Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Verspielt Europa sein christliches Erbe?

Freitag 15. MĂ€rz 2019 von Dr. Joachim Cochlovius


Dr. Joachim Cochlovius

Am 15. Januar 2019 hat das britische Unterhaus den mit der EU ausgehandelten Brexitplan abgelehnt. UnabhĂ€ngig davon, wie die Sache schließlich ausgeht, ist die Ausstiegsabsicht eines so bedeutenden Landes nichts anderes als ein Offenbarungseid, ja eine Katastrophe fĂŒr die EU, wie Hans-Werner Sinn festgestellt hat.[1] Und wenn der derzeitige amerikanische PrĂ€sident recht hat, werden noch weitere LĂ€nder folgen.[2] Wie konnte es dahin kommen, dass die hehre Idee eines vereinigten Europa, die ĂŒber Jahrzehnte hinweg viele EuropĂ€er begeisterte, nun schon seit Jahren so dramatisch an Zustimmung einbĂŒĂŸt? Im Folgenden versuche ich, die Ursache fĂŒr den AttraktivitĂ€tsverlust der europĂ€ischen Idee herauszufinden und sie im Licht des christlichen Glaubens zu beleuchten. Die beiden BĂŒcher „Europas Aufstieg und Verrat“ von HansjĂŒrg StĂŒckelberger[3] und „Das Buch der Mitte“ von Vishal Mangalwadi[4] waren mir dabei eine große Hilfe.

Wie viele andere Zeitgenossen, die Europa nicht nur als Wirtschaftsunion, sondern als eine geistige GrĂ¶ĂŸe verstehen wollen, habe ich mich lange Zeit an dem bekannten Wort des ersten PrĂ€sidenten der Bundesrepublik Deutschland Theodor Heuss orientiert, dass Europa auf den drei HĂŒgeln Akropolis (Demokratie), Capitol (Rechtskultur) und Golgatha (NĂ€chstenliebe) errichtet wurde.[5] Doch seitdem ich einen Vortrag von Prof. Mangalwadi ĂŒber die geistigen Wurzeln Europas gehört habe[6], ist mir klargeworden, dass es letztlich der Apostel Paulus war, der das Gottes- und Menschenbild in Europa revolutioniert hat, heidnische Denk-, Glaubens- und Verhaltensmuster ĂŒberwunden und damit unseren Kontinent geistig neu begrĂŒndet hat. Mangalwadi sprach u.a. ĂŒber die Bibelstelle Titus 1,12, wo Paulus der griechisch-römischen Kultur ein vernichtendes Zeugnis ausstellt, und zwar unter Berufung auf einen griechischen Philosophen, der die Kreter „unaufhörliche LĂŒgner, böse Tiere und faule BĂ€uche“ genannt hat. Dieses Urteil, so Mangalwadi, beschreibe aber nicht nur die Dekadenz des damaligen Heidentums, sondern kennzeichne auch die heutige geistige Lage in Europa, wo neuheidnische Tendenzen das Vakuum ausfĂŒllen, das der verschwindende christliche Glaube hinterlĂ€sst.

In der Tat: die aktuelle Brexit-Debatte und insbesondere die mangelnde Bereitschaft BrĂŒssels, das englische Mehrheitsvotum anzuerkennen, fĂŒhrte ein LehrstĂŒck vor, wie undemokratisch Demokraten sein können. Wenn LĂ€nder bestraft werden, nur weil sie aus einem freiwillig gewĂ€hlten Staatenverbund wieder ausscheiden möchten, dann offenbart das einen Mangel an gemeinsamen christlich-ethischen Werten. Hans-Werner Sinn sagt dazu mit Recht: „Nur GefĂ€ngnisse brauchen solche Strafen“.[7] Ein LehrstĂŒck ganz anderer Art, nĂ€mlich wie schnell sich das Rechtsempfinden von christlichen Werten abwenden kann, lieferte im Juni 2017 der Deutsche Bundestag. Dort wurde in einem politischen Hau-Ruck-Verfahren die Jahrtausende alte jĂŒdisch-christliche Ehe als lebenslange Treueverbindung zwischen Mann und Frau zu Grabe getragen. 393 Abgeordnete stimmten fĂŒr die sog. ‚Ehe fĂŒr alle‘, 226 dagegen. Im BĂŒrgerlichen Gesetzbuch (BGB) heißt es inzwischen unter § 1353 ‚Eheliche Lebensgemeinschaft‘: (1) „Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen.“

Das Fazit aus solchen Beobachtungen kann nur lauten, dass Europa dabei ist, sein christliches Erbe zu verspielen. Janis Vanags, der Erzbischof der Evangelisch-lutherische Kirche Lettlands, sagt es noch drastischer: „Europa fĂŒhrt zur Zeit einen Selbstmord durch, und zwar durch Absage von den christlichen Wurzeln“.[8] Die demokratischen Spielregeln funktionieren aber nur auf der Grundlage eines Menschenbildes, das dem anderen unter allen UmstĂ€nden seine WĂŒrde und sein Recht lĂ€sst, auch wenn er eine andere Meinung vertritt. Rechtsfindung und Rechtsprechung gelingen auf Dauer nur auf der Grundlage eines Gottesbildes, das Gott und seine Gebote als die obersten RechtsautoritĂ€ten achtet. Das hat der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde gemeint, als er seinen vielzitierten Satz formulierte: „Der freiheitliche, sĂ€kularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“[9]

Die GrĂŒndungsvĂ€ter des Nachkriegseuropas haben es noch gewusst, dass eine Vereinigung Europas nur gelingen wird, wenn sich die verantwortlichen Politiker, WirtschaftsfĂŒhrer und Juristen des christlichen Erbes unseres Kontinents bewusst bleiben und es bewusst fördern. Vom gebĂŒrtigen Luxemburger Staatsmann Robert Schuman (1886-1963) stammt das Wort: „Die Demokratie wird eine christliche sein, oder sie wird nicht bestehen bleiben“.[10] Doch die meisten europĂ€ischen Staatslenker unseres Jahrhunderts haben anscheinend diese Erkenntnis verloren. Es wurden VertrĂ€ge gebrochen wie z.B. der Maastricht-Vertrag von 1993, der den EU-Staaten eine Schuldengrenze auferlegt (Deutschland brach den Vertrag zuerst 2002).[11] Die vielen Finanzspritzen fĂŒr Griechenland haben zu einer verantwortungs- und hoffnungslosen Überschuldung des Landes gefĂŒhrt, die Ökonomen Konkursverschleppung nennen. [12] Und Griechenland selber bestraft den Statistiker, der die FinanzlĂŒgen beim Eintritt des Landes in die EU offengelegt hat.[13] Doch die verhĂ€ngnisvollste Verleugnung des christlichen Erbes war zweifellos der Verzicht auf den Gottesbezug im Vertrag von Lissabon (2007-2009) auf intensives DrĂ€ngen Frankreichs hin. Statt dessen wird nur noch von einem „kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe“ Europas gesprochen.

Aber es gibt auch Politiker in Europa, die sich der Bedeutung des christlichen Erbes bewusst sind. Viktor Orban, der ungarische MinisterprĂ€sident, hat am 28.7.2018 eine bedeutsame Rede gehalten, die von den deutschsprachigen Medien kaum bemerkt worden ist.[14] Darin stellt er im Blick auf die kommende Europawahl fĂŒnf Thesen auf, die zu einer geistigen Neuorientierung Mitteleuropas fĂŒhren könnten. Jede Nation mĂŒsse das Recht haben, seine christliche Kultur zu verteidigen, das traditionelle Familienmodell zu schĂŒtzen, seine MĂ€rkte zu sichern, Einwanderung zu verweigern und der Globalisierung zu widerstehen. Es ist höchste Zeit, ohne Denkverbote ĂŒber diese Thesen zu sprechen!

Pastor Dr. Joachim Cochlovius
Leiter des Gemeindehilfsbundes

Quelle: Zukunft CH-Magazin 2/2019 (www.zukunft-ch.ch)

[1] Hans-Werner Sinn: „Der Austritt ist ein grĂ¶ĂŸerer, ja katastrophaler Unfall in der Geschichte Europas. Er zerstört die Nachkriegsordnung und lĂ€sst eine lĂ€dierte EU zurĂŒck“. Hans-Werner Sinn in der F.A.Z. vom 23.2.2018

[2] Exklusiv-Interview in der BILD vom 16.1.2017

[3] HansjĂŒrg StĂŒckelberger, Europas Aufstieg und Verrat. Eine christliche Deutung der Geschichte. Aachen 2011

[4] Vishal Mangalwadi, Das Buch der Mitte. Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als HerzstĂŒck der westlichen Kultur. Basel 2014

[5] „Es gibt drei HĂŒgel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muss sie als Einheit sehen.“ – Theodor Heuss, bei einer Schuleinweihungsfeier 1950 in Heilbronn; zitiert nach: Theodor Heuss, Reden an die Jugend, TĂŒbingen 1956, S. 32.

[6] Auf dem Kongress des Gemeindehilfsbundes „Die Zukunft Europas – Geistiges Erbe und christliche Verantwortung“ (Bad Teinach-Zavelstein 24.3.2018), nachzulesen in der Zeitschrift „Aufbruch“ des Gemeindehilfsbundes, Okt. 2018.

[7] Hans-Werner Sinn, Brexit, Deutschland und die Zukunft der EU (F.A.Z. vom 23.2.2018)

[8] Erzbischof Janis Vanags in einem Interview mit dem „Aufbruch“, der Zeitschrift des Gemeindehilfsbundes (Nov. 2017)

[9] Ernst-Wolfgang Böckenförde, Staat, Gesellschaft, Freiheit. 1976, S. 60.

[10] Zitiert nach H. StĂŒckelberger, a.a.O. S. 418

[11] rp-online (Rheinische Post) vom 17.1.2014 „Maastricht-Vertrag 68 Mal gebrochen“

[12] Werner Mussler, Augen zu und durch (F.A.Z. 23.6.2018)

[13] „Griechenland hat sich mit falschen Zahlen in die WĂ€hrungsunion geschummelt. Der Mann, der die Wahrheit offenlegte, steht vor Gericht.“ (F.A.Z. 17.2.2018)

[14] Auf der 29. Freien SommeruniversitÀt in Bålvånyos, vollstÀndig abrufbar unter www.gemeindenetzwerk.de/?p=15723

Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 15. MĂ€rz 2019 um 8:55 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik.