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60.000 Generationen untersucht: Grüße aus dem Labor

Montag 5. Dezember 2016 von Dr. Jörg Michel


Dr. Jörg Michel

Dieses Jahr jährt sich zum fünften Mal das Erscheinen einer wissenschaftlichen Arbeit, die einen „50.000 Generationen Gruß an Charles Darwin“ in ihrem Titel trug (Richard E. Lenski: „Evolution in action – a 50.000 Generation Salute to Charles Darwin“ Microbe 6, S. 30-33, 2011). Der Autor Richard Lenski (Michigan State Universität, USA) berichtet von einem Langzeitexperiment mit Mikroorganismen, die bald darauf die 60.000. Generation erreicht haben werden.

Das Besondere dieses wissenschaftlichen Berichts liegt in der Ausnutzung der Eigenschaft bestimmter Mikroorganismen (hier: Bakterien), sich unter idealen Bedingungen (z.B. im Labor) sehr schnell zu vermehren und so an einem einzigen Tag sechs bis sieben Generationen zu durchlaufen. Damit kommen in einigen Jahren sehr viele Generationen zusammen, die untersucht und miteinander verglichen werden können. Ein Langzeitexperiment, das geeignet ist, Evolutionsvorgänge aufzuzeigen, also die Weiter- und „Höherentwicklung“ von Organismen nach dem Prinzip des Zufalls und der Selektion zu untersuchen (zum Vergleich: ein Freilandexperiment mit einer Eidechsen-Art umfasste 15 Generationen in 15 Jahren. 60.000 Generationen entsprechen in diesem Sinne ca. 1 Millionen Jahre Evolution des Menschen). Und Zeit ist im Rahmen der evolutiven Deutung der Lebensentstehung und -entwicklung kritisch, ja sogar sehr kostbar. Denn es werden mehrere hundert von Millionen Jahren angenommen, die es brauchte, um von den ersten molekularen Strukturen, die eine biochemische Informationsverarbeitung zuließen zu jenen Organismen zu gelangen, die fähig sind, den vorliegenden Artikel zu schreiben bzw. zu lesen. So sollte es mit dem Ansatz von Richard Lenski möglich sein, evolutive Veränderungen im Labor darstellen zu können.

Die bis 2013 veröffentlichten und debattierten Ergebnisse zeigen, dass es bisher nicht gelungen ist, eine neue Eigenschaft im Sinne einer zu Beginn des Experiments bei den Bakterien noch nicht vorhandenen Funktion nachzuweisen. Es wurde ein besonderer Fall diskutiert, der auf eine ganz neue Stoffwechseleigenschaft eines der Bakterienstämme hinzuweisen schien, doch konnte bei genaueren Nachuntersuchungen festgestellt werden, dass die sog. evolutionäre Neuheit auf eine Veränderung der Genregulation zurückzuführen war, also auf einer Variation schon vorhandener Möglichkeiten beruhte. Ein noch nicht erklärbarer Befund dieses Langzeitexperiments ist das Auftauchen von Stämmen, die eine erhöhte Veränderungsrate ihres Genoms aufweisen, ohne jedoch, verglichen mit den anderen Stämmen, die diese Eigenschaft nicht aufweisen, neue oder bessere Überlebensfähigkeiten zu generieren. Sie zeigen dazu eine Zunahme ihrer relativen Wachstumsrate, die anhält und noch keine Erklärung gefunden hat. In der Diskussion über diesen Befund ist jedoch die Meinung eindeutig, dass diese Steigerung nicht mit evolutionärer Neuigkeit gleichzusetzen ist. Der Biochemiker Michael Behe macht darauf aufmerksam, dass einige dieser Stämme ihre Fähigkeit durch die Ausschaltung zweier Stoffwechselkatalysatoren erlangten. Somit wäre diese evolutionär vorteilhafte Entwicklung eine Rückentwicklung – „ein schlechtes Omen für jegliche Theorie der Evolution, die sich allein auf blinde, ungerichtete Prozesse verlässt“ (Behe 2013, zitiert nach Daniel Vedder, 25 Jahre Evolution in vitro, Studium Integrale Journal, 21. Jahrgang, Heft 1, Mai 2014, S. 36ff.).

Natürlich kann man mit einem solchen experimentellen Ansatz Gott nicht beweisen, zumal in den allermeisten wissenschaftlichen Versuchen Gott als eine Möglichkeit von vorneherein ausgeschlossen ist. Doch lassen sich diese Befunde natürlich sehr gut in theologischer Hinsicht und unter dem Lichte des Schöpfers von Himmel und Erde betrachten. So ist zu fragen, ob hier nicht mit diesem Experiment, wenngleich ungewollt, auf die creatio continua des Schöpfergottes hingewiesen wird. Martin Luther beschreibt diese im Kleinen Katechismus in vorzüglicher Weise, wenn er den ersten Artikel des Apostolikums auslegt: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält […]“. Die aufgezeigten Ergebnisse der Langzeitstudie zeigen bildhaft die Konstanz und Lebensfähigkeit, die Erhaltungsfähigkeit wie Erhaltungswürdigkeit der Geschöpfe Gottes. Sie sind ausgestattet mit alldem, was zum Leben, auch in unterschiedlicher Umgebung und Zeit, nötig ist. Wissenschaftlich gewendet findet diese Vorstellung ihren Niederschlag in der Grundtypenbiologie. Nach dieser standen am Anfang der heutigen Arten genetisch polyvalente (vielseitige) Grundtypen, deren Herkunft auf dem Schöpfungsakt Gottes beruht. Polyvalenz bedeutet dabei die im Erbgut der Arten bereits angelegte Fähigkeit zur Ausbildung verschiedener Merkmale oder Merkmalszustände. Es handelt sich dabei also um ein den Grundtypen innewohnendes Variationspotential (Reinhard Junker, Siegfried Scherer, Evolution – Ein kritisches Lehrbuch, S. 34 ff.).

Hier stellt sich dann die Frage, inwieweit es der Autor des Langzeitexperiments tatsächlich vollbracht hat, mit 50.000 Generationen von Bakterien Charles Darwin einen Salut und damit die Ehre zu erweisen. Ist es nicht vielmehr so, dass der wissenschaftliche Versuch, das Leben in Begriffen des Leblosen zu erklären, indem es seiner Komplexität entkleidet und auf ein Zusammenwirken seiner einfacheren Bauteile zurückgeführt wird, seit Darwins Zeiten eben gerade nicht dazu geführt hat, dass wir nun besser verstünden, was Leben ist und warum es entstand? Einer der größten Theologen der letzten 100 Jahre, Wolfhart Pannenberg, hat es in diese Worte gefasst: „Wenn der Gott der Bibel der Schöpfer des Universums ist, dann ist es nicht möglich, die Prozesse der Natur vollständig oder auch nur angemessen ohne Bezugnahme auf Gott zu verstehen“ (Wolfhart Pannenberg, Toward a Theology of Nature. Essays on Science and Faith, Louisville, Kentucky, 1993, S. 16 in: Christian Herrmann, Rolf Hille, Verantwortlich glauben, Nürnberg, 2016, S. 135).

Und diesem Gott ist nichts zu groß oder gar zu klein, und so grüßen 60.000 Generationen von Mikroben, von ihren wissenschaftlichen Beobachtern missinterpretiert, den Schöpfer des Himmels und der Erde und geben Ihm die Ehre! Soli Deo Gloria!

Dr. Jörg Michel, Biebertal

Quelle: Aufbruch – Informationen des Gemeindehilfsbundes, Dezember 2016 (3/2016)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 5. Dezember 2016 um 13:35 und abgelegt unter Schöpfung / Evolution.