Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Irgendwo zwischen Rom, Wittenberg und Genf?

Dienstag 9. September 2014 von Holger Lahayne


Holger Lahayne

Viele evangelikale Mitglieder der Landeskirchen leiden an der – aus ihrer Sicht – Profillosigkeit der Kirchenleitungen und der weit verbreiteten Anpassung an den Zeitgeist. Mit einer gewissen Sehnsucht, ja oftmals sogar offener Sympathie blicken manche nach Rom. Im moralischen Durcheinander erscheint die katholische Kirche als einziges letztes Bollwerk. Sie bringt eine lange Geschichte, gewaltige GrĂ¶ĂŸe und immer noch recht starken Einfluss mit. Es gibt wohl keinerlei Statistiken ĂŒber Übertritte von Evangelikalen in katholische Gemeinden, aber die Stimmung der letzten Zeit ist klar: Rom, zumal unter dem ganz anderen neuen Papst, steht Evangelikalen wohl so nah, wie noch nie.

Vor einigen Tagen titelte „idea“: „Evangelikale und Katholiken verbindet mehr als sie trennt“. In Bad Blankenburg hatten sich in der vergangenen Woche Vertreter der katholischen Kirche und der Welt-Allianz (WEA) zu Konsultationen getroffen. Teilnehmer des schon fĂŒnften Treffens dieser Art war auch Rolf Hille, Ökumene-Beauftragter in der Theologischen Kommission der WEA. In der Meldung hieß es: „Wie Hille betonte, ist die evangelikale Bewegung der römisch-katholischen Kirche aufgrund ihrer konservativen Haltung sehr viel nĂ€her als die liberale evangelische Volkskirche in Deutschland“. Diese NĂ€he wird vor allem auch durch die Übereinkunft in „zentralen ethischen Fragen“ gesehen.

Ein Artikel im „pro-Medienmagazin“ unter der Überschrift „Evangelikale und Katholiken: Keine Kompromisse“ gibt einen guten Überblick ĂŒber HintergrĂŒnde, Verlauf und Ziel der jĂŒngsten GesprĂ€che in ThĂŒringen. Der evangelikale Brasilianer Claus Schwambach kommt dort zu Wort: „Uns eint viel mehr als uns trennt“. Und Ă€hnlich wie Hille wird auch er wie folgt widergegeben: „Evangelikale hĂ€tten als konservativer FlĂŒgel der evangelischen Christen mehr mit den Katholiken gemein als liberale Protestanten.“

VerfĂ€lschtes Christentum und ĂŒberhaupt kein Christentum

Es stimmt, dass die liberale Theologie mit ihren diversen AuslĂ€ufern bis in die Gegenwart die evangelische Christenheit gespalten hat und so viele Gemeinsamkeiten mit Rom aufgetaucht sind. Wohl am eindeutigsten entlarvte J. Gresham Machen (spr. meitschen) den theologischen Liberalismus. In seinem berĂŒhmten Buch Christianity and Liberalism (1923, deutsch im 3L-Verlag, s. hier): „Die große Erlösungsreligion des Christentums kĂ€mpft gegen einen ganz andersartigen Typus von religiösem Glauben an“. Dieser theologische Liberalismus ist höchst destruktiv, aber „antichristlich bis zur Wurzel“. Traditionelle christliche Begriffe werden weiter benutzt, doch der Liberalismus oder Naturalismus unterscheidet sich in seinem Wesen vom Christentum, stellt eine andere Religion dar. „Der Glaube an einen real existierenden persönlichen Gott ist die Wurzel des Christentums“; dieser Gott handelt tatsĂ€chlich in der Welt und hat zu Menschen geredet. Der Liberalismus leugnet dies, verwirft Wunder, die wahre Göttlichkeit Jesu, seine tatsĂ€chliche Auferstehung, die Bibel als echtes Wort Gottes. Er ist letztlich eine Selbsterlösungsreligion: „Der Liberalismus findet Erlösung im Menschen vor, das Christentum findet sie in einem Akt Gottes“.

Obwohl ein konservativer Presbyterianer, MitgrĂŒnder der „Orthodox Presbyterian Church“, betonte Machen, „wie groß das gemeinsame Erbe mit der Kirche Roms ist“. Denn diese hat vor allem an der AutoritĂ€t der Schrift und der altkirchlichen Bekenntnisse festgehalten.  Machen sah natĂŒrlich die großen Lehrunterschiede: Zwischen Rom und den konservativen Protestanten erstreckt sich ein tiefer Graben. Aber dieser ist geradezu flach „verglichen mit dem Abgrund, der zwischen uns und den [liberalen] Geistlichen unserer eigenen Kirche liegt“. Die römische Kirche, so Machen, mag aus protestantischer Sicht ein verfremdetes, ja verderbtes Christentum lehren, doch der protestantische Liberalismus „ist ĂŒberhaupt kein Christentum“, ja er ist (so dann gegen Ende des Buches noch einmal) „im Kern antichristlich“. (Einen guten Überblick zu Machen und seinem Buch liefert Carl Trueman: „Christianity, Liberalism and the New Evangelicalism“.)

Machen, so scheint es, wĂŒrde also der Intention der oben zitierten Aussagen zustimmen: Ja, Evangelikale, die konservativen Protestanten, stehen Rom nĂ€her als dies die liberalen Evangelischen tun. Es ist nur zu beachten, dass Machen die römische Kirche des beginnenden 20. Jahrhunderts im Blick hatte. Was wĂŒrde er wohl heute sagen? Ich bin mir sicher, dass seine Diagnose eindeutig wĂ€re: Rom ist vom gleichen liberalen Virus infiziert – die Krankheit ist nur noch nicht so weit fortgeschritten.

Machen wĂŒrdigte, dass die römische Kirche an ĂŒbernatĂŒrlicher Offenbarung, an der vollen Inspiration der Schrift und ihrer uneingeschrĂ€nkten Göttlichkeit, festgehalten hatte. Papst Leo XIII hatte in der Enzyklika Providentissum Deus (1893) noch einmal die traditionelle Sicht der Hl. Schrift betont. Überhaupt wehte um 1900 durch die Kirche Roms ein sehr konservativer, ja reaktionĂ€rer Wind. Pius X ließ im Jahr 1910 den sog. „Antimodernisteneid“ einfĂŒhren, der alle Geistlichen auf eine in jeder Hinsicht antiliberale und völlig traditionelle Theologie verpflichtete.

Zu Machens Zeiten galt tatsĂ€chlich noch ohne EinschrĂ€nkungen, dass Rom die AutoritĂ€t der Schrift hochachtete (natĂŒrlich vertrat die katholische Kirche auch damals keinerlei protestantisches Offenbarungs- und SchriftverstĂ€ndnis, da man die oberste AutoritĂ€t der Bibel ĂŒber Traditionen und ihre GenĂŒgsamkeit und Klarheit ablehnte). Doch die Zeiten haben sich – beginnend mit Pius XII Enzyklika Divino Afflante Spiritu aus dem Jahr 1943– wahrlich geĂ€ndert.

„Tendenz zu geistiger Enge“

Man werfe nur einen Blick in „Die Interpretation der Bibel in der Kirche“ der PĂ€pstlichen Bibelkommission (1993). Dort bekennt man sich eindeutig zur historisch-kritische Methode; sie sei „die unerlĂ€ssliche Methode fĂŒr die wissenschaftliche Erforschung des Sinnes alter Texte
 Als analytische Methode erforscht sie den biblischen Text auf die gleiche Art und Weise wie sie jeden anderen Text der Antike erforscht.“ Die Hilfe der historisch-kritischen Methode sei „unentbehrlich“. FrĂŒher dagegen „war sich die jĂŒdische und christliche Auslegung der Bibel der konkreten historischen Gegebenheiten, in denen das Wort Gottes Wurzeln gefasst hatte, nicht so klar bewusst. Ihre Kenntnis war summarisch und unscharf.“ Es wird eingestanden, dass diese Methode anfangs dem Glauben „manchmal sogar widersprach“, doch nun sei sie „von den ihr anhaftenden Voreingenommenheiten befreit“; die Kirche ist durch einen „schmerzlicher Prozess“ gegangen, der sich „heilsam“ herausgestellt hat.

Diese diplomatisch formulierten SĂ€tze gewinnen an Klarheit durch den Vergleich mit dem „fundamentalistische Umgang mit der Heiligen Schrift“. Hier wird verbal aus dem Vollen geschöpft, und schĂ€rfer könnte die Abgrenzung nicht sein. Und man mache sich nichts vor: Gemeint sind auch alle Evangelikalen, deren Auslegung nĂ€mlich gesondert nirgends behandelt wird. Gleich eingangs: „Die fundamentalistische Verwendung der Bibel geht davon aus, dass die Heilige Schrift – das inspirierte Wort Gottes und frei von jeglichem Irrtum – wortwörtlich gilt und bis in alle Einzelheiten wortwörtlich interpretiert werden muss. Mit solcher ‘wortwörtlicher Interpretation’ meint sie eine unmittelbare buchstĂ€bliche Auslegung, d.h. eine Interpretation, die jede BemĂŒhung, die Bibel in ihrem geschichtlichen Wachstum und in ihrer Entwicklung zu verstehen, von vorneherein ausschließt. Eine solche Art, die Bibel zu lesen, steht im Gegensatz zur historisch-kritischen Methode, aber auch zu jeder anderen wissenschaftlichen Interpretationsmethode der Heiligen Schrift. Der fundamentalistische Umgang mit der Heiligen Schrift hat seine Wurzeln in der Zeit der Reformation, wo man dafĂŒr kĂ€mpfte, dem Literalsinn der Heiligen Schrift treu zu bleiben. Nach der AufklĂ€rung erschien diese Art, die Bibel zu lesen, im Protestantismus als Reaktion auf die liberale Exegese.“

Die fundamentalistische Bibelauslegung bestehen „mit Recht auf der göttlichen Inspiration der Bibel, der Irrtumslosigkeit des Wortes Gottes“. Dennoch sei sie „Ideologie“, lehne sie doch den „geschichtlichen Charakter der biblischen Offenbarung“ ab. Der Fundamentalist „weigert sich zuzugeben, dass das inspirierte Wort Gottes in menschlicher Sprache ausgedrĂŒckt und unter göttlicher Inspiration von menschlichen Autoren niedergeschrieben wurde, deren FĂ€higkeiten und Mittel beschrĂ€nkt waren. Er hat deshalb die Tendenz, den biblischen Text so zu behandeln, als ob er vom Heiligen Geist wortwörtlich diktiert worden wĂ€re.“ Außerdem schenke er „den literarischen Gattungen und der menschlichen Denkart, wie sie in den biblischen Texten vorliegen, keinerlei Beachtung“.

Die Autoren des Dokuments verwerfen die Irrtumslosigkeit nicht in Bausch und Bogen, aber eine umfassende Fehlerlosigkeit der Bibel meint man eben nicht. Angeblich betonen die Fundamentalisten â€žĂŒber GebĂŒhr die Irrtumslosigkeit in Einzelheiten der biblischen Texte, besonders was historische Fakten oder sogenannte wissenschaftliche Wahrheiten betrifft“. Das heißt nichts anderes, als dass bei historischen Fakten auch Fehler in der Bibel anzutreffen sind. Außerdem mĂŒssen sie sich noch „Tendenz zu geistiger Enge“ vorwerfen lassen; ja der Fundamentalismus lade zur „Selbstaufgabe des Denkens ein“. Und noch eins darauf: „Der fundamentalistische Zugang ist gefĂ€hrlich“.

NatĂŒrlich gibt es in der breiten evangelikalen und historisch-fundamentalistischen Strömung innerhalb des Protestantismus Erscheinungen, auf die einzelne Punkte dieser Kritik in gewisser Weise zutreffen. Doch als Kennzeichnung der gesamten evangelikalen Bibelauslegung stellen diese SĂ€tze nichts anderes als eine geradezu böswillige Karikatur dar. Thomas Schirrmacher hat das Dokument in „Die PĂ€pstliche Bibelkommission: Bibeltreue ist gefĂ€hrlich!“ (Bibel und Gemeinde, 2/2004) treffend kommentiert:

„Verurteilt wird dabei wie ĂŒblich ein Zerrbild der evangelikalen Theologie. Nichts deutet darauf hin, dass man sie wie im Falle der anderen Richtungen ĂŒberhaupt grĂŒndlicher studiert hat oder sich mit ihren Hermeneutiken, wissenschaftlichen Kommentarreihen oder zahllosen exegetischen Dissertationen vertraut ge macht hĂ€tte. Es wird zwar richtig festgestellt, dass die Bibel fĂŒr Bibeltreue ‘frei von jeglichem Irrtum’ gehalten wird, aber fĂ€lschlich wird gesagt, dass die Bibel „bis in alle Einzelheiten wortwörtlich interpretiert werden muss“.

Schirrmacher gibt den Ideologievorwurfe zurĂŒck, sieht außerdem darin „eine Abrechnung mit der Konkurrenz, nicht aber ein ernsthafter Versuch, das Anliegen evangelikaler, bibeltreuer Theologen zu verstehen“, denn „die Lobby der historisch-kritischen Theologie [hat] auch in Rom lĂ€ngst das Monopol“.

In Fragen der Bibelinterpretation gibt es daher zwischen Rom und den liberaleren Großkirchen keine grundlegenden Unterschiede mehr. Gegen Ende von „Die Interpretation der Bibel in der Kirche“ eindeutig: „Dank der Annahme gleicher Methoden und analoger hermeneutischer Ziele sind die Exegeten der verschiedenen christlichen Konfessionen zu einer weitgehenden Übereinstimmung in der Interpretation der heiligen Schriften gekommen
“

Diese an sich klaren Aussagen werden teilweise dadurch verdeckt, dass die katholischen Lehrtexte bis heute oftmals konservativer klingen als entsprechende Dokumente der liberalen Protestanten. In der dogmatischen Konstitution Dei verbum, 1965 verabschiedet beim II Vatikanischen Konzil, heißt es von den Hl. Schriften, dass zu bekennen sei, „dass sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte“ (11).

Rahner und Vorgrimler stellen in der Einleitung zu Dei verbum in ihrem Kleines Konzilskompendium dar, wie alles zu verstehen ist: „Kapitel III ĂŒber die Inspiration und Interpretation der Schrift legt neueren katholischen Versuchen zum VerstĂ€ndnis der Inspiration kein Hindernis in den Weg
 Der Schrift wird nicht
 ‘Irrtumslosigkeit’ zugeschrieben, sondern es wird gesagt, dass sie die ‘Wahrheit lehre‘.“  Der damalige Papst wollte wohl „Heilswahrheit“, aber die gerade zitierte Schlussfassung „sagt substantiell dasselbe. Sie schließt die Tatsache jedenfalls nicht aus, dass in der Schrift menschliche Fehler, d.h. SĂ€tze, die
 mit recht als profane ‘IrrtĂŒmer’ zu gelten hĂ€tten, enthalten sind“.

„WidersprĂŒche, historische Ungenauigkeiten, unwahrscheinliche Berichte“

Ohne Irrtum, aber nicht in allen Teilen – diese Sicht wird auch von einem neuen Dokument der PĂ€pstlichen Bibelkommission bekrĂ€ftigt: „The Inspiration and the Truth of Sacred Scripture“. Der Text, der als Buch erst im Herbst erscheinen wird, wurde kĂŒrzlich von Leonardo De Chirico auf seinem Blog vaticanfiles.org besprochen („Is Scripture True Only in a “Limited” Way? The Truth of the Bible According to the Pontifical Biblical Commission“). Der italienische Pastor und Theologe stellt dar, dass eine Linie von Divino Afflante Spiritu ĂŒber Dei Verbum und das Dokument von 1993 bis zum jĂŒngsten Text reicht: „Die Wahrheit der Bibel wird bekrĂ€ftigt, aber sie wird bezogen auf das ‘Projekt der Erlösung’(3), den ‘Heilsplan’ (4), und ‘unsere Errettung’ (63).“ Es wird eine detaillierte Übersicht ĂŒber die biblische Wahrheit der Schrift gegeben, doch die Unfehlbarkeit des Textes wird auf die soteriologische Bedeutung begrenzt. Außerhalb des Heilskontextes, so das neue Dokument, „begegnen wir in der Bibel WidersprĂŒchen, historischen Ungenauigkeiten, unwahrscheinlichen Berichten“; im AltenTestament gĂ€be es Gebote und Befehle, die in Konflikt mit der Lehre Jesu stĂŒnden (104).

De Chirico fĂ€hrt fort und nennt einige kritische Punkte im Dokument: „Die abrahamitischen ErzĂ€hlungen werden mehr als Interpretationen, denn als historische Tatsachen betrachtet (107); die Durchquerung des Roten Meeres sei mehr an der Aktualisierung des Exodus interessiert, als an Berichterstattung des tatsĂ€chliche Geschehenen (108); die meisten Berichte im Buch Josua sind von wenig historischem Wert (127); Jonas Geschichte ist eine imaginĂ€re ErzĂ€hlung (110). Im Neuen Testament sei der Verweis auf das Erdbeben in der PassionserzĂ€hlung eher ein ‘literarisches Motiv’, denn ein historischer Bericht (120). Ganz allgemein haben die Evangelien einen normativen Wert in der BestĂ€tigung der IdentitĂ€t Jesu, aber ihre historischen BezĂŒge haben nur eine ‘untergeordnete Funktion’ (123). Oder mit anderen Worten: die Theologie der Evangelien sei gĂŒltig, aber ihre historische ZuverlĂ€ssigkeit ist weniger wichtig
 Am Ende wird die Wahrheit der Bibel auf das ‘eingeschrĂ€nkt’, was sie ĂŒber die Erlösung sagt (105).“

Gegen diese BeschrĂ€nkung der vollen Wahrheit der Bibel auf die Heilsaussagen hatte schon Machen-SchĂŒler Francis Schaeffer (1912–1984) massiv angekĂ€mpft. Der L’Abri-GrĂŒnder hatte erkannt, dass die Bibelkritik, einmal hineingelassen, nicht bei der Historie Halt macht, sondern auch auf Soteriologie und Ethik ĂŒbergreift. Die saubere Abtrennung der Heilswahrheiten ist eine Illusion. Die aufgeweichte Irrtumslosigkeit wird auch die Erlösungslehre beeintrĂ€chtigen.

Niemand anders als Robert Zollitsch offenbarte dies vor einigen Jahren. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, also der oberste ReprĂ€sentant des Katholizismus im Land, gab am Karsamstag 2009 dem HR-Fernsehen ein lĂ€ngeres Interview (s. hier der wichtige Ausschnitt). Der Erzbischof wurde gefragt, ob Jesus Christus tatsĂ€chlich stellvertretend fĂŒr die SĂŒnden der Menschen gestorben sei, wie das noch immer von Kanzeln verkĂŒndigt wird; ob Gott ein Opfer fĂŒr SĂŒnden gebraucht hĂ€tte. Der Hierarch aus Freiburg: „Er hat sich mit uns Menschen
 bis zum Letzten solidarisiert“. Er habe gezeigt, dass Leiden, Schmerz und Tod von Gott angenommen sind „und von Gott verwandelt werden in seinem Sohn Jesus Christus“; „gewaltige SolidaritĂ€t“ – „das ist diese großartige Botschaft von Karfreitag“. Der Journalist hakte noch einmal nach: Hat Gott seinen Sohn um unserer SĂŒnde willen hingegeben? „Nein“, so Zollitsch unmissverstĂ€ndlich. Und wieder: Gott wollte SolidaritĂ€t zeigen: „So viel seid ihr mir wert. Ich gehe mit euch, ich bin ganz bei euch in jeder Situation“. Nun hat Gott sicher im Kreuzestod SolidaritĂ€t gezeigt, doch dies bleibt hinter dem biblischen Aussagen weit zurĂŒck.

Machen betonte im letzten Kapitel seines Buches die Wichtigkeit des Kreuzes Christi als wirkliches, stellvertretendes SĂŒhneopfer („really vicarious atonement for sin“). Die Leugnung dessen – wie sie bei Zollitsch exemplarisch zu sehen ist – ist weder evangelikal noch konservativ, so Machen. Nikolaus Schneider, im Herbst scheidender EKD-Ratsvorsitzender, könnte sich genauso ausdrĂŒcken. Sicher, Zollitsch musste herbe Kritik fĂŒr diese SĂ€tze einstecken, und nicht alle Bischöfe Roms wĂŒrden solche Worte wĂ€hlen. Doch wenn sich der Chef-Katholik in Deutschland bewusst und eindeutig so prĂ€gnant Ă€ußert – wo soll die große KonservativitĂ€t dieser Kirche sein?

NatĂŒrlich findet man als Evangelikaler in gewissen Fragen, den ethischen im Besonderen, in der katholischen Kirche mitunter mehr Bundesgenossen als anderswo. Und dort gibt es nicht wenige Persönlichkeiten, die einem tatsĂ€chlich lehrmĂ€ĂŸig recht nahe stehen. Hier ist natĂŒrlich an die „evangelikalen Katholiken“ wie Francis Beckwith, George Weigel, Peter Kreeft, Michael Novak, Richard John Neuhaus und wie sie alle heißen zu denken. Doch ich kann nicht erkennen, dass die Kirche Roms in ihrer Gesamtheit den Evangelikalen besonders nahe wĂ€re – in Deutschland ganz gewiss nicht. Machen wĂŒrde heute ĂŒber Rom sicher anders urteilen und inzwischen auch dort eine vom Wesen her andere Religion erkennen.

Zwischen Rom, Wittenberg und Genf

Die eingangs widergegebenen Aussagen von Hille und Schwambach sind, wie schon gesagt, natĂŒrlich richtig. Und um nicht missverstanden zu werden: GesprĂ€che zwischen WEA und der römischen Kirche sind wichtig und nĂŒtzlich, schließlich sind beide Organisationen religiöse „global player“. Gemeinsame Handlungsfelder und ÜbereinkĂŒnfte wie der Ethikkodex fĂŒr Mission sind keinerlei grundsĂ€tzliches Problem. Doch man sollte nicht zu stark suggerieren, dass zwischen Rom und den Evangelikalen an sich eine große NĂ€he bestĂŒnde. Die KonservativitĂ€t Roms ist eine sehr, sehr relative, und in weiten Teilen durch die eigene Struktur und Geschichte bedingt. Sie sollte daher nicht ĂŒberschĂ€tzt werden. In Einzelfragen wie der Abtreibung gibt es durchaus große Überlappungen; dies verschafft uns zeitweilige Kampfgenossen (Francis Schaeffer: „co-belligerents“), doch damit wird Rom nicht gleich zum Bundesgenossen, der wirklich immer nahe steht.

Rom wird auch in Zukunft fĂŒr Evangelikale attraktiv sein, ja mitunter Sogwirkung haben, solange viele irgendwo im Niemandsland zwischen Rom, Wittenberg und Genf gleichsam umherirren. Machen rang schon vor einhundert Jahren mit dem Problem an der Wurzel: die Liberalen haben die protestantische Bekenntnistradition gleichsam besetzt; der Wortlaut der Bekenntnisse wird von ihnen beibehalten, aber völlig um- bzw. weginterpretiert, so dass am Ende kaum einer mehr so recht an die Worte, so wie sie dastehen,  glaubt. Es wĂ€re das Beste gewesen, so Machen, die liberalen Theologen und Geistlichen hĂ€tten ihre Kirchen verlassen und neue Denominationen mit neuen Bekenntnissen gegrĂŒndet. Das wĂ€re wenigstens ehrlich und aufrichtig, und diesen Weg beschritten die Unitarier, die Machen in dieser Hinsicht positiv heraushebt.

Die Liberalen sitzen gleichsam auf Wittenberg und Genf (symbolisch fĂŒr die lutherische und reformierte Tradition), und die Evangelikalen sahen sich ins konfessionelle Abseits gedrĂ€ngt. Die eh schon starken Tendenzen zu einem informellen Glauben jenseits der Kirchengrenzen und aller Bekenntnisse wurden noch verstĂ€rkt. Was Evangelikale vereint, lĂ€sst sich meist nur am Rande mit klaren Doktrinen umschreiben. So können heute die wenigsten von ihnen etwas mit „Augsburg“, „Westminster“ oder gar „Dordrecht“ anfangen. Selbst das weitverbreitetste protestantische Bekenntnis, der Heidelberger Katechismus, ist in der evangelikalen Bewegung erschreckend unbekannt. Und das trotz seinem ‘Allianz-Charakter’. Selbst im JubilĂ€umsjahr 2013 wurde der Heidelberger von den evangelikalen VerbĂ€nden und ihrer Presse praktisch ignoriert. Feiern ließ man die Großkirchen, die an seinen Inhalt nicht mehr wirklich glauben.

Ohne konfessionelles RĂŒckgrat bleibt den Evangelikalen jedoch kaum ein Anker, der sie vor dem Sog Roms bewahrt. Denn Bibel, Mission, Evangelisation, Lobpreis, Bekehrung usw. hat die katholische Kirche inzwischen auch zu bieten. Und vieles mehr. Daher gilt es, „Wittenberg“ und „Genf“ als unser Erbe zurĂŒckzugewinnen. James I. Packer bezeichnete den evangelikalen Glauben als „pure Christianity“, er ist reiner Protestantismus. Und vieles, was sich noch mit Etikett „evangelisch“ schmĂŒckt, ist alles andere als dem Evangelium gemĂ€ĂŸ, ja stellt in Wahrheit – mit Machen gesprochen – eine neue Religion dar. Die Evangelikalen sind der „konservative FlĂŒgel der evangelischen Christen“? So erscheint es zumindest, und mitunter kann man das vielleicht auch so sagen. Ich wĂŒrde jedoch eher so formulieren: sie sind die wahrhaft Evangelischen oder sollten sich als solche verstehen: einfach evangelisch, rein evangelisch, wirklich evangelisch (natĂŒrlich verurteilen die Großkirchen vehement jeden Ansatz solch eines Denkens). Dann verliert auch das Etikett „konservativ“ seinen Reiz und Sinn. Rom wird immer irgendwie konservativer erscheinen, da diese Kirche dank ihres integrativen Systems eben auch konservative Elemente wunderbar miteinschließen kann.

Es geht also nicht einfach um KonservativitĂ€t. Es geht um Bibel- und Bekenntnistreue, die aber durchaus neuartige und zeitgemĂ€ĂŸ sein kann. Dies zeigt beispielhaft der „New City Catechism“ der Gospel Coalition in den USA, der alte Lehrinhalte neu formuliert, neu deutet und dabei alle modernen technischen Möglichkeiten nutzt und sich nicht nur an Christen einer Kirche richtet. Dieser neue Katechismus ist ein hervorragendes Hilfsmittel, um die Evangelikalen dem nĂ€her zu bringen, was wirklich wichtig ist: ein tieferes VerstĂ€ndnis der eigenen GrundĂŒberzeugungen. Ist dies zurĂŒckgewonnen, ist man aus dem Niemandsland zwischen Rom, Wittenberg und Genf herausgetreten.

Holger Lahayne, Siauliai, Litauen, 8.9.2014

www.lahayne.lt

Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 9. September 2014 um 14:01 und abgelegt unter Kirche, Theologie.