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Wer sind die geringsten BrĂŒder?

Montag 23. Mai 2016 von Holger Lahayne


Holger Lahayne

Vor einigen Tagen kritisierte die Leitung der Vereinigung evangelischer Freikirchen (VEF) in einem offenen Brief das FlĂŒchtlingsabkommen mit der TĂŒrkei. In „Warum die migrationspolitische Abschottung Europas ein Irrweg ist. Ein Zwischenruf zur aktuellen FlĂŒchtlingspolitik“ heißt es: „Die europĂ€ische IdentitĂ€t, Europas ‘Seele’, war bisher mit einer klaren humanitĂ€ren Haltung und einem Bekenntnis zu den Menschenrechten existenziell verbunden. Das ist durch die Vereinbarung mit der TĂŒrkei in Frage gestellt. Europa droht seine humanitĂ€re IdentitĂ€t zu verlieren! Als Christinnen und Christen in evangelischen Freikirchen sind wir der Überzeugung, dass es fĂŒr Europa unverzichtbar ist, Menschen in ihrer existenziellen Not Schutz zu bieten.“

Am Schluss fordern die Kirchenleiter, „dass die einzelnen europĂ€ischen Nationalstaaten und die Staatengemeinschaft in Europa sich beherzt den Menschen in Not öffnen und mehr Verantwortung ĂŒbernehmen, um der bedrohten Menschen und der eigenen HumanitĂ€t willen. Abschottung und nationaler Egoismus sind fĂŒr uns keine Optionen europĂ€ischer IdentitĂ€t. Wir wollen mit unseren Gemeinden und Möglichkeiten den Menschen in Not helfen, weil wir uns verpflichtet wissen durch das Wort Jesu: ‘Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten BrĂŒdern, das habt ihr mir getan.’ MatthĂ€us 25,40“.

Auch in der Einleitung der Gerechtigkeitsbibel wird im ersten Satz MatthĂ€us 25,40 zitiert. Offensichtlich wird an die Rede vom Weltgericht in Mt 25 angeknĂŒpft, wenn es ein paar AbsĂ€tze spĂ€ter heißt: Jesus „sagt, dass wir in den HilfsbedĂŒrftigen ihn selbst erkennen können
 Wenn wir heute in ein hoffnungsloses Gesicht in der FußgĂ€ngerzone sehen oder Bilder von Menschen in FlĂŒchtlingslagern – wir sehen Jesus.“

Tobias Faix, einer der Mitherausgeber der Gerechtigkeitsbibel, schreibt im Vorwort vom gerade erschienenen Schrei nach Gerechtigkeit: „Jesus identifiziert sich in seiner großen Rede vom Weltgericht ganz praktisch mit den Ausgegrenzten und Entrechteten, wenn er sagt: ‘Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im GefĂ€ngnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht’ (Mt 25,42). Das fordert uns heraus und stellt unser Leben, unser Handeln und unsere Gottesbeziehung infrage. Hören wir die Schreie der UnterdrĂŒckten noch? Oder sind wir zu sehr mit den Stimmen der Konsumgesellschaft beschĂ€ftigt?“

Faix gibt also zu verstehen, dass die „geringsten BrĂŒder“, mit denen Jesus sich identifiziert, die Ausgegrenzten und die Entrechteten sind. Weiter heißt es im Vorwort:

„Papst Franziskus hat in seiner historischen Rede im Washingtoner Kapitol [Sept. 2015] die amerikanischen Politikerinnen und Politiker ermahnt, in den FlĂŒchtlingen nicht nur eine wirtschaftliche oder kulturelle Herausforderung zu sehen, sondern in jedem einzelnen einen Menschen, ja eine Schwester oder einen Bruder zu erkennen. Dabei greift er auf das Gleichnis vom Weltengericht zurĂŒck. Dort wird deutlich, dass wir in den Hungernden, DĂŒrstenden, Fremden, Nackten, Kranken und Gefangenen Jesus selbst begegnen (Mt 25,31-46). Die Gottesebenbildlichkeit, die uns von der Schöpfung her zuerkannt ist, gilt allen Menschen – nicht nur den Gesunden, sondern auch denen, die hungrig, durstig, nackt, fremd, krank oder gefangen sind.“

Christen in Not

Die „geringsten BrĂŒder“ sind die Armen – und zwar alle HilfsbedĂŒrftigen. Diese Ansicht ist heutzutage recht weit verbreitet. Auf Mt 25,31f nahm z.B. auch der damalige internationale „Compassion“-Leiter Wess Stafford im Film „58“ bezug: Die „entscheidende Botschaft“ des Abschnitts, die Jesus uns mitteilen will: „die Armen bedeuten mir wirklich etwas“; „Hier geht es um die Armen [also alle Armen] und wie extrem wichtig sie fĂŒr mich sind“; „Wenn es um die Armen geht, mĂŒssen wir etwas tun.“

Diese Aussagen erweisen sich jedoch in der vorgebrachten Eindeutigkeit und PauschalitĂ€t als ĂŒberzogen, und das ist noch milde ausgedrĂŒckt. Es geht in der Rede vom Weltgericht nicht um die Armen als solche, sondern „die geringsten BrĂŒder“ sind höchstwahrscheinlich eben genau dies: GlĂ€ubige in Not. Jesus wollte in dem Abschnitt sicher nicht zu einem allgemeinen Aktivismus gegen alle Formen der Armut aufrufen.

Adolf Schlatter meinte: „Wir dĂŒrfen nicht sagen, diese BrĂŒder Jesu seien nur die JĂŒnger oder die Christenheit“ (Das Evangelium nach MatthĂ€us). Und auch Eduard Schweizer sieht im Text eine „Verheißung an alle Armen“ (MatthĂ€us, NTD). J. Jeremias und U. Wilckens Ă€ußerten sich Ă€hnlich. Es muss aber festgehalten werden, dass von den KirchenvĂ€tern ĂŒber die Reformatoren bis ins 19. Jahrhundert die Sichtweise dominierte, dass Jesus den Menschen in den JĂŒngern begegnet und mit den BrĂŒdern in dem Kapitel – ganz entsprechend Mt 10,40–42 – sie gemeint sind. Auch Mt 12,49 sagt eindeutig aus, dass die JĂŒnger Jesu die BrĂŒder sind. Erst im 20. Jahrhundert kamen zahlreichere Stimmen wie die oben genannten auf. Nicht zuletzt Mutter Teresa erhob immer wieder die Forderung, man solle Jesus in jedem Menschen und vor allem der Armen erkennen.

Interessant ist auch die Parallele zu 1 Kor 4,9f: „Denn ich denke, Gott hat  uns Apostel als die Allergeringsten hingestellt
 Bis auf diese Stunde leiden wir Hunger und Durst und BlĂ¶ĂŸe und werden geschlagen und haben keine feste Bleibe
 Wir sind geworden wir der Abschaum der Menschheit, jedermanns Kehricht, bis heute.“ Die AufzĂ€hlung hier entspricht fast wörtlich der AufzĂ€hlung in Mt 25: „Ich bin hungrig
, durstig
, ein Fremder
, nackt
, krank
, im GefĂ€ngnis gewesen
“.

Gerhard Maier resumiert: „Mit J.A. Bengel, K.F. Harttmann u.a. ist deshalb daran festzuhalten, dass es sich bei den ‘BrĂŒdern’ in Matth 25,40 wirklich um die JĂŒnger Jesu handelt.“ (MatthĂ€us-Evangelium 2. Teil) Schon Theodor Zahn hielt in seinem Kommentar zu MatthĂ€us fest: „Mit JĂŒngern Jesu sind die zu Richtenden in BerĂŒhrung gekommen“. Der reformierte Pastor und Autor Kevin DeYoung: Die „geringsten BrĂŒder“ bezieht sich „auf Christen in Not, und in besonderer Weise auf wandernde christliche Lehrer, die auf Gastfreundschaft der Glaubensfamilie angewiesen sind“ (What Is the Mission of the Church?).

Schließlich im Bibelkommentar von Moyter und Guthrie ĂŒber die IdentitĂ€t der BrĂŒder: „Damit sind Israel und die Glaubenden in der TrĂŒbsalszeit gemeint
“ Diese Sicht wird bekrĂ€ftigt von evangelikalen Exegeten wie D.A. Carson, C. Keener, R.T. France u.a. Auch Die Bibel in heutigem Deutsch mit ErklĂ€rungen („Die gute Nachricht“) von 1983 erklĂ€rt zu Mt 25,31f: „Die Stellen 10,40-42; 12,48-50; 28,10 legen nahe, an die JĂŒnger Jesu zu denken, die in der ganzen Welt die VerkĂŒndigung auszurichten haben (24,14; 28,18-19) und weltweit verfolgt und misshandelt werden (24,9).“

Interessanterweise sprach ja auch der Papst in Washington im Zusammenhang von Mt 25 von Schwestern und BrĂŒdern; in gewisser Weise bestĂ€tigt dies diese hier geschilderte Lesart: die dort Genannten sind Christen in Not, nicht alle Armen und UnterdrĂŒckten. Nur erweitert Franziskus die Gruppe der Schwestern und BrĂŒdern auch auf Jesus nicht bekennende Menschen. Dazu gleich mehr.

Bevorzugte Option fĂŒr die Armen?

Jeder Mensch als Ebenbild Gottes spiegelt in gewisser Weise den Schöpfer wider. Auf diese Gottesebenbildlichkeit wird in den zitierten BĂŒchern gerne hingewiesen. NatĂŒrlich gilt sie allen Menschen. Warum wird dann aber daraus gefolgert, Gott identifiziere sich in besonderer Weise mit den Armen? Es stimmt, Gott stellt sich in mancher Hinsicht vor allem an die Seite der Notleidenden, weil sie Opfer von Unrecht, Verfolgung und Gewalt wurden. Es ist jedoch noch ein logischer Schritt von Hilfe und Beistand zur besonderen Identifikation. Und noch ein weiterer Schritt ist es, aus so einer Identifikation gar konkrete Handlungsanweisungen abzuleiten.

Gott identifiziert sich in besonderer Weise nur mit seinem Volk, Christus nur mit seinem Leib, der Kirche. Das heißt natĂŒrlich nicht, dass ihm die Armen, alle Armen, egal wĂ€ren. Jesus leidet mit den Leidtragenden, Verfolgten und GequĂ€lten auf der ganzen Welt. Christen haben sich deshalb gegen „jede Form der UnterdrĂŒckung“ (Lausanner Verpflichtung, 5) und fĂŒr Linderung von Not einzusetzen. Doch die theologische Überfrachtung der Armenhilfe ist unnötig. Sie ist, so scheint es, nun aus der Befreiungstheologie und der These von einer „[bevorzugten] Option fĂŒr die Armen“ (oder der „Vorrangstellung der Armen“) in die evangelikale Bewegung eingesickert.

(Dies ist natĂŒrlich vor allem ein ‘Verdienst’ von Jim Wallis, der z.B. in Die Seele der Politik behauptet, sie sei „offenkundig“. Warum wurde das Offensichtliche dann in der Vergangenheit nicht gesehen? Hier muss Wallis auf Verschwörungstheorien zurĂŒckgreifen: die Vorrangstellung der Armen sei zu einem „bestgehĂŒteten Geheimnis“ gemacht worden, das erst nun „gelĂŒftet“ wird. Belege fĂŒr diese steile These wie meist bei Wallis – Fehlanzeige.)

Daher muss eindeutig festgehalten werden: Es gibt keine klare biblische BegrĂŒndung fĂŒr die kategorisch formulierte Aussage, dass wir tatsĂ€chlich in jedem Armen Jesus sehen. Zwar hören wir heute oft wie schon mehrfach von Papst Franziskus, dass Gott in jedem Menschen sei, er in jedem zu finden sei und wir ihn dann natĂŒrlich dort auch sehen können, doch ich wage zu bezweifeln, dass das Wort Gottes uns so eine eindeutige Zusage macht.

Bruder in Christo

Es gibt auch keine klare biblische BegrĂŒndung fĂŒr die Aussage, alle Menschen seien unsere BrĂŒder und Schwestern wie im Zitat des Papstes. Hier sei nur Kurt Hennigs Beitrag aus „idea“ (3/1982) zitiert:

„Bruder ist Bruder in Christus und sonst niemand. ‘Ihr sollt nicht mit einem zu schaffen haben, der sich lĂ€ĂŸt einen Bruder nennen und ist ein UnzĂŒchtiger oder ein Geiziger oder ein Götzendiener
 ’ (1 Kor 5, 11). In diesem Sinne wird der Begriff auch in Röm 14, 10 verwandt oder in 1 Kor 15, 6; 2 Kor 11, 26 (‘falsche BrĂŒder’, vgl. Gal 2, 4); dann Gal 6, 18; Phil 4, 1; 1 Thess 4, 6; 2 Thess 3, 15 usw. Die ĂŒbrigen neutestamentlichen Schriften bestĂ€tigen, soweit sie den Bruderbegriff verwenden, daß es keine Ausnahme von der Regel gibt: Bruder ist ‘Bruder in Christo’, oder es ist eben kein Bruder, sondern – und dies ist keineswegs dasselbe! – es ist ein NĂ€chster. Der NĂ€chste ist jeder; Bruder ist nur der Bruder im Glauben und in der Gemeinschaft der GlĂ€ubigen. Diesen dezidierten Gebrauch des Begriffs ‘Bruder’ belegen beispielsweise noch 1 Pt 2, 17; 3, 3; 1 Joh 2, 9 und laufend im 1 Joh; Heb 13, 1; Off 1, 9; 6, 11 usw. In 2 Pt 1, 7 wird dabei die brĂŒderliche Liebe und die allgemeine Liebe zu allen Menschen betont unterschieden.“

In Deutschland mangelt es inzwischen nicht mehr an evangelikalen AusbildungsstĂ€tten mit Hochschulstatus – die vom Verband des VEF-PrĂ€sidenten Ansgar Hörsting gehört auch dazu. Demnach sollte das theologische Wissen allen Ortens zunehmen, doch offensichtlich wird nur zu oft im Umgang mit Gottes Wort geschludert. Und dabei geht es um wichtige Fragen, nĂ€mlich wozu wir als Christen wirklich verpflichtet sind. Hier sind von Kirchenleitern und fĂŒr die theologische Lehre Verantwortlichen sorgfĂ€ltige  BegrĂŒndungen zu erwarten.

Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

Auch die Leiter der VEF sollten sich endlich an ihre sozialethischen Hausaufgaben setzen. Es genĂŒgt eben nicht, einzelne Bibelverse einzustreuen und sich sonst auf SĂ€tze wie „Menschen in ihrer Not Schutz zu bieten, muss eine SelbstverstĂ€ndlichkeit sein“ zurĂŒckzuziehen. Dies wird nur GĂ€hnen bei allen Verantwortlichen in der Bundesregierung auslösen.

Lernen könnten Hörsting, Wenner und Jörgensen von Richard Schröder, Theologieprofessor und langjĂ€hriges Bundestagsmitglied (fĂŒr die SPD). JĂŒngst in der „Welt“:

„Die Kirchen können von ihren Mitgliedern mehr Barmherzigkeit verlangen. Von Barmherzigkeit, vom Herz fĂŒr die Elenden kann es nicht genug geben. Der Staat aber darf nicht barmherzig sein. Der Staat muss gerecht sein. Er hat nach Regeln zu handeln und er hat die Folgen zu bedenken. Der Barmherzige fragt nicht viel, er hilft. Er sieht in die Augen der Kinder von Idomeni und sagt, “Kinderaugen lĂŒgen nicht”, und will sie hierher holen. Den Politiker mögen die Kinderaugen genauso rĂŒhren, er aber muss fragen: Was passiert, wenn ich heute 10.000 Menschen hierherhole? Dann nĂ€mlich sind morgen weitere 10.000 Menschen da, die auch nach Deutschland wollen. Kurzum: Wenn der Staat barmherzig wĂ€re, wĂ€re er korrupt, denn er wĂŒrde Ausnahmen machen. Der Barmherzige darf das.“

Holger Lahayne, 28.4.2016

Quelle: www.lahayne.lt

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 23. Mai 2016 um 17:04 und abgelegt unter Gemeinde, Gesellschaft / Politik, Kirche.