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Anmerkungen zur Lutherübersetzung 2017

Dienstag 18. April 2017 von Pfr. Karl Baral


Pfr. Karl Baral

Rechtzeitig zum Reformationsjubiläum hat die Deutsche Bibelgesellschaft eine neue Revision der Lutherbibel fertiggestellt. Sie wurde am 19.10.2016 veröffentlicht und am 30.10.2016 in einem Festgottesdienst in Eisenach offiziell an die Gemeinden übergeben. Anliegen dieser neuen Revision ist nicht eine weitere Modernisierung der Sprache, sondern eher eine Rückkehr zur letzten von Luther selbst verantworteten Ausgabe von 1545/46, soweit der Text von damals heute noch verständlich ist. Abschnitte, die sich der Gemeinde im Lauf der Jahrhunderte besonders eingeprägt haben, wie etwa Psalm 23, wurden möglichst unverändert belassen. Luthers sehr genaue Übersetzung (nach den ihm vorliegenden Handschriften) und seine poetische, leicht memorierbare Sprache kommen also wieder mehr in Gebrauch. Bei den Apokryphen wurde allerdings der größte Teil neu übersetzt, und zwar alles nach der Septuaginta als Textgrundlage.

Neben der Nähe zu Luther spielte bei der Revision auch die Berücksichtigung von Ergebnissen der Textforschung und der Exegese eine Rolle. Warum das nach Meinung der Revidierenden an den betreffenden Stellen angebracht ist, ist allerdings nicht immer einsehbar. Und zum Teil zeigen solche Stellen sowie Kommentare zu Textstellen auch Tendenzen an, die weder durch Luther noch durch die Exegese gerechtfertigt sind, sondern offensichtlich einer theologischen Meinung der an der Revision Beteiligten geschuldet sind. Der Gemeinde, die nicht mit den Ursprachen vertraut ist, ist deshalb zu raten, eine zweite gute Bibelübersetzung zum Vergleich heranzuziehen, etwa die Elberfelder Übersetzung 2006, die sehr urtextgetreu ist, durchgängig vom nach dem heutigen Stand der Wissenschaft als ursprünglich festgestellten Text ausgeht und außerdem sprachlich verständlich ist.

Einige Beispiele für solche kritischen Stellen in Luther 2017:

1. Auch diese neue Revision ist nicht zurückgekehrt zu einer Schreibweise, die die Gemeinde erkennen lässt, wo der Gottesname Jahwe steht. In der Lutherbibel 1912 stand, wo im Urtext „Allherr (adonaj) Jahwe“ steht, „Herr HERR“ (z.B. Psalm 73,28 und an vielen Stellen sonst, etwa im Propheten Hesekiel). Die Deutsche Bibelgesellschaft hatte dies bei der Revision Luther 1984 aufgegeben, sie schreibt stattdessen „Gott der HERR“, wobei dies ja wirklich irreführend ist, da „Gott“ hier für den Gottesnamen steht, dies aber nicht mit Großbuchstaben (etwa: „GOTT“ – so etwa die Übersetzung Schlachter 2000 -) geschieht, vielmehr wird das Wort Herr, das für den Allherrn (adonaj) steht, mit großen Buchstaben geschrieben (HERR).

Bibelleser, die nicht mit den Ursprachen vertraut sind, wissen also hier nicht mehr, wo wirklich der Gottesname steht, ja, sie werden irregeleitet an die falsche Stelle. Die Elberfelder Übersetzung 2006 schreibt hier „Herr, HERR“. Und wer eine neurevidierte und hier ebenfalls klare Lutherübersetzung sucht: Es gibt eine solche, nämlich die „NeueLuther Bibel 2009“. Sie ist (bei Ausgang von Luther 1912) eine Übersetzung, die sich um Urtextnähe bemüht und zugleich auch sprachlich erneuert, allerdings geht die sprachliche Erneuerung im Gegensatz zu Luther 2017 auch an Texten, die der Gemeinde vertraut sind, nicht vorbei. Die NeueLuther 2009 behält das frühere „Herr HERR“ bei. Diese Ausgabe stammt nicht von der Deutschen Bibelgesellschaft, sondern von einer Schweizer Gesellschaft: La Buona Novella Inc., Bible Publishing House, CH-8832 Wollerau, info@buonanovella.com.

2. Weitere Stellen betreffen die Lehre von Christus, insbesondere von der Gottheit Christi. Beispiele:

– Joh 1,1 übersetzt „Luther 2017“ wie die herkömmliche Lutherübersetzung. Das ist konsequent, gehört doch der Abschnitt Joh 1,1ff. auch zu den bekannten Stellen der Bibel, die viele auswendig können. Aber seltsamerweise macht sie zu dem Satz „und Gott war das Wort“ die Anmerkung „Gemeint ist: Von göttlicher Art war das Wort.“ Diese Anmerkung ist überflüssig, wenn man von der Gottheit des Wortes ausgeht, denn von der redet der Text. Warum muss man dann in eine andere Richtung lenken? Dass vor „Gott“ im Griechischen hier kein bestimmter Artikel steht, berechtigt nicht dazu. Zwar würde im klassischen Griechisch, das die Theologiestudenten in Deutschland normalerweise lernen, dies Wort ohne bestimmten Artikel im Deutschen mit unbestimmtem Artikel übersetzt; aber das Neue Testament ist in Koine-Griechisch geschrieben, und da ist es anders. In der Griechischen Grammatik zum Neuen Testament von Heinrich von Siebenthal heißt es (S. 189): „Der Artikel kann ‚fehlen‘, wenn eine Größe genannt wird, die in ihrer Art einzig und unverwechselbar ist…, z.B.: … Gott war in Christus … (2Kor 5,19)“. Andreas Volkmar, Weltanschauungsbeauftragter der SELK, der darauf hinweist, zeigt, dass an verschiedenen Stellen des Neuen Testaments, wo das griechische theos (Gott) ohne bestimmten Artikel steht, etwa Joh 1,6.13, „auch von der Gottheit des Vaters gesprochen wird“, ohne dass jemand hier vorschlägt, die „mit ‚ein Gott‘ zu übersetzen oder anzumerken, es hieße ‚von göttlicher Art“.

Auch in Joh 1,18 zeigt sich ja diese Einzigkeit Jesu in seiner Gottheit: „Der eingeborene Gott, der in des Vaters Schoß ist“; auch da steht „Gott“ ohne Artikel. Wo Luther (nach schlechteren Handschriften) übersetzt hatte: „Der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist“, hat man in „Luther 2017“ nicht einfach „Sohn“ durch „Gott“ ersetzt (wie es nach dem griechischen Text nahe liegt), sondern (schon seit Luther 1984) die umständliche Formulierung verwendet, die mehr auf ‚göttliche Art‘ als auf ‚Gott‘ schließen lässt: „der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, …“.

– Eine weitere Stelle, wo in „Luther 2017“ der Text Luthers sogar auch inhaltlich verändert wurde, ohne dass es vom Urtext geboten wäre, ist Römer 9,5. Wo es bisher hieß: „… aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit…“, da heißt es nun: „aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Gott, der da ist über allem, sei gelobt in Ewigkeit…“. Und dazu wird angemerkt: Luther übersetzte nach dem lateinischen Text: ‚Christus … der da ist Gott über alles‘.“ Der unbefangene Leser bekommt hier den Eindruck, nicht der griechische Urtext, sondern eine lateinische Übersetzung habe diese Lesart. Das ist aber falsch. Andreas Volkmar schreibt dazu, „dass schon griechische Kirchenväter wie Irenäus und Athanasius Römer 9,5 im Sinne von ‚Christus … der da Gott ist über alles.‘ verstanden haben. Den Bearbeitern der Revision 2017 scheint auch entgangen zu sein, dass sich paulinische Doxologien, die mit einem Relativpronomen eingeleitet werden, in der Regel auf das vorausgegangene Subjekt beziehen (vgl. Römer 1,25; Römer 11,36; 2. Korinther 11,31; Galater 1,5; 2. Timotheus 4,18) – und das ist in Römer 9,5 ‚Christus‘.“

Also ohne Zwang, gegen die Exegese und gegen Luther wird hier die bisherige Übersetzung verlassen. Ist die Gottheit Christi für die Revidierenden solch ein Anstoß?

3. Eine weitere unnötige und falsche Anmerkung findet sich bei Jesaja 7,14, der Weissagung auf die Jungfrauengeburt. Die Übersetzung entspricht zwar der bisherigen, aber es wird zu „Jungfrau“ angemerkt: „Wörtlich: ‚junge Frau‘“. Hellmuth Frey hat diese weit verbreitete Ansicht in seinem Jesaja-Kommentar widerlegt. Es wäre ja auch seltsam, dass die vorchristlichen jüdischen Übersetzer der Septuaginta dieses Wort mit „Jungfrau“ übersetzt haben, wenn der hebräische Text anders reden würde.

4. Auch das Bibelverständnis scheint bei der Revision eine Rolle gespielt zu haben: Leider hat die Luther 2017-Revision auch weiterhin bei 2. Tim 3,16 nicht den wissenschaftlichen Nestle-Text herangezogen (anders „NeueLuther 2009“, „Elberfelder 2006“ und „Schlachter 2000“): „die ganze Schrift ist von Gott eingegeben.“ Luther hatte eine Textgrundlage ohne das griechische „kai“ (und), deshalb fehlte bei ihm das „ist“.

Die Revisoren der Deutschen Bibelgesellschaft haben diese Stelle nicht entsprechend der neuen Textforschung korrigiert (vermutlich klang ihnen der Urtext zu „fundamentalistisch“).

5. Weitere Stellen scheinen dem Feminismus geschuldet:

– Wo es bisher hieß: „liebe Brüder“ (z.B. Phil 3,1; Urtext: „Brüder“), heißt es in „Luther 2017“: „meine Brüder und Schwestern“.

– In Röm 16,7 wurde ‚Junias‘ zur Frau ‚Junia‘ (siehe dagegen Otto Michel, Römerbrief, S. 475: „An eine weibliche Form ist nicht zu denken“), und das unterstreichend, wurde in der neuen Übersetzung – anders als bei den anderen Namen des Zusammenhangs – bei Andronikus und Junia der bestimmte Artikel gesetzt, der im Urtext nicht steht: „den Andronikus und die Junia“ (in der alten Lutherübersetzung stand dieser fälschlicherweise auch, hier wurde nicht korrigiert).

Bibellesern, die mit der Lutherübersetzung aufgewachsen sind, werden sich einerseits beim Lesen  von „Luther 2017“ weithin vertraut fühlen und sich freuen über die bekannten Formulierungen, die das einst Gelernte wieder neu einzuprägen helfen und die auch durch die dichterische Sprache Mut machen, Kinder und Enkel zum Auswendiglernen anzuregen. Andererseits sollten Leser, die nicht mit den Ursprachen vertraut sind, wegen mancher theologischer Abweichungen des Textes oder auch von Erklärungen – nicht allein von Luther, sondern auch vom Urtext – eine zusätzliche gute Übersetzung benutzen.

Pfr. Karl Baral, Kusterdingen

Quelle: Aufbruch – Informationen des Gemeindehilfsbundes, Dezember 2016 (3/2016)

Der Aufbruch erscheint 2-3 Mal jährlich und kann kostenlos abonniert werden. Bestellungen bitte an die Geschäftsstelle des Gemeindehilfsbundes, Mühlenstr. 42, 29664 Walsrode, 05161/911330, info@gemeindehilfsbund.de.

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 18. April 2017 um 16:45 und abgelegt unter Gemeinde, Kirche, Theologie.