Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Kleine Renaissance der Ehe

Donnerstag 15. M├Ąrz 2018 von J├╝rgen Liminski


J├╝rgen Liminski

Es wird wieder mehr geheiratet in Deutschland. 2016 gaben sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 410.000 Paare das Ja-Wort, zehntausend (2,6 Prozent) mehr als im Vorjahr und 2014 waren es nur 386.000. Der Trend ist erkennbar. In den f├╝nfziger Jahren freilich waren es rund 600.000 Eheschlie├čungen, in den sechzigern begann die Kurve zu sinken um bis zur Jahrtausendwende deutlich mehr als ein Drittel zu verlieren. Das ist nicht so dramatisch wie die Geburtenzahlen, die sich im vergleichbaren Zeitraum glatt halbierten, aber der Zusammenhang ist eindeutig. Die meisten Kinder – mehr als achtzig Prozent – werden auch heute in Ehen geboren. Etwa 90 Prozent der verheirateten Frauen zwischen 40 und 44 Jahren haben Kinder. Bei Ehepaaren wachsen in Deutschland rund 10 Millionen Kinder auf, drei von vier Kindern leben bei ihren leiblichen und verheirateten Eltern. Der Staat h├Ątte ein Interesse daran, die Ehe zwischen Mann und Frau zu f├Ârdern.

Warum wird wieder mehr geheiratet, obwohl es heute ├Âkonomisch wegen der Emanzipation der Frau nur noch bedingt und gesellschaftlich nicht mehr mainstreamig ist, wie die FAS j├╝ngst in einem ganzseitigen Beitrag zu begr├╝nden versuchte? Zun├Ąchst: Die lang- und mittelfristig ├Âkonomischen Vorteile liegen nach wie vor auf der Hand. Stabile Beziehungen senken die Risiken von Armut und Krankheit und erh├Âhen die Lebenserwartung und Lebenszufriedenheit. Das kommt nicht nur den Partnern, sondern auch der Allgemeinheit zugute. Ehe ist gut f├╝r die Gesundheit. Das hat die Ver┬şhaltensforscherin Linda Waite von der Universit├Ąt Chicago erforscht. Verheiratete M├Ąnner lebten ges├╝nder und l├Ąnger als unverheiratete (das ist vermutlich vor allem auf die Pflege und Sorge durch die Frauen zur├╝ckzuf├╝hren), verheiratete Frauen aber auch. Auch Wissenschaftler von der britischen Warwick-Universit├Ąt kamen bei einer Langzeitstudie zu diesem Schlu├č. Demnach weisen verheiratete M├Ąnner ein um 9 Prozent geringeres Sterberisiko auf als Singles. Bei Frauen sind es immerhin noch drei Prozent. Geradezu sprunghaft steigt das Gesundheitsrisiko bei Geschiedenen. Die Ehe nutzt dem Staat. Diese soge┬şnannten positiven externen Effekte sind empirisch in zahlreichen Studien nachgewie┬şsen, weshalb Fachleute bei der Ehe auch von einem „kulturellen Kapital“ sprechen. Dieses Kapital ist auch gesellschaftspolitisch bedeutsam. Es st├Ąrkt die Sozialsysteme und die Wirtschaft. In Zeiten instabiler Renten und ande┬şrer wachsender Risiken aufgrund der demographischen Entwicklung ist die Ehe eine Lebensversicherung besonderer Art, die Vertrautheit macht Pflege im Alter (durch Partner oder Kinder) eher zu einem Liebesdienst als in irgendeinem Heim. Sie schafft einen Rahmen, in dem nicht nur Emotionen gedeihen k├Ânnen, sondern aus dem auch Stabilit├Ąt f├╝r das Gemeinwesen erw├Ąchst.

All das w├Ąren Gr├╝nde f├╝r den Staat, die Ehe zu f├Ârdern. Es sind statistische Daten und freilich im Einzelfall nur teilweise Gr├╝nde, ├╝berhaupt zu heiraten. Auch Singles k├Ânnen gesund leben, wohlhabend werden und sich sozial engagieren. Der Hauptgrund ist heute – mehr noch als fr├╝her – der vermutlich ├Ąlteste Grund, weswegen Menschen heiraten: Die Liebe. In den USA ist das f├╝r neun von zehn Heiratenden der Grund, acht von zehn wollen sich dort f├╝r das ganze Leben einander versprechen. In Europa ist angesichts der Aufl├Âsung sozialer Milieus und der Atomisierung von Beziehungen, gef├Ârdert durch das politisch-mediale Establishment, die Ehe ein Hafen der Geborgenheit und der pers├Ânlichen Sicherheit, der f├╝r das Streben nach Gl├╝ck sehr viel mehr verhei├čt als Geld und Wohlstand. Psychologen sprechen von einer gesteigerten „Bindungssehnsucht“, vom „Wunsch nach einer dauerhaften Liebe“. Schon Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hat der Brite William Farr die „conjugal condition“ anhand von Heirats-, Sterbe- und Geburtsregistern untersucht und herausgefunden, da├č Verheiratete ges├╝nder und gl├╝cklicher leben. Die Hirn-und Bindungsforschung hat in unseren Tagen neue Erkenntnisse beigesteuert, was vor allem in Amerika diskutiert wird. Sicher ist: Liebe ist ein Faktor, der in einer Welt der wachsenden politischen, sozialen und psychologischen Unsicherheit an Bedeutung gewinnt. Vertrauen ist die W├Ąhrung des Lebens, das gilt f├╝r Staat, Wirtschaft, Gesellschaft. In der Ehe findet es sein Zuhause.

Der Vertrauensbruch wiegt in der Ehe schwerer als au├čerhalb. Deshalb liegen Gl├╝ck und Konflikt hier eng zusammen. Norbert Bolz formuliert es in seinem B├╝chlein „Die Helden der Familie“ so: „Die Rechnung, die Eheleute den Singles gegen├╝ber aufmachen, lautet: In der Liebe hat man nicht nur den Nutzen des eigenen Konsums, sondern auch den des Partners, gewisserma├čen Freude an der Freude des anderen. Liebe hei├čt ├Âkonomisch betrachtet, da├č mir der Konsum des Partners genauso viel Nutzen bringt wie der eigene Konsum. Intimit├Ąt, die Wertbindung der Ehe und gegenseitige Unterst├╝tzung bringen beiden Partnern Gef├╝hlsdividenden. Soziale Bindungen aber schr├Ąnken Freiheit und Autonomie ein. Die Gegenrechnung orientiert sich dann an den Scheidungsstatistiken. Monotonie, hohe Kosten und Streit in der Ehe haben eine hohe Sichtbarkeit. Das schreckt viele davon ab, sich auf dieses moderne Abenteuer einzulassen. Und in der Tat hat die Ehe von allen Lebensformen das gr├Â├čte Konfliktpotential – aber eben auch das gr├Â├čte Gl├╝ckspotential“. Ein weit verbreiteter Stein des Ansto├čes in der Ehe ist das Geld. Nach j├╝ngsten Umfragen hatte jedes vierte Paar in Deutschland schon mal „Beziehungsstress“ wegen des Geldes und der finanziellen Haushaltsf├╝hrung. M├Ąnner verdienen im Schnitt mehr Geld als die Frauen (das Deutsche Institut f├╝r Wirtschaftsforschung hat errechnet: Bei jedem f├╝nften Paar ist der Mann Alleinverdiener, bei 44 Prozent verdient die Frau mit, nur bei 25 Prozent verdienen beide Partner etwa gleichviel, nur in jeder zehnten Beziehung verdient sie mehr als er) und st├Âren sich ├Âfter als Frauen an vermeintlich unn├Âtigen Ausgaben.

Geld und Wohnraum sind externe Faktoren, bei denen der Staat durchaus f├╝r mehr Gerechtigkeit sorgen k├Ânnte, vor allem, wenn es in Ehen auch Kinder gibt. Die internen Faktoren, Vertrauen und Liebe, Geborgenheit und Sicherheit, Gef├╝hle und Freundschaft sind kaum messbar. Die leichte Renaissance der Ehe wird deshalb in ihrem Umfang erst dann wirklich erfassbar, wenn man noch zwei Daten ins Bild nimmt: Die Ehen in Deutschland halten l├Ąnger und es wird weniger geschieden. Die durchschnittliche Ehedauer betrug in den neunziger Jahren um die 12 Jahre, 2005 waren es schon 13,6 und 2015 bereits 14,9 Jahre. Im selben Zeitraum (zwischen 1990 und 2015) stieg die Zahl der Scheidungen zun├Ąchst von 154.000 auf 201.000 (2005), um zehn Jahre sp├Ąter auf 163.000 zu sinken. L├Ąngere Haltbarkeit, weniger Scheidungen, mehr Hochzeiten, mehr als sieben Paare in Deutschland leben in Ehe, nicht immer die erste, aber der hohe Stellenwert der Ehe ist unbestritten. Wer heute in Ehe lebt, lebt es bewu├čter.

Und das umso mehr, je religi├Âser fundiert die Ehe ist. Zwei Drittel aller Ehen in Deutschland halten ein Leben lang und die meisten dieser Ehen haben ein religi├Âses Fundament. In der Tat: Ehen, die kirchlich getraut wurden, haben ein um rund 50 Prozent vermindertes Scheidungsrisiko als nur standesamtlich getraute Ehen. Das geht aus fr├╝hen Umfragen und aus wissenschaftlichen Arbeiten vor allem in Amerika hervor. Besonders intensiv hat sich der Familienforscher Patrick Francis Fagan vom Family Research Council damit befasst, aber auch in Deutschland liegen Ergebnisse sozusagen als Nebenprodukt anderer Zielrichtungen von Forschungsarbeiten vor (zum Beispiel Andreas Diekmann/ Henriette Engelhardt, Alter der Kinder bei Ehescheidung der Eltern und soziale Vererbung des Scheidungsrisikos, Working Paper des Max-Planck-Instituts f├╝r demografische Forschung, Rostock, 2002). Man darf auch als selbstverst├Ąndlich annehmen, da├č kirchlich verheiratete Paare aus ideellen und religi├Âsen Gr├╝nden intensiver um ihre Beziehung ringen als nicht ideell und religi├Âs gebundene Paare. Umso wahrscheinlicher ist auch, da├č religi├Âs praktizierende Ehepaare sich signifikant seltener scheiden lassen. Eine Umfrage aus den achtziger Jahren besagt sogar, da├č nur jede f├╝nfzigste Ehe von Paaren zerbrach, die kirchlich verheiratet waren und gemeinsam zur Kirche gingen. Bei kirchlich verheirateten Paaren, die zudem noch gemeinsam beten, zerbricht nur eine von 1429 Ehen. Sp├Ątere Forschungen der Auburn-Universit├Ąt in Alabama belegen zudem, dass es auch auf die Art der Religion und Kirchenbindung ankommt. Zuviel Vielfalt k├Ânne der Ehe auch schaden. Entscheidend f├╝r das Gelingen einer Ehe sei auch das „religious makeup of a community“ – das religi├Âse Gef├╝ge einer Gemein┬şde, und nicht nur die Religiosit├Ąt des Paares. Da, wo die Menschen in relativ homo┬şgenen religi├Âsen Rahmenbedingungen (relatively homogeneous religious settings) lebten, gebe es signifikant weniger Scheidungen. Patrick Fagan unterscheidet au├čerdem noch zwischen bikonfessionellen Ehen und unterschiedlichen Familienmodellen. Festzuhalten ist: Religi├Âs praktizierende Eheleute lassen sich deutlich seltener scheiden als nicht religi├Âse Paare.

Die kleine Renaissance der Ehe in politisch wie emotional unsicheren Zeiten ist sicher eine Chance f├╝r sinnstiftenden Institutionen wie die Kirchen. Es l├Ąge nahe, diesem Trend mit Angeboten f├╝r eine bessere und fundierte Vorbereitung der Ehe entgegenzukommen. Die Ehe ist die Freundschaft des Lebens oder, wie Paul VI. sagte, die „innigste und umfassendste Form personaler Freundschaft“ und vor ihm schon sprach Leo XIII von der Ehe als der „h├Âchsten Gemeinschaft und Freundschaft“. Unvergessen ist Luthers Wort: Diese Freundschaft h├Ątte es verdient, vertieft und in all ihren Facetten dargestellt zu werden, damit die k├╝nftigen Ehepartner noch besser wissen und sich noch mehr darauf freuen, in welches gemeinsame Abenteuer des Lebens sie gehen. Und die Kirchen selbst k├Ânnten auf diese Weise auch ein Momentum der Renaissance erleben, vor allem wenn sie sich st├Ąrker auf den Faktor selbstlose, zeitlose Liebe konzentrierten als auf das Mitreden im politisch-sozialen Diskurs.

J├╝rgen Liminski, Institut f├╝r Allgemeinwohl, Demographie und Familie, Aufsatz des Monats 3/2018 (14.3.2018)

Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 15. M├Ąrz 2018 um 9:44 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik.