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Was braucht die evangelische Kirche heute?

Montag 13. Oktober 2014 von Prof. Dr. Günter R. Schmidt


Prof. Dr. Günter R. Schmidt

Die evangelische Kirche bedarf der klaren Einsicht in ihr Wesen und des festen Willens diesem Wesen empirisch möglichst nahe zu kommen.  Was ist die Kirche, woher kommt sie und wohin geht sie? Diese Fragen möchte ich an das Neue Testament, an das nizänische Glaubensbekenntnis und an die Augsburgische Konfession stellen. Dabei soll sich zeigen, wie aktuell diese normativen Grundlagen unseres Glaubens sind.

1.   Kirche im Neuen Testament

Von den Hörern der Pfingstpredigt des hl. Petrus erzählt Lukas (Apg 2,41): „Die sein Wort annahmen, ließen sich taufen, und es wurden an jenem Tag hinzugetan etwa 3000 Seelen.“

Dieser eine Satz verdeutlicht den Zusammenhang von Wort der Verkündigung, seiner Annahme im Glauben, Taufe und Kirche. Denn der kirchliche Sinn von „hinzugetan“ ist überdeutlich: Die Neubekehrten wurden in die Gemeinschaft um die Apostel, die Christenheit, die Kirche eingefügt. Was aber war und ist der zentrale Inhalt des Wortes? Auch darüber gibt Apg 2 Auskunft: „Diesen Jesus hat Gott auferweckt. Dessen sind wir alle Zeugen.“ Wesentlicher Inhalt des Wortes ist die Auferweckung des gekreuzigten Jesus. Kirche gibt es von dem Augenblick an, in dem die Apostel mit dieser Botschaft hervortraten und für sie Glauben fanden. Apostel heißt Zeuge des Auferstandenen. Denn die „apostolé“, die Sendung, ist die notwendige Folge der Erfahrung, dass Jesus lebt. Das Bekenntnis zum Auferstandenen ist das wesentliche Merkmal der Kirche und unterscheidet sie von einer Umgebung, die an diesem Bekenntnis nicht teilhat. „Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“ (Apg 2,36) Petrus stellt hier den grundsätzlichen Gegensatz fest zwischen dem Handeln Gottes und dem Handeln der Menschen, zwischen denen, welche die Botschaft von diesem Handeln Gottes angenommen haben, und denen die sie ablehnen, zwischen Kirche und Welt.

Die Kirche bedarf der klaren Unterscheidung (diakrisis) ihrer selbst von der sie umgebenden profanen Gesellschaft. Sie ist nicht einfach Teil der Gesellschaft, sondern ihr kritisches Gegenüber (Wächteramt).

Dieses für das Verständnis der Kirche (Ekklesiologie) so ertragreiche zweite Kapitel der Apostelgeschichte beschreibt nicht nur die Entstehung, sondern auch das Leben der frühen Kirche. Es gibt die Merkmale (Kriterien) an, denen jede Gemeinschaft genügen muss, die von sich behauptet, rechtmäßige Fortsetzung der Urkirche und mit ihr identisch zu sein. „Sie blieben beständig in der Apostel Lehre, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet.“ (2,42) Die Kirche entsteht durch Wort, Glauben und Taufe, Merkmale ihres Lebens sind die Lehre der Apostel, die Gemeinschaft, das hl. Abendmahl und das Gebet.

Als „Zeuge der Auferstehung“ (Apg 1,22) wird ein Apostel nicht nur bezeichnet, sondern geradezu definiert. Bleibendes Zentrum der apostolischen Lehre ist der Hinweis auf die Auferstehung des gekreuzigten Jesus. Die Auferweckung Jesu durch Gott verstehen die Apostel nicht nur als eine Art privater Entschädigung für sein Leiden, sondern als ein Ereignis, das für die gesamte Menschheit von entscheidender Bedeutung ist und ihr deshalb verkündet werden muss. Untrennbar ist mit der Erfahrung des Auferstandenen die Erfahrung seiner Einzigartigkeit und ihrer eigenen Sendung verbunden. Die Neubekehrten nehmen das Zeugnis der Apostel und natürlich auch deren Entfaltung dieses Zeugnisses als „Lehre“ (didaché) an und „beharren“ darin.

Der Ausdruck ´didaché` meint nicht nur den Inhalt der Lehre, sondern auch den Vorgang der Lehrverkündigung. Man kann keineswegs nur eine Art Lehrpaket von den Aposteln in Empfang nehmen und sich dann von ihnen verabschieden. Der Christ bleibt mit ihnen auch personal verbunden. Insofern leitet der Ausdruck ´didachè` zu ´Gemeinschaft` (koinonía) über.

Koinonía meint nicht nur Verbundenheit eines jeden Christen mit den Aposteln, sondern auch Verbundenheit der Christen untereinander. Dem Glauben eignet von Anfang an eine soziale Dimension: Christ sein heißt in der Kirche sein. Christus verbindet den einzelnen Gläubigen mit sich nur so, dass er ihn gleichzeitig mit der Gemeinschaft aller Christen, der Christenheit, der Kirche verbindet, die in der konkreten Ortsgemeinde in Erscheinung tritt. Hier treten die Christen, auch was ihre Ressourcen an Zeit, Kraft und Geld anlangt, füreinander ein. (2,44) Wirksames Zeichen der Koinonía ist das „Brotbrechen“, das Abendmahl, die Eucharistie. Sie drückt die Verbundenheit der Christen mit Christus und untereinander nicht nur aus, sondern bewirkt sie auch (signum efficax!) und erhält darin. Indem die Christen den sakramentalen Leib Christi empfangen, werden sie in seinem ekklesialen Leib erhalten. (1 Kor 10, 6 f.) Als letztes Kriterium der Kirche nennt Lukas das gemeinsame Gebet, in welchem die Christen sich auf die Zuwendung Gottes, die sie im Wort der Lehre, der Gemeinschaft und den Sakramenten empfangen, antworten. Wo ist die Kirche? Da wo eine Gruppe die vier Merkmale apostolische Lehre, Gemeinschaft, Sakrament und Gebet aufweist.

Die gegenwärtige Kirche muss der ursprünglichen strukturell entsprechen. In der ursprünglichen Kirche stehen die Apostel als Verantwortliche ihren Hörern gegenüber. Wer nimmt gegenwärtig die Stelle der Apostel ein? Die evangelische Kirche muss zur Lehre von der apostolischen Sukzession gesprächsbereiter werden, als sie es bisher gewesen ist.

Das Neue Testament spricht von der Kirche in eindrucksvollen Bildern. An zwei davon sei hier erinnert: „Volk Gottes“ und „Leib Christi“. „Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums“, ruft Petrus den Christen seiner Zeit zu, „damit ihr die Wohltaten dessen verkündigen sollt, der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat.“ (1. Petr 2,9) Sozialer „Leib Christi“ sind die Christen durch gemeinsame Teilhabe an seinem eucharistischen Leib. Das Bild erläutert die Einheit der Kirche, die gleiche Würde aller Christen, aber auch die Verschiedenheit ihrer Aufgaben. Es gibt nur den einen Leib der Kirche. Allen kommt als Gliedern des gleichen Leibes grundsätzlich gleiche Würde zu. Sie tragen aber wie die verschiedenen Organe des Körpers unterschiedlich zum Bestehen des Ganzen bei. (1 Kor 10, 16 f.)

Die Kirche braucht Träger des geistlichen Amtes, die sich ihrer besonderen Verantwortung bewusst sind und sich nicht einfach in der Menge der Gläubigen verstecken. Die Kirchenmitglieder müssen sich darauf verlassen können, dass die Ordinierten ihr Amt nach bestem Wissen und Gewissen in Übereinstimmung mit den Grundlagen der Kirche ausüben.

2.   Das Glaubensbekenntnis von Nizäa und Konstantinopel von 381

soll als zweiter normativer Text auf das Thema ´Kirche` hin befragt werden: „Credo….unam sanctam catholicam et apostolicam Ecclesiam…“ – „Wir glauben….die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche…“ Problematisch ist in der griechischen Fassung die Präposition eis = an: „Wir glauben ….an die eine….“, welche das Missverständnis fördert, als wäre die Kirche ein Glaubensgegenüber wie Gott. Glücklicherweise ist es in den westlichen Übersetzungen getilgt. Der westliche Christ bekennt damit den Glauben, dass es die Kirche gibt und dass sie die genannten vier Merkmale aufweist, aber er glaubt nicht „an“ sie.

Unam = eine ist das erste Merkmal. Theologisch gesehen gibt es weltweit nur die eine Kirche, die sich in unzähligen regionalen und lokalen Kirchen konkretisiert. In diese eine weltweite Kirche wird der Christ durch die Taufe eingefügt.

Die evangelische Kirche darf sich nicht mit der Vorstellung von Kircheneinheit als friedlichem Nebeneinander konfessionell getrennter Teilkirchen begnügen.

– Jeder Christ muss im Gottesdienst anderer Gemeinden den der eigenen wiedererkennen können und zur Kommunion zugelassen sein.

– Jeder Amtsträger muss an jedem Altar zelebrieren können.

– Die Kirche am Ort muss durch einen allgemein anerkannten Amtsträger repräsentiert sein, ebenso die Kirche in der Region und auf der Welt (personale Repräsentanz).

– Es sollte ein sichtbare Kircheneinheit geben.

Sanctam – heilige meint Heiligkeit als zweites Merkmal der Kirche. Wer Heiligkeit als moralische Vollkommenheit versteht, wird durch einen Blick auf Geschichte und Gegenwart der Kirche eines Besseren belehrt. Heiligkeit der Kirche bedeutet, dass Gottes Geist in Wort und Sakrament nicht wirkungslos bleibt, sondern sowohl den einzelnen Gläubigen als auch die Glaubensgemeinschaft heiligt und auf sich selbst zu weiterbewegt. Nur Gott ist im Vollsinne heilig. Heiligkeit der Kirche drückt aus, dass sie sich bei dem Gegensatz zwischen Gott und gottwidrigen Mächten auf die Seite Gottes gestellt weiß. Es ist zugesprochene Heiligkeit, nicht durch eigne Anstrengung erlangte. Allerdings gehört zu dieser Heiligkeit auch das Bemühen um die Orientierung an den Geboten Gottes. Auch die Kirche als ganze und die einzelne Gemeinde sind nicht einfach so angenommen wie sie sind, so dass sie auch so bleiben könnten, sondern wie der einzelne Christ auf den Weg der Heiligung verwiesen.

Heiligung muss bewusst gewollt sein. Leitkriterien sind dabei die Gebote und Paränesen, die im Gesamtrahmen der Christenheit zu interpretieren sind und nicht einfach durch christliche Teilgruppen oder gar Individuen zu verkürzen oder gar außer Kraft zu setzen sind.

– Ehe als verbindliche Leitvorstellung und als Kriterium für die Bewertung sexuellen     Verhaltens

– Ablehnung von Homosexualität und Promiskuität, auch serieller Polygamie

– Ablehnung von Habgier und Karieresucht – soziale Gerechtigkeit

– Menschenrechte: Jeder Mensch ist eine Person, kein Gegenstand!

– An Amtsträgern muss der Wille erkennbar sein, christliche Leitkriterien in ihr eigenes Leben umzusetzen.

Catholicam heißt allumfassend, allgemein verbreitet. Auch englischsprachige Lutheraner, Anglikaner und andere bekennen sich zur „holy Catholic Church“, zur weltweiten Christenheit. Nach evangelischer Interpretation existiert die ecclesia catholica als Gesamtheit von Kirchentümern, die an der Bibel und den ökumenischen Bekenntnissen festhalten, nach katholischer hat sie ihren Schwerpunkt in der römisch-katholischen Kirche, um die sich die anderen Kirchen herumlagern.

Apostolicam verweist auf den Ursprung der Kirche in der Verkündigung der Apostel, welche für alle späteren Epochen die Richtschnur bildet. Es ist das Kriterium der Kontinuität (der Lehre, der Liturgie, besonders der Sakramente, der Personen (Taufe, Ordination).

3.   Das Augsburger Bekenntnis von 1530

beansprucht, die Sicht des Neuen Testaments und der altkirchlichen Bekenntnisse weiterzuführen. In Artikel VII drückt es die Zuversicht aus, dass „eine heilige Kirche immerdar bleiben wird (perpetuo mansura)“ und definiert sie als „Versammlung aller Gläubigen, in der das Evangelium rein (pure) gelehrt wird und die Sakramente recht (recte) verwaltet werden“. Die Zuversicht der Kirche, sie werde alle Krisen überdauern, gründet sich auf die Zusage des Auferstandenen an die Jünger: „Ich bin mit euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matth 8,20), ihre Identität auf „reine Lehre“ und „rechte“, d.h. dem Stifterwillen Christi entsprechende Sakramentsverwaltung. Hier ist zu betonen, dass Dauer der Kirche als solcher verheißen ist, nicht etwa den deutschen Landeskirchen!

Das Heil wird durch Wort und Sakrament vermittelt. Wo Wort und Sakrament sind, da ist Kirche. Nur in der Kirche gibt es Wort und Sakrament. Die Frage, was eher da ist, ähnelt der anderen, ob das Ei eher da sei als die Henne oder umgekehrt. Es gibt den alten Satz: „Extra ecclesiam nulla salus.“ „Außerhalb der Kirche ist kein Heil.“ Dagegen wird heute eingewendet, er drücke absolutistische Anmaßung aus und diskriminiere die Außenstehenden. Die Christusgläubigen stellen innerhalb der Menschheit, wenn man darunter alle Menschen zusammenfasst, die je gelebt haben, eine winzige Minderheit dar. Sollten die Vielen alle verloren sein? Man sollte den alten Satz ins Positive wenden: „In der Kirche ist Heil.“ Das heißt: durch Wort und Sakrament werden Leben und Lebenssinn wirksam mitgeteilt. Wem hier Heil zuteilwird, für den erübrigt sich die Frage, ob er es auch anders und sonst wo erlangen könnte. Die Antwort auf die Frage nach denen draußen ist die einladende Kirche. „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ ( 1 Tim 2,4) Diesem Willen hat die Kirche zu dienen.

Rechte Lehre heißt Orientierung an Schrift und Bekenntnis. Innerhalb dieser Orientierung gibt es durchaus eine legitime Pluralität, aber auch ein Bewusstsein ihrer Grenzen. Die Kirche braucht ein klares Bewusstsein dieser Grenzen und des festen Willens, Irrlehre abzuwehren.

Solus Christus! Keine Zugeständnisse an nicht-christliche Religionen und Ideologien! Keine Ein- oder Unterordnung des Christentums im Namen der Toleranz oder der Religion. Sie braucht Mut zur Unpopularität

Mission! Das bedeutet Verteilung der Mittel. Mission ist außerdem einladendes Sprechen von Jesus, wobei es da unterschiedliche Formen gibt

Sakramentsverwaltung: Atmosphäre der Ehrfurcht – Die Agende sollt hier befolgt werden, kein Freistil.

Das Theologiestudium muss sich auf die Berufsaufgaben des Pfarrers konzentrieren: Liturgie und Predigt, Unterricht, Seelsorge. Von größter Bedeutung sind die Fähigkeit und Bereitschaft zu Apología (1 P 3,15).

Es dient primär nicht der Ausbildung von Fachwissenschaftlern! Für eine Auswahl der Studierenden kann sich ein primär fachwissenschaftliches Studium anschließen.

Für die unterschiedlichen Lebensäußerungen der Kirche stellt die Tradition die Dreiheit von martyría, liturgía und diaconía bereit, von denen sich jede in einer Vielzahl von Formen entfaltet.

Martyría ist das Glaubenszeugnis, das wenn es entfaltet und argumentativ verteidigt wird, die Form der Lehre annimmt.

Unter Liturgía werden alle Handlungen gefasst, mit denen Christen ihre Aufmerksamkeit auf Gott richten: Stoßgebet im Alltag, private Andacht, öffentlicher Gottesdienst.

Diaconía umfasst alles Wirken, mit dem sich Christen für das Wohl und das Heil von Menschen einsetzen. Christsein heißt an diesen Lebensäußerungen der Kirche teilhaben und sie nach dem Maße eigener Möglichkeiten mit tragen. Diaconía ist nicht einseitig. Sie vernachlässigt weder die Sorge für das irdische Wohl von Menschen unter dem Vorwand, es sei zweitrangig, noch die Sorge für das Heil mit der Ausflucht, die Hilfe in irdischen Nöten sei ein ausreichendes indirektes Christuszeugnis. Echte Diaconía schließt immer auch Elemente von Martyría ein, ohne Menschen in Momenten der Schwäche zu bedrängen. Sorge für das Wohl und Sorge für das Heil eines Menschen in den rechten Einklang zu bringen, ist das Charisma diakonischen Taktes.

Martyría, Liturgía und Diaconía gehören zusammen! Diaconia ohne Martyria und Liturgia ist bloße Wohlfahrtstätigkeit, Martyria ohne Diaconia und Liturgia bloße Ideologie, Liturgia ohne Martyria und Diaconia bloße egoistische Seelenpflege.

4.   Kirche in der Welt

Von außen gesehen, ist die Kirche heute eine zwar nominell zahlreiche, aber eben doch nur eine von vielen gesellschaftlichen Gruppierungen, die mit anderen in einer Vielzahl von Wechselwirkungen steht. Es richten sich auf sie Erwartungen unterschiedlicher Art. Teilweise versucht sie solchen Erwartungen zu entsprechen, teilweise entzieht sie sich ihnen. In jeder Gesellschaft und all ihren verschiedenen Teilmilieus gibt es Vorstellungen und Einstellungen, die als so selbstverständlich angesehen werden, dass vielen Individuen weder die Einstellungen selbst noch mögliche Alternativen dazu bewusst werden: Annahmen über den normalen Lauf der Welt und das Funktionieren oder auch Nichtfunktionieren mancher Lebensbereiche, Rezepte, wie mit bestimmten Problemen umzugehen sei, Werte, welche Prioritätssetzungen und Entscheidungen beeinflussen. Der Sammelname dafür ist „Zeitgeist“. Beispiele wären Toleranz, Gleichwertigkeit von Lebensorientierungen, Konflikte zwischen Kinder- und Karrierewünschen, Vorstellungen von einem erfüllten Leben, Freizeitbedürfnisse usw. Jahrhunderte lang waren in Europa Kirche und Gesellschaft mehr oder weniger deckungsgleich. Kirchliche und profane Wertvorstellungen gehen bis heute fließend ineinander über. Die Kirche sieht sich als Teil der Gesellschaft und trägt teilweise das gesellschaftliche Leben nach allgemein verbreiteten Leitvorstellungen mit. Dies ist, vom Neuen Testament her gesehen, durchaus legitim. Doch ist die Kirche zwar in der Welt

5.   Aber nicht von der Welt

Deshalb muss nach christlichen Kriterien überprüft müssen, ob die Werte und Wertordnungen, an denen sich das Leben in der Welt orientiert, auch für Christen gelten. Dies wird weithin der Fall sein. Es gibt aber auch Bereiche, wo der Gegensatz zwischen drinnen und draußen, christlich und unchristlich nicht zu übersehen ist. Dies sind gegenwärtig besonders die Problembereiche des Lebensschutzes und der Sexualität.

Nach christlicher Einsicht ist menschliches Leben von der Empfängnis bis zum medizinisch nicht mehr verhinderbaren Tod zu schützen. Abtreibung und Euthanasie oder auch nur die Toleranz ihnen und Versuchen gegenüber, sie argumentativ zu rechtfertigen, sind Christen, welche die normativen Grundlagen ihres Glaubens ernst nehmen, nicht nur verwehrt, sondern sie sind in ihrem Gewissen gehalten, in diesen schwerwiegenden Fragen für die Geltung von Gottes Geboten auch außerhalb des engeren kirchlichen Rahmens einzutreten.

Nach der herkömmlichen und besonders aus Mark 10,2-8 ableitbaren christlichen Sicht lebt ein Christ entweder enthaltsam zölibatär oder ehelich. Eine dritte Option gibt es nicht. Die Ehe als dauerhafte, ausschließliche und für Kinder offene liebende Verbindung eines Mannes mit einer Frau ist das Maß, an dem alle sexuellen Beziehungen zu messen sind. Je weiter sie von diesem Kriterium abliegen, desto negativer sind sie zu beurteilen. Am weitesten entfernt sind von der Ehe ganz offensichtlich Prostitution und homosexuelle Verhaltensweisen.

Was diese beiden Bereiche, Lebensschutz und Sexualität anlangt, haben die evangelischen Landeskirchen es in den letzten vier Jahrzehnten nicht nur versäumt, im christlichen Sinne auf die Gesellschaft einzuwirken, sondern profane Vorstellungen auch in sich selbst einströmen lassen. Hier ist inzwischen der Tiefpunkt insofern erreicht, als leitende Personen und Gremien auch publizistisch und in der innerkirchlichen Gesetzgebung Orientierungen vertreten, die an Schrift und Bekenntnis nicht nur keinen Anhalt haben, sondern ihnen eklatant widersprechen.

Dem größten Übel der Gesellschaft, nämlich den Hundertausenden von Abtreibungen, begegnet die Amtskirche gelegentlich mit halbherzigen Aktionen und ansonsten weitgehend mit Schweigen. Christliche Gruppen, die das öffentliche Bewusstsein sensibilisieren wollen, werden nicht nur nicht unterstützt, sondern auch innerkirchlich marginalisiert. Nichteheliche Beziehungen gelten auch in der Kirche schon fast als selbstverständlich, Ehescheidung und Zweitehe werden sogar bei leitenden Geistlichen akzeptiert. Die Offenheit für Nachwuchs wird kaum mehr als für die Ehe konstitutiv gesehen. Homosexuelles Verhalten wird als mögliche Option erachtet. Verpartnerten homosexuellen Theologen soll künftig das Zusammenleben im Pfarrhaus erlaubt sein.

Begründet werden solche Missstände mit dem sogenannten Wertewandel in der profanen Gesellschaft und dem Liebesgebot, auf das christliche Ethik reduziert wird. Als hätten sich die Kirche und die einzelnen Christen mit einer Zuschauerrolle zu begnügen und als wären sie nicht dazu aufgerufen, nach Kräften im christlichen Sinn auf den Wertewandel einzuwirken! Als legten die Briefe im neuen Testament das Liebesgebot nicht durch konkrete Mahnungen aus! Statt christliche Impulse in die Gesellschaft auszusenden, lassen Verantwortliche den Zeitgeist ungefiltert in die Kirche eindringen.

In die Kirche? Inzwischen ist die christliche Identität evangelischer Landeskirchen durch die Zeitgeisthörigkeit von Leitungspersonen so beschädigt, dass man vorsichtigerweise nur noch von ´Religionsgesellschaften` sprechen sollte. Inwieweit ihnen noch die Merkmale von ´Kirche` zukommen, muss mittlerweile leider von Fall zu Fall geprüft werden. Längst erhalten Laien von kirchenleitenden Organen keine verlässlichen Hinweise mehr, wie sie christlich glauben und leben können. Eine Religionsgesellschaft, die nur noch „von der Welt“ ist, ist nicht nur keine Kirche, sondern darüber hinaus überflüssig. Sie ist sogar schädlich, weil ihr Vorhandensein die Illusion nährt, die profane Gesellschaft erfreue sich in ihrem Sosein einer Art höherer Legitimation.

Die geistliche Erosion betrifft nicht nur die in den Landeskirchen vertretene Ethik, sondern auch die Dogmatik.

Das krasseste Beispiel solcher dogmatischer Erosion liegt bei der Aufwertung nichtchristlicher Religionen vor. Wenn man von ebenso halbgebildeten wie selbstgewissen medialen Meinungsmachern eingeschüchtert und aus Angst, sich diskriminierend zu verhalten, nicht einmal mehr zu sagen wagt, dass man die christliche Option gegenüber der jüdischen, der islamischen und sonstigen andersreligiösen Optionen als die bessere, ja letztlich die einzig legitime ansieht, dann entzieht man dem einfachen Christen die Begründung dafür, warum er denn überhaupt noch Christ sein solle und nicht sonst irgendwas oder gar nichts.

„Nicht von der Welt“ heißt in manchen Fällen auch im Gegensatz zur Welt oder mindestens ohne Beifall von Seiten der Welt. Dies müssen Christen, vor allem kirchliche Leitungspersonen, aushalten.

Die evangelische Kirche braucht die Fähigkeit der Unterscheidung zwischen „christlich“ und „profan“ und den Mut, mit allem Nachdruck christliche gegen profane Werte zu stellen, die Alleingeltung christlicher zu behaupten und ihrer Bestreitung standzuhalten.

Sie braucht Amtsträger, welche ihre persönlichen Belange gegenüber ihren kirchlichen Aufgaben zurückstellen und in ihrer Lehre angemessen die Diakrisis des Christlichen betonen. Sie braucht ganz allgemein Mitglieder, die bereit sind, für ihre christliche Orientierung Nachteile in Kauf zu nehmen.

6.   Jedoch für die Welt

muss die Kirche auch bei größtem Gegensatz einstehen. Sie tritt priesterlich fürbittend vor Gott für die Welt ein und sie ist Trägerin einer Botschaft, welche die Welt zu ihrem Heil braucht, sich aber nicht selbst sagen kann. Die Welt braucht die Kirche, weil sie diese Botschaft braucht. Der größte Dienst, den die Kirche der Welt leisten kann, besteht darin, ihr diese Botschaft ohne Zusätze und Abstriche so zu verkünden, wie sie sie selbst empfangen hat. Dann entstehen zusätzlich auch heilsame weltliche Wirkungen, weil Menschen zu Christen werden, die aus christlicher Motivation Lebensförderliches zu tun suchen.

Diese Wirkungen kann die Kirche diakonisch unterstützen, indem sie der Welt kritisch gegenübertritt und in den verschiedenen Bereichen – Politik, Wirtschaft, Erziehungs- und Gesundheitswesen – wenigstens die ethischen Minima einfordert, die selbst die weltliche Moral als Bedingungen der Möglichkeit menschlichen Zusammenlebens erkennt. Das heißt aber nicht, dass sich kirchliche Instanzen als Politik- oder Wirtschaftsberater in Szene setzen dürften. Sie haben gegenüber Experten auf den verschiedenen Gebieten von der Theologie her keinerlei Erkenntnisprivileg.

Endlich heißt „für die Welt“, dass sie sich derer annimmt, die im Getriebe der Welt unter die Räder kommen. So hat sie mindestens naheliegende kritische Fragen zu stellen:

Was ist von einer gesellschaftlichen Entwicklung zu halten, in der die Schere zwischen arm und reich immer mehr auseinander geht? Wenn etwa manche Manager dreihundertmal so viel verdienen wie eine Krankenschwester? Ist ein staatliches System in Ordnung, die Wirtschaft ausschließlich der Selbstregulierung überlässt?

Prof. Dr. Günter R. Schmidt

Als Vortrag gehalten auf dem vom Gemeindehilfsbund veranstalteten Glaubens- und Besinnungstag in Burgambach/Mittelfranken am 13.9.2014

 

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 13. Oktober 2014 um 11:22 und abgelegt unter Kirche, Theologie.