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Christentum und Kreuz

Freitag 13. Januar 2017 von Hermann von Bezzel (1861-1917)


Hermann von Bezzel (1861-1917)
Ein Vortrag zu Eisenach gehalten am Sonntag Estomihi 1912

Verehrte Anwesende!

Heute vor 366 Jahren ist in Eisleben der Mann gestorben, dessen Andenken mit Ihrer schönen Stadt aufs Innigste verbunden ist. Wir gedenken unseres Lehrers Martin Luther als eines Zeugen, der im Glauben redet, obgleich er gestorben ist, und wissen, daß sein Glaube nicht diplomatisches Festhalten an bestimmten Traditionen war, durch das er sich und seine Kirche der kaiserlichen Gunst empfehlen wollte, auch nicht Befangenheit in scholastischen Formeln, die sein Lebenlang wie Ketten um die FĂŒĂŸe schleiften, sondern die frohe Zuversicht eines Mannes Gottes, der das festhĂ€lt, was er erlebt hat und immer wieder, was er festhĂ€lt, erleben will.

Ihm ist der Glaube der kĂŒhne, mannhafte Trotz auf Tatsachen, die kein Auge gesehen und kein Ohr gehört und kein Verstand ausgeklĂŒgelt hat, die auch nur und eben deshalb in unzureichende Worte und Bezeichnungen gefaßt werden können, die aber Gott zum Heil der Welt gewirkt und aus der Ewigkeit fĂŒr die Zeit hat geschehen lassen. Wenn der eine Vorwurf berechtigt wĂ€re, daß lauter „irgend gute“ RĂŒcksicht auf Kaiser und Reich die „hohen Artikel göttlicher MajestĂ€t“ festgehalten hĂ€tte, so wĂ€re unser Reformator ein schwĂ€chlicher, nach allen Seiten hin schauender und schielender Diplomat, der SĂ€nger des Glaubensliedes ein Mann der Kompromisse, und der Schöpfer unseres Katechismus, des grĂ¶ĂŸten Volksbuchs, ein in den Vorhöfen der Großen um Anerkennung werbender Höfling, dem nicht unsere Ehrerbietung, sondern im gĂŒnstigsten Falle Mitleid, schlimmer noch Verachtung gebĂŒhrte. Auch von dem Glaubensbegriff, den er verwarf, als ob Glaube ein Sichanpassen an eine Summe von Überlieferungen wĂ€re, hat er wahrlich nichts uns ĂŒberkommen, der Mann, der bereit war, die höchsten Evangelien zu verwerfen, wenn sie nicht Christum predigen, und die Schrift eines Judas Ischarioth anerkannt hĂ€tte, wenn sie Christum triebe.

Man hat als sein letztes VermĂ€chtnis die lateinischen Worte auf dem Schreibtisch gefunden: „Daß niemand die heilige Schrift genugsam verschmeckt zu haben glaube, er habe denn hundert Jahre lang mit Christo und den Aposteln die Gemeinde regiert.“ Man mag sich wohl das Wort eines dem Tode Nahen merken: „wir sind Bettler, das ist wahr,“ und das Gebet zu Herzen fassen: „Ich danke Dir, himmlischer Vater, daß Du mir Deinen lieben Sohn Jesum Christum geoffenbaret hast, den ich geprediget und bekannt, den ich geliebt und gelobt habe“, und dessen sich erinnern, daß der unter dem Kreuze seines Heilandes mit Lebenskraft und der Aufgabe seines Lebens betraute Lehrer der Deutschen, der GrĂ¶ĂŸte seit der Apostel Zeiten, sich des Einen rĂŒhmen durfte, die ganze Welt werde noch einmal ĂŒberzeugt werden, daß Gott ihn darum gesandt habe, reine Wahrheit und BestĂ€ndigkeit und rechte Erkenntnis Jesu zu verkĂŒnden.

Wenn es nun meine Aufgabe wĂ€re, mit kurzen Worten die Theologie Luthers zu kennzeichnen, so wĂŒrde ich auf seine Heidelberger Thesen vom Jahre 1518 zurĂŒckgreifen, in denen er von der Theologie der Ehren und der Theologie des Kreuzes handelt. Die eine zieht vor „die Werke dem Leiden, die Ehre dem Kreuze, die Gewalt der Schwachheit, die Weisheit der Torheit, mit einem Wort das Böse dem Guten“; die andere, die wahre Theologie und Erkenntnis in Christo, dem Gekreuzigten, flattert nicht gen Himmel und fĂ€ngt nicht an mit ihren Gedanken und Spekulationen oben am Dache zu bauen, sondern denkt an den, der Wege und BrĂŒcken zu uns gemacht und gesprochen hat: ich steige vom Himmel zu dir hinab, werde Mensch, liege in der Krippen, leide und sterbe an dir, – du glaube an mich und wage es auf mich, der ich fĂŒr dich gekreuzigt bin. Kurz gesprochen: Luther lehrt uns, Christentum sei Zusammenschluß persönlichster Art mit der persönlichsten Offenbarung Gottes in Christo und zwar in dem Christus, der in den Mittelpunkt seines Erdenlebens das Kreuz gestellt hat, auf das sein Leben hinzielt, in dem es seinen Höhepunkt erreicht und von dem es die ganze Herrlichkeit ableitet, darum auch gewĂŒrdigt sein will.

Christentum ist eben nicht ein noch so ausgefĂŒhrtes und ausgeklĂŒgeltes System, nicht eine lĂŒckenlos schließende Kette von Tatsachen mit logischen Folgerungen, sondern das Werk eines von Gott der Welt gegönnten ewigen Erbarmers und die innere Gemeinschaft aller derer, die die sichtbaren und letzten Werke Gottes, die im Kreuz und Leiden erstehen, sich zueignen wollen. Nimmt man das Kreuz aus Christi Leben, so hat dieses Leben weder Spitze noch Ziel, weder Wertbedeutung noch Recht auf WertschĂ€tzung. Und nimmt man Christum in seiner zentralen Bedeutung aus der Welt, so ist sie nicht zwar nur um einen Religionsstifter Ă€rmer geworden, wohl aber um ihren einzigen wahren Freund, Heiland und Erlöser. Leidenskraft haben auch andere Religionslehrer gepriesen. Ich erinnere nur an den Verzicht, den der Buddha predigt und an den Fatalismus des Islam. Aber, daß Leiden die Kraft des Lebens und Kreuz die StĂ€rke des Daseins, beide Male von dem Kreuz her ist, hat nur Christus bezeugt. Religionsstifter hat es genug gegeben. – Vor 600 und mehr Jahren hat am Hofe des Staufers Friedrich II., der auch durch Ihre Stadt gegangen ist, einer ĂŒber die drei grĂ¶ĂŸten BetrĂŒger der Welt geschrieben, ĂŒber Moses, Christus und Mohammed. – Aber so mit seiner Lehre eins, innerlich von ihr erfaßt und von innen nach außen sie bewahrend und bezeugend, mit sich ganz zusammenschließend, ist nur einer gewesen.

Dieser Eine, sagt Luther einmal (Erlanger Ausgabe Bd. 23), wird von dem Teufel mit drei Heerspitzen angegriffen: „eine will ihn nicht lassen Gott sein, eine will ihn nicht lassen Mensch sein und die dritte will ihn nicht lassen tun, was er getan hat“. WĂŒrde Luther zu unseren Zeiten gelebt haben, so wĂŒrde er vielleicht von einer vierten Heerspitze noch reden, die darauf hingeht, die Geschichtlichkeit und Persönlichkeit Jesu ĂŒberhaupt in Abrede zu nehmen.

Den nennt man billig einen Toren, der ein feines RĂ€derwerk einer in sich zusammengreifenden Uhr als unverursacht oder höchstens durch eine Menge von Wirkungen erstanden erklĂ€ren wollte, die letztlich nicht von einem persönlichen Willen ausgehen. Aber wie sollen wir die Anschauung recht bezeichnen, welche die vier Evangelisten, arme Fischer und ungelehrte Zöllner, MĂ€nner ohne Philosophie und ohne Phantasie, das Lebensbild eines Mannes zeichnen lĂ€ĂŸt, dessen Umrisse, Schattenrisse wie im Nebel im Alten Testament vorgezeichnet waren, ohne doch je zu einer Wirklichkeit gelangt oder in einer Persönlichkeit dargelebt zu sein? Eine Christusidee, ein Erlösermythus schwebt durch die Zeiten, der Wunsch, daß er sein möge, wird der Vater des Gedankens, daß er sei, und der Gedanke wiederum schafft das Lebensbild. Alle die ZĂŒge, welche schlichte Beobachtung, einfache Betrachtung, aufmerksame JĂŒnger sich gemerkt und aufbewahrt haben, sind die Dichtungen raffinierter Phantasten und religiöser Hysteriker, welche so weit in ihrer Abgefeimtheit gehen, daß sie in dieses also gezeichnete Lebensbild ihre eigene Ärmlichkeit und Kleinlichkeit hineinreichen, damit sie mehr Glauben erwecken.

Napoleon I. hat mit Recht gesagt, das Lebensbild Jesu zu erfinden sei gewiß ein göttliches Werk, d. h. nur Gott konnte dieses Lebensbild in seiner geschichtlichen TatsĂ€chlichkeit vor den Augen armer Menschen sich vollziehen lassen, die es dann mit zitternder Hand und schwachem Griffel uns ĂŒberlieferten. Es sind nicht Zeichnungen auf Goldgrund, die Farben sind oft ungeschickt gewĂ€hlt, der Griffel scheint beim Versuch, den kĂŒhnsten Zug zu fĂŒhren, abgebrochen, die Unzureichendheit der Darstellung wird durch die Unerreichbarkeit des Darzustellenden ebenso hervorgehoben wie diese durch jene. Aber die Schlichtheit ist Erweis der Wahrheit und die Wahrheit das Siegel auf die Wirklichkeit. Christus ist nicht die Projektion eines Begriffes, noch der armselige Versuch, eine Menge von Gedanken auf eine Person gleichsam zu fixieren, weder ein lichtes Wolkengebilde noch ein trĂŒber Schatten riß, sondern, „was wir gesehen mit unseren Augen, was wir gehört, was wir beschaut und unsere HĂ€nde betastet haben“, – so wenig es auch war, weil das Ohr sein Wort nicht ganz erfassen und das Auge nicht ganz die Erscheinung in sich schließen und die HĂ€nde nur zitternd an das Geheimnis rĂŒhren konnten –, das ist Wort des Lebens, Werk des Lebens und Leben selbst.

Dieses Leben ist Gott, mit dem, der es gedacht und den Gedanken in das Wort und das Wort in die Person gefaßt hat, wesenseins. Von Ewigkeit her hat Gott sich in sich selbst erschaut und an sich selbst erbaut und sich selbst sich anvertraut, und dieser Prozeß des Schauens, der Selbstschau, der Selbsterbauung und Selbstvertrauung ist ein persönlicher. Leiblichkeit, ob auch nicht nach unserem Sinn, ist und bleibt das Ziel der Wege Gottes. Dieses Ergebnis göttlicher Selbstschau, der Niederschlag göttlicher Selbsterfassung, der Widerhall des Gottrufes in die Weiten der Ewigkeit ist Christus, den die Kirche Gottes eingeborenen Sohn nennt, nicht als ob sie damit das absolut zutreffende und Christi Person völlig deckende und ausschöpfende Wort gefunden hĂ€tte –, das kann und wird ihr erst die Ewigkeit schenken, die von Begrifflichkeiten losmacht und in Anschaulichkeiten uns lehren will. – Aber relativ am meisten und fĂŒr die ZeitlĂ€ufte, in denen wir uns befinden, am ehesten zutreffend ist das Bekenntnis der Kirche aller Zeiten, daß Jesus Gott von Gott, Licht von Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, geboren, nicht geschaffen sei. „WĂ€re Christus nicht Gott“, sagt Luther einmal, „so hĂ€tte Gott lĂ€ngst alle unsere Theologen die Erde lassen verschlingen. Begreifen mag man’s nicht, aber glauben kann man’s. Glauben aber kann man nur an Gott.“ Wir sprechen nĂ€her: Jesu Worte, mit denen er sich als den vom Vater Aus gegangenen und zum Vater Heimkehrenden bezeichnet, mit denen der arme Zimmermann von Nazareth die Zeit herannahen erklĂ€rt, in der man im Wetteifer Herr Herr zu ihm sagen werde, in denen er sich als den Lebens weg und die Lebenswahrheit und die Lebenseinheit mit

Gott bezeichnet, sind aus einem klaren Selbstbewußtsein erflossen, das weder die SĂŒnde trĂŒben noch die Nichtanerkennung stören noch der völlige Mißerfolg vernichten konnte. Nicht Gott zweiten Grades, was ein Widerspruch in sich selbst ist, nicht Gott in abgeleitetem Sinne, was Vernichtung der Gottwahrheit wĂ€re, sondern völlig eines Wesens mit Gott ist der, dem man, wie Schlatter sagt, mit tausend Huldigungen und den höchsten Lobeserhebungen vergeblich naht, wenn man ihm nicht die eine Bezeichnung zukommen lĂ€ĂŸt, die nicht eine Huldigung, sondern nur die Anerkennung der Tatsache in sich schließt: Sohn des lebendigen Gottes und darum Gott selbst.

Weil er eben nicht nur auf Gottes Seite steht, sondern eins mit Gott ist, kann er jede Gottesidee in sich aufnehmen nicht nur, sondern in sich darstellen und auslegen, ihr zur vollen GenĂŒge, ohne doch seinerseits etwas zu verlieren. Sie gewinnt durch ihn, er verliert nichts an sie, sie wird durch ihn erfĂŒllt, er nicht durch sie in seiner GrĂ¶ĂŸe beeintrĂ€chtigt. Welche Idee aber hat Gott von Anbeginn der auf den Punkt sich fixierenden Ewigkeit, den man Zeit nennt, mehr bewegt, als die eines Abbildes, das seine WesenszĂŒge an sich trĂŒge, ohne doch sein Wesen ganz zu erschöpfen? Durch den Sohn hat er die Welt gemacht, in der Sohnesgeburt die Menschheitsidee gefaßt, darum ist der Sohn mĂ€chtig und willig, diese Idee in sich darzustellen. Er ist nicht nur der zweite, sondern der letzte Mensch, die Komplettierung des Menschheitsgedankens, den der Zwischeneintritt der SĂŒnde aufhielt und verwirrte. Das Zerrbild im ersten Adam nach seiner Gottentfernung hat Christus entwirrt, aufgeklĂ€rt und zurechtgestellt, so daß die gesamte Menschheitsidee in ihm nicht nur verneut, sondern vollendet ist. Menschwerdung Christi ist, darin haben große Denker recht, wenn auch der Gedanke an sich keine praktische Bedeutung hat, eine in ihm gelegene Notwendigkeit, ein Postulat seiner Liebe zu Gott, ja eine Pflicht seiner Selbsterhaltung.

Vielleicht ist es irrefĂŒhrend, ich finde aber kein anderes Wort fĂŒr meine Anschauung als das: WĂ€re er nicht Mensch geworden, so wĂ€re er nicht Gott geblieben. – Aber freilich, die Kirche redet nicht von dieser Menschwerdung metaphysischer Notwendigkeit, sondern von einer Menschwerdung, welche die furchtbare DiesseitigkeitsrealitĂ€t der SĂŒnde vernotwendigt hat, von einer durch die SĂŒnde auf die Erde niedergezwungenen Gottesliebe, die zwischen den Reinen und die Unreinheit, zwischen den heiligen Gott und den heillosen Menschen in die Wahl gestellt, diesen und diese erkor und jenen ließ. Mit der Kirche aller Zeiten bekennt Luther den Gehorsam des Menschensohnes, der die Menschheitsidee in ihrem Zerrbilde durchlebte, wie er sie in ihrem Urbild hĂ€tte durchleben wollen und sollen. Er weiß von einem Gehorsam, der Gottes eingebornen Sohn an GebĂ€rden, in Reden und Schweigen, in Wachen und Schlafen, in Begehr und Verzicht ganz Mensch werden und sein ließ, also daß er die Folgen der SĂŒnde von uns auf sich nahm, ohne ihr in seiner Innerlichkeit den Eintritt zu verstatten. Er hat die Schuld unverschuldet und die Strafe, ohne sie verwirkt zu haben, und den Zorn, ohne ihn verdient zu haben, und den Tod, ohne ihn mit irgendeinem Hauch seines Wesens an sich erlebt zu haben, er hat alle diese unbekannten GrĂ¶ĂŸen zur Wirklichkeit seines Lebens gemacht, gehorsam bis zum Kreuze.

Wenn er das nicht getan hĂ€tte, so wĂ€re unsere Erlösung ein Phantom, wir mĂŒĂŸten von Ketten und Banden zu einem reden, der um sie, aber nicht sie wĂŒĂŸte, die Krankheit einem klagen, der aus dem tausendfachen Röcheln einer todgeweihten Menschheit den Schluß auf die Furchtbarkeit des Leidens ziehen konnte, das er selbst nie empfand. Was fĂŒr uns Kraft und Krone unseres Christenstandes ist, Ehrenpreis seines Gottlebens, wĂ€re ein leerer Schall, ja nie erklungen, das Kreuz stĂŒnde unverstanden in der Welt, denn alle, die sich und ihr Leben an das Marterholz gewagt hĂ€tten, wĂ€ren an ihm nicht einmal sich zur GenĂŒge, geschweige denn Gott zur Befriedigung, verblutet und das Grab wĂ€re das begrĂŒĂŸenswerte Ziel einer um Befreiung ringenden und in solchem fruchtlosen Ringen todmatt gewordenen Menschheit. Aber Christus hat, aller Dinge seinen BrĂŒdern gleich, allerorten und allerart versucht, von Feinden bedroht, von Freunden verlassen, vom Schnöden umgaukelt, von der Wirklichkeit verletzt, durch gute GerĂŒchte und böse GerĂŒchte verfolgt, geĂ€ngstet, geschmĂ€ht, verlĂ€stert, verlassen, sein gottinniges und gottgemĂ€ĂŸes Leben am Kreuze Kraft um Kraft, Gabe um Gabe, Zug um Zug geopfert und die furchtbare Friedlosigkeit eines verfehlten Lebens anstatt der vor ihm liegenden Heimatfreude erwĂ€hlt, damit der Gedanke an die Menschheit dem Vater wieder Freude und dieser Gedanke der Menschheit Friede wĂŒrde.

Von diesem Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen, rĂŒhmt der Apostel, der am tiefsten in die ZusammenhĂ€nge von SĂŒnde und Gnade, von Tod und Leben Einschau gehalten hat: Er ist unser Friede. In ein kaltes Grab gesenkt, hat sein gottmenschlicher Leib kraft der ihm innewohnenden Reaktion gegen Todesfolge und Todesschmach die Riegel des Todes gesprengt und fĂŒr uns das Sterben in die Wunderbarkeit eines harrenden Schlafes, in einen dulce somnium sine somno verwandelt.

Der grĂ¶ĂŸte neutestamentliche Theologe der Jetztzeit rĂ€t, daß alle Theologen wenigstens einmal im Jahr das 15. Kapitel des 1. Korintherbriefes lesen möchten, dann werde man vieler leerer und mĂŒĂŸiger Fragen loswerden. Nein, kein Wundermensch und doch das grĂ¶ĂŸte Wunder, kein menschlicher Heros und doch der grĂ¶ĂŸte Held, kein Genie und doch die höchste Weisheit, kein Talent, und doch die höchste Gabe und Kraft, so ist Christus wahrer Mensch, Wirklichkeitsmensch, in allen StĂŒcken, auf allen Wegen der Mensch, nicht ein Mensch, mit dem Leide unzertrennlich verbunden, seine Spuren auch in der Herrlichkeit noch tragend.

Es ist ein schlichtes, ein ungelehrtes und doch aller Weisheit höchste Summe in sich begreifendes Bekenntnis: wahrer Mensch und wahrer Gott, den man bitten darf, weil er Mensch ist, zu dem man beten kann, weil er Gott ist, mit dem man brĂŒderlich redet, weil er die erste Andeutung versteht, zu dem man sich aller Macht versieht, weil er göttlicher Art ist. Es ist Luthers höchstes Verdienst, daß er auf dem Hintergrunde einer vollen Menschheitsgeschichte und Menschheitsgestalt das lichte Gottesbild sich abheben lĂ€ĂŸt, er geht ganz in die Tiefe des tatsĂ€chlichen Erdenlebens, das der Heiland durchmessen hat, um uns auf die Höhe zu geleiten, die er jetzt einnimmt, zu der er die ganze Menschheitsgeschichte gleichsam ihr Los antizipierend erhob. „Ich, erhöht von der Erde, will sie alle zu mir ziehen,“ gleich wie ihn das All der Menschheitsgeschichte zu sich in die Schmach herabzog.

Wenn wir an der Wahrheit und der Geschichtlichkeit Jesu Christi, dem sein Menschheitsleben nichts von seiner Göttlichkeit abdrang, festhalten, so wissen wir uns von ihm jederzeit verstanden und dann am meisten, wenn wir uns selbst ein RĂ€tsel sind. Er hat die Gebundenen von dem eigenen Ich, das Grundwesen und Vollzug des Leides bedeutet, dadurch befreit, daß er sich an dieses Ich des Fluches band, und die an der Zeiten und Zeitfragen FlĂŒchtigkeit und Nichtigkeit Verkauften hat er dadurch gelöst, daß er seine Ewigkeit und ihre Reinheit an den Augenblick und seine SĂŒnde wagte. Die umstrittene Seele, um die Gottes Gnadenabsicht und der peinvolle Neid des VerfĂŒhrers kĂ€mpften, hat er in seinem Ringen gewonnen, von Gott seinem Vater dem Feinde ausgeantwortet und ĂŒberlassen, der ihn seine Frömmigkeit aufgeben, von Gott Abschied nehmen und ihn erwĂ€hlen ließ. Fortan liegt die Lösung des MenschheitsrĂ€tsels in der Erlösung, und in dem Kreuz, dem Zeichen des höchsten Widerspruchs, den es mit der sieghaften MajestĂ€t endlichen Triumphes herausfordert, liegt das Heil der Welt.

Verehrte Anwesende, das sind keine neuen Gedanken, aber Gedanken, die immer wieder neu werden und den ihrer froh sein lassen, der ihnen mit ganzem Herzen nachhĂ€ngt. „So ist nun dieser Artikel, daß Christus wahrer natĂŒrlicher Gott und Mensch sei, unser Fels, darauf unser Heil und unsre Seligkeit gegrĂŒndet ist.“ „Diese Lehre ist wahrlich kein verschlossenes Schloß und Riegel, wer neben ihr vorbeigeht, trifft das Rechte nimmermehr.“ Sie wissen, in welch’ bewegter Zeit wir leben. Das Wort vom Kreuz ist nicht bloß in sich selbst und als solches eine Torheit, sondern wird als törichte Erfindung etlicher unfolgerichtig und unklar denkender SchwĂ€rmer dargestellt und entlarvt. Nicht daß es ĂŒber die Wege der Kultur als mĂŒĂŸiges Querholz gelegt ist, macht sein Ärgernis aus, sondern das ist der eigentliche Anstoß an ihm und in ihm, daß es die widerstrebendsten Begriffe in sich zu vereinen vorgibt und dem Unendlichkeitsfortschritt der Welt in ebenso plumper als unnĂŒtzer Weise wehrt. Es hat eine Zeit gegeben, wo die WĂ€nde kaiserlicher PalĂ€ste und die Mauern der Kasernen von Karikaturen des Kreuzes bedeckt waren, damit man sehen möchte, welch einem erbĂ€rmlichen Machwerk trĂŒbster und unklarster Mystik die Sekte der Nazarener nachhĂ€nge. Aber diese Zeit hat in ihrem Schoße die großen Apologeten der Tat geborgen, die in den Tod hineinjauchzenden MĂ€rtyrer, die Frauen und zarten Jungfrauen, welche fĂŒr das Kreuz und den es Tragenden und den von ihm Getragenen ihr Leben in den Tod zu geben sich freuten, die aus dem dunklen nĂ€chtigen Himmel einer christusfernen und feindlichen Welt leuchteten wie einsame Sterne, die ihre stille Bahn der Morgenröte zu ziehen, die großen Gestalten, die jetzt nĂ€her als vor Jahrhunderten zu uns herniedergrĂŒĂŸen, Rufer zum Kampfe, Propheten des Sieges.

Der heutige Tag heißt der Tag Concordiae. Sollten unsere VĂ€ter recht behalten, die behaupteten, mit Luther sei die Eintracht gestorben, sollte nicht vielmehr der heutige Sonntag mit dem alten Introitus des 71. Psalm (Vers 3) uns mit all unserer Not, mit der tiefbegrĂŒndeten Selbst anklage und Selbstverurteilung, mit der wehmutsvollen Klage ĂŒber Entzweiung und Entfremdung uns desto fester das Kreuz umfassen lassen, an dem eine Welt versank, um in ihm zu erstehen?

Echt protestantisch erheben wir Herzen und HĂ€nde zum Treuschwur, in der Freiheit bestehen zu wollen, mit der uns Christus befreit hat, nicht mit erborgten StĂŒtzen das zu halten, was entweder in sich selbst Halt besitzt oder haltlos versinken mĂŒĂŸte, mit dem stolzen Wahrspruch: wir können nichts wider die Wahrheit. Echt lutherisch sehen wir nicht in eine sinkende Abendröte eines besseren Tages, sondern hoffend zur Morgenröte des Tages, an dem Recht Recht bleibt. Als Leute, die ProphetengrĂ€ber nicht mit Redeblumen und stark duftenden und schnell verwelkenden BlĂŒten schmĂŒcken, bitten wir, unseren toten Vater damit ehren zu dĂŒrfen, daß wir leben wie er’s wĂŒnscht, engen Gewissens und weiten Herzens, treu im Erdenberuf, der dem Himmelsberuf dient.

Aber mehr als protestantische Hoffnung und lutherischer Glaube bedeutet, und höher als diese tiefen markigen KlĂ€nge geht das hohe Lied der Liebe, in der wir Knechte des Kreuzes und der von ihm Erlösten bleiben wollen. Diese Liebe hört nimmer auf und fĂ€llt nicht dahin, wenn auch ihre SĂ€nger und TrĂ€ger von hinnen ziehen. Sie gehen durch die Zeitlichkeit hindurch, um in der Vollendung ein neues Lied und eine alte Liebe zu haben und zu ĂŒben. Gott, der das Geheimnis der Passion in Christo geoffenbart und in den Ernst der Passion des Lebens gesetzt hat, verleihe Ihnen und mir Kraft, Mut und Freude des Kreuzes und durch dies alles das Erlebnis seines Sieges an uns und unserem Volke.

Dr. Hermann von Bezzel, Oberkonsistorial-PrÀsident

Ein Vortrag zu Eisenach gehalten am Sonntage Estomihi 1912
Verlag Trowitzsch & Sohn, Berlin 1912

Quelle: https://de.wikisource.org/wiki/Christentum_und_Kreuz

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 13. Januar 2017 um 12:10 und abgelegt unter Kirche, Theologie.