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Erzbischof Janis Vanags, Sehen, hören und nicht schweigen

Sonntag 30. Dezember 2012 von Erzbischof Janis Vanags


Erzbischof Janis Vanags

Stellungnahme von Erzbischof Vanags zu der Frage der Abtreibungen

Als sich in unserer Familie ungeplant das dritte Kind anmeldete, hatte meine Frau sich einer grĂŒndlichen medizinischen Untersuchung unterzogen. Diese fĂŒhrte bei den Ärzten zu der BefĂŒrchtung, dass das Kind mit ernsthaften körperlichen Behinderungen zur Welt kommen könnte. Von den besten Absichten geleitet, empfahlen sie meiner Frau, das Kind aus medizinischen GrĂŒnden abtreiben zu lassen. Wir waren eine nur schlecht krankenversicherte Familie. Kurz davor hatte ich (wegen meines Einsatzes in der Kirche) meine Stelle verloren. Mit zwei Söhnen lebten wir in der berĂŒchtigten Pienu iela (Milchstraße) in einer elenden Einzimmer kleinen Mietwohnung ohne jeden Komfort in der Gesellschaft von Wanzen. Unsere Nachbarn eine Etage ĂŒber uns hatten einen kranken kleinen Sohn. Wir sahen, mit welchen Schwierigkeiten sie es zu tun hatten. Unsere eigene schwere Zukunft hatten wir vor Augen. Wer hĂ€tte uns einen Vorwurf machen können, wenn wir uns fĂŒr eine Abtreibung entschieden hĂ€tten? Derjenige irrt, der denkt, dass es einem glĂ€ubigen Menschen leicht fĂ€llt, in einer solchen Situation die Fassung zu bewahren und sich fĂŒr die Schwangerschaft zu entscheiden. Das war wirklich sehr, sehr, sehr schwer.

Uns wurde ein gesundes, schönes und fröhliches Kind geboren, dem wir den Namen Elisabeth gaben, (ĂŒbersetzt „mein Gott hat es mir verheißen“). Noch heute schauen wir unsere Tochter an und zucken dabei zusammen, wenn wir bedenken, dass wir dieses MĂ€dchen hĂ€tten  abtreiben lassen können! Wenn wir uns dafĂŒr entschieden hĂ€tten, dann hĂ€tte man ihr die HĂ€nde und FĂŒĂŸe abtrennen und sie wie MĂŒll entsorgen können. Zwischen unserem Kind und der Abtreibung stand nur noch die spĂŒrbare Wirklichkeit Gottes.

Seitdem interessiert mich das Thema Abtreibung nicht nur prinzipiell, sondern auch ganz persönlich. So habe ich mit großem Interesse die Stellungnahme der parlamentarischen StaatssekretĂ€rin im Gesundheitsministerium Liene Cipule bei der Diskussion ĂŒber die Abtreibung gelesen, die verkĂŒrzt in der Zeitung „Diena“ wiedergegeben wurde, und ich habe darauf beschlossen, auch meine Überlegungen auszusprechen.

Ich danke Frau Cipule, dass sie sich mit Argumenten beschĂ€ftigt, die bei der Diskussion von vielen Seiten ausgesprochen werden. Ich bin ganz der Meinung der Autorin und ihrer Gesinnungsgenossen, dass die wichtigsten Voraussetzungen fĂŒr die Verhinderung von Abtreibungen „eine hieb- und stichfeste medizinische Ausbildung, der Zugang zur EmpfĂ€ngnisverhĂŒtung und zu den Möglichkeiten der sozialen Hilfe“ sein mĂŒssten. Das ist so selbstverstĂ€ndlich, dass es keines weiteren Kommentars bedarf. Deshalb möchte ich mich bei meinen Überlegungen dem zuwenden, was dort nicht ausgesprochen wurde und dem ich mir gestatte, hochachtungsvoll zu widersprechen. Sollte dieser Widerspruch stellenweise polemischen Eindruck erwecken, dann richtet er sich nicht gegen Frau Cipule persönlich, sondern gegen die typischen und oft zu vernehmenden Standpunkte, die an manchen Stellen ihres Beitrages auch laut werden.

Über eine Politik ohne Moral

Als eine MeinungsĂ€ußerung hĂ€tte ich alles, was die Autorin ausgesprochen hat, ohne einen weiteren Kommentar zur Kenntnis genommen, wenn es dort nicht die beiden letzten SĂ€tze gegeben hĂ€tte, in denen Philosophen, Politiker und Geistliche als Phantasten bezeichnet werden, die sich mit illusionĂ€ren Dingen befassten, wĂ€hrend sie selbst als vernĂŒnftiger Mensch die Wirklichkeit des Lebens im Blick hĂ€tte: „Mögen Philosophen, Politiker und Geistliche gerne darĂŒber streiten, welches der richtige Weg sei, die DurchfĂŒhrung von Abtreibungen einzuschrĂ€nken oder den Abbruch einer unerwĂŒnschte Schwangerschaft zu verhindern. Ich möchte die Wirklichkeit sehen und respektiere sie.“

Diese Aussage richtet sich nicht an einige trĂ€umerische Individuen, sondern hier wird der Politik und der Religion ein Zusammenhang mit der Wirklichkeit ganz und gar abgesprochen: „Die Haltung der medizinischen FĂŒrsorge gegenĂŒber der Abtreibung geht von der RealitĂ€t des Lebens aus und hat sowohl mit der Religion als auch mit der Politik nichts zu tun.“

Übertragen wir diese hier vorgestellten Prinzipien auf das GeschĂ€ftsleben, dann könnte dort eine solche Aussage so lauten: „Mögen Philosophen, Politiker und Geistliche gerne darĂŒber streiten, ob es richtig sei, den Lohn auszuhĂ€ndigen, ich als Unternehmer habe mich dafĂŒr anders entschieden, die RealitĂ€t anzuerkennen und sie zu respektieren. Das GeschĂ€ftsleben hat nur etwas mit der RealitĂ€t zu tun und nichts mit der Religion oder der Politik.“ Ich weiß, dass sofort jemand widersprechen und sagen wird, dass es nicht anstĂ€ndig sei, diese beiden Dinge miteinander zu vergleichen, denn die Schattenwirtschaft ist doch etwas Schlechtes, aber die Abtreibung ist
 nun
 Ă€h
 wenn man es ehrlich betrachtet
 doch etwas Gutes. Wirklich?

Diesen Standpunkt der Abteilung GesundheitsfĂŒrsorge bringt die Autorin auch nicht mit Ethik in Verbindung. „Die Diskussion ĂŒber ethische Werte mĂŒssen die Ärzte dieses Mal den Geistlichen und Politikern ĂŒberlassen.“ Möglicherweise habe ich die Absicht des Beitrages missverstanden, aber, wenn ich diesen Text lese, dann sehe ich, dass darin das Angebot gemacht wird, die Gesetzgebung von der Moral zu trennen.

Die Ausgangssituation fĂŒr meinen Standpunkt.

Die Autorin und die Leser werden sicher begreifen, wie gefĂ€hrlich es ist, die Politik von der Moral zu trennen. Weshalb sollte man das aber bei der Frage der Abtreibung dennoch tun? Der Beitrag nimmt Bezug auf die Wirklichkeit, die eine ganz besondere Einstellung erforderte: „Wer einmal einen Arzt bis zu seinen Ellbogen im Blut gesehen hat bei seinen BemĂŒhungen, jemanden zu retten, der versucht hat, die Abtreibung von einem Pfuscher  durchfĂŒhren zu lassen, der hat gesehen, was fĂŒr Methoden Frauen anwenden, um ein unerwĂŒnschtes Kind loszuwerden, und der wird begreifen
“

Dem brauche ich verbal, graphisch oder emotional nichts hinzuzufĂŒgen. Doch ich komme um den Hinweis nicht herum, dass die Autorin sich dafĂŒr entschieden hat, nur einen Teil der RealitĂ€t zu betrachten und den anderen Teil ĂŒberhaupt nicht zu erwĂ€hnen. Der verschwiegene Teil der RealitĂ€t ist folgender: es wird ein Kind abgetrieben, dessen kleines Herz bereits schlĂ€gt, das seine kleinen Gelenke bereits bewegen und seine FĂ€uste ballen kann, das Schmerzen empfindet und sich vor den AbtreibungsgerĂ€ten scheut. Ein Teil jener Kinder wird mit der Hilfe der Vakuum-Methode um das Leben gebracht. Ein etwa dreißig Mal stĂ€rkeres Vakuum als bei einem Staubsauger zerreißt den Körper des Kindes in StĂŒcke. Andere werden mit der Hilfe einer Schlinge stĂŒckweise aus dem Mutterleib gezogen und auf diese Weise um das Leben  gebracht.

Bei der Anwendung der Salzmethode wird ein Teil des Fruchtwassers durch eine konzentrierte Salzlösung ersetzt. Mit jedem Schluck und Atemzug zuckt das Kind vor KrĂ€mpfen zusammen. Sein Gehirn beginnt zu bluten, seine Haut wird wund und rissig und nach einigen Stunden kann es zu einem qualvollen Tod kommen, doch wenn bei der Mutter nach einigen Stunden oder Tagen die Wehen einsetzen, kann es passieren, dass ein lebendiges, aber sterbendes Kind zur Welt kommt, das im Mutterleib entsetzliche Qualen hat aushalten mĂŒssen.

Wenn die Schwangerschaftszeit schon zu weit fortgeschritten ist fĂŒr diese oder Ă€hnliche Methoden, verbleibt noch die Möglichkeit einer GebĂ€rmuttersenkung – etwas Ähnliches wie ein Kaiserschnitt, nur dass es hier nicht um die Rettung des Kindes, sondern um dessen Tötung geht. Die GebĂ€rmutter der Mutter wird chirurgisch geöffnet und aus ihr das fast immer lebendige Kind herausgenommen. Vielleicht weint es dabei sogar, aber es wird dem Tode ausgeliefert. Einige Kinder werden bewusst erstickt oder ertrĂ€nkt oder auf Ă€hnliche Weise umgebracht. NatĂŒrlich haben viele der einzelnen Kinder nicht soviel Blut, dass ein Arzt darin bis zu seinen Ellbogen stecken könnte, aber in Lettland geschieht eine Abtreibung bis 50 Mal tĂ€glich.

Worin besteht der Unterschied zwischen einem Kind und jemandem, der eine Abtreibung vornehmen lassen möchte? Wer eine Abtreibung vornehmen lassen möchte, tut das aus eigenem Willen und hat sich dazu entschieden. Das Kind hat diese Möglichkeit nicht. Die Frau ĂŒberlebt in der Regel die Abtreibung, das Kind nicht. Das Kind stirbt immer eines barbarischen Todes. Das ist die andere Seite der RealitĂ€t.

Ist es nicht möglich oder fehlt das Empfinden fĂŒr RealitĂ€t?

In der Regel möchte man diese RealitĂ€t weder sehen noch respektieren. Im lettischen Hörfunk habe ich eine Diskussion verfolgt, in der eine der Teilnehmerinnen versuchte Einzelheiten einer Abtreibung zu benennen, aber sie wurde scharf zurechtgewiesen und genötigt, darĂŒber nicht weiter zu sprechen, was eine Frau vielleicht aufregen könnte. Zu Beginn der Sendung wurde zwar angesagt, dass wir in einer Zeit lebten, in der die political correctness Konjunktur hat, und in der alle wĂŒssten, dass Abtreibungen keine gute Sache seien, doch nur wenige Augenblicke spĂ€ter sprach man vom „wunderbaren Vorbild von England“, wo man Abtreibungen an doppelt so alten Kindern vornehmen könnte als das hier in Lettland möglich ist, und dass solche Aborte auch hier leichter zugĂ€nglich gemacht werden mĂŒssten, sicher und ohne Gewissensbisse. Der Sexologe Arturs Ć ulcs sagt ohne politisch korrekte Skrupel: „Dem Abtreibungsprozess muss man eine positiv emotionale QualitĂ€t zusprechen.“

Ich stimme der Meinung der Autorin voll zu, dass man, wenn man eine Abtreibung durchfĂŒhren lĂ€ĂŸt, diese „in einer sicheren medizinischen Institution und weniger traumatisch durchfĂŒhren lassen sollte.“ Ich stimme auch dem zu: „Soweit es mir nur möglich ist, werde ich versuchen, Frauen vom Schritt zur Abtreibung zurĂŒckzuhalten“. Nur möchte ich gerne wissen, wie die Wendung „soweit es mir nur möglich ist“ zu verstehen ist, wenn das vorangegangene GesprĂ€ch mit dem Psychologen vor der Operation die Grenzen dieser Möglichkeit deutlich gemacht hat? Wird dort, wo auf der einen Waagschale das emotionale Wohlbefinden und die Unantastbarkeit des Privatlebens der Frau und auf der anderen Waagschale das Zerfetzen des Kindes in StĂŒcke liegt, die Waagschale des Kindes als zu leicht befunden? Man mag ĂŒber das Verbot von Abtreibungen denken, wie man will, doch wenn man die brutale, barbarische und massenhafte Vernichtung des Lebens von Kindern bedenkt, gibt es keine Zeit mehr fĂŒr weitere Überlegungen, psychologische Konsultationen oder Ultraschalluntersuchungen, ob das Abhorchen des HerzschlĂ€ge des Kindes nicht ein sehr ĂŒbertriebener Schritt ist, wenn man wirklich „alles unternommen hat, was zu tun möglich ist, um die Frau von diesem Schritt abzuhalten“. Worte sind doch nicht nur Luftbewegungen. Worte haben doch einen Sinn. Solche Schritte wĂŒrden nur dazu beitragen, den Entschluß zu stĂ€rken, wenn er der Wirklichkeit entsprĂ€che, selbst wenn die Frau sich dabei emotional sehr schlecht fĂŒhlt  bei der Vorstellung, dass ihr Kind nun in StĂŒcke zerteilt werden könnte. Und muss nicht die Vorstellung, dass ein Drittel aller Kinder auf diese Weise um das Leben kommt, nicht ein unbehagliches GefĂŒhl in uns allen auslösen? Einmal sagte Jesus: „Ihr habt Augen, aber ihr seht nicht; ihr habt Ohren, aber ihr hört nicht.“

Experten und die rettende Krippe

Bei den Abortsfragen pflegt man das grĂ¶ĂŸte Gewicht auf die Gutachten der Vertreter der Gesundheitsbehörden zu legen. Da erhebt sich die Frage, ob es wirklich richtig ist, dass sich diese dafĂŒr entschieden haben, diese Gutachten losgelöst von der politisch, religiös und moralisch katastrophalen RealitĂ€t zu erstellen? Aus dem Beitrag kann man sogar den Stolz auf diesen bewusst eingeengten Standpunkt herauslesen. Da ist es nur gut, dass wenigstens, die Philosophen, Politiker und Geistlichen versuchen, die Ausgangssituation umfassend zu betrachten.

Ich möchte mich nicht gar zu sehr darauf verlassen, dass „es eine seit langem erwiesene Tatsache sei, dass die EinschrĂ€nkung  der Abtreibungsmöglichkeiten deren Zahl nicht verringert“. Wir mĂŒssen es auch bei dem postmodernen Musterbeispiel zur Kenntnis nehmen, daß man es gerne verbergen möchte, daß die bittere Wahrheit auch objektiv sein könnte, wenn es nicht die Aufgabe der Experten wĂ€re, das wahre Bild zu verzerren, um statt dessen bestimmte politische, wirtschaftliche oder ideologische Vorstellungen zu verwirklichen. Als man in Lettland die Todesstrafe abschaffen mußte, um Mitglied der Europa Union werden zu können, setzten sich Experten damit auseinander, dass die HĂ€rte der Strafe nichts ĂŒber das Niveau des Verbrechens aussagte. Als man versuchte, die Zahl der VerkehrsunfĂ€lle auf den Straßen  zu reduzieren, empfahlen Experten hĂ€rtere und noch hĂ€rtere Strafen. Und dabei zeigte es sich, dass diese tatsĂ€chlich wirkten. So konnte es passieren, dass die gleichen Medien in zwei FĂ€llen ganz gegenteilige Ansichten verbreiteten. Damit wird deutlich, dass die „seit Langem erwiesenen Wahrheiten“ einer Ideologie der Beliebigkeit folgen, und ich bezweifle es nicht einmal, dass sie sich dabei auf seriöse Forschungen berufen können. Als man bei  Jēkabpils ein Zellulosewerk erbauen wollte, wurde wissenschaftlich dessen unsagbar hohe QualitĂ€t fĂŒr das Ökosystem der Daugava nachgewiesen. Ich empfehle dagegen, viel mehr der Stimme des eigenen Gewissens zu vertrauen. Was halten Sie vom oben geschilderten Fall unserer Familie? In unserem Fall war das große moralische Hindernis, daß wir darĂŒber nachdenken mussten, und eine weitere Barriere, die uns der Glaube an Gott aufrichtete, das Entscheidende. Wie gut war es doch fĂŒr uns, dass wir die Abtreibung nicht bequem, einfach und ohne Gewissensbisse durchfĂŒhren konnten! Nach meiner Meinung sollte man den Begriff „soweit wie möglich“ bei allem anwenden, was den Eltern dabei hilft, sich zu besinnen, bevor sie ihr Kind in StĂŒcke reißen lassen.

Auch ich wĂŒnsche mir, dass alle Kinder erwĂŒnscht und geliebt zur Welt kommen, und ich empfinde ein entsetzliches Unbehagen, wenn von der Abtreibung eines „unerwĂŒnschten Kindes“ die Rede ist. Die Leser werden in den StĂ€tten unserer Kirche fĂŒr Straßenkinder bestimmt solchen unerwĂŒnschten und wenig behĂŒteten Kindern begegnen können, vielleicht auch Kindern, die zu Hause geschlagen und durch brennende Zigaretten bestraft werden. Fragt sie doch, ob sie leben möchten? Vielleicht haben sie fĂŒr Euch eine Antwort. Eine StĂ€tte der Hilfe ist doch immer noch besser als eine Urne fĂŒr die Überreste einer Abtreibung.

Wir sind so, wie wir uns gemacht haben.

Wir mĂŒssen nicht nur mit der RealitĂ€t rechnen, sondern auch damit, dass wir diese RealitĂ€t geschaffen haben. Man kann der Autorin zustimmen, wenn sie sagt, dass es zu spĂ€t ist, sich auf die Frau erst zu konzentrieren, wenn sie schwanger ist. Doch sollten die VerkĂŒndiger von

solchen Standpunkten darĂŒber nachdenken, was fĂŒr eine Botschaft sie damit der Gesellschaft vorsetzen.  Der Abtreibung kann man nur eine positive emotionale QualitĂ€t zusprechen, wenn man sie moralisch positiv betrachtet. Doch das kann fĂŒr ungeplante Schwangerschaften eine gute QualitĂ€t schaffen, wenn man sie auch moralisch positiv betrachtet. Eine Lehrerin und UniversitĂ€tsabsolventin erinnerte sich: „In meinen Kreisen, schlief jede mit jedem, und wenn sich ein Kind meldete, dann wurde es abgetrieben. Auch ich tat das. Das hielten wir alle fĂŒr normal.“ Eine GynĂ€kologin berichtete von einem sechzehn Jahre alten MĂ€dchen, das bereits zur dritten Abreibung erschien und ganz verwundert fragte: „Aber Frau Doktor, ich darf doch tanzen gehen!“ Wenn Sie einmal im Bus aufmerksam zugehört haben, wie junge Erwachsene ĂŒber die Dinge reden, die sie betreffen – ĂŒber Armut, Krankheit oder Vergewaltigung, wenn niemand in der NĂ€he ist. Ungeplante Schwangerschaften entstehen oft durch eine zufĂ€llige AnnĂ€herung im alkoholisierten Zustand oder zu einer völlig ungelegenen Zeit, wĂ€hrend der man eigentlich ganz andere PlĂ€ne hat. Die Abtreibung ist in diesem Fall wohl glĂŒcklicherweise ein Mittel, welches es allen gestattet, ebenso wie bisher weiterzuleben.

DarĂŒber möchte man nicht sprechen oder entschuldigt sich  damit, dass man vergewaltigt wurde, oder mit einer Krankheit oder mit seinen Ă€rmlichen LebensverhĂ€ltnissen. Ich erinnere mich, dass die materiellen VerhĂ€ltnisse meiner Familie sehr schwer, die LebensumstĂ€nde primitiv waren, wir auf vieles verzichten mussten, aber wir noch immer genug hatten, ein Kind groß zu ziehen, das im Alter unsere Freude und Hilfe sein wird. Ich möchte dabei meine Erfahrungen keineswegs zum Maßstab fĂŒr alle anderen machen, doch ich wage es zu behaupten, daß es in vielen FĂ€llen Ă€hnlich sein könnte, wenn Eltern es nur wagten, es zuzulassen, daßihr Kind zur Welt kommt. Es wĂ€re fĂŒr sie bestimmt leichter, sich nicht davor zu fĂŒrchten, wenn man wenigstens nicht von den TribĂŒnen aus ĂŒber die Abtreibung als von einem Ausweg aus materiellen Schwierigkeiten sprechen wĂŒrde.

Als wichtigste Möglichkeit der Lösung werden umfassende medizinische Kenntnisse hervorgehoben, doch medizinische Kenntnisse ohne den viel wichtigeren moralischen  Aspekt fĂŒhren eher zu sozialen Problemen als zu deren VerhĂŒtung. Eine Ausbildung, die sich nur auf die Antibabypille als ein Mittel der Krankheitsverhinderung konzentriert, mag vielleicht die Vorstellung ĂŒber „sicheren Sex“ vermitteln, aber auch dazu beitragen, andere zu ĂŒberzeugen, dass Sex nichts mit tiefen  Empfindungen, mit Verantwortung, und mit der oft belĂ€chelten Ehe zu tun hĂ€tte. Je mehr unsere Gesellschaft sich die Modelle des „Sex in der Großstadt“ aneignet, die den weltweiten freien Sex propagieren, desto mehr wird sich Lettland zu einem Land entwickeln, in dem die Abtreibung erwĂŒnschter Teil der Kultur ist und deren neue Prediger die Sexologen sind mit ihrer frohen Botschaft: „Entspannt euch und gebt euch dem Sex hin! Der Abort macht euch frei von der Furcht vor jeder intimen Umarmung! Ein ungeplantes Kind ist eine soziale Vereiterung, die man ebenso wie einen vereiterten Zahn entfernen muss.“

Eine Sammlung von Zellen und ein kleines Gewebe

Man pflegt den Abort mit den Rechten der Frau auf ihren eigenen Körper („Mein Bauch gehört mir!“) in Verbindung zu bringen. Ist ein noch ungeborenes Kind wirklich nur seine Sammlung von Zellen, die zum Körper der Mutter gehört? Das wĂŒrde den Weg freimachen, den Abort nur vom Aspekt eines kleinen medizinischen Eingriffs zu betrachten. Doch ein ungeborenes Kind ist ein selbstĂ€ndiges Wesen, das es nicht nur passiv zu ertragen hat, was die Mutter bewirkt, sondern sich selbst aktiv zum homo sapiens entwickelt nach einem Programm, welches in dieses eingefĂŒgt worden ist. Ein Körper, der sich erst selbst entwickelt, verdient die gleiche WertschĂ€tzung und Beachtung wie einer, der sich bereits voll entwickelt hat. Wird seine Entwicklung nicht mit Gewalt unterbrochen, dann kann er FĂ€higkeiten, Eigenschaften und Begabungen entwickeln, die wir bei dem Menschen ehren und schĂŒtzen. Einer der grĂ¶ĂŸten sachkundigen lettischen Embryologen Dr. JĂĄnis Priedkalns sagt: „Unter keinen Zeitpunkt der Entwicklung des Menschen von der EmpfĂ€ngnis bis zum Tod kann man einen Strich ziehen und sagen: „Auf dieser Seite ist das ein Mensch und auf jener Seite ist das kein Mensch.“ Bei der Abtreibung wird kein GewĂ€chs vernichtet, sondern ein Mensch.

Die moralischen Aspekte der Gesetzgebung.

Wir können uns selbst keinen billigen Ablass erteilen und uns damit entschuldigen, dass dieses Gesetz von hundert Abgeordneten der Saeima beschlossen worden ist. Wir haben diese Abgeordneten gewĂ€hlt und sind damit fĂŒr die Gesetze, die sie beschließen, mit verantwortlich. Sie nehmen die Stimmung in der Gesellschaft wahr. Nicht die Abgeordneten, sondern die Nation spricht hier ihren Standpunkt zum Abort aus. Zur Zeit lassen es die Gesetze der Republik Lettland zu, an einem Kind bis zu einem bestimmten Alter die Abtreibung uneingeschrĂ€nkt und ohne bestimmte Voraussetzungen vornehmen zu lassen. Das macht uns moralisch dafĂŒr mit verantwortlich, daß es in unserer Gesellschaft Menschen gibt, die nach dem freien Willen eines anderen Menschen und nach dessen eigenmĂ€chtiger Entscheidung unbarmherzig und brutal getötet werden dĂŒrfen; daß wir es zulassen und sogar fordern, dass ein Teil der Mitglieder unserer Gesellschaft (das medizinische Personal) aus berufsmĂ€ĂŸigen Tötern von Menschen besteht; daß dadurch, dass der Frau das ausschließliche Recht der Entscheidung fĂŒr den Abort zugesprochen wird, der Mann dadurch diskriminiert wird, dass man ihm die FĂ€higkeit abspricht, sich fĂŒr das Leben seines Kindes einzusetzen.

Wenn wir hinter dem allen kein moralisches Problem entdecken können, dann sollten wir uns beeilen und das Okkupationsmuseum in Riga schließen, denn weder die Kreuzritter, noch die Nazifaschisten oder die Kommunisten haben uns etwas von dem angetan, was wir heute tĂ€glich unseren eigenen Kindern antun. Heute machen wir alles, was wir wollen – wir feiern Feste, trinken unseren Morgenkaffee, gehen zur Arbeit oder gehen mit dem Hund spazieren – und das alles tun wir als solche, die ihre Kinder umbringen.

Verkriechen wir uns nicht hinter der Religion

In ihrem Beitrag weist Liene Cipule jede Kritik von Christen an der Abtreibungspraxis zurĂŒck, weil in unserem Staat die Religion vom Staat getrennt sei. Zuerst muss richtig gestellt werden, dass in Lettland der Staat nicht von der Religion, sondern von der Kirche getrennt ist. Das Christentum hat nicht nur unsere Gesetze, sondern die ganze westliche Zivilisation geprĂ€gt. Die Trennung von Staat und Kirche bedeutet nur, dass diese nicht strukturell vereinigt sind und dass es in Lettland keine Staatskirche oder staatlich offizielle Religion gibt. Das heißt aber nicht, dass sich Leute mit einer bestimmten religiösen Überzeugung nicht am Prozess der Gesetzgebung beteiligen dĂŒrften. Wenn wir etwas nicht zu tun empfehlen, dann  heißt das nicht, dass wir ihnen ihre verfassungsmĂ€ĂŸigen Rechte beschneiden wollten.

Das betrifft aber nicht diese Diskussion. Ich habe bisher kein religiöses Argument benutzt und als Vertreter der Kirche gesprochen, sondern als BĂŒrger Lettlands. Ich habe ganz bewußt darauf verzichtet, von der Unsterblichkeit der Seele eines Kindes und den Geboten Gottes zu reden, sondern habe nur die allgemein menschliche Moral angesprochen, die fĂŒr alle Menschen ein Wertbegriff sein sollte. Ich habe davon gesprochen, dass die Kinder geboren werden und aufwachsen mĂŒssten, statt in StĂŒcke geteilt oder vergiftet zu werden. Das sollte aber auch genĂŒgen. Wenn wir als Volk, das im demokratischen Lettland der SouverĂ€n ist, es zulassen, dass unsere Vertreter in der Saeima das Leben unserer Kinder ignorieren – wie können wir von ihnen verlangen, dass sie unsere Interessen nicht ignorieren sollten? Die Gesetzgebung darf in keinem Fall von der Moral losgelöst sein, aber bei der Frage des Aborts ist sie mit der Moral auf das Engste verbunden. In bestimmten FĂ€llen mag Moral unbequem erscheinen, doch langfristig zahlt sie sich aus.

Lasst uns verantwortlich und respektvoll die ganze RealitÀt zur Kenntnis nehmen

NatĂŒrlich verlĂ€uft nicht alles in unserem Leben so gerade wie mit einem Lineal. NatĂŒrlich muss man Kompromisse suchen, wie es auch Mose getan hatte, der die Gebote betreffs der Ehescheidung erließ – wegen der HĂ€rte des menschlichen Herzens. Dennoch kann ich Frau Cipule nicht beipflichten, dass man, wenn man bei aller Sorge um die Bewahrung des Lebens des noch ungeborenen Kindes das unbehinderte emotionelle Wohlbefinden und Unantastbarkeit des Privatlebens der Mutter vor allem anderen berĂŒcksichtigt, damit den höchstmöglichen Kompromiss gefunden hĂ€tte. Ich möchte sowohl sie als auch die Gesetzgeber und uns alle auffordern, noch einmal zu bedenken, was es bedeutet „alles, was möglich ist, zu tun“, um viel mehr Kinder am Leben erhalten zu können. Ich fordere alle auf, sich auf diese Frage nicht aus einer eingeengten Sicht zuzubewegen, wie das die Vertreter der Gesundheitsbehörde getan haben, sondern ernsthaft und umfassend, und dabei auch ethische, philosophische und vielleicht sogar religiöse Aspekte einzubeziehen.

Wenn Frau Liene Cipule wegen der Bildhaftigkeit ihres Beitrages Königinnen, Bettlerinnen, gefallene Nonnen und andere Gestalten erwĂ€hnt, dann möchte ich es mir gestatten, mich am Schluss meines Beitrages auch einen Augenblick der Bildersprache zu bedienen. Die Kinder kommen aus der Ewigkeit und gehen wieder in die Ewigkeit zurĂŒck und werden einen Augenblick in unserer Geschichte sichtbar, um mitten unter uns zu leben. Wie heißen wir sie als die aufgeklĂ€rte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts willkommen? MĂŒsste sich da bei uns nicht etwas Ă€ndern? Gott erleuchte dafĂŒr unsere Herzen und Sinne!

Gruß zum Christfest vom  Erzbíschof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands Jánis Vanags    

Das Weihnachtsfest ist kein Wunder. Ein Wunder ist, dass Gott einer von uns geworden ist, damit wie Ihn begreifen. Ein Wunder ist, dass Gott Menschengestalt angenommen hat, damit wir unser Gottesebenbild zurĂŒckgewinnen. Das ist ein Mysterium von Ewigkeit zu Ewigkeit, aber zugleich auch die Wirklichkeit, die immer bei uns gegenwĂ€rtig ist. Das Weihnachtsfest mit seinen Liedern, Kerzen und Geschenken ist nur ein Symbol, welches uns helfen möchte, das nicht zu vergessen. Einmal im Jahr feiern wir dieses allerschönste Fest zur Erinnerung daran, dass der in Bethlehem geborene Christus tĂ€glich unter uns ist.

In der Liebe Christi grĂŒĂŸt Euch zum Christfest

Erzbischof JĂĄnis Vanags

Übersetzung aus dem Lettischen: Johannes Baumann

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Sonntag 30. Dezember 2012 um 20:42 und abgelegt unter Christentum weltweit, Gemeinde, Gesellschaft / Politik.