliebe widersprechen wĂŒrde, sondern er bringt alles zur Erbauung vor. Dieser Verschiedenheit nimmt, so meine ich, niemand zum Anlass, sich von der Kirche abzuwenden.“

Eigentlich sagt Bullinger hier SelbstverstĂ€ndliches, schließlich sind Bibelausleger als Menschen recht unterschiedlich begabt und arbeiten immer mehr oder weniger fehlerhaft. Doch seine NĂŒchternheit und sein Realismus verblĂŒffen dennoch – Sinn wird nicht getroffen, Auslegung ist in Teilen dunkel, also unklar, einer deutet geschickt, der andere nicht. Angesichts dieser Unvollkommenheit warnt Bullinger vor falschem Perfektionismus, der nur dazu fĂŒhrt, dass man vorschnell auseinanderlĂ€uft.

Bullinger fordert nun von allen Demut. Die GlĂ€ubigen in der Gemeinde sollen „bei allen Predigten und bei allem Hören des Wortes Gottes all ihren Fleiß nur auf die Erbauung“ ausrichten. Sie sind also aufgefordert, nicht einfach herumzumĂ€keln und immer das Haar in der Suppe zu suchen; sie sollen sich vielmehr vor allem positiv fragen, was sie aufbaut.

Die Lehrer wiederum „setzen alles dran, sich selbst wie auch die Zuhörer zu bessern, und nicht, als besonders gelehrt zu erscheinen oder hervorzubringen, was bisher noch niemand gesehen hat. Die Gelehrten stören sich nicht an den Predigten von weniger Gelehrten. Denn obwohl man meinen könnte, dass diese ihr Ziel nicht ganz erreicht hĂ€tten, werden sie gelobt und nicht verdammt, weil sie dennoch Heilsames gesagt haben, auch wenn sie bei passender Gelegenheit freundlich ermahnt werden. Die weniger Erfahrenen wiederum beneiden die Erfahreneren nicht um ihre Gaben und lehnen es auch nicht ab, das Vollkommenere zu lernen, noch verschmĂ€hen und verdammen sie die gebildeten Predigten der Erfahreneren, sondern sie loben Gott und bemĂŒhen sich, das Vollkommenere nachzuahmen
 “

Die Auslegung der Bibeltexte ist kein akademischer Selbstzweck, kein intellektuelles Spiel und auch kein Mittel zur Selbstverwirklichung. Es geht bei allem um die „Erbauung“ der Gemeindemitglieder. Vor allem die VerkĂŒndiger mĂŒssen Demut bewahren: Die Begabteren dĂŒrfen sich nicht ĂŒber die weniger Gelehrten und Erfahreneren erheben; aber auch die weniger guten Prediger sind gefordert: sie sollen sich um Verbesserung bemĂŒhen und weiter lernen.

Bullinger zitiert den Kirchenvater Augustinus in Die christliche Bildung: „Wer auch immer glaubt, die Heilige Schrift oder irgendeinen Teil davon verstanden zu haben, mit diesem VerstĂ€ndnis aber nicht die doppelte Liebe, nĂ€mlich Gottes- und NĂ€chstenliebe, aufbaut, der hat sie noch nicht verstanden.“ Aus diesem Geist der Liebe heraus kann dann Ermahnung ausgesprochen und angenommen werden:

„Wo immer also ein kirchlicher Ausleger in gröberer Weise irrt, kann derjenige, der es besser weiß, den Irrenden brĂŒderlich ermahnen; eine Trennung ist ganz und gar nicht erlaubt. Die Verursacher von Schismen sind meistens hochmĂŒtig und ĂŒberheblich, verzehren sich vor Neid und haben daher keine Liebe und Bescheidenheit, heißen nichts gut, außer es sei aus ihnen selbst entstanden
 Sie denken immer ĂŒber etwas Erhabenes nach und nichts ĂŒber Gewöhnliches und Einfaches.“

Bullinger hatte bei all diesen SĂ€tzen meist die AnfĂŒhrer der TĂ€uferbewegung in der Schweiz im Blick. Heute verlaufen die Fronten anders. Wo genau nun die Linie um die „festen und unverĂ€nderlichen LehrsĂ€tze“ zu ziehen ist, muss immer wieder neu festgestellt werden. Je nach Land und Zeit ergeben sich auch besonders Herausforderungen. In Polen-Litauen wurde z.B. in der Reformationsepoche mitunter heftig um die Dreieinigkeit gestritten. Hier galt es fest zu stehen.

Auf evangelischer Seite war man sich damals weitgehend einig ĂŒber die AutoritĂ€t der Bibel. Der römischen Kirche allerdings „fehlt das heilige Wort Gottes“, so Bullinger; sie hat deren „ursprĂŒnglichen Sinn [nicht] unverdorben bewahrt“. Inzwischen kann von einem einheitlichen SchriftverstĂ€ndnis der Protestanten schon lange keine Rede mehr sein. Nun fehlt auch vielen evangelischen Kirchen das heilige Wort Gottes.

Auch heute muss brĂŒderlich ermahnt werden, und Bullinger wĂŒrde sicher die eine oder andere Trennung begrĂŒĂŸen, ja sogar fordern – eben wegen des Aufgebens von zentralen Wahrheiten durch Neuerer, darunter auch zur AutoritĂ€t der Bibel selbst. Debatten ĂŒber Exegese und Hermeneutik biblischer Texte  bleiben aber auch fĂŒr die ‘Bibeltreuen’ weiter nötig. Alle sind mit der ZĂŒrcher Reformator aufgefordert, demĂŒtig ihre Verwurzelung in bestimmten VorverstĂ€ndnissen anzuerkennen und offen fĂŒr Kritik zu bleiben.

Holger Lahayne, 27.1.2020 (www.lahayne.lt)

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 12. Februar 2020 um 9:45 und abgelegt unter Kirchengeschichte, Theologie.