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Gewalt und Religion: Die Ambivalenz des Koran

Montag 12. Januar 2015 von Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.


Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Islam meint wörtlich „Unterwerfung“ unter den Willen Allahs. Diese Unterwerfung wird durchbuchstabiert im Koran, der in seiner Urform bei Allah selbst liegt und in seiner Buchform als unmittelbare, im göttlichen Arabisch formulierte Wiedergabe der Urform gilt. Koran meint zunĂ€chst das Vorlesen eines Textes, spĂ€ter die Gesamtheit der Offenbarung. Koranworte werden daher wesentlich unhistorisch aufgefaßt und sind trotz ihrer nicht seltenen WidersprĂŒche nicht relativierbar. Um diese WidersprĂŒche haben sich vier berĂŒhmte Rechtsschulen bis zum 12. Jahrhundert bemĂŒht, doch sind deren fatwas selbst gewissermaßen klassisch-unverĂ€nderlich kanonisiert.

Wenn in der Mitte des Christentums die Fleischwerdung des Wortes steht, so in der Mitte des Islam die Buchwerdung des Wortes: Der Koran enthĂ€lt den ins einzelne gehenden Willen Allahs zur Regelung des gesamten menschlichen Lebens, weswegen der Koran auf den westlichen Leser den erstaunlichen Charakter eines „Gesetzbuches“ macht – von völlig anderem Zuschnitt als das „Geschichtsbuch“ der Bibel. WĂ€hrend diese mit dem Ur-Anfang beginnt (bereshit barah), also KausalitĂ€ten und dann Diagnosen des jetzigen Zustands entwickelt (Kosmologie und Anthropologie aus Theologie), spielen die Erschaffung der Welt oder Aussagen ĂŒber Kosmologie/Anthropologie/Theologie im Koran eine untergeordnete Rolle; sie sind implizit vorausgesetzt bzw. aus dem Alten Testament stichwortartig und selektiv ĂŒbernommen. Schon Sure 2 beginnt nach einer Kurzzusammenfassung der Zeit von Adam bis Mose unvermittelt mit ausfĂŒhrlichen Gesetzesdarlegungen, u. a. zur Behandlung von Frauen bei Eheschließung, Erbfragen usw. Die Fragen nach Woher, Warum und Wohin der Welt sind deutlich untergeordnet der Kodifizierung des Lebens. Der Gehorsam gegenĂŒber den Koran-Gesetzen ist idealtypisch absolut, d.h. Allahs Wort muß genĂŒgen, in seine PlĂ€ne hat niemand Einsicht. Zwischen ihm und der Schöpfung herrscht ein asymmetrischer Bezug von oben nach unten; der Islam entwickelt keinen hinreichenden Vernunftcharakter der Schöpfung, der auch der menschlichen Vernunft einen gewissen Zugang zum Göttlichen und zu den Mitgeschöpfen gewĂ€hrte. Es ist zu vermuten, daß der Niedergang der islamischen Naturwissenschaften gegen Mitte des 14. Jahrhunderts mit einer ĂŒberzogenen Allmachtslehre zusammenhĂ€ngt, so daß Allah als causa prima jederzeit die Naturgesetze außer Kraft setzen konnte, wĂ€hrend die christliche Theologie, bahnbrechend dabei Thomas von Aquin, an dieser Stelle die causae secundae einfĂŒhrte, die verlĂ€ĂŸlichen Zweitursachen, die der Schöpfer selbst der Natur eingepflanzt habe.

Dieser Unterschied ist sprechend: dort die Offenbarung des „Buches“ (Inlibration), hier die VerkĂŒndigung und Menschwerdung des Sohnes (Inkarnation). Das Christentum ist wesentlich keine Buchreligion. Islam, die Unterwerfung, meint das fraglose ZurĂŒcktreten unter die Gewalt Allahs, der gleichwohl der Erbarmer, aber auch der Schicksalsentscheider ist. Zwischen Allah und dem Menschen gibt es kein GesprĂ€ch, keine Frage, kein Aufbegehren; es gilt der Gehorsam. Mohammed blieb sein Leben lang ein Krieger, ein Feldherr, der Zwang erfuhr, selbst ausĂŒbte und Zwang weitergab. Gerade die kriegerischen Erfolge seiner zahlreichen Beute- und FeldzĂŒge galten als Zeichen der ErwĂ€hlung. Der Aufruf zum Kampf gegen die UnglĂ€ubigen oder Götzendiener war daher keine Metapher, sondern in der Tat Teil der Legitimation der Botschaft und selbst gottgefĂ€llig. ReligionsphĂ€nomenologisch ist das PhĂ€nomen des Feldherrn als Religionsstifter einzigartig.

Zentral fĂŒr die Geschichtsvision des Koran ist, daran anschließend, die Vorstellung einer schrittweisen historischen Umwandlung der Welt: vom „Haus des Krieges“ (dĂĄr al-harb), worin per Definition die UnglĂ€ubigen wohnen, zum „Haus des Islam“ (dĂĄr al-islĂĄm). DafĂŒr gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder dient Mission, da’wa, zur Beseitigung des Unglaubens, oder die Übernahme einer anderen Kultur durch Majorisierung verbreitet dieses „Haus“. Am Ende umfaßt dĂĄr al-islĂĄm alles und alle mittels der Scharia, wörtlich des „Weideplatzes“ oder des islamischen Rechts: Auf Dauer sollte ein Moslem nicht im „Haus des Krieges“, dominiert von UnglĂ€ubigen, leben. Diese schrittweise Umwandlung geschieht durch dschihad. Dschihad meint wörtlich „BemĂŒhung“, „Anstrengung auf dem Weg Gottes“, ist aber in der Gegenwart bis zum vagen VerstĂ€ndnis eines „Heiligen Krieges“ ausgeweitet worden. Etymologisch verweist der Wortstamm g-h-d auf eine entschlossene geistige Haltung in der Gemeinschaft. dschihad bedeutet insofern zunĂ€chst ohne kriegerischen Akzent „sich bemĂŒhen die Ziele Gottes einzulösen“, was auch heißt, Leben und Vermögen fĂŒr den Islam einzusetzen. Der handgreiflich militĂ€rische Aspekt kommt den Wörtern qital = Schlacht und harb = Krieg zu. TatsĂ€chlich enthĂ€lt dschihad zunĂ€chst ausdrĂŒcklich ein geistiges BemĂŒhen, wie Mohammed ursprĂŒnglich durch Worte und ErlĂ€uterungen seine StammesbrĂŒder zu ĂŒberzeugen trachtete.

Nach der Hidschra (Mohammeds Auszug aus Mekka) wird die in Medina verfaßt Sure 9 den Begriff dschihad aber zuspitzen. Man kann seitdem vier Bedeutungen des Begriffes einteilen: 1. Im ursprĂŒnglichen Sinne eine friedliche Überzeugungsarbeit: Werbung fĂŒr den Islam; 2. Abwehr jeder fremden „Aggression“; 3. kĂ€mpferische Aktionen außerhalb der vier heiligen Monate und jedenfalls des Ramadan; 4. Kampf fĂŒr den Islam in zeitlich und rĂ€umlich unbeschrĂ€nkter Weise. Diese deutlich unterschiedenen, sogar gegensĂ€tzlichen Inhalte ergeben sich aus der geschichtlichen Entwicklung, die die Vorschriften im Koran und in der Sunna durch die Jahrhunderte hindurch unterschiedlich auslegten.

Sure 9 enthĂ€lt den umfassendsten Gebrauch des Wortes dschihad und soll daher eingehender vorgestellt werden. Sure 9 war wohl ursprĂŒnglich als ein Teil von Sure 8 gedacht. Sure 8 betraf den Verteidigungsfall, die Verteilung von Kriegsbeute, den Umgang mit den eigenen Leuten im Kampf und mit dem Gegner im Sieg. Historisch zu plazieren sind die Aufrufe zum Kampf von Sure 8 und 9 beim Feldzug von Medina nach Mekka 631 n. Chr., gegen die dortigen unmittelbaren Gegner Mohammeds. Hintergrund sind die Bedingungen die der damalige Feldherr Mohammed wegen des gewĂŒnschten Besuches der WallfahrtsstĂ€tte von Mekka an die sich bis dahin gegen ihn und seine Lehre sperrenden Mekkaner richtet. Die entscheidende Partie 9:1-28 stammt aus dem Jahr 631 n. Chr., also noch zu Lebzeiten des Propheten und beginnt mit einer „Lossprechung“ von VertrĂ€gen, um dann die Strategie der KriegfĂŒhrung zu entwickeln. Mohammed bietet den „UnglĂ€ubigen und Heuchlern“ (9:37) eine Frist von vier Monaten an, in welchen eine Besinnung zum Besseren erhofft wird. Nach Verstreichen dieser Frist ist mit offenem Kampf und Tötung aller Mekkaner zu rechnen. 9:5: „Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo (immer) ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen ĂŒberall auf! Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet (salat) verrichten und die Almosensteuer (zakat) geben, dann laßt sie ihres Weges ziehen!“ Es ist offensichtlich, daß diese Verse einen „Sitz im Leben“ der damaligen Strategie Mohammeds haben, die im Übrigen genau in seinem Sinne zum Erfolg fĂŒhrte: Mekka verstand die Drohung, gewĂ€hrte Zugang zu der WallfahrtsstĂ€tte und schloß sich der Lehre Mohammeds an.

Es ergibt sich eine Schwierigkeit grundsĂ€tzlicher Art: Sofern der Koran nicht als historisches Buch und als durch ZeitumstĂ€nde bedingte Niederschrift erfaßt wird, sondern als „heiliges Buch“ im Sinne einer Verbalinspiration durch Allah, können solche Ayat auch heute nicht aus ihrem sekundĂ€ren geschichtlichen Hintergrund gelöst und damit relativiert werden, sondern gelten in „fundamentalistischer“ Lesart als wörtlich zu ĂŒbernehmen. Dies ist umso bedeutsamer, als noch prĂ€zisiert wird, zwischen einem Kampf gegen UnglĂ€ubige, mit denen kein Friedensvertrag besteht (9:1-15) und dem Kampf gegen Juden und Christen (9:29-35). Mit den UnglĂ€ubigen wird im obigen Sinne kurzer Prozeß gemacht, wĂ€hrend Juden und Christen, da sie angeblich den wahren Ein-Gott-Glauben aufgegeben hĂ€tten, als „gottverfluchte Leute“ (9:30) apostrophiert werden und zum rechten Glauben zurĂŒckgefĂŒhrt werden mĂŒssen: „Er (Allah) ist es, der seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der wahren Religion geschickt hat, um ihr zum Sieg zu verhelfen ĂŒber alles, was es (sonst) an Religion gibt – auch wenn es den Heiden zuwider ist.“ (9:33)

Weitere markante dschihad-Stellen im Koran lauten:

3:169 Wer im Kampf fĂ€llt, lebt wohlversorgt bei Allah als dsahid/Martyrer; Selbstmord wird jedoch nicht legitimiert. Im Blick auf heute ist hinzuzufĂŒgen, daß keinesfalls die Mitnahme unschuldiger Opfer erlaubt ist.

35:52 ermuntert zu einem Streben mit aller Kraft, (durch den Koran) zu ĂŒberzeugen. Hier (wie anderswo hĂ€ufig) wird dschihad Teile eines lĂ€ngeren Ausdrucks: al-dschihad fi sabil allĂ h, und wird so zum religiös motivierten Kampf um Selbstbehauptung, auch durch razzawat, nĂ€mlich BeutezĂŒge zum Lebensunterhalt.

8:39 versteht dschihad als militÀrischen Kampf, geboten wie andere rituelle Pflichten.

4:95 ruft dazu auf, besser in den Kampf zu ziehen als zuhause zu bleiben. Versprochen wird gewaltiger Lohn: Beute und jenseitige Paradieses-Verheißung.

Mohammed starb 632 n. Chr., bevor er die weitere Spezifizierung seiner damaligen Strategie fĂŒr die Zukunft erlĂ€utern konnte. Insofern bleibt offen, welche der oben angefĂŒhrten vier Auslegungsmöglichkeiten von dschihad ihm fĂŒr die Zeit nach dem Sieg am gemĂ€ĂŸesten schien. Man könnte davon ausgehen, daß der geistige Aspekt des dschihad der umfassende sei, doch ist es nicht auszuschließen, da Mohammed als erprobter und siegreicher Feldherr in vielen Schlachten und BeutezĂŒgen, nicht zuletzt auch durch die bekannte Tötung der Juden in Medina, durchaus die gewaltsame Durchsetzung seiner Lehre unter gegebenen UmstĂ€nden rechtfertigen wĂŒrde. Sure 9 zeigt deutlich die historische Gebundenheit des Korantextes an seine Entstehungsgeschichte. Sofern sie aber nicht mehr historisch aufgefaßt wird, behalten Mohammeds Kampfesworte den Status zeitloser GĂŒltigkeit.

Angesichts eines revitalisierten, zum Teil fanatisierten Islam kann es nur die Antwort eines revitalisierten und nicht fanatisierten Judentums und eines ebensolchen Christentums geben, das seine Quellen im Judentum weiß und achtet. Dies betrifft die religiöse Seite der Frage; die politische und rechtliche im Sinne einer Demokratisierung des Islam ist davon zu unterscheiden und von rechtsstaatlicher Seite zu klĂ€ren.

Nicht ausreichend scheinen die Rituale der Betroffenheit (Kerzen etc.) gegenĂŒber dem Fanatismus, nicht ausreichend der lahme Toleranzbegriff der GleichgĂŒltigen, nicht ausreichend das bloße Nebeneinander der „Kulturen“, das sich beispielsweise nicht einmal dem Grundgesetz gemeinsam verpflichtet weiß, sofern dieses Grundgesetz staatlich nicht hinreichend verpflichtend angewandt wird, nicht ausreichend auch die Beschwörungen nach dem 11. September 2001: „Keine Rache“ – als wĂ€re das Völkerrecht von Rache getragen und als mĂŒĂŸte es nicht notwendig internationale rechtsstaatliche Mittel zur Verteidigung gegen Terror geben. [
] Es bedarf noch vieler GesprĂ€che und mehr noch der historischen Verarbeitung, auch der Selbstbearbeitung islamischer Geschichte durch Moslems, um die Gewaltbereitschaft, die der Koran zeitabhĂ€ngig vom 7. Jahrhundert durchaus prĂ€sentiert, unter modernen Bedingungen einzudĂ€mmen, d. h., in die vergangene Geschichte zu verweisen, und stattdessen andere Potentiale des Koran, die Verpflichtung seiner GlĂ€ubigen zur Barmherzigkeit etwa, herauszustellen. In der frĂŒhen mekkanischen Phase Mohammeds (611-622 n. Chr.) enthĂ€lt der Koran nĂ€mlich ausgesprochen friedliche Botschaften, auch an die Polytheisten: „Ihr habt eure Religion, und ich habe meine Religion.“ (109:6) „Gott ist unser Herr und euer Herr. Wir haben unsere Werke, und ihr habt eure Werke (zu verantworten). Es gibt keinen Streitpunkt zwischen uns und euch. Gott wird uns zusammenbringen. Und zu Ihm fĂŒhrt der Lebensweg.“ (42:15)

Alles wird sich daran entscheiden, ob der Koran von seinen versöhnlichen oder seinen kÀmpferischen Suren her verstanden wird.

Professor em. Dr. Hanna Barbara Gerl-Falkovitz hatte von 1993 bis 2011 den Lehrstuhl fĂŒr Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft an der Technischen UniversitĂ€t Dresden inne und ist heute Leiterin des EuropĂ€ischen Instituts fĂŒr Philosophie und Religion an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. bei Wien.

Quelle: iDAF – Aufsatz des Monats 1/2015

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 12. Januar 2015 um 23:17 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Weltreligionen.