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Die Synagoge

Freitag 8. November 2013 von Pfr. Wilhelm Busch (1897-1966)


Pfr. Wilhelm Busch (1897-1966)

Gott hat manchmal seltsame und wunderliche Prediger. Der Arzt Lukas berichtet uns in seinem ¬ĽEvangelium¬ę, da√ü ein gehenkter M√∂rder in seiner Todesstunde vom Kreuz herab eine unerh√∂rt eindr√ľckliche Predigt gehalten habe. Und das Alte Testament wei√ü zu erz√§hlen, da√ü sogar ein¬≠mal ein richtiger, vierbeiniger Esel gepredigt habe. Manche glauben diese Geschichte nicht. Ich glaube sie. Denn ich wei√ü, da√ü sich Gott oft wunderliche Prediger seiner Wahrheit erw√§hlt.

Unter diesen ist mir besonders eindr√ľcklich ein gro√ües, totes und ausgebranntes Geb√§ude. Sooft ich daran vorbei¬≠komme, f√§ngt dies Haus an, mir eine Predigt zu halten. Und ich wei√ü, da√ü es eine ganze Nacht lang zu vielen hun¬≠dert Menschen gepredigt hat. Dies seltsame, predigende Geb√§ude steht mitten in einer lauten Gro√üstadt des Ruhrgebietes.

Hier mu√ü einmal eine reiche j√ľdische Gemeinde gewesen sein, da√ü sie sich solch eine gro√üartige Synagoge hat bau¬≠en k√∂nnen. Es ist ein riesiger Kuppelbau aus grauem Na¬≠turstein! Vor vielen Jahren habe ich den Bau einmal von innen angesehen. Die Pracht dort entsprach ganz dem wundervollen √Ąu√üeren. Man sah, da√ü ein gro√üer K√ľnstler dies Haus entworfen und gebaut hatte.

Dann kam jener schreckliche Tag, der f√ľr Jahrhunderte ein dunkler Fleck auf der Geschichte unseres Landes sein wird; jener Tag, da das deutsche Volk mit einem Male verga√ü, da√ü es einen Luther, Kant, Bach, Goethe gehabt hat, da es mit einem riesigen Satz aus dem 20. Jahrhundert in das Mittelalter zur√ľcksprang … Es raste der P√∂bel; die j√ľdischen Gesch√§fte wurden ge¬≠pl√ľndert, die Wohnungen der Juden demoliert. Unschul¬≠dige getreten, erschlagen und erschossen … Ein w√ľster Haufe drang auch in die herrliche Synagoge und steckte sie in Brand. Was nur brennbar war, wurde ein Raub der Flammen. Aber am Ende stand noch der rie¬≠sige, nun so kahle Kuppelbau. Die gro√üen Steinquader hatten dem Feuer getrotzt.

Damals fing dies Geb√§ude an, peinlich zu werden. Es re¬≠dete noch nicht. Aber in seiner toten Schweigsamkeit begann es, die Menschen zu beunruhigen. Die Lautspre¬≠cher dr√∂hnten von dem ¬Ľdeutschen Kulturwillen¬ę – und da stand dies Haus! √úber dem Portal konnte jeder es noch lesen: ¬ĽMein Haus soll ein Bethaus sein vor allen V√∂lkern!¬ę Da stand es mit seinen rauchgeschw√§rzten Mauern, sei¬≠nen leeren Fenster√∂ffnungen … w√§hrend die Lautspre¬≠cher verk√ľndeten, wie nun deutsche Heere nach Ru√üland einger√ľckt seien, um die ¬Ľdeutsche Kultur¬ę vorzutragen … Man sprach immer wieder davon, dies Haus m√ľsse abge¬≠rissen werden. Aber – es kam nicht dazu. Es war, als habe man den Mut verloren, noch einmal die Hand an dies stumme, riesige Geb√§ude zu legen.

Und die Synagoge schwieg – schwieg – als warte sie auf den Tag, da sie w√ľrde reden k√∂nnen.

Und der kam!

Dieser Tag fing in der Gro√üstadt an wie alle anderen. Die Kaufleute gingen in ihre Gesch√§fte, die Hausfrauen hatten W√§sche oder standen in Schlangen vor den L√§den, in de¬≠nen die Waren schon knapp wurden; die Bergleute fuh¬≠ren in die Tiefe, und andere kamen herauf … Es war wie immer. So verging der Tag. Es kam der Abend. Dunkel la¬≠gen die Stra√üen. Alle H√§user waren verdunkelt, alle Lich¬≠ter gel√∂scht. Es war ja Krieg, und schon war manche Bom¬≠be √ľber der Stadt gefallen.

Um 21 Uhr t√∂nten die Sirenen. Die Menschen liefen in die Keller … Und dann kam der Schrecken! Der erste gro√üe Angriff mit ¬ĽBombenteppich¬ę und ¬ĽFl√§¬≠chenbr√§nden¬ę. Die Menschen in den Kellern sp√ľrten die furchtbare Hitze. Sie st√ľrzten hinaus. Nein! Viele kamen nicht mehr ins Freie. Sie fanden die Zug√§nge versch√ľttet und verbrannten bei lebendigem Leibe …

Aber die herauskamen, entsetzten sich. Rings um die Syn¬≠agoge waren enge, dicht besiedelte Stra√üen. Und nun stand alles in Flammen. Wohin man sich auch wandte, ¬≠Feuer! Feuer! Dieser furchtbare Brand schaffte sich selbst den Sturm, der das Feuer brausend weitertrug. Die Menschen h√ľllten sich in nasse T√ľcher und machten sich auf, irgendwo Schutz zu suchen. Aber sie fanden die Stra√üenausg√§nge mit Tr√ľmmern versperrt. Der Rauch nahm ihnen den Atem. Da sank manch einer um und wur¬≠de von st√ľrzenden Mauern erschlagen, vom Rauch er¬≠stickt, vom Feuer verschlungen.

Die sich durchschlugen, suchten mit vor Angst irren Augen nach einem Ort, der Schutz böte vor dem Feuer. Sie fan­den nur einen: die riesige, kahle, längst ausgebrannte Synagoge. Hunderte haben in jener schrecklichen Nacht dort Rettung gefunden … Da saßen sie, eng gedrängt und zitternd auf dem nackten Boden, während draußen der schauerliche Tod umging. Da saßen sie und konnten nicht weglaufen, als nun die Synagoge anfing zu predigen.

Es war eine schreckliche Predigt. Sie bestand nur aus einem einzigen Satz: ¬ĽIrret euch nicht! Gott l√§√üt sich nicht spot¬≠ten. Denn was der Mensch s√§t, das wird er ernten.¬ę Da war manch einer, der hatte an jenem Fr√ľhlingstag mit¬≠gemacht, als man das Feuer an diese Synagoge legte. Und die anderen hatten neugierig zugesehen, hatten vielleicht gelacht. Sicher hatten sie geschwiegen. Aber – wer hatte an Gott gedacht, an Gott, der nicht schweigt?! Damals hatte das Feuer dies eine Geb√§ude verzehrt. Nun ging die Stadt im Feuer unter … Und ausgerechnet dies Geb√§ude war nun Zuflucht! Die Synagoge predigte. Und selbst der Verstockteste hat in jener Nacht des Grauens die Predigt geh√∂rt: ¬ĽIrret euch nicht, Gott l√§√üt sich nicht spotten … ¬ę

Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende. Unter den Fl√ľchtlingen war einer, dem hielt die Synagoge eine be¬≠sondere Predigt. Er war ein einfacher Mann, der einen k√ľmmerlichen Lohn auf einer Kohlenzeche verdiente. Aber er geh√∂rte zu den Leuten, von denen der Herr Jesus sagt, da√ü sie ¬Ľreich sind in Gott¬ę.

Dieser Mann sa√ü unter dem best√ľrzten Volk und war we¬≠der sehr verwundert noch unruhig. Verwundert war er nicht, weil er aus dem Wort Gottes l√§ngst wu√üte, da√ü dies Volk schrecklichen Gerichten entgegengehen mu√üte. Und unruhig war er nicht, weil er Frieden mit Gott hatte. So sa√ü er nun in einer Ecke, nachdem er vielen Leuten zu¬≠rechtgeholfen hatte. Er war m√ľde. Aber schlafen konnte man ja nicht.

Und da fing die Synagoge an, ihm ihre besondere Predigt zu halten. Sie fragte: ¬ĽWei√üt du auch, warum ihr hier ge¬≠borgen seid vor dem Feuer?¬ę Und er antwortete: ¬ĽJa, weil hier das Feuer schon einmal getobt und alles, was brennbar war, verzehrt hat.¬ę ¬ĽWei√üt du auch¬ę, fragte die Synagoge, ¬Ľda√ü es noch ein anderes und schrecklicheres Feuer gibt als das, vor dem ihr euch hier geborgen habt?¬ę ¬ĽDas wei√ü ich wohl¬ę, sagte der Mann, ¬Ľdas ist das schreck¬≠liche Feuer des Gerichtes und Zornes Gottes, das einmal entbrennen wird √ľber alles ung√∂ttliche und unheilige We¬≠sen der Menschen.¬ę

¬ĽDa wei√üt du ja schon viel!¬ę sagte die Synagoge. ¬ĽAber meinst du, da√ü du dann auch eine Zuflucht finden wirst, wenn dies Feuer entbrennt? Meinst du, da√ü dann auch solch eine Stelle da sein wird, die Zuflucht bieten kann, weil das Feuer schon dar√ľber ging?¬ę Nun l√§chelte der Mann inmitten des erschrockenen und betr√ľbten Volkes und sagte: ¬ĽOh, ich wei√ü, wo du hinaus¬≠willst. Ja, es gibt einen einzigen Ort, √ľber den das Feuer des Zornes Gottes schon ging, und der darum Zuflucht bietet: Das ist das Kreuz Jesu auf Golgatha.¬ę

¬ĽDu hast recht!¬ę sagte die Synagoge. ¬ĽSieh mich nur an! Wie sicher seid ihr in meinem Scho√üe, weil ich fr√ľher das Feuer erlitten habe. Und so ist man sicher unter dem Kreuze Jesu. Wie hat dort das Feuer gebrannt, als Jesus rief: ,Mein Gott! Mein Gott! Warum hast du mich verlas¬≠sen?‘ – jetzt ist man in alle Ewigkeit dort sicher vor dem Gericht Gottes.¬ę

Da freute sich der einfache Mann, daß er um diese ewige Zuflucht wußte. Dann legte er sich, so gut es bei dem Ge­dränge eben möglich war, zurecht und schlief nun doch ein Рer ruhte friedlich und getröstet wie ein Kind am Herzen der Mutter.

Pfarrer Wilhelm Busch

Quelle: ‚ÄěPastor Wilhelm Busch erz√§hlt‚Äú ‚Äď Auswahlband, Quell Verlag-Stuttgart, 1975.

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 8. November 2013 um 13:11 und abgelegt unter Predigten / Andachten.