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Handelt Gott in der Geschichte?

Donnerstag 21. November 2019 von Dr. Joachim Cochlovius


Dr. Joachim Cochlovius

Viele sehen im Mauerfall 1989 ein Eingreifen Gottes. Andere erklären sich dieses Ereignis mit wirtschaftlichen Gründen (DDR-Planwirtschaft), günstigen außenpolitischen Konstellationen (Gorbatschows Perestroika-Politik) und den nationalen Bedingtheiten (Zusammenhalt der Deutschen). Kann man angesichts dieser unterschiedlichen Deutemöglichkeiten eine „Theologie der Wende“ entwerfen? Darf man überhaupt ein direktes Eingreifen Gottes in den irdischen Geschichtsverlauf annehmen? Und wenn ja, an welchen Kriterien wäre das abzulesen? Im Folgenden gehe ich diesen Fragen nach.

Ich hoffe, dass der freundliche Leser ein ähnliches Aha-Erlebnis hat wie ich, als mir die Tragweite unseres Themas klar wurde und ich mich plötzlich nicht mehr fragte, ob Gott in der Geschichte handelt, sondern nur noch, wie er in der Geschichte handelt. Schnell wurde mir klar, dass die Geschichtsmächtigkeit Gottes zum fundamentalen christlichen Glaubensgut gehört. Wie sollte auch er, der alles erschaffen hat und erhält, die Menschheits- und Naturgeschichte nur von außen betrachten und nicht auch in ihr wirksam sein? Doch – wenn wir uns auch mit dem Apostolischen Glaubensbekenntnis zur Allmacht und Allwirksamkeit Gottes bekennen, wie und woran ist denn diese Wirksamkeit Gottes in der Geschichte zu erkennen? Das ist eine wahrhaft spannende Frage, auf die ich im Folgenden eine Antwort suche. Ich gehe an das Thema in vier Schritten heran. Zuerst stelle ich fest, dass der geschichtsmächtige Gott zentral zur christlichen Theologie dazugehört. Dann weise ich auf die Eigenart Gottes hin, sich in den geschichtlichen Abläufen nur dem Glauben zu zeigen und sich ansonsten zu verbergen. Drittens wende ich mich Marias Lobgesang zu, der Grundzüge einer biblischen Geschichtstheologie enthält. Abschließend versuche ich dann skizzenhaft eine „Theologie der Wende“.

1.) Wir glauben an Gott, der Raum und Zeit erschaffen hat und der Raum und Zeit regiert

Gott hat am 1. Schöpfungstag Raum und Zeit erschaffen. Die Zeit, als er einen Anfang setzte, und den Raum, als er den zunächst leeren „Himmel“ erschuf (1 Mose 1,1). Damit erweist sich der Dreieinige Gott als Herr über Raum und Zeit, und es ist nur logisch, dass er Raum und Zeit durchdringt, geheimnisvoll füllt, bestimmt und seinen Plänen souverän nutzbar macht. Leider sind diese Einsichten vielen Christen heute nicht mehr selbstverständlich. Der Siegeszug der Evolutionsidee hat den ersten Glaubensartikel gefährlich verdunkelt.

Aber es gibt für jeden Christen ein unumstößliches Urdatum, das der geschichtsmächtige Gott selber gesetzt hat und das niemand leugnen kann, es sei denn, er hört auf Christ zu sein. Das ist die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Jesus hat auf unserer Erde gelebt, er war eine geschichtliche Person. Es hat Gott gefallen, als „die Zeit erfüllt war“ (Mk 1,15), in einer absolut unerhörten Weise in den Geschichtslauf einzugreifen und der Menschheit seinen Heiland zu schicken. Jesus ist der „Heiland Gottes“, das hat der greise Simeon – erleuchtet durch den Heiligen Geist – entdeckt, als er das neugeborene Kind bei Josef und Maria sah. „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen“ (Luk 2,29f). Der Hinweis, dass der Heilige Geist mit Simeon war, ist nicht unwichtig. Das geschichtliche Eingreifen Gottes ist als solches nur dem Glaubenden zugänglich, selbst beim Urdatum des Geschichtshandelns Gottes schlechthin. Der Nichtglaubende sah damals und sieht bis heute in Jesus nur einen außergewöhnlichen Menschen.

Wenn wir den Radius des Eingreifens Gottes in die Geschichte erweitern, kommen wir zum Eingreifen Gottes in die Geschichte Israels. Jesus weiß sich gesandt „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Mt 15,24). Damit bekennt er sich zum jüdischen Volk und dessen Geschichte. Von Anfang an ist das Volk Israel dazu bestimmt, ein Segensträger für die Menschheit zu sein. Durch Abraham und seine Nachkommen „sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (1 Mose 12,3). Mose erfährt in Midian, dass Gott das Volk Israel zu seinem erstgeborenen Sohn gemacht hat, dazu bestimmt, Gott zu dienen (2 Mose 4,22f). Am Berg Sinai bekommt Israel schließlich seine unverlierbare Bestimmung. „Werdet ihr meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein“ (2 Mose 19,5f). Alle Wirrungen und Irrungen in Israels Geschichte sind Folge dieser Bestimmung. Gott segnet, führt, beschützt, ermahnt und straft seinen „erstgeborenen Sohn“ auf vielfältige Weise, um ihn durch die Jahrtausende hindurch zu diesem großen Ziel zu bringen, ein priesterliches Segensvolk für die Menschheit zu sein. Wer das letzte Buch der Bibel mit seinen vielen israelbezogenen Ankündigungen liest, merkt schnell, dass Gott erst auf der neuen Erde sein Ziel mit Israel erreichen wird, genauer gesagt, im Neuen Jerusalem (Offb 21 und 22). Auch am geschichtlichen Handeln Gottes an Israel lässt sich ablesen, dass dieses Eingreifen immer ein Ruf zum Glauben war. In einem Psalm heißt es „Erkennt, dass der Herr Gott ist! Er hat uns gemacht zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide“ (Ps 100,3). Nur die Glaubenden erkannten Gottes Führungen, Bewahrungen und Strafaktionen. Der Unglaube sah damals und sieht auch heute in Israels Geschichte nur Menschenwerk.

Spannen wir den Horizont noch etwas weiter. Gott handelt auch an den Nationen. Die Völker Kanaans wären von Gott gesegnet worden, wenn sie Israel gesegnet und als Dienstvolk Gottes anerkannt hätten. Aber ihr Israelhass und -neid machte sie blind und für Gottes Strafgericht reif. Der Prophet Daniel empfängt zweimal eine Schau künftiger Weltmächte, denen Israel durch Gottes Strafhandeln ausgeliefert wird, aber trotzdem in seiner Existenz bewahrt bleibt (Dan 2 und 7). Immer dann, wenn die jeweiligen Machthaber ihre Handlangerdienste überziehen und sich an Israel vergreifen, greift Gott früher oder später ein und entzieht ihnen die Macht. Als Nebukadnezar sich seiner Größe rühmt, verfällt er dem Wahnsinn (Dan 4). Als Belsazer sich an den jüdischen Tempelgeräten vergreift, erscheint der göttliche Richterspruch an der Wand (Dan 5). Solche Akte zeigen, dass Gott den Mächtigen die Macht nimmt, wo sie hochmütig und zu Feinden Israels werden. Es spricht nichts dagegen, Spuren dieses Handelns auch in der nachbiblischen Weltgeschichte zu suchen. Die jüngere deutsche Geschichte gibt dafür manches Anschauungsmaterial. Die kurze Dauer und der Untergang des Dritten Reichs, der Verlust der deutschen Ostgebiete und die Teilung Deutschlands können durchaus als ernste Strafantwort Gottes auf den Hochmut der damaligen Mächtigen und auf die Judenverfolgung angesehen werden. Andererseits kann der schnelle wirtschaftliche Wiederaufstieg nach dem zweiten Weltkrieg als neuer Segen verstanden werden, der mit den immensen finanziellen Mitteln zusammenhängt, die Adenauer Ben Gurion zugesagt und zugeteilt hat.

So bleibt das Geschichtshandeln Gottes letztlich ein ambivalentes Geschehen. Beweisbar ist es nicht, aber der Glaubende braucht keine Beweise. Er sieht die souveräne Hand Gottes, beugt sich unter seine Regie und gibt ihm die Ehre.

2.) Wir glauben an Gott, der sich unbeweisbar macht und trotzdem dem Glaubenden Einblicke in seine Regie gibt

Blaise Pascal hat das sich verbergende und trotzdem zugängliche Handeln Gottes auf den Punkt gebracht. „Gott gibt so viel Licht, dass wer glauben will, glauben kann. Und Gott lässt so viel im Dunkeln, dass wer nicht glauben will, nicht glauben muss“. Das ist ein guter Leitfaden, um dem Handeln Gottes in der Geschichte nachzusinnen. Wer ein direktes Eingreifen Gottes in die Geschichte generell abstreitet, beschränkt Gottes Allwirksamkeit und konstruiert eine rein immanente eigengesetzliche Geschichtswelt ohne Gott. Das wäre eines Christen unwürdig, der sich im Apostolischen Glaubensbekenntnis zur Allmacht Gottes bekennt. Wer hingegen mit Schiller die Geschichte unmittelbar als göttliches Weltgericht ansieht, der verkennt Gottes Wesen, der sich Deutungen aus menschlicher Weisheit und Vernunft bewusst entzieht. „Die Weisheit der Welt ist bei Gott Torheit“ (1 Kor 3,19). Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus?

Betrachten wir einmal kurz die menschliche Weisheit der Freunde Hiobs. Sie können sich das Schicksal Hiobs nicht erklären und kommen zu menschlichen bzw. allzu menschlichen Erklärungsversuchen. In ihren Augen ist Gott ein Oberrichter, der in der Welt die Guten belohnt und die Bösen bestraft. Wer sich die Weltgeschichte so vorstellt, kommt zu völlig falschen Schlüssen und zu einem ganz verkehrten Gottesbild. Wenn Gott wirklich die Bösen im Lauf ihres Lebens bestrafte und die Guten belohnte, würde es auf unserer Erde anders aussehen. In Wirklichkeit ist es oft umgekehrt: die Bösen triumphieren oft ihr Leben lang, und die Guten werden benachteiligt oder sogar verfolgt. Auch das Menschenbild der Freunde Hiobs ist fatal. Wer ihm folgt, lebt unter einem dauernden Leistungsdruck, Gott gefallen zu müssen. Und er steht in der Gefahr dauernder Selbstüberschätzung, als ob er aus sich heraus gut sein könnte. „Meinst du, dass Gott unrecht richtet oder der Allmächtige des Recht verkehrt? Haben deine Söhne vor ihm gesündigt, so hat er sie verstoßen um ihrer Sünde willen“ (Hiob 8,3f).

Wer auf diese Weise versucht, die Geschichte zu erklären, kommt notgedrungen zu falschen Schlüssen. In dieser Perspektive war z.B. Josefs langer Leidensweg eine Strafe Gottes für böse Taten und der Reichtum eines Herodes Antipas oder Herodes Agrippa eine Belohnung für gute Taten. Das kann also der Schlüssel zum Verstehen des Eingreifens Gottes in den Weltlauf nicht sein.

Gegenüber dem Versuch, Gottes Handeln in der Geschichte mit der menschlichen Vernunft zu erklären, gibt es natürlich den gegensätzlichen atheistischen Denkansatz, Gott vollständig aus dem Weltgeschehen zu verbannen. Karl Marx hat schon 1843 gefordert, die „illusorische Sonne“ der Religion abzuschaffen und an diese Stelle die „wirkliche Sonne“, nämlich den Menschen, zu setzen. Die Geschichte soll ganz ohne Gott interpretiert und gestaltet werden. „Es ist also Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren“ (K. Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie). Auch der im März 2018 verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking meinte, die Welt ganz ohne Gott erklären zu können. „Spontane Erzeugung ist der Grund, warum etwas ist und nicht einfach nichts, warum es das Universum gibt, warum es uns gibt. Es ist nicht nötig, Gott als den ersten Beweger zu bemühen, der das Licht entzündet und das Universum in Gang gesetzt hat.“ (St. Hawking, Der große Entwurf. Eine neue Erklärung des Universums, 2010).

Aber auch diese Komplettleugnung Gottes kann einen nachdenklichen Menschen nicht befriedigen (von einem Christen ganz zu schweigen). Zu viele Indizien deuten einfach auf die Existenz einer höchsten Intelligenz hin. Der Theologieprofessor und Pastor Timothy Keller hat in seinem Buch „Glauben wozu?“ (2019) sechs Argumente für die Existenz Gottes formuliert, die zwar keinen Gottesbeweis hergeben, aber zumindest auf einen planenden und Moral stiftenden Gott hindeuten: „Staunen über den Kosmos“, „Die Welt sieht nach Planung aus“, „Moralischer Realismus“, „Bewusstsein“, „Abstraktes Denken“ und „Schönheit“ (aus einem Artikel in idea Spektrum 41/2019).

Wenn also weder vernünftige Erklärungsversuche des göttlichen Geschichtshandelns noch die entschiedene Leugnung irgendeiner göttlichen Mitgestaltung des Weltgeschehens weiterhelfen, dann sind wir mit unserer Leitfrage in der Tat in einem Dilemma. Kann man ihm entkommen? Ich denke ja. Pascal und vor ihm Luther haben den Weg gezeigt. Es ist die Einsicht, dass Gott selbst weder beweisbar noch unerkennbar sein möchte. Sowohl in der Natur als auch in der Geschichte legt er unzählige Spuren seines Handelns, die der Mensch betrachten und erforschen soll. Aber er lässt absichtlich alle Spuren mehrdeutig. Niemand wird gezwungen, Gott anzuerkennen. Niemand kann aber auch sagen, dass es keinerlei Spuren gibt. Der Grund für dieses Verhalten Gottes ist, dass er sich nicht durch gedankliche Spekulation finden lassen will, sondern beim Menschen Glauben und Vertrauen sucht. Er will als der den Sünder liebende und auf ihn wartende himmlische Vater erkannt und geglaubt werden. Dazu ist er in Gestalt seines Sohnes auf die Erde gekommen und wird zum Gericht und zur Neuschöpfung von Himmel und Erde wiederkommen. „Er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat“ (Apg 17,31).

3.) Marias Lobgesang als Deuterahmen für das Geschichtshandeln Gottes

Der großartige Lobgesang der Mutter Jesu (Luk 1,46-55) ist viel mehr als ein dankbares Lied einer jungen Mutter für die empfangene Gnade Gottes. Dieser neutestamentliche Psalm ist in seiner weltgeschichtlichen Perspektive und theologischen Kraft den alttestamentlichen Psalmen völlig ebenbürtig. Die vom Heiligen Geist erleuchtete und innerlich geführte Maria legt hier mit ihren Worten den Grund für eine umfassende biblische Geschichtstheologie. Sie nimmt uns an der Hand und lässt uns hinter den Vorhang der Weltgeschichte blicken. Natürlich wird auch durch diesen Psalm Gott nicht beweisbar, aber wir bekommen wesentliche Einblicke in die Motive seines Handelns. Einige möchte ich hervorheben.

Maria bezeugt, dass Gott ihre Niedrigkeit angesehen hat, also ihre völlige Bedeutungslosigkeit für den Gang der politischen Prozesse. Sie war ein „nobody“. Aber Gott liebt es, an und durch Menschen zu handeln, die keinen oder wenig öffentlichen Einfluss haben. Denn so gewährleistet er, dass er allein und nicht der Mensch der wahre Akteur ist. Auf diese Weise tut Gott „große Dinge“, die die Welt bewegen. An seiner Menschwerdung reiben sich seitdem die Menschen, aber alle, die an Jesus Christus als Heiland glauben, preisen Maria für ihre besondere Mutterschaft.

Gott sieht auf jeden Menschen, der ihn fürchtet, mit Gnade. Gnade ist diejenige Kategorie des Handelns Gottes, die einem Menschen Vergebung seiner Sünden verschafft, wodurch er frei wird zu einem wahrhaft alternativen Leben, in dem er sich nun von der Liebe zu Gott und seinem Nächsten leiten lassen kann. Segen gibt Gott in vielfältiger Weise allen, aber Gnade bekommen nur die Demütigen (1 Petr 5,5; Jak 4,6). Von Gott begnadete Menschen wirken in unserer Welt als Licht und Salz. Weil sie „Kinder des Lichts“ sind (Eph 5,8), lassen sie sich nicht mehr bestimmen von Unzucht, Habgier und Lüge (Eph 5,3) und bringen auf diese Weise ein großes gestalterisches Potential in die Gesellschaft, insbesondere in ihre Familien, in die Wirtschaft und die Rechtspflege. So greift Gott indirekt und trotzdem unmittelbar in die Geschicke und Geschichte der Völker ein.

Die Stolzen rufen Gottes Zorn hervor. Ihnen gegenüber handelt Gott ganz eigenartig. Er lässt sie nämlich eine Zeit lang gewähren. Luther führt in seiner tiefgründigen Auslegung des Lobgesangs Marias dazu aus, dass Gott sie „groß und mächtig sich erheben“ lässt, dass er aber ihnen seine Kraft entzieht und sie fortan „nur von eigener Kraft sich aufblasen“ lässt. „Wenn nun die Blase voll ist und jeder meint, sie liegen oben, haben gewonnen, und sie selbst nun auch sicher sind und haben’s zu Ende gebracht, so sticht Gott ein Loch in die Blase, so ist es gar aus“. Ein Blick in die Weltgeschichte im Großen und Kleinen zeigt sofort, dass diese Sicht der Dinge richtig ist. Sowohl die Weltmächte und die Regenten als auch unser menschliches soziales Umfeld liefern Beispiele genug, wie Gott den Stolz zunächst gewähren und ausreifen lässt, bis er dann plötzlich zuschlägt und die Stolzen beseitigt.

Die Mächtigen beziehen ihre Macht von Gott. Das hat Jesus vor Pilatus klargestellt (Joh 19,11). Sie sind, ob sie es wissen oder nicht, „Gottes Dienerin“ (Röm 13,4), d.h. Gott regiert durch sie und gewährleistet das menschliche Zusammenleben. Wo sie sich in ihrem Herzen über Gott und seine Gebote erheben, ihre eigene Ehre suchen und ihre Macht eigenmächtig vermehren, dort dauert es nicht lange, bis Gott sie absetzt und zuschanden werden lässt. Luther führt Nebukadnezar und Pharao an, aber auch die Weltmächte der Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen und Römer. Aus unseren Tagen könnte man den Zusammenbruch der kommunistischen Länder im letzten Jahrhundert anführen. Marias Lobgesang liefert den besten nur denkbaren Deuterahmen für diese Geschehnisse.

Aber Gottes Handeln in der Geschichte ist auch dadurch gekennzeichnet, dass er immer wieder den Einflusslosen, Unbekannten, Benachteiligten und Armen auf seine Weise beisteht. Luther betont, dass sie nun nicht automatisch in hohe Stellungen versetzt oder reich werden. Vielmehr sollen sie in ihrer Niedrigkeit lernen, ihre Hilfe nicht mehr bei den Menschen, sondern nur bei Gott suchen. Dann wird Gott seine Werke an ihnen tun und ihnen wohltun an Leib, Seele und Geist.

So verstanden ist Marias Lobgesang alles andere als ein revolutionäres Lied, das nur einen bloßen äußeren Machtwechsel verheißt, sondern vielmehr eine Anleitung zu einem dauernden Wertewechsel. Wir sollen lernen, Gottes Handeln zu verstehen. Wir sollen lernen, vor den Mächtigen dieser Welt keine Angst zu haben, denn sie sind nur Figuren auf Gottes weltgeschichtlichem Schachbrett. Wir sollen lernen, den eigenen Stolz zu überwinden und nicht mehr auf das eigene Können, sondern auf Gottes Kraft zu setzen. Wir sollen nicht nach Macht, Reichtum, Ansehen und Einfluss streben, weil das menschliche Herz, um mit Luther zu sprechen, dadurch zu „Vermessenheit“ und „falscher Sicherheit“ bewegt wird, „dass es Gott vergisst“, sondern wir sollen uns nach Gottes Gnade ausstrecken.

4.) Eine kurze „Theologie der Wende“

Auf dem Hintergrund der obigen drei Abschnitte möchte ich versuchen, die Geschehnisse in Deutschland vor 30 Jahren theologisch zu deuten. Grundsätzlich kann man sagen, dass die friedliche Revolution, die zur politischen Wende in der früheren DDR geführt hat, für eine kurze Zeit wie durch ein Fenster einen Blick auf das geschichtsmächtige Handeln Gottes freigegeben hat.

Die Vertreter der gottlosen kommunistischen Ideologie, die „ohne Gott und Sonnenschein“ ihre Ernten einbringen wollten, wurden „zerstreut in ihres Herzens Sinn“, um mit Maria zu sprechen. Gott hat dafür gesorgt, dass die Bäume der gottlosen Herrscher nicht in den Himmel wuchsen. Er hat „die Gewaltigen“ vom Thron gestoßen.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat Gott viele feine Fäden gesponnen, die kein Historiker jemals alle erkennen und beschreiben kann. Einige sind bekannt, andere weniger. Sechs möchte ich nennen. 1.) Die DDR-Planwirtschaft war trotz Milliardenzuschüssen aus der Bundesrepublik nicht in der Lage, die Wirtschaft international konkurrenzfähig zu machen. 2.) Das kleine Emblem „Schwerter zu Pflugscharen“, das auf Micha 4,3 zurückgeht und das von einem sowjetrussischen Künstler entworfen worden war und als Geschenk der Sowjetunion vor dem New Yorker UN-Gebäude aufgestellt worden war, hatte sich unter den DDR-Jugendlichen zu einem Protest- und Widerstandssymbol entwickelt, dem die Parteiführung ohnmächtig gegenüber stand. 3.) Die politische Großwetterlage war für den Widerstand der DDR-Bürger günstig. In der Sowjetunion hatte Michael Gorbatschow – wesentlich beeinflusst von Margret Thatcher aus Großbritannien – mit seinen beiden Schlagworten Perestroika und Glasnost eine weniger repressive Parteipolitik eingeführt. Dies hatte ihn für viele DDR-Bürger zu einem Hoffnungsträger gemacht. 4.) Der Mut der Demonstranten insbesondere in Plauen und Leipzig war ganz erstaunlich. Sie waren von Volkspolizei, Volksarmee, Stasi und weiteren bewaffneten Sondertruppen ein brutales Vorgehen gegen politisch Widerspenstige gewöhnt. Trotzdem zogen an dem legendären 9. Oktober 1989 etwa 70 000 Demonstranten um den Leipziger Ring. Woher kam dieser Mut? Eine Quelle neben anderen waren bestimmt die mutigen Predigten Pfr. Dr. Theo Lehmanns im damaligen Karl-Marx-.Stadt, zu denen im Laufe der Jahre viele tausend Jugendliche gekommen waren. Sie trugen den Mut weit ins Land hinaus. 5.) Zweifellos trug auch die relative Bewegungsfreiheit der Kirchen innerhalb ihrer Mauern wie z.B. in der Leipziger Nikolaikirche dazu bei, dass sich Reform- und Widerstandsgruppen organisieren und artikulieren konnten, aus denen sich dann im Spätsommer 89 die ersten kleineren Demonstrationen formierten. 6.) Die ungarische Regierung hatte mit Genehmigung Michael Gorbatschows bereits im Mai 1989 damit begonnen, den Grenzzaun nach Österreich abzubauen. Am 27.6.89 durchschnitten die beiden Außenminister G. Horn und A. Mock symbolisch den Stacheldraht zwischen ihren Ländern. Am 19.8.89 flohen etwa 600 DDR-Bürger nach Österreich. Am 10.9.89 wurde die Grenze zwischen Ungarn und Österreich generell geöffnet. All dies sind Mosaiksteine der Wende im Jahr 1989. In der Perspektive des Lobgesangs der Maria hat Gott 1989 mit seinem Arm „die zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn“ und die gottlose kommunistische Ideologie in die Schranken verwiesen.

An dieser Stelle möchte ich noch ein persönliches Erlebnis beisteuern. Im September 1990 war ich mit meiner Frau anlässlich unserer Silberhochzeit unterwegs in Ungarn. Wir beteten, dass Gott uns eine Möglichkeit zeigen möge, unseren Dank an einen der mutigen ungarischen Politiker auszusprechen, Während einer Fahrt um den Plattensee fiel unser Blick auf einen Veranstaltungshinweis mit dem damaligen ungarischen Außenminister Gyula Horn. Wir fragten uns – ohne ungarische Sprachkenntnisse – nach dem Veranstaltungshaus durch und kamen dort gerade an, als unmittelbar Herr Horn erwartet wurde. Wir erklärten unser Anliegen und konnten tatsächlich, obwohl er unter Zeitdruck stand, als ehemalige DDR-Bürger ihm im Namen vieler anderer unseren Dank aussprechen und ihm Gottes Segen wünschen.

Nicht sehr oft öffnet sich in der Weltpolitik ein solches Fenster wie 1989, wo man Gottes Geschichtshandeln so hautnah erleben kann. Natürlich können auch diese Geschehnisse ohne Gott interpretiert werden. Aber wer Marias Lobgesang und damit die Motive Gottes kennt, die seinen Arm in der Geschichte bewegen, der kann nur staunen und anbeten. Ich kann nur Theo Lehmann beipflichten, der 1980 in seinem Lied „Wer Gott folgt, riskiert seine Träume“ gedichtet hat: „Die Mächtigen kommen und gehen, und auch jedes Denkmal mal fällt. Bleiben wird nur, wer auf Gottes Wort steht, dem sichersten Standpunkt der Welt“.

Pastor Dr. Joachim Cochlovius

Quelle: Aufbruch – Informationen des Gemeindehilfsbundes (November 2019). Der Aufbruch kann kostenlos bei der Geschäftsstelle des Gemeindehilfsbundes, Mühlenstr. 42, 29664 Walsrode (info@gemeindehilfsbund.de) bezogen werden. Die November-Ausgabe kann hier heruntergeladen werden. 

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 21. November 2019 um 14:24 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Kirchengeschichte.