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„Ihr Christen werdet alle sterben“

Donnerstag 7. MÀrz 2013 von Bundesverband der AramÀer


Bundesverband der AramÀer

Unser 1000. Beitrag seit 2004

Interview mit Daniyel Demir ĂŒber die AramĂ€er, die vor der Gewalt in Syrien fliehen konnten

Daniyel Demir ist Vorsitzender des Bundesverbandes der AramĂ€er in Deutschland. Zusammen mit einer Delegation des Weltverbandes der AramĂ€er besuchte er im Januar und Februar FlĂŒchtlinge und Vertriebene dieser christlichen Konfession, die besonders unter dem anhaltenden BĂŒrgerkrieg in Syrien leidet. Die Delegation besuchte Lager in Griechenland, der TĂŒrkei und im Libanon. Und sie traf hochrangigen WĂŒrdentrĂ€ger und Politiker in den Regionen rund um das BĂŒrgerkriegsland. Das Interview fĂŒhrte Susanne BorĂ©e.

Von welchen besonders schrecklichen Erlebnissen berichten die FlĂŒchtlinge aus ihrer syrischen Heimat, die dann den Ausschlag fĂŒr ihre Flucht gegeben haben?

Geflohen vor der brutalen Gewalt des Krieges erzĂ€hlen die aramĂ€ischen FlĂŒchtlinge oftmals verzweifelt von in TrĂŒmmern liegenden Kirchen, PfarrhĂ€usern, Schulen, sowie Kinder- und Altenheimen in Homs, Aleppo, Ras Al-Ayn, Dair Al-Zor. Der BĂŒrgerkrieg in Syrien hat die christliche Gemeinschaft besonders hart getroffen. Erst vor wenigen Tagen wurde die kĂŒrzlich fertiggestellte syrisch-orthodoxe Marienkirche in Dair Al-Zor im Verlauf der massiven Kampfhandlungen schwer getroffen und zerstört. In manchen Gebieten werden die Christen gezielt verfolgt. Islamistische Rebellen haben die aramĂ€ischen Christen samt ihren Priestern vertrieben. Die letzten Augenzeugen berichten von geplĂŒnderten und verwĂŒsteten Kirchen. Auf den Straßenmauern prangen jetzt Todesdrohungen: „Ihr unglĂ€ubige Christen werdet sterben! Allah ist groß! Verflucht sind jene, die das Kreuz anbeten!“ Erpresserischer Menschenraub und brutale Hinrichtungen von Priestern, gezielte EntfĂŒhrungen junger MĂ€dchen und der drohende MilitĂ€rdienst zwingen die aramĂ€ischen Christen ihre Heimat zu verlassen. Viele haben ihre Lebensgrundlage verloren, hungern und leben in Todesangst.

Die Lage in Syrien erscheint aus europÀischer Perspektive immer schwerer durchschaubar. Immer neue Fronten tun sich auf und neue Kriegsparteien erscheinen auf der BildflÀche. Worunter leiden die AramÀer ganz besonders?

Die AramĂ€er befinden sich im Kreuzfeuer zwischen regierungstreuen Truppen und Rebellen. Einerseits fĂŒrchten sie Repressalien durch das Assad-Regime, andererseits begegnen sie dem Hass islamistischer BefreiungskĂ€mpfer, die gegen Christen als UnglĂ€ubige und Kollaborateure hetzen. Ursache fĂŒr die verstĂ€rkt auftretende Gewalt mit „konfessionsgebundenem“ Hintergrund ist die zunehmende Beteiligung von Fundamentalisten und Dschihadisten, wie die militante Al-Nusra-Front. Diese Terrororganisation versetzt besonders die jungen Christen in Angst und Schrecken. Die einheimischen aramĂ€ischen Christen sind von Tag zu Tag einem erhöhten Verfolgungsdruck ausgesetzt. Inzwischen hat eine dramatische FlĂŒchtlingswelle von aramĂ€ischen Familien eingesetzt. Sollten die AramĂ€er weiter zwischen die Fronten geraten, wird es fĂŒr diese urchristliche Gemeinschaft innerhalb Syriens keinen sicheren Ort mehr geben, wohin sie ausweichen können. Im Angesicht des Todes werden immer mehr versuchen, ihre Heimat Syrien zu verlassen. Dann droht diesem christlichen Kernland ein Exodus der Christen Ă€hnlich wie im Irak.

Gibt es nach Ihren Erfahrungen Unterschiede bei der Behandlung aramĂ€ischer FlĂŒchtlinge je nach Land, in dem sie Zuflucht gefunden haben?

Die EindrĂŒcke aus unserer Reise zu den aramĂ€ischen FlĂŒchtlingen, die meist mittellos im Libanon, der TĂŒrkei und Griechenland gestrandet sind, haben uns allesamt tief erschĂŒttert. Eine unterschiedliche Behandlung der FlĂŒchtlinge resultiert aus den unterschiedlichen UmstĂ€nden in den jeweiligen Nachbarstaaten, die mit diesen massiven FlĂŒchtlingsströmen ĂŒberfordert sind. Im Gegensatz zur TĂŒrkei und Jordanien richtet der libanesische Staat keine Lager fĂŒr die FlĂŒchtlinge ein. Der Libanon mit nur 4,5 Millionen Einwohnern trĂ€gt im VerhĂ€ltnis zur weiter ansteigenden FlĂŒchtlingszahl die weitaus grĂ¶ĂŸte Last. Die humanitĂ€re Situation ist dort Ă€ußerst besorgniserregend. Das Land ist unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten schlichtweg nicht in der Lage den FlĂŒchtlingsstrom zu bewĂ€ltigen. Die Lage der aramĂ€ischen FlĂŒchtlinge in Griechenland ist noch weitaus kritischer zu bewerten. Die Geschichten hinter den Menschen, meist jungen Familien mit ihren Kindern, haben uns sehr betroffen gemacht. Der griechische Staat ist gegenwĂ€rtig einfach nicht in der Lage, den FlĂŒchtlingen die notwendige und dringend erforderliche humanitĂ€re Hilfe zukommen zu lassen. Es fehlt an allem. Wegen der hohen Preise in Griechenland kommen viele kaum ĂŒber die Runden. Die psychische Belastung ist spĂŒrbar, bittere Verzweiflung macht sich breit. In Griechenland kam es durch die neonazistische Gruppierung „Chrysi Avgi“ (Goldene MorgendĂ€mmerung), die im Mai 2012 erstmals in das Parlament einzog, bereits zu gewalttĂ€tigen Angriffen auf aramĂ€ische FlĂŒchtlinge. Und in Griechenland gibt es keine aramĂ€ische Gemeinschaft, die die FlĂŒchtlinge auffangen und in ihrer Not unterstĂŒtzen könntet. Lediglich zwei aramĂ€ische Mönche, die sich zum Studium in Athen befinden, stellen sich dieser Verantwortung und sind fĂŒr die vielen FlĂŒchtlinge Tag und Nacht zur Stelle.

Welche Möglichkeiten der Soforthilfe fĂŒr die FlĂŒchtlinge gĂ€be es gerade jetzt im Winter? Was wird am nötigsten gebraucht?

Die Lage der FlĂŒchtlinge in den völlig ĂŒberforderten NachbarlĂ€ndern ist sehr ernst. Sie leiden unter KĂ€lte, MangelernĂ€hrung und schlechten WohnverhĂ€ltnissen. Horrende Rekordpreise fĂŒr Brot, Unterkunft, Heiz- und Kraftstoffen, sowie ein drastischer Anstieg der Inflationsrate setzen den FlĂŒchtlingen enorm zu. Ein weiteres großes Problem sind die hĂ€ufigen und zum Teil lang andauernden StromausfĂ€lle, die das Elend verschlimmern. Auch die medizinische Versorgung ist völlig unzureichend. FlĂŒchtlinge, die nicht offiziell registriert sind, mĂŒssen sĂ€mtliche wischen hat eine dramatische medizinischen Leistungen voll bezahlen. Die Prozedur der Registrierung dauert in dieser Notsituation mehrere Monate. Vor Ort erleben wir eine katastrophale humanitĂ€re Situation. Auf unserer Reise im Libanon, der TĂŒrkei und Griechenland konnten wir durch den FlĂŒchtlingen durch die Spendenaktion unseres Bundesverbandes „Vergesst uns nicht!“ finanzielle Soforthilfe leisten.

Wie können die christlichen Gemeinden in den umliegenden LÀndern helfen, in denen die AramÀer Schutz gesucht haben?

Unsere syrisch-orthodoxen BistĂŒmer in der TĂŒrkei in Istanbul, Mardin und Midyat, aber auch im Libanon in Beirut sowie ZahlĂ© und Bekaa, haben eine große Anzahl von aramĂ€ischen FlĂŒchtlingsfamilien in ihren Gemeinden, Kirchen und Klöstern aufgenommen und mit dem Nötigsten versorgt. Die Diözesen sind ebenfalls bei der Suche nach geeigneten UnterkĂŒnften, der Verpflegung oder medizinischen Versorgung, behördlichen Angelegenheiten und so weiter behilflich und leisten entsprechend ihren begrenzten KapazitĂ€ten und finanziellen Mitteln Außerordentliches.

Sie haben auch mit WĂŒrdentrĂ€gern und Politikern in den umliegenden LĂ€ndern gesprochen. Wie schĂ€tzen Sie deren Bereitschaft ein, Hilfe zu leisten?

Die Hilfsbereitschaft war angesichts dieser humanitĂ€ren Katastrophe durchweg sehr groß. Sowohl der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel BartholomĂ€us I., als auch der tĂŒrkische Innenminister Muammer GĂŒler oder das zustĂ€ndige Ministerium fĂŒr FlĂŒchtlinge in Beirut haben uns ihre vollumfĂ€ngliche UnterstĂŒtzung zugesichert. Mit der umfassenden Dokumentation dieser Reise zu den aramĂ€ischen FlĂŒchtlingen in den verschiedenen LĂ€ndern und den dadurch gewonnenen, wichtigen Erkenntnissen werden wir auf die Bundesregierung und die entsprechenden Hilfsorganisationen zugehen, um die humanitĂ€ren Hilfsmaßnahmen vor Ort gezielter und effektiver mitzugestalten.

Wie könnte Europa Ihrer Ansicht nach in dem BĂŒrgerkrieg eingreifen, ohne wie in Afghanistan zwischen alle Fronten zu geraten?

Eine militĂ€rische Intervention ist strikt abzulehnen. Die europĂ€ische und internationale Staatengemeinschaft sollte sich darauf besinnen, diesen wahnsinnigen Teufelskreis nicht weiter zu verschĂ€rfen und Kriegsparteien in keinster Weise mit Geld, Waffenlieferungen, logistischer Hilfe und so weiter zu unterstĂŒtzen, stattdessen aber einen sofortigen und bedingungslosen Waffenstillstand zu fordern, damit die leidende syrische Bevölkerung unverzĂŒglich und gefahrlos die dringend notwendigen Hilfsmaßnahmen empfangen kann.

WĂ€re es sinnvoll, möglichst vielen aramĂ€ischen FlĂŒchtlingen die Aufnahme in der EU zu ermöglichen oder wird gerade die Situation der AramĂ€er im Nahen Osten durch einen Exodus nach Europa geschwĂ€cht?

Bereits jetzt gibt es eine dramatische christliche Abwanderung aus vielen arabischen LĂ€ndern des Nahen Ostens. Ein solcher christlicher Exodus ist nun auch aus Syrien zu befĂŒrchten. In der Apostelgeschichte kommt der Begriff „Christen“ erstmals ĂŒberhaupt im Gebiet des heutigen Syriens vor. In Damaskus befindet sich das Haus des Hananias, der den Apostel Paulus getauft hat. Und in den Ă€ltesten christlichen StĂ€tten Syriens bewahren die aramĂ€ischen Christen in ihrer Liturgie- und Umgangssprache bis heute ein wertvolles Kulturerbe – AramĂ€isch, die Muttersprache Jesu Christi. Wenn solche Orte ihre einheimische christliche Bevölkerung verlieren, dann kann das die weltweite Christenheit nicht unberĂŒhrt lassen. Viele AramĂ€er haben ihre Existenzgrundlage verloren, ihren gesamten Familienbesitz zurĂŒckgelassen und sind innerhalb Syriens auf der Flucht oder bereits außer Landes. Ganze Familien wurden in den angrenzenden NachbarlĂ€ndern und auch europaweit auseinandergerissen. Damit das Christentum in Syrien jedoch nicht austrocknet, ist das Hinwirken auf eine sofortige Beendigung dieses brutalen Krieges unerlĂ€sslich. Wichtig ist insbesondere, dass die internationale humanitĂ€re Hilfe als Selbsthilfe vor Ort, die Christen in Syrien letztlich auch erreicht, damit sie ihre Zukunft in ihrer Heimat wieder neu aufbauen können.

„Vergesst uns nicht“ lautet die Spendenaktion des Bundesverbands der AramĂ€er in Deutschland fĂŒr die Christen in Syrien. Spendenkonto: 0492942, BLZ: 672 700 24 (Deutsche Bank), Stichwort: Christen in Syrien

Quelle: www.bvdad.de (Bundesverband der AramÀer in Deutschland)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 7. MĂ€rz 2013 um 8:14 und abgelegt unter Christentum weltweit.