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Das Christentum und die Schweigespirale

Donnerstag 7. November 2013 von Prof. Dipl.-Ing. Peter Gerdsen


Prof. Dipl.-Ing. Peter Gerdsen

Vor etwa 10 Jahren habe ich angefangen, mich mit der Theorie der Schweigespirale zu beschäftigen. Es geht um eine Komponente der Theorie der öffentlichen Meinung, wie sie in den 1970er-Jahren von der Professorin Elisabeth Noelle-Neumann[1] formuliert wurde.

Laut dieser Theorie hängt die Bereitschaft vieler Menschen, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, in bestimmten Fällen von der wahrgenommenen Mehrheitsmeinung ab. Angesicht der rasanten Säkularisierung unseres Landes interessierte mich in erster Linie, in wieweit der Mechanismus der Schweigespirale für den Niedergang des Christentums verantwortlich ist. So entstand mein Aufsatz »Das Christentum und die Schweigespirale«[2], der damals im Journal des Professorenforums veröffentlicht wurde.

Zu meiner Überraschung erreichte mich nun, 10 Jahre später, im Mai dieses Jahres ein Anruf von dem Herrn Prediger Johann Hesse, ob ich bereit wäre auf dem Regionaltreffen des Gemeindehilfsbundes einen Vortrag zum Thema »Das Christentum und die Schweigespirale« zu halten.

So bin ich auch dankbar, daß ich hier die verschiedenen Dimensionen der Theorie der Schweigespirale zur Darstellung bringen darf. Der Niedergang des Christentums berührt ja alle Christen auf das Schmerzlichste. Umso wichtiger ist es, sich in die inneren Gesetzmäßigkeiten dieses Niedergangs hineinzudenken. Besonders auch angesichts der Worte, die Christus den Aposteln bei ihrer Berufung mit auf den Weg gegeben hat: »Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.«

Zum Aufbau des Vortrags

Nach der Theorie der Schweigespirale hängt die Bereitschaft vieler Menschen, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, von der wahrgenommenen Mehrheitsmeinung ab. Wenn ihre Meinung von der Mehrheitsmeinung abweicht, dann verfallen sie in Schweigen. Dieser Sachverhalt verweist dann direkt auf ein anderes Thema, das unmittelbar damit zusammenhängt. Es geht um die sog. ›Political Correctness‹, die durch die Beeinflussung der sprachlichen Ausdrucksweise versucht ›Tabus‹ zu konstruieren. Bestimmte Formulierungen werden öffentlich nicht geduldet, nach der Devise: »So etwas tut man und sagt man nicht, ja man denkt es nicht einmal.«

Hier greifen drei Themenbereiche ineinander, auf die ich näher eingehen möchte:

  • Erstens die Schweigespirale,
  • Zweitens die Political Correctness
  • Drittens die Medien

Unter dem Einfluß dieses Wirkungsdreiecks steht nun das Christentum und insbesondere Menschen, die an Christus, den Sohn des lebendigen Gottes, glauben. Schließen möchte ich dann meinen Vortrag mit dem Thema: ›Was können wir tun?‹. Damit komme ich zunächst auf die

1.  Schweigespirale

zu sprechen. Dabei betrachte ich die beiden Komponenten des Begriffs ›Schweigespirale‹ getrennt. Wir haben einmal den ›Mechanismus der Spirale‹ und zum anderen das ›Schweigen‹. Gegenstand des ›Schweigens‹ sind in erster Linie das Christentum, aber ganz besonders auch die Gedanken und Begriffe, die laut ›Political Correctness‹ tabu sind und über die somit geschwiegen wird. Und bei dem, wofür Elisabeth Noelle-Neumann die Begriff ›Spirale‹ verwendet hat, handelt es sich um einen für die Bildung der sog. ›Öffentlichen Meinung‹ wichtigen Mechanismus, für dessen Wirksamkeit die Medien eine wichtige Rolle spielen.

Elisabeth Noelle-Neumann beschreibt die Schweigespirale im Zusammenhang mit der Meinungsforschung als Grundlage fĂĽr Wahlprognosen. Aber in meinem Vortrag geht es in erster Linie um die die Rolle des Mechanismus der Schweigespirale bei dem ProzeĂź der Entchristlichung der Gesellschaft. Offensichtlich ist die Schweigespirale ganz allgemein bei der Bildung der in einer Gesellschaft dominanten Meinung von Bedeutung. Nun zum

1.1  Mechanismus der Spirale

Wenn in einer Demokratie vor der Parlamentswahl eine Minderheit eine überzeugende Siegeserwartung zur Schau stellt, dann entsteht der Eindruck, als handle es sich um eine Mehrheit. Alle, die von den Ansichten der Minderheit überzeugt sind, haben nun das Gefühl, daß das, was sie denken, von allen gebilligt wird. Daher äußern sie laut und voller Selbstvertrauen ihre Ansichten und diejenigen, welche die Ansichten der Minderheit nicht teilen, verfallen in Schweigen.

Aber dies Schweigen führt gerade dazu, daß die Mehrheit schwächer und die Minderheit stärker erscheint. Bei diesem Schweigespirale genannten Prozeß handelt es sich um einen Kippvorgang[3]. Dabei geht es um einen zeitlich ablaufenden Vorgang, der irgendwann durch eine bestimmte Ursache ausgelöst wird. Zu einem Kippvorgang kommt es dann dadurch, daß von einem bestimmten Zeitpunkt an eine Eigendynamik entsteht, auf Grund derer der Vorgang sich weiterentwickelt, auch wenn die auslösende Ursache nicht mehr vorhanden ist. Wodurch wird nun die Schweigespirale in Gang gehalten? Welches ist dabei die treibende Kraft?

Offenbar ist es das BemĂĽhen, das anscheinend die meisten Menschen miteinander teilen, sich nicht zu isolieren. Die tief sitzende Isolationsfurcht verleitet die Menschen dazu, sich in ihren Meinungen der Gruppe anzuschlieĂźen, die ihre Ansichten am lautesten und ĂĽberzeugendsten vertritt.

Als nächstes gilt es, in den Blick zu nehmen,

1.2  Worüber geschwiegen wird

Hier muß man sich vergegenwärtigen, daß wir Zeugen einer Kulturrevolution sind, die von einer atemberaubenden Lautlosigkeit gekennzeichnet ist.

Spätestens seit der Aufklärung wird das Christentum immer mehr aus dem gesellschaftlichen Geschehen ausgeschlossen. Eine Folge dieser Entwicklung ist eine Verdunkelung des Bewußtseins, weil ein Leben ohne Schöpfer, ohne Gott propagiert wird. Der Mensch steht im Zentrum und sieht sich als das Maß aller Dinge, er ist ›der kleine Gott dieser Welt‹. Der humanistische Mensch kennt keine über ihm stehende Instanz. Er sieht sich auch nicht als Geschöpf, sondern gewissermassen als ›unerschaffen‹.

Damit bricht das ganze Wertesystem, das auf der Grundlage des Christentums entstanden ist, zusammen. Heute ist die Situation so, daß die ›Heilige Schrift‹ nur noch durch die Brille der ›Political Correctness‹ gelesen wird. Folgerichtig bekommt der Begriff der ›Menschenwürde‹ höchste Priorität. Auf dem Begriff der ›Menschenwürde‹ wird versucht, ein neues Wertesystem aufzubauen. ›Menschenrechte‹, ›Toleranz‹ und ›Nichtdiskriminierung‹ spielen in diesem neuen Wertesystem eine zentrale Rolle.

Das Christentum und das Wertesystem auf der Grundlage des Christentums soll aus dem Bewußtsein der Leute verschwinden. Das wird unter anderem dadurch erreicht, daß in der ›Öffentlichen Meinung‹ bzw. der ›Veröffentlichen Meinung‹ Christentum keine Erwähnung findet mit der Folge, daß sich kaum noch jemand traut, christlichen Werten öffentlich Gehör zu verschaffen, weil er sich in der Minderheit wähnt. Im Frühjahr fand in Leipzig ein ›Kongress christlicher Führungskräfte‹ mit etwa 3200 Teilnehmern statt. Ein bemerkenswertes Ereignis! In den Medien fand es höchstens in regionalen Blättern Erwähnung.

Als nächstes komme ich auf die

1.3  Treibsätze der Schweigespirale

zu sprechen. Es gibt mindestens vier Treibsätze, die die Schweigespirale in Bewegung bingen: Täuschung, Isolationsfurcht, Siegesgewißheit und schließlich Bekenntnisbereitschaft.

Zunächst zur

1.3.1  Täuschung

Wenn zum Beispiel in einer Demokratie vor der Parlamentswahl eine Minderheit eine überzeugende Siegeserwartung zur Schau stellt, dann unterliegen viele einer Täuschung; sie bekommen den Eindruck, als handle es sich um eine Mehrheit. Alle, die von den Ansichten der Minderheit überzeugt sind, haben nun das Gefühl, daß das, was sie denken, von allen gebilligt wird. Daher äußern sie laut und voller Selbstvertrauen ihre Ansichten und diejenigen, welche die Ansichten der Minderheit nicht teilen, verfallen, obwohl sie eigentlich noch eine Mehrheit bilden, in Schweigen. Aber dieses Schweigen führt gerade dazu, daß die Mehrheit schwächer und die Minderheit stärker erscheint und schließlich wird.

Und nun zur

1.3.2  Isolationsfurcht

die Menschen dazu verleitet, sich in ihren Meinungen der Gruppe anzuschließen, die ihre Ansichten am lautesten und überzeugendsten vertritt. Dies geht soweit, daß dabei Meinungen, die zunächst durch eigene Urteilsbildung entstanden sind, beiseite geschoben werden.

In gewisser Weise ist das ja ein erschreckender Aspekt. Jeder möchte natürlich zur Mehrheit gehören. Ich denke, es ist sehr wichtig, daß wir uns alle den Mechanismus der Schweigespirale bewußt machen. Die Isolationsfurcht als treibende Kraft der Schweigespirale ist übrigens auch wissenschaftlich belegt.

So führt der Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther aus, daß der Mensch mit einer sehr elementaren Grunderfahrung geboren wird, die sich ihm tief ins Nervensystem einschreibt. Das ist die Erfahrung der Geborgenheit, der Zugehörigkeit, des Einsseins. Daraus entstehen Gefühle und Überzeugungen wie »Ich gehöre dazu« oder »Ich bin dabei«.

In der Folge trachtet der Mensch weiterhin und unaufhörlich danach dazuzugehören, und er wird immer danach suchen, diese Erfahrung wieder und wieder zu machen.

Und Jetzt komme ich zur

1.3.3  Siegesgewißheit

Wenn die Anhänger einer politischen Richtung oder einer Weltanschauung von ihrer Ansicht zutiefst durchdrungen sind, zutiefst von deren Wahrheit überzeugt sind, dann strahlen sie das auch aus. Selbst dann, wenn sie in der Minderheit sind und dies auch wissen, werden sie immer noch ihre Anschauungen lautstark verkünden. Diese tiefe Überzeugung und dieses starke damit verbundene Selbstbewußtsein verleiht Siegesgewißheit, die sich als mächtiger Treibsatz der Schweigespirale erweist. Die Anhänger einer eventuellen Mehrheit, die von ihrer anderen Ansicht vielleicht nicht so sehr durchdrungen sind, verfallen in diesem Kraftfeld der Siegesgewißheit leicht in Schweigen und werden möglicherweise sogar das Lager wechseln.

Aber nicht zuletzt ist auch die

1.3.4  Bekenntnisbereitschaft

ein wichtiger Treibsatz für den Mechanismus der Schweigespirale. Wenn in einer Minderheit die Mitglieder zutiefst von ihren Anschauungen durchdrungen sind, dann befinden sie sich in einer Bewußtseinsverfassung, die zu einer hohen Bekenntnisbereitschaft führt. Das führt dazu, daß fortwährend von den Anschauungen dieser Minderheit geredet wird. In der öffentlichen Wahrnehmung wirken diese Anschauungen als dominant. So entsteht allmählich der Eindruck, es würde sich um eine Mehrheitsmeinung  handeln.

Eine präzise Beschreibung der Dynamik der Schweigespirale gibt bereits

1.4  Alexis de Tocqueville

In seinem vielzitierten Werk ›Über die Demokratie in Amerika‹[4] schildert er den Niedergang der französischen Kirche in der Mitte des 18. Jahrhunderts und zeigt, wie die Religionsverachtung damals unter den Franzosen eine allgemeine und herrschende Leidenschaft wurde. Eine wesentliche Ursache sieht er im »Stummwerden« der französischen Kirche.

»Leute, die noch am alten Glauben festhielten, fürchteten die einzigen zu sein, die ihm treu blieben, und da sie die Absonderung mehr als den Irrtum fürchteten, so gesellten sie sich zu der Menge, ohne wie diese zu denken. Was nur die Ansicht eines Teiles der Nation noch war, schien auf solche Weise die Meinung aller zu sein und dünkte eben deshalb diejenigen unwiderstehlich, die ihr diesen trügerischen Anschein gaben.«

Tocqueville sieht also in der Dynamik der Schweigespirale eine der wesentlichen Ursachen für den Niedergang des christlichen Glaubens. Offenbar gibt es Gesetzmäßigkeiten, die gleichermaßen sowohl für den Raum der Politik als auch für das Christentum als gesellschaftlicher Kraft gelten.

Zu dieser Dynamik der Schweigespirale gehört, daß sich die Angehörigen einer Minderheit durch Bekenntnisbereitschaft und Siegesgewißheit gegenüber den Mitgliedern einer Mehrheit, die in ständiger Isolationsfurcht leben, durchsetzen können. Viele Christen trauen sich nicht mehr, ihren Glauben öffentlich zu bekennen, weil sie sich vor Isolierung fürchten. Damit komme ich auf das Kernthema

2.  Christentum und Schweigespirale

Wie sieht nun die Anwendung der Einsichten in den Mechanismus der Schweigespirale   auf den Prozeß der Entchristlichung aus? Es zeigt sich, daß das Christentum und insbesondere das Neue Testament wichtige

2.1  Antworten auf die vier Treibsätze der Schweigespirale

gibt. Wie wir gesehen haben, zeigen die Gesetzmäßigkeiten der Schweigespirale, daß eine Mehrheit durch die Siegesgewißheit und Bekenntnisbereitschaft einer Minderheit getäuscht werden kann.

2.1.1  Täuschung

spielt sicher in der heutigen Zeit eine große Rolle. Aber das das Christentum ist auch eine Religion der Erkenntnis. Hier gibt das 10. Kapitel des Matthäus-Evangeliums einen wichtige Hinweis. Thema dieses Kapitels ist die Berufung der 12 Apostel durch Christus. Dabei werden den Aposteln bedenkenswerte Worte auf den Weg gegeben:

Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.

»Seid klug wie die Schlangen« ist doch die Aufforderung, sich nicht durch die Mächte täuschen zu lassen, die der Botschaft des Christentums feindlich gegenüber stehen. Und der Satz »Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe« verweist darauf, daß sich die Christen hinsichtlich der Schwierigkeiten, in denen sie sich befinden, keinen Illusionen hingeben sollen. Aber es gibt noch einen weiteren Hinweis aus dem Evangelium des Johannes, in dem an die Erkenntniskräfte der Christen appelliert wird. Es heißt dort:

Wenn ihr in meinem Worte bleibet, dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.

Und nun zur Antwort des Neuen Testaments auf den Treibsatz der

2.1.2  Bekenntnisbereitschaft

Von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang sind die folgenden Worte, die während der Berufung der Apostel gesprochen wurden:

Jeder nun, der sich vor den Menschen zu mir bekennen wird, zu dem werde auch ich mich bekennen vor meinem Vater, der in den Himmeln ist.

Wer aber mich vor den Menschen verleugnen wird, den werde auch ich verleugnen vor meinem Vater, der in den Himmeln ist.

Hier wird in aller Deutlichkeit von Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes, dem Herrn der christlichen Kirche, gerade das Bekenntnis in der Ă–ffentlichkeit gefordert.

Bei diesen Forderungen aus dem Matthäus-Evangeliums werden viele Christen sicher immer wieder straucheln. Dazu ist an das Gespräch aus dem 26. Kapitel des Matthäus-Evangeliums zwischen Christus und dem Apostel Petrus zu erinnern:

Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir, daß du in dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, mich dreimal verleugnen wirst.

Petrus spricht zu ihm:

Selbst, wenn ich mit dir sterben mĂĽĂźte, werde ich dich nicht verleugnen. Ebenso sprachen auch alle JĂĽnger.

Wir wissen, daß Petrus dann doch seinen Herrn verleugnete; aber dieses Straucheln hinderte Christus nicht, dem Apostel, wie es im 16. Kapitel des Matthäus-Evangeliums überliefert ist, folgendes zu sagen:

Aber ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesem Felsen werde ich meine Gemeinde bauen, und des Hades Pforten werden sie nicht überwältigen.

Man sieht also, gerade christlicher Glaube vermag es, die Mechanismen der Dynamik der Schweigespirale auĂźer Kraft zu setzen.

Und aus der Tiefe des Glaubens folgt dann die

2.1.3  Siegesgewißheit

mit der das Bekenntnis abgelegt wird. Beides, das öffentliche Bekenntnis und die Siegesgewißheit, sind aber wesentliche Merkmale der Dynamik der Schweigespirale. Das öffentliche Bekenntnis des Glaubens angesichts einer Mehrheit, die diesem Glauben ablehnend gegenübersteht, erfordert eine besondere Selbstgewißheit und Ich-Stärke, die aus dem Glauben an Christus hervorgehen kann.

Dies ist der Fall bei dem wahren Menschen – Paulus spricht vom neuen Menschen – und dieser beginnt dort, wo er die Sphäre der Freiheit erreicht. Dann ist der Mensch nicht mehr nur eine Einheit aus Leib und Seele – Paulus spricht hier vom seelischen Menschen -, sondern eine Einheit aus Leib, Seele und Geist. Man hat dann den geistlichen Menschen, der frei ist, weil er zur Objektivität und Wahrheit und damit zur Selbstlosigkeit gelangt ist.

Diese Sphäre des Geistlichen, in der er an der Schwelle des Reiches Gottes steht und daher Intuitionen hat und schöpferisch wird, ist dem Menschen möglich durch den Glauben an Christus, den Sohn des lebendigen Gottes. Und jetzt zur

2.1.4  Isolationsfurcht

Der Mensch ist ein im Innersten auf Gemeinschaft mit anderen Menschen angelegtes Wesen. Jede Situation, die ihn von den anderen Menschen trennt, wird von ihm als existentielle Bedrohung empfunden. Wenn sich Menschen zur Gemeinschaft versammeln, dann sind zwei Versammlungsprinzipien möglich. Einmal das Prinzip der Gruppe, in der alle Mitglieder aufeinanderschauen und in der ein gewisser Konformitätszwang herrscht, und zum andern das Prinzip der christlichen Versammlung, die dadurch zusammengebunden ist, daß alle Mitglieder auf Christus, den sie als ihren Herrn anerkennen, schauen. In der christlichen Versammlung, in der sich die Mitglieder vom seelischen zum geistlichen Menschen erhoben haben, gibt es die Isolationsfurcht nicht mehr.

Ich komme jetzt zu dem Thema

2.2  Christlicher Glaube und Medien

Neben der Dynamik der Schweigespirale sind es besonders die Medien, die den Prozeß der Entchristlichung vorantreiben, indem sie durch ihre überwiegend antichristlichen Veröffentlichungen vorgeben, was über die allgemeinen Dinge gedacht wird. Dies ist deswegen möglich, weil die beginnende Urteilsbildung der Bürger leicht durch veröffentlichte Meinungen von Journalisten, die auf ihrem Gebiet Spezialisten sind, überrollt wird. Auch hier hat der christliche Glaube etwas wesentliches entgegenzusetzen, wobei die Absoluta eine wichtige Rolle spielen.

Dabei handelt es sich um die Aussagen der Heiligen Schrift, die absolut sind, weil in dieser Heiligen Schrift Gott selbst gesprochen hat. Damit sind diese Aussagen nicht nur unter bestimmten Voraussetzungen, sondern unter allen Umständen unabhängig von Raum und Zeit gültig. Als unsere Kultur noch vorwiegend christlich war, konnte eine einzige Person mit der Heiligen Schrift in der Hand der Gesellschaft gegenübertreten und diese vor Fehlentscheidungen und Fehlverhalten warnen, wobei Mehrheiten keine Rolle spielen; denn es gab ein Absolutes, nach dem man urteilen konnte.

Christlicher Glaube immunisiert die Menschen gegen Manipulationen durch die Medien.

Das Vorhandensein dieser Absoluta sollte Christen aber auch an folgendes erinnern. Wenn sich nämlich ein autoritäres Regime entwickeln sollte, dann wird dessen Regierung keine Bürger tolerieren die echte Absoluta haben und die in der Lage sind, die willkürlichen Absoluta dieses Regimes zu beurteilen, und die auf Grund ihrer Absoluta frei ihre Meinung sagen und handeln. Umso wichtiger ist es, die Entstehung eines solchen Regimes bereits im status nascendi zu erkennen und zu bekämpfen.

Ich komme jetzt zu dem Thema

2.3  Christentum und Demokratie

Wenn man sich vergegenwärtigt, daß das Christentum die Grundlage der Kultur und Zivilisation in Deutschland und darüber hinaus in der ganzen westlichen Welt ist, und wenn man weiter ins Auge faßt, daß wir Zeugen einer sich immer schneller vollziehenden Entchristlichung unserer Gesellschaft sind, dann ist es leicht einzusehen, daß dies dramatische Entartungen und Dekadenzen zur Folge hat, die sich bereits abzeichnen und zu beobachten sind. Dabei bedeutet Entchristlichung, daß das Christentum aufhört, eine ernstzunehmende Kraft bei der Bildung des öffentlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Bewußtseins unseres Volkes zu sein. Aber unser freiheitlicher Rechts- und Sozialstaat lebt von den Sedimenten und von den Werten einer Kultur, die ihrerseits das Christentum zur Voraussetzung hat.

Dieser Sachverhalt wurde erstmals von dem ehemaligen Richter am Bundesverfassungsgericht Ernst-Wolfgang Böckenförde aufgeworfen. Dabei handelt es sich um das Problem säkularisierter Staaten, soziales Kapital zu schaffen. In der Wissenschaft wird von dem Böckenförde-Theorem oder auch von dem Böckenförde-Dilemma gesprochen.

Böckenförde schreibt:

 »Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.«

Das Christentum ist in vielfältiger Form an der Konstitution des Fundaments unseres staatlich und rechtlich geordneten Gemeinwesens beteiligt. Um das an einem Beispiel zu illustrieren: Es wird heute überall nach Solidarität gerufen. Die Politiker sind darüber entsetzt, daß sich die Gesellschaft immer mehr entsolidarisiert. Die Starken sollen den Schwachen und die Reichen den Armen helfen. Wieso denn eigentlich? Woher gewinnt eine solche Forderung eine Begründung und Evidenz, wenn nicht aus dem Christentum?

An dieser Stelle ist nun zu fragen, welche

2.4  Überlebenschancen

das Christentum denn überhaupt noch hat. Wenn es aus dem öffentlichen Raum verbannt und in die Privatsphäre des einzelnen gedrängt wird, dann ist zu bedenken, daß sich christlicher Glaube letztlich nur in Gemeinschaft verwirklichen kann.

Wenn das Christentum ganz verschwinden sollte, dann in der Form, daß es ein Opfer der totalen und radikalen Privatisierung des Religiösen wird. Es wird zwar niemand in seinem Recht gehindert, sich christlich zu äußern oder christlich zu leben, aber er darf niemanden anderen mit seinen Äußerungen oder mit seinem Lebensstil belangen. Die letzten Bastionen der öffentlichen Anwesenheit des Christentums werden derzeit geräumt. Das Christentum stirbt anonym, lautlos, ohne große öffentliche Auseinandersetzung, auch ohne jeden erkennbaren Widerstand. Es könnte auslaufen wie das Wasser aus einer vollen Flasche und keiner merkt es.

Allerdings ist ein wichtiger Unterschied zu machen. In Europa und besonders in Deutschland befindet sich das Christentum auf dramatische Weise auf dem RĂĽckzug. Als kulturstrukturierende Kraft hat keine Bedeutung mehr. Die Heilige Schrift wird in der Regel nur noch durch die Brille der politischen Korrektheit gelesen. Ganz anders ist jedoch die Situation in Asien, Afrika und SĂĽdamerika. In diesen Regionen ist das Christentum durchaus auf dem Vormarsch, besonders auch in China.

Um aber wieder auf die Überlebenschancen des Christentum in unserem Lande zu kommen: Wird es in die Katakomben verbannt wie vor zweitausend Jahren? Nein, ich denke, so weit wird es nicht kommen. Und dafür möchte ich drei Gründe anführen:

  1. Es sind ja nicht wenige, die einen dramatischen Werteverfall im unserem Lande konstatieren. So hat zum Beispiel Oskar Lafontaine, einer der führenden Personen der in der Tradition von Karl Marx stehenden Partei »Die Linke«, sich öffentlich wegen dieses Werteverfalls für die »Katholische Soziallehre« ausgesprochen. Irgendwann werden die sozialen Verhältnisse derart unerträglich, dass man sich wieder an die christlichen Traditionen erinnert.
  2. Zur Beantwortung der Frage, welche Chancen das Christentum noch hat, muß die Religion des Christentums näher unter die Lupe genommen werden. Für das Christentum gilt, daß Christus nicht, wie der Religionsphilosoph Schelling sagt, der große Lehrer, sondern der Inhalt des Christentums ist. Das Christentum hebt sich durch seinen Charakter als Auferstehungsreligion und als Freiheitsreligion besonders hervor. Welcher Gott ist je Mensch geworden mit den Konsequenzen dieses Menschseins: Leiden, Sterben, Tod und Todesüberwindung? Welche Religion kennt die Auferstehung ihres Begründers und Gottes?
  3. Die Überlebenschancen des Christentums, besonders auch als kulturstrukturierende Kraft, hängen natürlich ganz wesentlich auch von der Glaubensstärke der Christen ab. Was heißt aber Glauben? Paulus sagt im Hebräer-Brief: »Durch Glauben erkennen wir, daß die Welten durch Gottes Wort bereitet worden sind.« Wir müssen uns das Christentum als Religion der Erkenntnis vergegenwärtigen. Das Christus-Wort »Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben« verweist darauf, unsere Erkenntniskräfte anzuspannen, damit wir das Wirkungsdreieck aus ›Schweigespirale‹, ›Medien‹ und ›Political Correctness‹ durchschauen.

Der beispiellose Siegeszug des Christentums auf seinem Weg durch die Jahrhunderte haben doch gezeigt, daß es keine Macht der Welt gibt, die sich auf Dauer der Kraft des christlichen Glaubens entgegenstellen kann. Auch die Dynamik der Schweigespirale und der Einfluß der Medien können durch den christlichen Glauben überwunden werden.

2.5  Warum gegen das Christentum?

Wir alle wissen, dass es in unserer Welt eine ausgeprägte Feindschaft gegen das Christentum gibt. Allerdings tritt diese Feindschaft zumeist nicht offen zu Tage. Zwar sind die Mitgliederzahlen der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland noch groß. Aber diese Kirchen befinden sich im Kraftfeld der Säkularisierung und der Political Correctness. Damit unterliegen sie einem Prozeß der Verweltlichung und Entgeistigung. Warum richtet sich nun diese Feindschaft nun hauptsächlich gegen das Christentum und nicht so sehr gegen den Islam?

Ich muß da einen etwas größeren Bogen spannen. Wir kennen den von Politikern gern gebrauchten Begriff der ›Internationalen Staatengemeinschaft‹, deren Kern hauptsächlich aus den Vereinigten Staaten von Amerika und einer Reihe von Ländern aus deren Einflussbereich sowie aus der Europäischen Union besteht. Diese ehemals durchweg christlichen Länder verstehen sich, wie immer wieder betont wird, als »Wertegemeinschaft«. Um welche Werte handelt es sich da eigentlich?

In etwas vergröberter Darstellung geht es um Toleranz, Nicht-Diskriminierung, Gender Mainstreaming, Feminismus, Recht auf Abtreibung sowie Ehe von Homosexuellen. Das ist ein Gegenentwurf zum Wertesystem auf der Grundlage des Christentums. Diese beiden Wertesysteme stehen in einem antagonistischen Verhältnis zu einander. Das erklärt schon, dass die Anhänger der Wertegemeinschaft dem Christentum feindlich gegenüberstehen. Beim ›Marsch für das Leben‹ in Berlin trat diese Feindschaft ja überdeutlich hervor. Hier prallen gegensätzliche und unvereinbare Positionen aufeinander.

Wenn es darum geht, die inneren Gesetzmäßigkeiten aufzuzeigen, die zum Niedergang des Christentums in unserem Lande beitragen, dann muß man, wie wir schon gezeigt hatten, das Wirkungsdreieck bestehend aus der Schweigespirale, der Political Correctness und Medien ins Auge fassen. Dabei sind die

3.  Medien

von besonderer Bedeutung; denn ohne sie könnte weder die Political Correctness durchgesetzt werden noch die Schweigespirale ihre volle Dynamik entfalten.

Deshalb sollen zunächst die Medien, insbesondere die asymmetrischen Medien, die sich an ein anonymes Publikum wenden, untersucht werden. Dazu gehören Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen, aber auch Bücher und Zeitschriften. Den Hintergrund des durch Schweigespirale, Political Correctness und Medien dargestellten Geschehens bildet die Demokratie. Betrachtet man nun die

3.1  Demokratie unter dem Einfluß der Medien

so sieht man, daĂź die Lehrbuchvorstellung von der Demokratie als Herrschaft des Volkes mit dem Strukturmerkmal der Gewaltenteilung durch die Medien total gesprengt wird.

Hier haben sich neben den drei klassischen Gewalten der Exekutive, der Legislative und der Judikative die Medien faktisch als ›Vierte Gewalt‹ etabliert. Auf diese Weise ist etwas völlig Neues entstanden. Man spricht von einer Mediendiktatur oder von einer Mediokratie.

In einer solchen Mediokratie gibt es die beiden Teilsysteme der Politik und der Medien. Die Idealvorstellung des Verhältnisses der beiden Teilsysteme, der zufolge die Politik eigensinnig und unbeirrt den ihr zugeschriebenen Dienst der Erzeugung gesamtgesellschaftlich verbindlicher Entschei­dungen leistet und das Mediensystem das politische Handeln und seine Folgen aus kritischer Distanz beobachtet und einem breiten Publikum möglichst ausgewogen und objektiv, angemessen und sachlich vermittelt, ist von vielen Wissenschaftlern, die sich empirisch mit dem Thema befassen, seit längerem kommentarlos zur Seite gelegt worden.

Aus der Politikwissenschaft ist zu hören: Wir sind Zeugen einer kopernikanischen Wende in der Politik, in der die Parteiendemokratie zur Mediendemokratie wird: Die Regeln der medialen Politikdarstellung, die Selektion spektakulärer Ereignisse, Theatralität und die Orientierung an hochinszenierten Effekten, die weite Teile des Mediensystems bestimmen, beginnen zunehmend auch die Politik zu regieren.

Die Rollen vertauschen sich: Während in der Parteiendemokratie die Medien die Politik beobachten sollten, damit sich die Staatsbürger eine vernünftige Meinung von ihr bilden können, beobachten in der Mediendemokratie die politischen Akteure das Mediensystem, damit sie lernen, wie sie sich und was sie präsentieren müssen, um in den Medien häufig und attraktiv präsent zu sein.

Die Medien wirken nach dem Prinzip des ›Mainstreaming‹ auf eine umfassende kulturelle Umwälzung hin. Dabei bedeutet ›Mainstreaming‹, die Weltauffassung und Lebensweise der Randgruppen der Gesellschaft in den Mittelpunkt dessen zu stellen, was in den Medien zur Darstellung kommt. ›Umwälzung‹ bedeutet, dass die bisherige Mehrheit hinsichtlich Weltauffassung und Lebensweise zur Randgruppe wird, während die bisherigen Randgruppen zur Mehrheit in der Gesellschaft werden. Dieses Prinzip des Mainstreaming kommt in dem ganzen Spektrum der Unterhaltungssendungen zur Anwendung.

Der Prozeß der Umgestaltung der Gesellschaft ist eine Form des ›social engineering‹. Hinter der Fassade der ›Demokratie‹ wird das Demokratieprinzip auf den Kopf gestellt und schließlich ganz außer Kraft gesetzt, indem eine Schicht von Intellektuellen in den Führungspositionen der Medien unbemerkt eine kulturelle Umwälzung ins Werk setzt. Die demokratischen Strukturen werden ohne jede öffentliche Debatte unterlaufen.

Um jetzt die

3.2  Arbeitsweise der Medien

etwas näher in den Blick zu nehmen:

Der Zuschauer wird schon durch die ĂĽbliche Funktionsweise des Fernsehens manipuliert. Viele Zuschauer scheinen anzunehmen, daĂź sie das, was sie im Fernsehen sahen, mit ihren eigenen Augen wahrnahmen.

Der Zuschauer denkt, daß er selbst tatsächlich dabei war. Er weiß es, weil seine eigenen Augen es sahen. Aber der Zuschauer sieht nicht das Ereignis, sondern eine überarbeitete Form des Ereignisses, das zu einem Symbol, zu einem Bild verarbeitet wurde. Dabei bildet sich der Zuschauer Objektivität und Wahrheit ein.

Wie aber ein Ereignis zu einem Symbol und zu einem Bild verarbeitet wird, das wird durch die Weltanschauung der vielen bestimmt, die in den Fernsehanstalten tätig sind. Dort wird festgelegt, was Nachrichten sind und wie sie zu Fernsehbildern verarbeitet werden.

Die Weltanschauung dieser Leute ist wie ein Filter, durch das alle Informationen hindurch mĂĽssen.

Man sieht, dass die Person des Journalisten eine sehr entscheidende Rolle spielt. Es besteht die Möglichkeit, die vom Fernsehzuschauer wahrgenommene Wirklichkeit an den Anfang des Journalistischen Handeln zu setzen. Dann wird der Journalist die mediale Filterwirkung so einstellen, dass sich eine bestimmte vom Zuschauer wahrzunehmende Wirklichkeit ergibt.  Das ergäbe dann eine vollständige Manipulation. Das Denken des Zuschauers wurde enteignet. Dieser Enteignung seines Denkens ist sich der Zuschauer in der Regel nicht bewusst; vielmehr glaubt er sich gut informiert; denn schließlich ist er doch dabei gewesen, so glaubt er.

Zu Beginn meines Vortrags hatte ich ausgeführt, daß die drei Begriffe der Schweigespirale, der Medien und der Political Correctness[5] in einem engen Wirkungszusammenhang stehen. Nach den Themen ›Schweigespirale‹ und ›Medien‹ möchte ich jetzt die

4.  Political Correctness

näher in den Blick nehmen. Diese konnte als System von Sprachregelungen, die sich auf ›korrekte‹ Ausdrucksweisen und auf Dinge bezieht, über die man zu schweigen hat, nur mit Hilfe der Medien durchgesetzt werden. Das Gleiche gilt für den Mechanismus der ›Schweigespirale‹.

Die Political Correctness spielt ja seit einigen Jahrzehnten in der Öffentlichkeit, also in dem Raum der Bildung der ›Öffentlichen Meinung‹, eine wichtige Rolle.

Mit Hilfe dieses Begriffs wird versucht, eine ganz neue Ethik, ein neues Wertgefüge durchzusetzen. Am Anfang steht dabei die Beeinflussung der sprachlichen Ausdrucksweise. Bestimmte Formulierungen werden nach der Devise »So etwas tut man und sagt man nicht, ja man denkt es nicht einmal.« öffentlich nicht geduldet. Mittlerweile ist die Political Correctness breit gefaßt und bezieht nicht nur Sprache und Denken, sondern auch Gesinnung, Politik und Lebensstil mit ein.

Die sachliche Argumentation und Auseinandersetzung über die damit zusammenhängenden Themen wird durch moralische Ächtung verhindert. Die Bewegung der ›Political Correctness‹ verfährt dichotomisch; wer das Gelände der Political Correctness verlässt, wird ausgegrenzt. Wichtiges Merkmal ist die Moralisierung; das Politisch Inkorrekte ist nicht mehr nur falsch, sondern moralisch verwerflich, also böse. Letztlich ist die ›Political Correctness‹ ein Mittel zur Ausübung und Kontrolle von Macht unter dem Deckmantel der Moral.

Wir haben es mit einer Kulturrevolution zu tun, die in den 1960er Jahren gegann und von einer Minderheit von Links-Intellektuellen ihren Ausgang nahm. Daß diese Minderheit ihr Weltbild so weitgehend durchsetzen konnte, das war nur möglich durch die massive Mitwirkung der Medien, wobei der Mechanismus der ›Schweigespirale‹ eine wesentliche Rolle spielte.

Im Laufe des Jahres 2012 ging die Meldung von der Insolvenz der ›Frankfurter Rundschau‹ durch die Medien. Interessant waren die Kommentare zu dem Ereignis; einige klangen etwa so: »Eigentlich brauchen wir die Frankfurter Rundschau nicht mehr. Sie hat ihren Zweck erfüllt. Die Autoren, die die Anliegen der 68er verfechten, sitzen heute in den bürgerlich-konservativen Redaktionen.«

Wenn man darauf verweist, daß die ›Political Correctness‹ ein Mittel zur Ausübung und Kontrolle von Macht unter dem Deckmantel der Moral ist, dann ist das nur die eine Seite einer Medaille. Bei der anderen Seite geht es um die Etablierung einer neuen Moral; das Wertgefüge der Kultur soll verändert werden. Auf diesen Aspekt hat besonders die Belgische Philosophie-Professorin Marguerite Peeters in ihrem Aufsatz[6]

4.1  Von der Political Correctness zur neuen Ethik

hingewiesen. Zu den Kernwerten des neuen Wertgefüges, an dem sich Kultur und Politik bereits ausrichten, gehören Begriffe wie ›Inklusion‹ in der Bedeutung der Zugehörigkeit von Minderheiten, ›Gleichstellung‹, ›Frauenrechte‹, ›Umweltschutz‹, ›Solidarität‹, ›Transparenz‹, ›Nichtdiskriminierung‹, und ›Toleranz‹. Im Gegenzug erhalten Begriffe wie ›Autorität‹, ›Wahrheit‹, ›Nächstenliebe‹, ›Sünde‹, ›Gut und Böse‹, ›Tradition‹, ›Familie‹, ›Keuschheit‹, ›Ewigkeit‹, ›Schöpfung‹, ›Mutterschaft‹, ›Vaterschaft‹, ›Ehemann‹, ›Ehefrau‹ eine negative Bedeutung. Diese Worte verschwinden langsam aus den politischen und kulturellen Debatten; sie zu gebrauchen gilt als ›politisch inkorrekt‹, als ›gegen den Strom‹. Die neue erzwungene Orthodoxie bringt diese Begriffe in Verbindung mit ›Fundamentalismus‹, ›Radikalismus‹, ›Intoleranz‹ und ›Diskriminierung‹.

Gemäß der neuen Ethik ist jede Bezugnahme auf die traditionelle Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Kindern, eine Beleidigung für homosexuell lebende Paare oder für Patchwork-Familien. Ökonomische und bildungspolitische Richtlinien, die der traditionellen Familie gut täten, würden den Interessen von Paaren, die in LGBT-Lebensstilen leben, entgegenstehen. Dabei steht L für ›Lesbisch‹, G für ›Gay‹, B für ›Bisexuell‹ und T für ›Transgender‹. Die Bezeichnung ›gay‹ ist ein aus dem Englischen übernommenes Fremdwort für homosexuell.

Und nun ein Wort zu den

4.2  Prinzipien der neuen Ethik

Nichtdiskriminierung ist ein zentrales Prinzip der neuen Ethik. Die Verabsolutierung der Nichtdiskriminierung erstickt die Botschaft des Christentums, die zum Beispiel besagt, daß man seinen Nächsten lieben soll, auch seine Feinde, nicht aber, daß man alles unterschiedslos akzeptieren soll, um niemanden zu diskriminieren.

Die neue Ethik verschlieĂźt den Menschen gegenĂĽber der Transzendenz. Eine Offenheit fĂĽr die Transzendenz – wobei besonders die christliche Tradition im Visier ist – soll verhindert werden. Die neue Ethik ist säkularistisch, das heiĂźt ausschlieĂźlich innerweltlich ausgerichtet. Sie nimmt eine Neuinterpretation universaler menschlicher Werte und gegenwärtiger menschlicher Hoffnungen und SehnsĂĽchte auf der Basis eines neuen säkularistischen Rahmens vor.

Und sie verabsolutiert vor allem die Begriffe ›Freiheit‹ und ›Gleichheit‹ und löst diese von ihrer natürlichen Bindung an das Gesetz, das jedem Menschen ins Herz geschrieben ist. Freiheit wird zu einem Prozeß der Befreiung von diesem Gesetz. Freiheit wird zu einem Recht, tun und lassen zu können, was man will, selbst wenn es gegen das eigene Gewissen ist und gegen das, was dieses als wahr und gut erkannt hat. Gleichheit wird wird zu einem Prozeß der ›Dekonstruktion‹ aller Unterschiede, die doch in die Lebenswirklichkeit hineingeschrieben sind.

Gleichheit ist zu einem Prinzip geworden, das in der Praxis vor allem für Minderheiten gilt, die den Freiheitsbegriff mißbrauchen und ›gleiche Rechte‹ fordern und dabei den Unterschied zu Rechten, die sich an Wahrheit und Wirklichkeit orientieren, mißachten. Diese Radikalisierung von Freiheit und Gleichheit geschah nicht über Nacht. Es war ein langer geschichtlicher Prozeß, der bis zur französischen Revolution zurückreicht. Abschließend noch einiges zur

4.3  Taktik der neuen Ethik

Durch die Einführung neuer Begriffe wie ›sexuelle Vielfalt‹, ›Gleichstellung‹ oder ›Nichtdiskriminierung‹ und die gleichzeitige Ächtung oder Umdeutung von Begriffen wie ›Wahrheit‹, ›Familie‹ oder ›Sünde‹ wird eine neue Denkweise und Ethik erzwungen, die bereits in den Schulen als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird. Als Folge einer solchen ›Dekonstruktion‹ der abendländischen Sprache fehlt das Handwerkszeug, um diese schleichende Kulturrevolution überhaupt wahrnehmen zu können. Insofern merken viele Menschen gar nicht, daß die eindimensionale Verabsolutierung von Selbstbestimmung und Gleichheit neue Formen der Unfreiheit herbeiführt.

Die Strategie der ›Political Correctness‹ läßt gewissermaßen eine neue Sprache entstehen, die sich in der ganzen westlichen Welt ausbreitet. Die neue Sprache ist zwar auf der einen Seite totalitär und radikal, aber auf der anderen Seite auch verführerisch. Sie nimmt die universalen Hoffnungen und Sehrsüchte der Menschen unter Beschlag, insbesondere auf folgenden Gebieten: Frauenförderung und Verbesserung der Lebensumstände von Frauen, Selbstbestimmung der Völker, größere Achtung vor der Umwelt mit dem Begriff der ›nachhaltigen Entwicklung‹, größerer Respekt vor nicht-westlichen Kulturen mit dem Begriff ›kultursensibler Ansatz‹, umfangreichere politische Beteiligung mit dem Begriff ›partizipatorische Demokratie‹. Die neue Ethik scheint eine Antwort auf diese Ziele, Sehnsüchte und Hoffnungen zu sein.

Allerdings gibt es eine subtile, aber entscheidende Linie, die sie von allen Kulturen und Traditionen trennt:

Die neue Sprache zieht ihre Benutzer in den Sog der neuen Ethik, was unmerklich dazu fĂĽhrt, daĂź die Benutzer der neuen Sprache ihre eigenen Werte nach und nach aufgeben. Die Benutzer treten in ein ideologisches Bezugssystem ein, dessen Zielsetzungen andere festgelegt haben. Ist man in dem Bezugssystem einmal drin, wird man in eine Richtung gefĂĽhrt, in die man gar nicht will.

5.  Was können wir tun?

Daß sich die ›Political Correctness‹ durchsetzen konnte, ist eine Folge der Passivität der ›Mehrheit‹. Deren fehlende Beteiligung an der Gestaltung kultureller Umbrüche zu einem Zeitpunkt, da die historischen Umstände dies erforderten zwischen den 1960er und 1990er Jahren, hinterließ ein politisches Vakuum, das schnell von ideologisch motivierten, zur Machtübernahme bereiten Minderheiten gefüllt wurde. Der Erfolg dieser Minderheiten sucht in der Geschichte seinesgleichen. Denn haben sie es nicht de facto geschafft, ihre Sicht zumindest der westlichen Welt aufzudrängen – mit Hilfe der internationalen Organisationen, der neuen Sprache und der neuen Ethik?

Die Passivität der Mehrheit ist dabei möglicherweise ein größeres Hindernis als das Machtstreben ideologisch motivierter Minderheiten. Die Minderheiten könnten nicht so viel Macht ausüben, wenn die Mehrheiten wachsam wären und ihrerseits die Initiative ergreifen würden. Es stellt sich aber die Frage: Gibt es in der momentanen Lage, mit einem ›System‹, das einseitig, säkularistisch und oftmals intolerant auftritt, überhaupt noch die Möglichkeit, politisch aktiv zu sein und sich zu engagieren? Welcher Weg führt uns aus dieser Lage heraus? Auf diese Frage gibt es keine fertige Antwort, auch keine schnelle Lösung. Die Probleme, mit denen wir es zu tun haben, sind komplex. Wichtig erscheinen mir die folgenden Schritte:

  1. Unwissenheit bekämpfen. Marguerite Peeters führt hierzu aus: »Wie die französischen Aristokraten zur Zeit der Revolution, die in ihren Schlössern saßen und Tee tranken und dabei Staatsgeschäfte diskutierten, bis sie unter der Guillotine starben, so beobachtete auch die Mehrheit der westlichen Christen die kulturelle Revolution aus der Ferne. Abgrundtief ist ihre Unkenntnis über die historische Entwicklung, die Inhalte, Strategien und Umsetzungsmechanismen der kulturellen Revolution. Gegen diese Unwissenheit ist vorzugehen, wenn Christen die wirklichen Ursachen des Verfalls der westlichen Kultur erkennen wollen.« Unwissenheit bekämpfen heißt aufmerksam machen auf die lautlose, schleichende Kulturrevolution.
  2. Unterscheiden lernen. Nicht alles ist nur schwarz oder weiß an der neuen Ethik. Durch ihren radikalen Anspruch hat die Revolution all jene Änderungen für sich vereinnahmt, die notwendig und unvermeidlich waren, weil sich die Menschen danach sehnten, beispielsweise größere Verantwortung gegenüber der Umwelt, mehr Respekt für die gleichrangige Würde der Frau, mehr echte Teilhabe der Basis an politischer Entscheidungsfindung und – noch wichtiger – mehr Streben nach Liebe. Mehr Streben nach einer Gesellschaft, in der die Liebe wieder eine Rolle spielt, nach einer Gesellschaft, die nicht nur – wie es in der Moderne war – von einem Bündnis aus Macht und Rationalität beherrscht wird. Hier ist es entscheidend, dass wir unterscheiden lernen, um angemessen auf die Herausforderungen der neuen globalen Kultur reagieren zu können. Ein rückwärtsgewandter Ansatz, der das Kind mit dem Bade ausschüttet, wäre verfehlt und kontraproduktiv.
  3. Christen aus dem Geflecht der neuen Ethik lösen. Viele Christen haben sich von den neuen Werten der Revolution verführen lassen und sind der Logik einer rein säkularen Ethik erlegen. Sie haben sich der politisch korrekten Ethik angeglichen, verwenden die neue globale Sprache und verwechseln die neuen Paradigmen mit der Soziallehre der Kirche. Ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht: Wenn sie nicht angemessen unterscheiden, arbeiten sie gegen sich selbst.
  4. Die Risse im System erkennen. Die Sozialtechniker haben den Turm zu Babel auf Sand gebaut. Es zeigen sich bereits Risse im Gebäude. Die offenkundigen Widersprüche in der gegenwärtig durchgesetzten Orthodoxie sind umso klarer zu sehen, je stärker wir sie im Lichte der Wirklichkeit und der Wahrheit anschauen. Wie lange noch können die Menschen vor den bitteren anthropologischen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Folgen der Revolution ihre Augen verschließen? Wie lange noch können sie sich weigern, das Leid des Post-Abortion-Syndroms, die durch die Scheidungen verursachten gesellschaftlichen Kosten und die bedrohlichen sozialwirtschaftlichen Folgen des demografischen Niedergangs Europas wahrzunehmen?
  5. FĂĽrchtet euch nicht! Angst ist der Feind der Freiheit. Es ist aber der Wille Gottes, daĂź wir Menschen zur Freiheit, zur Erkenntnis und Wahrheit finden. Die kulturelle Revolution, die Political Correctness und ihre neue Ethik sind hart und unnachgiebig. Um gegen den Strom zu schwimmen, den schmalen Pfad zu gehen, fĂĽr das Wahre, Gute und fĂĽr die Liebe einzustehen, braucht es Mut.

Um auf das Thema meines Vortrags ›Das Christentum und die Schweigespirale‹ zurückzukommen: Wir sollten uns die Antworten, die das ›Neue Testament‹ auf die Treibsätze der Schweigespirale gibt, immer wieder vergegenwärtigen. Wir müssen uns laut zu dem bekennen, woran wir glauben. Wir müssen auch den Mut haben zu sagen, was wir nicht wollen und womit wir uns nicht identifizieren.

Prof. Dipl.-Ing. Peter Gerdsen,  Vortrag beim Regionaltreffen des Gemeindehilfsbundes am 26. Oktober 2013 in Rotenburg/Wümme.

Dieser Vortrag kann hier nachgehört werden.

WeiterfĂĽhrende Literatur:

Gerdsen, Peter: Das moralische KostĂĽm geistiger Herrschaft. Wie unter dem Deckmantel der Moral Macht ausgeĂĽbt wird. 2. Auflage. Nordhausen 2013.

Yousefi, Hamid Reza (Hrsg): Eine Erde ohne Himmel wird zur Hölle. Zwischen Tradition und Moderne. Ausgewählte Aufsätze von Peter Gerdsen. Nordhausen 2013.



[1] Noelle-Neumann: Die Schweigespirale. Ă–ffentliche Meinung – unsere soziale Haut. Ditzingen 1986.

[2] Gerdsen, Peter: Das Christentum und die Schweigespirale, Journal des Professorenforums, Vol. 4, No.1, 2003.

[3] Gerdsen, Peter: Blockiertes Deutschland. Von den geistigen Auseinandersetzungen unserer Zeit. Dresden 2004.

[4] Tocqueville, Alexis de: Ăśber die Demokratie in Amerika. Ditzingen 2006.

[5]  Gerdsen, Peter: Das moralische Kostüm geistiger Herrschaft. Wie unter dem Deckmantel der Moral Macht ausgeübt wird. 2. Auflage Nordhausen 2013.

[6]  Peeters, Marguerite A.: Von der Political Correctness zur neuen Ethik. Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft, Bulletin-Ausgabe 1/2012, Nr.21.

 

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 7. November 2013 um 17:02 und abgelegt unter Gemeinde, Gesellschaft / Politik, Kirche.