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500 Jahre Admiral de Coligny – ein mutiger Hugenottenführer

Freitag 25. Oktober 2019 von Michael Kotsch


Michael Kotsch

Mit der sogenannten Bartholomäusnacht 1572, die auch Pariser Bluthochzeit genannt wurde, erreichte die blutige Verfolgung der französischen Protestanten einen Höhepunkt. Begonnen hatte das Massaker mit der Ermordung des einflussreichen Admirals Gaspard de Coligny, der sich während einer Kriegsgefangenschaft dem reformatorischen Glauben zugewandt hatte. Die französische Regierung fürchtete seinen Einfluss unter den Hugenotten und man gab seinen Mord in Auftrag. Die reformatorische Bewegung in Frankreich war auch immer mit Politik vermischt. Sie führte Krieg gegen die Unterdrückung, hatte militärische Erfolge und sollte auch deswegen ausgelöscht werden.

Die Flucht der Hugenotten aus Frankreich ist vielen bekannt. Von der sogenannten Bartholomäus-Nacht 1572, in der viele Evangelische in Frankreich getötet wurden, hat man gehört. Auslöser für die Blutnacht war unter anderem auch die Ermordung eines angesehenen französischen Admirals, der zum Führer der Hugenotten geworden war, nachdem er sich selbst der Reformation zugewandt hatte. Anlässlich der 500sten Wiederkehr seines Geburtstages, lohnt eine Erinnerung an das Leben dieses bemerkenswerten Mannes.

Eine beachtliche Karriere

Gaspard II. de Coligny, Sohn einer bekannten Adelsfamilie, wurde 1519 in Châtillon-sur-Loing geboren. Sein Vater, ein hochdekorierter Marschall der französischen Armee starb, als Coligny fünf Jahre alt war. Zusammen mit den beiden Brüdern wurde er von seiner Mutter Louise de Montmorency aufgezogen. Diese hatte deutliche Sympathien für die evangelischen Reformvorschläge an der damaligen Kirche.

Durch die Berufung Madame de Colignys als Gesellschafterin der Königin Eleonore von Frankreich (1498-1558) kam der Junge in engeren Kontakt mit den herrschenden Familien des Landes. Schon damals legte Coligny weit mehr Wert auf Bildung und einen moralischen Le­bens­wandel als auf die vergnüglichen Feiern am Hof und häufige Jagdausflüge. Ins­besondere interessierte er sich in dieser Zeit für Geschichte und Philosophie.

Am Hof Franz I. (1494-1547) schloss Coligny Freundschaft mit dem gleichaltrigen Adeligen Franz von Guise (1519-1563). Beide standen im Dienst des französischen Militärs. Aufgrund seiner Tapferkeit in den Schlachten von Montmédy und Bains wurde Coligny schon bald zum Ritter geschlagen.

Auch in Feldzügen gegen den spanisch- deutschen Kaiser Karl V. (1500-1558) in den Niederlanden und Italien bewährte sich Coligny und wurde daraufhin General (1547). In Lothringen kämpfte er für den Anschluss der Bistümer Metz, Toul und Verdun an Frankreich. Aus Dank für seine außerordentlichen Leistungen wurde Coligny zum Admiral sowie zum Gouverneur von Paris und der Île-de-France ernannt. Später war er zeitweilig außerdem verantwortlich für die Provinzen Picardie und Normandie. Damit gehörte Coligny zur höchsten Schicht des französischen Adels. Eine persönliche Freundschaft verband ihn ferner mit dem berühmten englischen Weltumsegler, Entdecker und Navigator Francis Drake (1540-1596).

Coligny heiratete 1547 Charlotte, Tochter des Grafen Guy XVI. de Laval. Zusammen hatte das Paar fünf Kinder. Nach dem Tod seiner ersten Frau (1568) heiratete Coligny 1571 in La Rochelle Jacqueline de Montbel, Comtesse d’Entremont et de Nottage (1541–1600).

Als Armeeoffizier setzte Coligny sich durchaufhin erfolgreich für eine moralische Militärreform ein. Die von ihm entworfenen Verordnungen untersagten den Soldaten Stehlen, sinnloses Duellieren, Fluchen, übermäßigen Alkoholkonsum und Gewaltanwendung gegen die Zivil­bevölkerung.

Nach 1554 wurden Coligny und Franz von Guise aufgrund von Neid und unterschiedlicher politischer Überzeugungen erst zu Gegnern, dann sogar zu Feinden. Aus Trotz brach der Herzog von Guise einen von Coligny mit den Spaniern geschlossenen Friedensvertrag. Nach seiner vergeblichen Verteidigung von Saint-Quentin geriet Coligny daraufhin in spanische Gefangenschaft.

Geistliche Umorientierung

Im Gefängnis begann Coligny sich intensiver mit den Lehren der Reformation auseinanderzusetzen (1557). In diesem Zusammenhang stand er in Briefkontakt mit einigen führenden Vertretern der Hugenotten.

„Indem Gott Ihnen diese Prüfung geschickt hat, wollte er Sie sozusagen aus dem Verkehr ziehen, damit er von Ihnen besser gehört wird. Es ist, als wollte er Ihnen persönlich ins Ohr sprechen.“

So schrieb der Reformator Johannes Calvin (1509-1564) aus Genf an den eingekerkerten Coligny.

Erst zwei Jahre später wurde er gegen Zahlung eines erheblichen Lösegeldes wieder freigelassen. Zwischenzeitlich war Heinrich II. (1519-1559) gestorben und die ihm feindlich gesinnte Adelsfamilie von Guise hatte in Paris die Macht übernommen. Daraufhin zog sich Coligny zu persönlichen Studien in sein ländlich gelegenes Schloss zurück (1559). Jetzt, nach seiner Befreiung aus der spanischen Gefangenschaft, bekannte sich der Admiral offen zur reformierten Lehre.

Reformation in Frankreich

Ursprünglich war das Anliegen einer religiösen Erneuerung in Frankreich durchaus auf fruchtbaren Boden gefallen. Schon lange hatten Gerüchte über offenen Machtmissbrauch und Unmoral in der Bevölkerung die Runde gemacht. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gab es in Frankreich eine enge Bindung zwischen Kirche und Staat. Alle höheren Kirchenämter wurden vom französischen König mit ihm genehmen Adligen besetzt. Gleichzeitig wurde die Kirche benutzt, um das Volk besser verwalten und überwachen zu können.

Vor diesem Hinter­­grund wundert es kaum, dass führende französische Geistliche wie der Bibel­übersetzer Jacques Lefèvre d’Étaples (1450-1535), Guillaume Briçonnet, Bischof von Meaux (1472-1534) und Jean du Bellay, Erzbischof von Bordeaux (1492-1560), Luthers Reformvorschlägen erst einmal positiv gegenüberstanden. Auch sie wollten die Bedeutung der Bibel hervorheben, die Lehre der Gnade auf Kosten der Werke stärken und einige überkommene Traditionen abschaffen. Im Gegensatz zu Deutschland gab es in Frankreich aber keine autonomen, lokalen Fürsten, unter deren Schutz sich eine eigenständige Kirche entwickeln konnte. Bis auf die von Johannes Calvin geprägten Reformierten hielten sich die meisten anderen Sympathisanten der Reformation weitgehend zurück, blieben formal in der katholischen Kirche und beschränkten ihren Protest vor allem auf das Private.

Der französische König Franz I. (1494-1547) setzte ganz auf die bestehende Koalition mit der katholischen Kirche. Unmittelbar nachdem Luther vom Papst exkommuniziert worden war, verdammte die Pariser Universität Sorbonne seine Lehren ebenfalls. Auch außenpolitisch wollte sich der König nicht durch Toleranz gegenüber den vorgeblich „ketzerischen Lehren“ der Reformation angreifbar machen. Also wurden deren Schriften verboten und als abschreckendes Beispiel einige Protestanten getötet. Beispielsweise verbrannte man in Paris den mit Luther sympathisierenden Augustinermönch Jean Vallière (1523).

Der Protestantismus wurde bis etwa 1530 zunehmend in den Untergrund gedrängt, da religiöse Verfolgungen durch die katholische Seite immer mehr zunahmen. Mit einer 1559 in Paris veranstalteten Nationalsynode organisierten sich die reformierten Christen Frankreichs. Zu Beginn der 1560er Jahre zählten zwei Millionen Personen in rund 2000 Gemeinden zur hugenottischen Untergrundkirche; was ungefähr zehn Prozent der französischen Gesamtbevölkerung entsprach.

Führer der Hugenotten

Trotz offener Diffamierungen und Verfol­gun­gen der französischen Protestanten schlossen Coligny und seine Frau sich einer örtlichen Hugenottengemeinde an. Bald begann der Admiral auch zu predigen und sich politisch für den Schutz seiner Glaubensbrüder einzusetzen. Er kämpfte in den Hugenottenkriegen 1562/1563 und 1567 bis 1570 als Feldherr und politisches Ober­haupt der französischen Protestanten gegen katholische Truppen und gegen den Einfluss der Adelsfamilie von Guise. Gleichzeitig bemühte er sich um Kompromisse mit dem König.

Schon Heinrich II. (1519-1559) hatte durch den außerordentlichen Gerichtshof der Chambre ardente und durch das Edikt von Compiègne (1557) Hugenotten aufspüren und als Ketzer hinrichten lassen.

Unglücklicherweise vermischten sich in Frankreich zunehmend politische und religiöse Interessen. Hugenotten beteiligten sich 1560 an einem fehlgeschlagenen Attentat auf den ihnen feindlich gesinnten König Franz II. (1544-1560). Daraufhin nahm der Druck auf die protestantischen Gemeinden noch einmal zu.

Auf diplomatischem Weg bemühte sich Coligny zwischenzeitlich durchaus erfolgreich um eine staatliche Anerkennung der Hugenotten. Nach dem Massaker an einer ganzen protestantischen Gemeinde von 600 Personen in Vassy (1562) war das gegenseitige Vertrauen allerdings auf einem vorläufigen Tiefpunkt angekommen. Der für die Bluttat verantwortliche Herzog Franz von Guise wurde daraufhin von seinen staatlichen Ämtern enthoben und 1563 von dem Hugenotten Poltrot de Méré, einem Anhänger Colignys, ermordet.

Durch das provisorische Edikt von Amboise (1563) kam es zu einem vorläufigen Frieden und einer gewissen Anerkennung protestantischer Gemeinden. Trotzdem blieb Coligny skeptisch, weil sich die einflussreiche Katharina von Medici (1519-1589) gleichzeitig auch mit dem Herzog von Alba traf, um die weitere Bekämpfung der Protestanten zu planen.

In zähen Verhandlungen konnte Coligny den König schließlich von der Notwendigkeit einer politischen Lösung überzeugen. Nach dem Frieden von Saint-Germain (1570), der den 3. Hugenottenkrieg beendete, wurde Coligny an den Hof nach Paris geladen. Dort versuchte er schlussendlich vergeblich Karl IX. (1550-1574) zu überzeugen, sich mit den reformierten, niederländischen Rebellen gegen den spanischen König Philipp II. zu verbünden. Die Königsmutter und leidenschaftliche Katholikin Katharina von Medici verärgerte er mit diesem Vorschlag nachhaltig.

Blutige Bartholomäusnacht

Gemeinsam mit der Adelsfamilie von Guise schmiedete Katharina von Medici wenig später einen Mordkomplott gegen den immer einflussreicheren Admiral, der allerdings fehlschlug. Nur zwei Tage später wurde Coligny dann aber im zweiten Anlauf tatsächlich ermordet.

Eigentlich war die Hochzeit des Protestanten Heinrich von Navarra (des späteren Königs Heinrich IV.; 1553-1610) mit Margarete von Valois (1553-1615) als konfessionelles Versöhnungsfest geplant, weshalb dazu auch alle führenden Hugenotten nach Paris geladen waren. Aus Angst vor möglichen Racheaktionen der Reformierten nach dem missglückten Attentat auf Coligny wurden dann allerdings die Tore der Stadt geschlossen und die Miliz bewaffnet.

Ohne Ankündigung drangen am Abend nach den Hochzeitsfeierlichkeiten einige Bewaffnete in die Unterkunft des Admirals und ermordeten ihn. Unter den Attentätern befanden sich sowohl Schweizergardisten des Königs als auch Leibwächter des Herzogs von Anjou, unter der Leitung des Herzogs von Guise. Als die Mörder ins Haus eindrangen, ahnte Coligny bereits, was ihm bevorstand:

„Meine Freunde, ich habe keine menschliche Hilfe mehr zu erwarten. Das ist mein Tod, den ich gern aus Gottes Hand nehme. Rettet euch!“

Ohne große Diskussionen schlitzten ihm die Soldaten den Bauch auf und hackten seinen Kopf ab. Nachher warfen die Männer die Leiche des Admirals aus dem Fenster auf den Hof. Sein Körper wurde durch die Straßen geschleift und dann kopfüber an einen Galgen gehängt.

Unmittelbar danach ermordete man weitere Hugenottenführer und stachelte die Bevölkerung zu einem, später „Bartholomäusnacht“ oder „Pariser Bluthochzeit“ genannten Massaker an den Protestanten auf (23./24.8.1572). Ein Straßburger Hochzeitsgast erinnerte sich:

„Da setzte überall in Paris ein Gemetzel ein, dass es bald keine Gasse mehr gab, auch die allerkleinste nicht, wo nicht einer den Tod fand, und das Blut floss über die Straßen, als habe es stark geregnet“ und „Schon war der Fluss mit Leichen bedeckt und ganz rot vom Blut […]. “

Allein in Paris verloren in dieser Nacht 3.000 Hugenotten ihr Leben. In den nächsten Tagen wurden in ganz Frankreich weitere 30.000 Protestanten ermordet; was das Verhältnis zwischen den Konfessionen verständlicherweise langfristig vergiftete. Unter den prominenten Opfern des Massakers befanden sich der Komponist Claude Goudimel (1514-1572), sowie der Philosoph und Humanist Petrus Ramus (1515-1572).

Wenige Tage nach der Bartholomäusnacht übernahm König Karl IX. vor dem Parlament die Verantwortung für die Morde. Die Hugenottenführer hätten sich verschworen und ihn damit zum Eingreifen genötigt. Hinter den Kulissen hatten Katharina von Medici, die Familie von Guise und spanische Adlige wesentlich an den Vorbereitungen dieser Gewalttaten mitgewirkt.

Als Papst Gregor XIII. die Nachricht von der Ermordung tausender französischer Protestanten hörte, ließ er aus Freude das Te Deum (deutsch: „Dich, Gott, loben wir …“) singen, eine Gedenkmünze prägen und ein rauschendes Fest abhalten. Der Maler Giorgio Vasari (1511-1574) wurde von ihm beauftragt, an den Wänden der Sala Regia des Vatikans Fresken von diesem vorgeblichen Sieg des Katholizismus zu erstellen.

Folgenreiche Protestantenverfolgung

In Frankreich gingen die Religionskämpfe auch nach der Bartholomäusnacht weiter, bis den Hugenotten 1598 von Heinrich IV. im Edikt von Nantes Rechtssicherheit garantiert wurde. Die hier den Protestanten unwillig zugestandenen Rechte wurden jedoch im 17. Jahrhundert, insbesondere unter Einfluss Kardinal Richelieus (1585-1642), sukzessive wieder zurückgenommen. Nachdem sich der Druck auf die Protestanten immer weiter verstärkt hatte, wurde die Religionsfreiheit schließlich von Ludwig XIV. (1638-1715) im Edikt von Fontainebleau (1685) endgültig wieder aufgehoben. Mit militärischen Repressionen, Enteignungen, der Zerstörung von 400 Dörfern und einer groß angelegten Kon­ver­tierungsaktion wollte der König den Protes­tantismus in Frankreich ausrotten und eine einheitliche katholische Staatskirche etablieren. Trotz schwerster Strafandrohungen flohen über 200 000 Hugenotten, vor allem nach England, Preußen, Hessen, Südafrika, in die Schweiz und die Niederlande. Bis heute erinnern zahlreiche Familiennamen in Deutschland an die jahrhundertelange Vertreibung französischer Protestanten (z.B. Dumont, Boué, Godeffroy, Bouffier oder Lafontaine). Aktuell leben in Deutschland rund 1 Million Nachfahren der damals geflohenen Hugenotten.

Am Genfer Re­for­mations­denkmal erinnert eine Statue an Gaspard de Coligny. In Brasilien und in Südafrika wurden Städte nach dem Führer der Hu­ge­not­ten­be­we­gung be­nannt. Alexandre Dumas und Hein­rich Mann behandeln in zwei Ro­manen das tragische Schicksal des französischen Admirals (Die Bartholomäus­nacht, 1845 / Die Vollendung des Königs Henri Quatre, 1935). Colignys Enkeltochter Luise Henriette von Oranien (1627-1667) war die erste Ehefrau des Großen Kurfürsten, Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688).

In jedem Fall war die Ermordung Colignys, des vor 500 Jahren geborenen Führers der Hugenotten, ein entscheidendes Ereignis bei der Vernichtung des französischen Protestantismus.

Michael Kotsch, Bibel und Gemeinde (3-2019)

Literatur:

Walter Besant: Gaspard de Coligny, Marcus Ward, London 1879, Nachdruck: Hansebooks, Norderstedt 2018.

Philippe Erlanger: Bartholomäusnacht. Die Pariser Bluthochzeit am 24. August 1572, Laokoon-Verlag, München 1966.

Karl Kupisch: Coligny. Eine historische Studie. 2., veränderte Auflage. Verlag Lettner, Berlin 1951.

Ernst Lindenborn: Coligny. Der Schwert­träger Gottes. Ein Leben in Bildern, Quadriga J.Severin Verlag, Berlin 1985.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 25. Oktober 2019 um 9:37 und abgelegt unter Christentum weltweit, Kirchengeschichte.