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Wie Christen leben sollen (Predigt ├╝ber Luk 6,36-42)

Samstag 30. September 2017 von Martin Luther (1483-1546)


Martin Luther (1483-1546)

Darum seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr auch nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein voll, gedr├╝ckt, ger├╝ttelt und ├╝berfl├╝ssig Ma├č wird man in euren Scho├č geben; denn eben mit dem Ma├č, da ihr messet, wird man euch wieder messen. Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Mag auch ein Blinder einen Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der J├╝nger ist nicht ├╝ber seinen Meister; wenn der J├╝nger ist wie sein Meister, so ist er vollkommen. Was siehst du aber einen Splitter in deines Bruders Auge, und des Balken in deinem Auge wirst du nicht gewahr? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: halte still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen; und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuvor den Balken aus deinem Auge und besiehe dann, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest (Luk 6,36-42).

Im heutigen Evangelium lehrt uns unser lieber Herr Christus seine J├╝nger und uns alle, wie wir uns gegeneinander verhalten und christlich leben sollen. Denn wenn wir gl├Ąubig geworden sind, und nun den Namen haben, dass wir Christen hei├čen, die durch den Herrn Christum von S├╝nde, Tod und allem Ungl├╝ck er rettet sind: da soll danach ein neues Leben folgen, dass wir tun, was er von uns begehrt. Dieses neue Leben fasst er in das einige Wort, da er spricht: ┬źSeid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.┬╗

Nun wei├č aber jeder Mann wohl, was barmherzig hei├čt, n├Ąmlich, ein solcher Mensch, der gegen seinen N├Ąchsten ein freundlich, g├╝tig Herz tr├Ągt, Mitleid mit ihm hat, und sich seiner Not und Ungl├╝ckes, es betreffe seine Seele, Leib und Gut, mit Ernst annimmt, und sich so zu Herzen gehen l├Ąsst, dass er denkt, er ihm helfen kann. Beweist dies auch mit der Tat und tut es mit Lust und Freude gern. Ein solches Herz, sagt der Herr, sollt ihr gegen jedermann haben, dass es nicht eine Barmherzigkeit ist, wie der S├╝nder und Z├Âllner ist: die ├╝ben auch (wie Christus kurz vor diesen Evangelium sagt) Barmherzigkeit unter einander, liebt einer den anderen, erzeigt einer dem anderen Wohltat und Freundschaft, leiht einer dem anderen; aber solches tun sie darum, dass sie Gleiches wieder nehmen. Das ist eine falsche Barmherzigkeit, die darum Gutes tun, dass sie wieder Gutes oder Besseres empfangen.

Wir aber, so wir Christen sind, sollen barmherzig sein, wie unser Vater im Himmel: nicht allein gegen die, die unsere Freunde sind, sondern gegen jedermann, auch gegen die, so uns feind sind und verfolgen, auch wenn wir denken, sie sind es nicht wert, dass er ihnen ein freundliches Wort zu sprechen. Wie wir auch erfahren, wie schwer uns das wird. Ei, sprechen wir, was geht mich der Bube an, er hat mir die dies oder das getan, ich erkenne sein unn├╝tzes Maul wohl, warum sollte ich ihm helfen? Ich wollte eher, dass ihn die L├Ąuse fr├Ą├čen. Also will unsere Natur immer uns auf eine falsche Barmherzigkeit ziehen, welcher nur auf unsere Mitgenossen geht, die mit uns B├╝berei treiben; mit den anderen wollen wir nichts zu schaffen haben.

Dieses ist meine Meinung nicht, spricht Christus; sondern wenn euch gleich eure N├Ąchsten beleidigt haben, wollt ihr Christen sein, so denkt, dass ihr barmherzig seid, und so barmherzig, wie euer Vater ist, sonst k├Ânnt ihr nicht seine Kinder, noch meine Br├╝der sein, der ich euch mit meinem Blut von S├╝nden und Tod erl├Âst habe. Denn das m├╝sst ihr alle bekennen, dass ihr eurem Gott und Vater im Himmel alles Leid und viel Verdruss getan habt, und seine Gebote nicht gehalten, ja, alle ├╝ber treten habt, so h├Ątte er Ursache genug zu sagen: Sollte ich meinen Sohn f├╝r solche b├Âsen Buben geben? Zum Teufel mit ihnen, in den Abgrund der H├Âlle; denn sie f├╝rchten, lieben und Vertrauen mir nicht, ja, verachten, l├Ąstern und hassen mich, schw├Âren und fluchen bei meinem Namen, verfolgen und verdammen mein Wort, sind den Eltern und Obrigkeit ungehorsam, sind M├Ârder, Ehebrecher, Diebe, Geizh├Ąlse, Wucherer, Meineidige, in der Summe, sie tun alle ├ťbel, darum lass sie da hin fahren, wo sie hingeh├Âren. Also k├Ânnte Gott, spricht Christus, zu euch auch sagen: aber er tut es nicht, sondern ├╝ber alle eure Bosheit f├Ąhrt er zu und ist g├╝tig und gn├Ądig, gibt nicht allein Leib und Leben, Essen und Trinken, Weib und Kind, Nahrung und alle Notdurft zu diesem Leben, sondern auch seinen Sohn und das ewige Leben.

Solche Barmherzigkeit sollt ihr auch lernen ├╝ben. Denn wo schon jemand dich beleidigt, und getan hat, das dir nicht gef├Ąllt: was ist das gegen dem, dass du so oft und schwer gegen Gott getan hast? So nun Gott eine so gro├če Barmherzigkeit hat, dass er seinen Feinden seinen eingeborenen Sohn schenkt, dass sie durch ihn erl├Âst werden von der S├╝nde und Tod; begibt uns dazu Seele, Leib, Gut und alles, was wir bed├╝rfen, da er ja eigentlich Strafen ja, Hagel, Donner, Blitz und h├Âllisches Feuer, und noch viel mehr Ungl├╝ck schicken sollte: so lerne du auch an diesem Beispiel, dass du sagen kannst: Ob mich wohl dieser oder jener stark beleidigt hat, dass ich ihm w├╝nschen w├╝rde es sollten ihn die Maden fressen, so will ich es doch nicht tun. Denn dieses w├Ąre nur eine heidnische, und nicht eine christliche Barmherzigkeit. Hat er mir ├ťbel und Unrecht getan: nun, wer wei├č, wie ich es verdient h├Ątte. Ich will ihn darum jetzt nicht, da er meiner Hilfe bedarf, laufen lassen; denn ich sehe, dass er Hilfe bedarf und ich ihm helfen kann. Also tut mein Vater im Himmel doch auch mit mir.

Man sieht, was f├╝r ein gro├čer Frevel in unserem Volk ├╝berall ist, jeder will f├╝r seine Arbeit und seine Ware so viel Geld haben, wie er nur bekommen kann. Jedermann sammelt Geld, schlemmt und prasst, bel├╝gt und betr├╝gt daneben einer den anderen, wo er nur kann. Dieses sollte wohl eine Unlust machen, wenn sie in eine Not kommen, dass man denken w├╝rde: Das ist richtig, damit die Buben m├╝de werden. Aber ein Christ soll nicht so tun, sondern sagen: Was liegt mir daran, ob sie gleich b├Âse sind? Dieses soll mich nicht bewegen, dass ich auch wollte b├Âse sein, ich will tun wie ein guter Baum. Wenn man die Fr├╝chte abbricht, die er getragen hat, ├╝ber ein Jahr bringt der andere, und z├╝rnt darum nicht, also will ich es auch tun. Habe ich dir zuvor Gutes getan, und du bist und dankbar gewesen und hast mir dagegen B├Âses getan; damit sollst du mich nicht bewegen, dass ich auch sollte b├Âse werden. Du bist ein Dornstrauch, der nichts weiter kann als stechen, so bleibe es, darum will aber ich keiner werden, sondern ein feiner, fruchtbarer Weinstock bleiben und gute Trauben bringen. Denn also tut mein Vater in Himmel auch: Der gibt b├Âsen Buben genau so, als Frommen und Gerechten, Vieh, Ochsen, Eier, Butter, K├Ąse, Haus, Hof, Geld, Gut, Leib und Seele, Frieden, sch├Ânes Wetter, und was man bedarf. Er l├Ąsst die liebe Sonne leuchten, obwohl wir wohl verdient h├Ątten, dass er h├Âllisches Feuer herunter regnen lie├če. Aber er tut es nicht: er will kein Dornstrauch werden wegen unseres Undankes willen; sondern spricht: Wollt ihr nichts anderes denn b├Âse sein, so will ich doch gut bleiben, meine Sonne, meinen Regen ├╝ber B├Âse und Gute gehen lassen.

Das ist das Beispiel, welches unser lieber Herr Christus uns zeigt, dass wir in solcher Fr├Âmmigkeit auch bleiben, und anderer Leute Bosheit uns nicht dazu verleiten sollen, dass wir auch b├Âse werden, wie es in der Welt geschieht, die r├Ącht sich, bezahlt gleiches mit gleichem. Das soll unter den Christen nicht sein, sondern sollen sagen: Du bist ein Dornstrauch, hast mich ├╝bel gestochen; aber um deiner S├╝nde willen will ich nicht auch zu einem Dornstrauch werden, sondern dir in deiner Not alles Gute tun; dazu Gott f├╝r dich bitten, dass er dir solches vergeben, und dich aus dem Dornstrauch zum sch├Ânen fruchtbaren Weinstock machen wolle. Das hei├čt: ┬źSeid barmherzig, wie euer Himmlische Vater barmherzig ist,┬╗ der seinen ├Ąrgsten Feinden das allerbeste tut.

Nun muss man aber solches also verstehen, dass man nicht denke, Gott will alle Strafe verboten und hinweg haben. Denn Christus predigt hier seinen J├╝ngern, die kein Regiment hatten. Die Kinder im Hause, die Bauern im Dorf, die B├╝rger in der Stadt, die Politiker in der Regierung, da verh├Ąlt es sich anders, denn im Haus regiert Vater und Mutter, im Dorf der Richter, in der Stadt der B├╝rgermeister usw. die Kinder im Haus, die Bauern im Dorf die B├╝rger in der Stadt, die Politiker in der Regierung sind alle gleich untereinander, deswegen sollen sie diese Regel untereinander halten, welche der Herr hier gibt, dass keiner dem anderen soll ├╝bles tun, sondern untereinander barmherzig sein. Wo aber die Personen ungleich sind, als, Politiker in der Regierung gegen das Volk, der Richter ├╝ber die Leute, da soll man keine Barmherzigkeit gegen die b├Âsen brauchen, sondern das B├Âse strafen. Also sollen die Eltern nicht barmherzig sein gegen die Kinder, wenn sie b├Âse sind, sondern strafen, was zu strafen ist, und nichts ├╝bersehen. Das fordert Gott von ihnen; und wo Sie es nicht tun, m├╝ssen sie Gott harte Rechenschaft daf├╝r geben.

Also geht dieser Befehl Christi von der Barmherzigkeit allein auf die, die gleich sind. Wo aber ungleiche Personen sind, der soll ein jeder seines sonderlichen Befehls warten, und sich die Barmherzigkeit an solchem Befehl nicht hindern lassen. Aber wo gleiche Personen sind, B├╝rger gegen B├╝rger, Bauer gegen Bauer, Kind gegen Kind, da soll ein Christ sprechen: Du hast mir Leid und ├ťbel getan, dass dir es Gott vergebe; aber ich habe dich darum nicht zu strafen. Das hei├čt Barmherzigkeit.

Wo nun dir weiter Leid geschieht, so sage es deinem Vater, Richter, B├╝rgermeister, und sprich: Dass und das tut mir der; auf das du nur nicht richtest noch urteilst. Also soll kein Kind das andere, kein Bauer, kein B├╝rger den anderen schlagen, kein Mensch soll den anderen ├╝bervorteilen; sondern es soll der Obrigkeit angesagt werden: Dies und das ist mir widerfahren, ich aber soll es nicht strafen, denn ich habe das Amt dazu nicht. Das hei├čt denn auch eine Barmherzigkeit, wo man dies ordentliche Mittel sucht bei denen, die dazu die Macht haben, dass den b├Âsen Buben der Mutwillen genommen wird. Also tat Josef. Der sah viel Unrecht von seinen Br├╝dern, aber er selbst straft es nicht, denn es war ihm nicht befohlen; sondern sagte es dem Vater an: Vater, so tut Simeon, so tut Levi; ihr m├Âgt zusehen und wehren. Das war recht und wohl getan, und ein sonderliches Werk der Barmherzigkeit. Aber er verdiente Ungunst, Ha├č und Neid damit. Denn seine Br├╝der konnten es nicht glauben, dass er es so gut mit ihnen meinte und so ein gro├čes Werk der Barmherzigkeit an ihnen t├Ąte. Denn mit solchem Ansagen half Josef der Seele vom Teufel und dem Leibe vom Henker.

Also solle es unter den Kindern und Menschen auch noch gehen, dass niemand sich selbst r├Ąche, sondern aus sanftem und nicht bitterem Herzen der Herrschaft, den Eltern oder Herrn es sage, was f├╝r ein Unrecht geschehen ist. Damit hilft eins dem anderen an Leib, Geld und Gut, ja auch an der Seele, dass du nicht mehr so faul, unachtsam, untreu bist, sondern dich besserst. Darum soll das junge Volk solche Barmherzigkeit lernen, wenn dir ein Leid geschieht, oder du etwas schlechtes siehst, dass du nicht dazwischen schlagen, sondern sagst: Es ist mir leid, ich wollte, du h├Ąttest es nicht getan. Solches hei├čt ein Gebet f├╝r deinen N├Ąchsten getan. Danach kannst du hingehen, und dem sagen, der die Macht hat es strafen, dass er es bessern und ├Ąndern soll, und den Befehl hat, dass er als tun soll. Denn Gott hat Leute genug dazu verordnet, n├Ąmlich, Richter, Herren, Vater, Mutter, Pastoren, und zuletzt auch die Henker, die sollen die Untugend strafen. Die anderen, so in diesen ├ämtern nicht sind, sollen es ungestraft lassen und Barmherzigkeit beweisen, das ist, beraten und helfen, womit sie k├Ânnen.

So sollen wir nun wohl merken, dass dieser Befehl hier geht gegen gleiche Personen, wo keiner ├╝ber den anderen Macht oder Befehl hat. Wo aber ungleiche Personen sind, ist einer Vater, der andere Richter, der dritte Amtmann, die sollen gegen ihres Gleichen auch Barmherzigkeit beweisen; aber nicht gegen die Untertanen. Denn da steht der sonderliche Befehl, dass sie das ├ťbel an den Kindern, Volk und Untertanen strafen sollen. Aber wo gleiche Personen sind, die sollen gegen einander ein freundlich, g├╝tig, mitleidendes Herz tragen, helfen, vermahnen, ansagen; das hei├čt christlich gelebt. Ob man dich aber dar├╝ber schimpfen w├╝rden, wie die Kinder und das Volk pflegen, und dich einen Verr├Ąter hei├čen, das schadet nicht. Denke du, dass du ein Feigenbaum oder guter Weinstock bleibst, und las dich nur nicht zu einem Dornstrauch machen. Also tut die liebe Sonne auch: die sieht jetzt manchen Menschen an, der die vergangenen Nacht gestohlen hat, wo er die Ehe gebrochen hat, und dennoch bleibt sie eine sch├Âne Sonne, ob du gleich ein schwarzer Teufel, und einer S├╝nde wegen nicht wert bist, dass sie ansehen solltest. Denn Sie denkt so: Wenn ich doch auch deine Bosheit sehen musste, so will ich doch einmal auch zu sehen, dass man dich an den Galgen h├Ąnge. Jetzt lachst du meiner und ich muss dir zu deiner Bosheit leuchten; aber was gilt es, wenn du dich nicht besserst, ich werde dir auch einmal zu deiner Strafe leuchten?

Die Erfahrung lehrt uns, dass keine Untugend und Bosheit von Gott ungestraft bleibt. Denn wer Vater und Mutter entl├Ąuft, der entl├Ąuft doch den Henker nicht. Du musst entweder b├╝├čen und dich bessern, oder gewiss auf die Strafe warten; denn Gott will nichts ungestraft lassen, wo nicht Besserung folgt. Mancher M├Ârder und Dieb wird nicht gefasst, zieht aus dem Lande, und entgeht so eine Zeitlang der Strafe; wo aber keine Besserung folgt, so findet es sich letztlich wunderbarer Weise, dass er doch der Obrigkeit in die H├Ąnde l├Ąuft und seinen Lohn empf├Ąngt. Denn das Sprichwort fehlt nicht: Den Eltern k├Ânnen b├Âse Buben entlaufen, aber dem Henker k├Ânnen sie nicht entlaufen. Darum was der Vater nicht zwingen kann mit der Rute, dass soll des Henkers Strick und Schwert zwingen. Willst du dich an die Lebensstrafe nicht kehren, so leide die Todesstrafe, die ist dein verdienter Lohn.

Also wollte der Herr Christus gern, in das wir ein gutes Leben f├╝hrten, und gute Werke unter einander t├Ąten, die rechtschaffen, und nicht ein schlechter Schein w├Ąren. Er befiehlt deswegen, wir sollen barmherzig sein, nicht wie die Heiden, die barmherzig sind gegen die, von welchem sie wieder eine Hilfe erwarten, dass also eine Hand die andere wasche. Nicht so, sondern wie der Vater im Himmel, der sch├╝ttet mit Haufen herunter, was wir bed├╝rfen, dass die ganze Welt genug hat zu nehmen: nicht allein die Frommen, die h├Ątte er an einem Tage alle bezahlt; sondern auch den B├Âsen. Darum l├Ąsst er seine G├╝te nicht versiegen, obwohl der meiste Teil b├Âse und undankbar ist, ja, die B├Âsen bekommen dabei sogar noch den besseren Teil.

Diesen, spricht Christus, setze ich euch, die ihr meine Christen seid, zum Exempel, dass ihr nicht allein euren Freunden helfet; solche Fr├Âmmigkeit will ich wohl unter den Heiden bekommen: sondern auch Feinden, wie ihr seht, dass euer Vater die Sonne jedermann leuchten l├Ąsst, auch den M├Ârdern, Dieben, Ehebrechern, b├Âsen Buben, B├╝rgern und Bauern, die es wohl wert w├Ąren, dass sie mit den Augen die liebe Sonne nicht sehen sollten. Er tut es aber nicht, er will seine Gnade nicht um der Leute Bosheit willen nicht versiegen lassen.

Also, spricht er, tut ihr auch, lasst euch nicht erz├╝rnen, zieht die Hand nicht zur├╝ck, wie die Welt pflegt, und sagt: Ja, es ist alles verloren, was man den Menschen tut. Das ist falsch geredet. Freunden dienen, ist nichts Besonderes, denn die Heiden selbst sind so lange freundlich und hilfreich, solange sie wieder auf eine Hilfe hoffen und sp├╝ren. Wenn aber die Hilfe nicht kommt, so versiegt auch die Wohltat. Da sieht man es dann ├Âffentlich, dass es nicht ein Quell oder ein lebendiger Brunnen der Liebe, sondern nur Wasser in den Sand getragen und eine heidnische Hilfe. Ihr Christen m├╝sst schon mehr tun, und unverdrossen sein zu helfen, auch euren Feinden, obwohl ihr Undank verdient, und denken: Wollen sie undankbar sein, nun gut, da ist Gott, der hat noch so viel Teufel, so viel b├Âser Buben auf Erden, so viel Wasser, Feuer, Pest und andere Plagen, damit er strafen kann; der wird das rechte Ma├č dazu finden. Weil ich nun wei├č, dass es nicht ungestraft bleiben kann, so will ich ein s├╝├čes, mitleidiges Herz, dass zu raten und zu helfen bereit ist, behalten. Dieses hei├čt dann ein christliches Herz und christliche Liebe, welche die Heiden nicht haben, denn sie helfen nur dann, wenn sie dadurch Dank und wieder eine Hilfe erwarten. Die Christen aber sollen ein solches Herz und Liebe haben, die, wie eine lebendige Quelle, nicht auszusch├Âpfen ist, noch versiege, obwohl sich die Wohltat, wie das Wasser in den Sand verliert und umsonst ist. Nun geht unser Heiland weiter, und teilt solche Barmherzigkeit in einige St├╝cke, und spricht: Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Der Herr wollte gern, dass wir rechtschaffene Christen w├╝rden, die nicht mit Worten den Glauben und das Evangelium r├╝hmen; wie die Leute jetzt tun, die evangelisch sein wollen und viel von Christus sagen und wissen, aber wenn man es recht besieht, ist nichts dahinter. T├Ąuscht also der meiste Teil, auch die, welche das Evangelium haben und h├Âren, sich selbst und fahren zum Teufel mit ihrem falschen Glauben. Solchen Unrat wollte Christus gern wehren; stellt uns deswegen nicht ein fremd, unbekannt, sondern seines Vaters und unser eigenes Exempel vor, dass wir selbst erfahren haben, dass er so mit uns gehandelt hat, und sagt: wir sollen mit anderen Leuten auch so tun.

Denn wir sind ja alle im Gericht Gottes und in der Verdammnis gewesen, unserer S├╝nde wegen. Was hat nun unser Vater im Himmel getan? Ist es nicht wahr, er hat dich weder richten noch verdammen wollen, sondern dir deine S├╝nden vergeben, und die H├Âlle und Verdammnis hinweg getan, und dich zu Gnaden angenommen? Solch ein Beispiel hast du an dir unter deiner eigenen Person; dem folge und tue gegen andere auch so: so bist du denn ein rechter Christ, der du ein Christ und glaubst, deinen N├Ąchsten nicht richtest noch verdammst, sondern ihm gern vergibst, was er gegen dich getan hat.

So du es aber nicht tun willst, sondern mit dem Schalksknecht, Matth├Ąus 18, dort Gnade empfangen und hier einen anderen dieselbe nicht auch beweisen; so sollst du wissen, dass du kein Christ bist, und das dich Gott wiederum aus der Barmherzigkeit in das Gericht und in die Verdammnis werfe, und dir alle G├╝ter, die er dir gegeben, berauben, und alle Schuld, die er dir erlassen, dir wieder auf den Hals legen will: das sollst du gewiss haben; denn dann steht es: ┬źRichtet nicht, dass ihr nicht gerichtet werdet,┬╗ das ist, wollt ihr nicht aufh├Âren zu richten, so wird euch Gott auch richten.

Nun sieht man aber, wie man es so ├╝ber die Ma├čen schwer lassen kann; sobald jemand uns im geringsten beleidigt, da geht schnell das Gericht her: Was soll ich diesem Schalk noch mehr tun? Ich habe ihm dies und das getan, das ist der Dank, also bezahlt er mich. Das hei├čt eine unbarmherzige Barmherzigkeit und eine schlechte Hilfe, dass man sobald richten will, wenn der Dank nicht folgt. Die richtige Fr├Âmmigkeit ist mitleidig, aber die heuchlerische Fr├Âmmigkeit ist eine zweifache Unbarmherzigkeit. Das erf├Ąhrt man dabei, wenn mir einer einen Gulden schenkt, wollte er mich gern damit kaufen und mich zu seinem eigen machen. Darum, sobald ich nun etwas rede oder tue, dass ihm nicht gef├Ąllt, oder in einem Fall nicht dienlich ist, bald dr├Ąngt er mich die Hand zu dr├╝cken: Siehe, dass und das habe ich dir gegeben, warum willst du mir den nicht auch diese Freundschaft tun? Das hei├čt dienen, dass man dir wieder diene, wie die Heiden tun, und richten.

Aber es soll so sein: Tust du jemand etwas Gutes, und er erkennt es nicht, oder tut dir etwas B├Âses daf├╝r, dann kannst du ihn wohl warnen, er soll es nicht tun, er w├╝rde sich sonst gegen Gott vers├╝ndigen. Aber das du ihm darum feind werden, und ihn urteilen oder richten und in seiner Not nicht wieder helfen in wolltest, da h├╝te dich vor. Befiehl ihn seinem Richter; denn du wei├čt nicht, was Gott mit ihm machen will, ob er sich werde bekehren oder nicht. Bekehrt er sich nicht, so hat Gott, wie zuvor gesagt, so viel Teufel, Henker und sonst b├Âse Buben, dass er ihn zu seiner Zeit wohl strafen kann. Wie man sieht, dass jetzt da, jetzt dort unversehens ein Ungl├╝ck sich zutr├Ągt. Darum h├╝te dich, dass du nicht richtest, sondern denken: H├Ątte Gott mit mir auch nach der Strenge, die ich ja auch verdient h├Ątte, es mit mir gemacht, so h├Ątte ich vor 10,20,30 Jahren in meinen S├╝nden sterben m├╝ssen, da ich in aller sch├Ąndlicher Abg├Âtterei und Heuchelei gelebt habe.

Also h├╝te dich vor dem verdammen, denn es geh├Ârt nicht zu dir. Strafen, unterweisen, vermahnen, kannst du es denen, die richten sollen und verdammen. Dir aber geb├╝hrt anderes nicht zu tun, denn das du barmherzig bist, nicht richtest, nicht verdammst, sondern vergibst. Und wenngleich dein N├Ąchster nichts aufh├Âren will, gegen dich zu s├╝ndigen, dennoch soll dein Herz geneigt sein ihm zu vergeben, ihn weder hindern, noch sollst du begehren dich zu r├Ąchen, sondern wo du kannst, sein Bestes f├Ârdern.

Dieses alles aber tut weh, und ist schwer zu tun. Aber da bedenke, dass du ein Christ bist, und musst dich, so du ein Christ bleiben willst, die Sache ernster angehen als die Unchristen. Wie das Beispiel unseres Vaters in Himmel uns vorleuchtet. Denn wenn du deinem N├Ąchsten Gutes tust, und er dir es nicht danken, ja, dagegen Schaden zuf├╝gen will, da darfst du nicht zweifeln, Gott wird ihn wohl finden; dem la├č die Rache, und tue du, was dir befohlen ist.

Man liest eine Geschichte, wie ein ungezogener ungeratener Sohn seinen Vater bei den Haaren genommen und ihn bis an die T├╝rschwelle geschleift hat, da hat der Vater angefangen zu schreien: H├Âr auf, h├Âr auf, mein Sohn, denn bis hierher habe ich meinen Vater auch an den Haaren gezogen; wie ich es bei ihm getan habe, so tust du es jetzt wieder bei mir. Dieses ist das Urteil unseres Gottes, dieser wei├č wohl Rat dazu, wie er Untugend, besonders aber den Undank strafe. Darum sollen wir ihm es befehlen, und tun, was uns hier befohlen ist, dass wir nicht strafen, sondern barmherzig sind. Gott wird mit der Strafe nicht ausbleiben, wie der Herr hier weiter meldete: Gebet, so wird euch wieder gegeben. Ein voll, gedr├╝ckt, ger├╝ttelt, und ├╝berfl├╝ssig Ma├č wird man in euren Scho├č geben. Denn eben mit dem Ma├č, da ihr messet, wird man euch wieder messen.

Es hat doch der Herr alles fein zusammengefasst, will gern, dass wir feine, fromme Christen w├╝rden, und uns immer rechtschaffen hielten. Darum, eben wie er befohlen, man soll mit den armen S├╝ndern gn├Ądig umgehen, wie Gott mit uns umgeht, sie nicht richten, noch verdammen, sondern Gericht und Urteil Gott befehlen und f├╝r Sie bitten: also befiehlt er hier weiter, dass man in anderen N├Âten ihnen auch behilflich sein soll mit Geben und Raten; und soll dann gewiss hoffen, so viel und reichlich kann man nicht geben, denn Gott will immer mehr und reichlicher geben. Das also unser Herz immer eine Quelle in Liebe, und von Dornen sich nicht stechen lasse, damit es nicht versiege. Wie die Heiden tun: die k├Ânnen des Richtens und Verdammens nicht lassen; sobald man etwas tut, dass ihnen nicht gef├Ąllt, wollen sie es nicht eher vergeben, denn dass man ihnen zu Fu├če f├Ąllt und sie anbete. Also, wo sie es nicht wissen wieder zu genie├čen, da geben sie nichts hin. Darum bleibt das schwere Urteil ├╝ber sie, dass sie Gott wieder richten, verdammen, und ihnen auch nicht vergeben will.

Vor solcher Unart sollen wir uns h├╝ten, und unserem N├Ąchsten tun, wie uns unser lieber Gott im Himmel getan hat. Dieser hebt das Urteil auf und will vergeben; er will weder r├Ąchen noch verdammen, ganz gleich, dass wir so undankbar sind und seine Wohltat und seine H├Ąnde nicht annehmen wollen. Dieses sollen wir auch lernen. Wo nicht, so werden wir das Urteil bekommen, dass er sagt: ┬źMit was Ma├č ihr messet, wird euch wieder gemessen werden.┬╗

Nun m├╝ssten wir aber ja erkennen, dass uns unser Gott sehe reichlich gegeben hat. Denn so wir nach unserem Verdienst bekommen w├╝rden, so h├Ątten wir Zorn, Unfriede und alles Ungl├╝ck verdient, dass es richtig w├Ąre wenn uns die Erde verschlingen w├╝rde, sobald wir darauf geboren sind; geschweige denn, dass wir uns danach durch unser ganzes Leben so b├Âse gehalten haben. Das also das rechte Ma├č auf uns w├Ąre gewesen der Tod und die H├Âlle. Aber was tut Gott? Er nimmt hinweg alles, was wir verdient haben, Zorn, Ungnade, Gericht, Tod, H├Âlle, und schenkt uns den Himmel, Gnade und Freiheit von der Anklage des Gesetzes und unseren b├Âsen Gewissens. Er sch├╝ttet aus allen Mangel und Schuld, und gibt alles Gute. Das hei├čt doch gn├Ądig gemessen. Aber danach, wenn du anderen Leute nicht willst also wieder messen, so erwarte nur anderes nicht, denn wie du mi├čt, also wird dir Gott auch wieder messen. Zuvor hatte Gott dir nur Gnade eingemessen: aber jetzt, gleich wie du tust und misst mit deinem Undank, also soll dir auch gemessen werden.

Dieses ist eine wunderbare Predigt, in welcher man sieht, dass Gott sich vielmehr des Dienstes gegen den N├Ąchsten annimmt, denn seines eigenen Dienstes. Denn in seiner Sache und so viel ihn betrifft, vergibt er alle S├╝nde, und will sich nicht r├Ąchen, was wir wieder ihn getan haben. Wiederum aber, wenn wir uns gegen unseren n├Ąchsten ├ťbel halten, so will er auch uns gar nichts vergeben. Deswegen muss man das Messen hier verstehen nach dem Glauben, und nicht vor dem Glauben. Denn ehe du zum Glauben gekommen bist, da hat Gott mit dir nicht gehandelt nach deinem Verdienst, sondern nach Gnaden. Er hat dich zu seinem Wort kommen lassen, und dir Vergebung deiner S├╝nde zugesagt. Das ist das erste Ma├č, womit er uns gemessen hat, da wir angefangen haben zu glauben.

Weil wir nun solch ein Ma├č von Gott empfangen haben, sagt er: Gedenke, und bist du zu anderen Leute nicht anders. Tust du es aber nicht, so soll es dir gehen, wie du anderen tust. Du bist ihnen ungn├Ądig: ich will dir auch ungn├Ądig sein. Du richtest und verdammst sie: ich will dich auch richten und verdammen. Du nimmst und gibst nichts: ich will dir auch nehmen und nichts geben. Da geht das Ma├č an nach dem Glauben, dass sich unser lieber Herr Gott der Werke gegen den N├Ąchsten so sehr annimmt, dass er will zur├╝ck rufen, was er f├╝r Gutes getan hat, wenn wir unserem N├Ąchsten nicht auch Gutes tun wollen.

Deswegen, wer da denkt Gott treulich zu dienen, der tue seinen N├Ąchsten, wie Gott ihm getan hat, das ist, er richte nicht, er verdamme nicht, er vergebe und gebe gern, sei freundlich und hilfreich, wo er kann. Denn sonst wird es ihm gehen, wie mit dem Knecht, Matth├Ąus 18. Diesem war eitel Gnade zugemessen, dass der Herr ihn ohne Schuld entlie├č, da er aber nicht wollte seinem N├Ąchsten die hundert Groschen schenken, noch Geduld haben, bis er sie bezahlte; der kamen die 10000 Pfund wieder auf ihn, und wurde den Peinigern ├╝berantworte, bis er alles bezahlte.

Nun ist wohl war, m├Âglich ist es nicht, dass wir uns an diese Regel immer halten k├Ânnten. Wir vergessen der Barmherzigkeit sehr oft: wo wir freundlich sein sollten, da z├╝rnen wir; wo wir gute Worte geben sollten, da fluchen wir. Wenn sich nun alles bei uns zutr├Ągt, dass wir in diesem Fall gegen den Befehl Christus tun, da sollen wir beachten, dass wir uns vor der S├╝nde der Pharis├Ąer h├╝ten, und unser Gewissen nicht tot machen und in der S├╝nde fortfahren, sondern dass wir bald umkehren, an dieses Bild denken, und tun, wie uns unser Vater getan hat, dass wir auch vergessen und vergeben, und uns durch keinen Undank bitter machen lassen.

Doch wenn man vergeben soll, so geh├Ârt auch dazu, dass der Teil, dem man vergeben soll, seine S├╝nde erkenne und lasse diese sich leid sein. Denn dass ich dem Papst und anderen Feinden des Wortes ihre S├╝nde vergeben soll, das ist mir nicht m├Âglich. Ursache, sie halten es f├╝r Recht, dass sie unsere Lehre verfolgen. Denn so man S├╝nde vergeben soll, so muss ja S├╝nde da sein. Wer nun Recht haben will und S├╝nde nicht bekennen, wie Saul mit Samuel tat, dem kann man die S├╝nde nicht vergeben.

Das ist die Lehre vom christlichen Leben, welche der Herr aus dem Beispiel unseres Vaters im Himmel uns vorh├Ąlt. Diese Lehre h├Ąlt er uns vor in dem Gleichnis vom Splitter im Auge, und dem Balken. Als wollte er sagen: Ich sehe wohl, es ist euch sauer, denn wenn ihr Schaden habt tut es euch so weh, ihr k├Ânnte es nicht sobald vergessen: sobald ihr euren Widersacher seht, wo der an ihn denkt, so l├Ąuft euch die Galle ├╝ber, und denkt: Er hat mir das und das getan, ich wollte, dass er alles Ungl├╝ck h├Ątte. Liebe Kinder, spricht Christus, nicht so: wenn er dir schon da und dort Schaden getan, oder dich mit einem Wort ge├Ąrgert hat, so ist es doch in der Wahrheit nur ein Splitter, ein kleines Staubkorn im Auge, dagegen hast du einen gro├čen Balken im Auge, wenn du dahin sehen willst, was du gegen Gott getan hast. Darum geh├Ârt sehr viel dazu, wer einen anderen richten und verdammen will.

In anderen Sachen ist es also, dass der Schulmeister muss gelehrter sein als sein Sch├╝ler, sonst wird der Sch├╝ler nicht viel von ihm lernen. Was bist du denn f├╝r ein Schulmeister, der du andere lehren und richten willst, und hast genauso viel Schuld, und kannst ebenso wenig als der, den du dich unterstehst zu lehren? Vor den Leuten, will der Herr sagen, taugt solches keinen Tropfen; wie will es sich denn schicken in meinem Reich und vor Gott, da ihr alle gleich viel Schuld habt?

Darum so lerne solches Gleichnis fein in das Werk ziehen: wenn du etwas h├Ârst, siehst, leidest, dass du nicht gern h├Ârst, siehst oder leidest, dass du sagst: es ist eine geringe S├╝nde gegen meine S├╝nden; Gott sieht viel mehr Mangel an mir, denn ich an anderen Leuten sehen kann: darum will ich gern still schweigen und vergeben ist; das Gott mir auch vergebe und still schweige. Aber da wird nichts draus; in der Welt straft immer ein Bruder den anderen um des Splitters willen, und er selbst hat doch einen gro├čen Balken im Auge. Denn wo du eine Sache zu deinem N├Ąchsten hast, dagegen hat Gott tausend und aber tausend zu dir, dass du seine Gebote dein Leben lang nie gehalten, ja, h├Ąufig dagegen ges├╝ndigt hast. Solches siehst du nicht, willst deinen N├Ąchsten um eines b├Âsen Wortes willen fressen. Pfui dich, bist du denn so scharf├Ąugig und kannst doch einen solchen gro├čen Balken nicht sehen?

Darum soll ein Christ sich anders gew├Âhnen: wenn er den Splitter in seines n├Ąchsten Auge sieht, soll er zuvor, ehe er urteilt, vor den Spiegel treten und sich darin besehen; da w├╝rde er so gro├če Balken finden, aus denen man Schweinetr├Âge machen m├Âchte, und er sagen m├╝sste: Was soll doch das sein? Mein N├Ąchster beleidigt mich in einem Viertel, halben, ganzen Jahr einmal; ich aber bin so alt geworden, und habe meines Gottes Gebote noch nie gehalten, ja, ├╝bertretet sie st├╝ndlich, wie kann dich denn so ein gro├čer verzweifelter Schalk sein? Meine S├╝nden sind so gro├č wie Eichb├Ąume; und den kleinen Splitter, dass Staubkorn in meines Bruders Auge, nehme ich mich mehr an denn als meinem gro├čen Balken? Aber es soll so nicht sein; ich muss zuvor sehen, wie ich meine S├╝nde los werde. Denn ich bin Gott, meiner Obrigkeit, meinen Vater und Mutter, meiner Herrschaft ungehorsam, mache dabei immer weiter, und h├Âre nicht auf zu s├╝ndigen: und will noch gegen meinen N├Ąchsten so ungn├Ądig sein und ihm nicht ein einziges gutes Wort g├Ânnen? Oh nein, so sollen Christen nicht sein.

Als so will der Herr uns immer auf das Beispiel unseres Vaters im Himmel weisen, der unsere gro├čen Balken nicht sehen will, auf das wir mit dem kleinen Splitter auch Geduld haben, und nicht richten und verdammen.

Der nun solche herrliche, sch├Âne Verhei├čung sich zur Barmherzigkeit nicht will bewegen lassen, dass Gott alles Gericht und Verdammnis aufheben und uns gern vergeben will, wenn wir uns untereinander vergeben und nicht richten, dass keine H├Âlle noch Tod, sondern lauter Gnade und Freundlichkeit da sein soll; wiederum, wer sich nun nicht schrecken lassen will vom Gericht und von der Verdammnis, dass wo er einen Splitter den seines N├Ąchsten Auge findet, Gott dagegen in seinen Augen viel Balken findet, da kann ich nicht wissen, was ihn noch sollte bewegen, Tr├Âsten oder erschrecken.

Sind wir nicht heillose Leute und gro├če Narren, dass wir nicht einem ein gutes Wort g├Ânnen, so doch Gott uns allen unsere S├╝nde dagegen zugutehalten? Und wo wir einen Augenblick unser Richten nachlassen? Was hilft es uns aber, wenn wir solches nicht tun, und mehr dem Beispiel der Welt, denn dem Beispiel unseres Vaters im Himmel folgen wollen? Anderes nicht, denn dass wir uns aus der Gnade in die h├Âchste Ungnade werfen, und wo wir sonst einen gn├Ądigen, barmherzigen, milden Gott haben k├Ânnten, da machen wir selbst Gott uns zum Feind, und bewegen ihn zu Zorn und Strafe gegen uns.

Diesen Jammer sollten wir wohl bedenken, und unser Leben also christlich lernen anstellen, auf das jedermann, Freunde und Feinde, an uns sehen k├Ânnen, dass wir rechte Sch├╝ler Christi w├Ąren, und ein solches Herz h├Ątten, wo eine unersch├Âpfte Quelle der Liebe innen ist, die nimmermehr versiegt. Das wolle uns unser lieber Vater im Himmel durch seinen Heiligen Geist um Christ die Willen allen gn├Ądiglich verleihen, Amen.

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 30. September 2017 um 17:36 und abgelegt unter Predigten / Andachten.