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Schweden: Dunkle Landstriche im sozialen Paradies

Montag 11. April 2016 von Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.


Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.

In vielen LĂ€ndern hat Schwedens Sozialpolitik einen Ruf wie Donnerhall. Nicht selten hört man das Argument, Erwachsene und Kinder leideten nur deshalb unter dem Auseinanderbrechen von Familien, weil sie nicht die politische Weisheit der Schweden besitzen wĂŒrden, die alleinerziehenden MĂŒttern und deren Kindern mit außergewöhnlich großzĂŒgigen Sozialhilfen beiseite stĂŒnden. Dieses naive Vertrauen in Schweden hat jedoch jĂŒngst einen herben RĂŒckschlag erlitten. Eine neue Studie (1) offenbart, dass sogar im sozialpolitisch gelobten Land Kinder geschiedener, alleinerziehender Eltern statistisch deutlich schlechter durchs Leben kommen als Gleichaltrige aus intakten Familien.

Im Rahmen dieser Studie untersuchten Wissenschaftler der UniversitĂ€ten von Stockholm und Uppsala sowie des Karolinska Instituts das psychische Wohlbefinden schwedischer Kinder aus drei unterschiedlichen Lebenssituationen: Kinder in der Obhut alleinerziehender Eltern, Kinder  deren geschiedene Eltern das gemeinsame Sorgerecht innehaben sowie Kinder, die in intakten Kernfamilien leben. Die Daten zu den in den drei Gruppen beobachteten psychologischen Symptomen stammen aus einer Stichprobe von 3.200 schwedischen Familien mit Kindern im Alter von zwei bis siebzehn Jahren. Diese Daten zeigen deutlich, dass eine intakte Familie psychisches Wohlbefinden fördert, wĂ€hrend eine zerrĂŒttete Familie eher psychische Krankheiten hervorruft.

Der summarische Befund ist nicht ĂŒberraschend. Interessant sich auch einige Einzelergebnisse. Die schwedischen Wissenschaftler berĂŒcksichtigten bei ihren Forschungen sowohl die Anzahl als auch den Schweregrad von „emotionalen Symptomen, Verhaltensproblemen, HyperaktivitĂ€t/Unaufmerksamkeit und Beziehungsproblemen unter Gleichaltrigen“. Laut den Wissenschaftlern deuten die Studienergebnisse auf eine „höhere Symptombelastung bei Kindern alleinerziehender Eltern ([Relatives Risiko] = 2.2, p < 0.001) und bei Eltern mit gemeinsamem Sorgerecht ([Relatives Risiko] = 1.6, p < 0.001) hin als dies bei Kindern aus Kernfamilien der Fall ist.” Mit anderen Worten. „Kindern mit Eltern, die ein gemeinsames Sorgerecht innehaben, geht es besser als Kindern von Alleinerziehenden, jedoch nicht so gut wie Kindern in Kernfamilien.”

Bei dem Versuch, das von ihnen ausgemachte Muster zu begrĂŒnden, wurde den Forschern deutlich, dass sogar in einem so  großzĂŒgigen Sozialstaat wie Schweden Kinder ökonomisch benachteiligt sind, die nicht in Kernfamilien leben: die Berechnungen der Autoren ergaben, dass „die beiden Typen von Trennungsfamilien mehr als doppelt so hĂ€ufig (41.9% und 42.6%) zu der untersten Einkommensstufe zĂ€hlen wie Kernfamilien (20.2%).” Nach eingehender, statistischer Auswertung kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass „das Haushaltseinkommen nur begrenzt zur ErklĂ€rung der Unterschiede im seelisch-geistigen Wohlbefinden der Kinder beitrĂ€gt.“

UnabhĂ€ngig davon, wie sie ausgelöst wird, ist die ausgeprĂ€gte psychologische Verletzbarkeit von Kindern, die nicht in Kernfamilien leben, eine Tatsache – auch in Schweden. Dies ist allerdings auch keine neue Erkenntnis. Laut den Autoren dieser Studie „bestĂ€tigen die Ergebnisse bisherige Forschungen“, welche belegen, dass in Schweden (wie auch in anderen wohlhabenden westlichen LĂ€ndern) „im allgemeinen Kinder geschiedener Eltern ein erhöhtes Risiko fĂŒr „emotionale Probleme, soziale MissstĂ€nde und geringes Wohlbefinden aufweisen als Kinder aus intakten Familien.”

Worunter nun leiden Kinder psychisch in den zerrĂŒtteten FamilienverhĂ€ltnissen? Die Wissenschaftler argumentieren, dass das Leid der Kinder, das Leid der Eltern wiederspiegeln könnte. „Eine Mutter mit alleinigem Sorgerecht oder ein Vater ohne Sorgerecht zu sein steht im Zusammenhang mit einem erhöhten Gesundheitsrisiko – sowohl psychischer als auch physischer Natur“, so die Forscher. Außerdem könnten „elterliche Erkrankungen wiederum negative Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung und das Wohlbefinden haben.“

Der im Laufe der Jahrzehnte immer stĂ€rkere Zauber Schwedens wird so schnell nicht verblassen. Die neue Studie jedoch bringt eine ernĂŒchternde Wahrheit ans Licht: kein Sozialstaat wird die seelisch-geistige Gesundheit von Kindern mehr schĂŒtzen als es eine intakte, natĂŒrliche Familie tut. Von Stockholm bis Seattle oder von Berlin via BrĂŒssel und Paris bis Moskau gilt: Das Auseinanderbrechen von Familien bringt Kinder an den Rand psychologischer Belastbarkeit, oder wie manche  Forscher sagen: An den Rand dunkler Landstriche in den Weiten der Psyche.

Quelle: Nachricht 3/2016, Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V. (www.i-daf.org)

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(1) Malin Bergström et al., “Mental Health in Swedish Children Living in Joint Physical Custody and Their Parents’ Life Satisfaction: A Cross-Sectional Study,” Scandinavian Journal of Psychology 55.5 [2014]: 433-9.)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 11. April 2016 um 11:12 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik.