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Kindermangel in Deutschland

Mittwoch 26. Dezember 2012 von Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.


Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.

Kindermangel in Deutschland – warum das „traditionelle“ Familienbild nicht schuld ist

Die Entscheidung fĂŒr Kinder sei in Deutschland „so unattraktiv wie nie“, woran das noch immer viel zu „traditionelle MĂŒtter- und Familienleitbild“ in Westdeutschland schuld sei. Dies behaupten Print- und Onlinemedien unter Berufung auf eine Studie des Bundesinstituts fĂŒr Bevölkerungsforschung, die angeblich „erstmals“ die „GefĂŒhlslage der Deutschen bei der Frage nach dem dauerhaften GeburtenrĂŒckgang“ berĂŒcksichtige. Ein zentrales Hemmnis der FamiliengrĂŒndung sei die Auffassung, dass Frauen zuhause bei den Kindern bleiben sollten. Das „kulturelle Leitbild der guten Mutter“ sei ein zentraler Grund fĂŒr die im „globalen Vergleich“ einzigartig hohe Kinderlosigkeit und so dafĂŒr verantwortlich, dass Deutschland zu den „Schlusslichtern“ bei den Geburten gehöre (1).

Die politische Botschaft ist unmissverstĂ€ndlich: Mehr Kinder gibt es nur, wenn sich die Deutschen von ihren hergebrachten Familienidealen und Lebensformen verabschieden. DafĂŒr gelten nicht nur Betreuungsangebote und finanzielle „Anreize“ als notwendig, sondern auch eine gezielte Politik der „habit formation“. Zu dieser Strategie gehört die Legende von der Rabenmutter: Den Begriff verwenden schon lange nur noch diejenigen, die den Deutschen einreden wollen, dass ihr Familienbild im europĂ€ischen Vergleich besonders „traditionell“ und also „rĂŒckstĂ€ndig“ sei (2). Empirische Erhebungen zeigen indes ein differenzierteres Bild: Die Westdeutschen beurteilen demnach die ErwerbstĂ€tigkeit von MĂŒttern mit kleinen Kindern skeptischer als Skandinavier und vielleicht auch Franzosen, unterscheiden sich in dieser Hinsicht aber kaum von Briten oder NiederlĂ€ndern. Besonders kritisch sind die EinschĂ€tzungen, wenn nach einer VollzeiterwerbstĂ€tigkeit von MĂŒttern gefragt wird – selbst in DĂ€nemark und Schweden prĂ€ferieren die meisten Befragten eine TeilzeiterwerbstĂ€tigkeit. Diese TeilzeitprĂ€ferenz zeigen sogar die Ostdeutschen, die von allen EuropĂ€ern – abgesehen von den DĂ€nen – am wenigsten an der Vereinbarkeit der ErwerbstĂ€tigkeit von MĂŒttern mit der Erziehung kleiner Kinder zweifeln (3). Fast nirgendwo sonst in Europa ist die Ganztagsbetreuung von Kindern so verbreitet wie in Ostdeutschland.

Dies ist ein Erbe der DDR, die ein umfassendes Ganztagssystem aufgebaut hatte. Nach der „Wende“ wurde dieses System pĂ€dagogisch neu ausgerichtet, blieb in seiner Struktur aber weitgehend erhalten. Inwiefern ein „modernes“ Familienleitbild die FertilitĂ€t fördert, lĂ€sst sich damit am innerdeutschen Vergleich ĂŒberprĂŒfen: In Ostdeutschland bleiben Frauen deutlich seltener als in Westdeutschland kinderlos. Trotzdem sind die durchschnittlichen Kinderzahlen Ă€hnlich niedrig wie in Westdeutschland. Der Grund dafĂŒr ist, dass ostdeutsche Frauen nur selten drei und mehr Kinder haben (4). Solche Mehrkinderfamilien spielen fĂŒr das Geburtenniveau eine SchlĂŒsselrolle, wie der internationale Vergleich zeigt: Auch in Großbritannien, den Niederlanden und den USA liegen die Anteile kinderloser Frauen deutlich höher als in Ostdeutschland (5). Trotzdem sind die Geburtenraten wesentlich höher als in Ost- sowie in Westdeutschland, weil Eltern sich hĂ€ufiger fĂŒr dritte und weitere Kinder entscheiden (6). Der grĂ¶ĂŸere Anteil von Mehrkinderfamilien erklĂ€rt auch zu einem wesentlichen Teil, mehr noch als die etwas niedrigere Kinderlosigkeit, die höheren Geburtenraten in Frankreich und Nordeuropa (7). Und ĂŒberall gilt, dass „traditionelles Familienleitbild“ und Mehrkinderfamilie zusammen gehen: Mit der Kinderzahl geht die ErwerbstĂ€tigkeit von MĂŒttern – vor allem in Vollzeit – zurĂŒck. Die lebenspraktischen GrĂŒnde dafĂŒr sind dem normalen Menschenverstand einsichtig – die Erziehung mehrerer Kinder ist kein FeierabendvergnĂŒgen, sondern Arbeit. FĂŒrsprecher des neuen Leitbilds hĂ€lt dies indes nicht davon ab, selbst von kinderreichen MĂŒttern VollzeiterwerbstĂ€tigkeit zu fordern. Eltern fĂŒr diese im Vergleich zu Kinderlosen doppelte Belastung materiell  zu entschĂ€digen ist nicht vorgesehen – Geldtransfers und Kindererziehungszeiten in der Rentenversicherung auszubauen gilt als obsolet (8). Eltern sollen ihrer Kinder nicht mehr selbst erziehen – das macht der Staat – aber mehr noch als bisher fĂŒr deren Kosten aufkommen. Dass eine solche „Modernisierung“ Elternschaft attraktiver machen soll, lĂ€sst sich in der Tat bezweifeln. Eher sind noch weniger Kinder zu erwarten. Die Argumentation in den einschlĂ€gigen Medien ist jedenfalls logisch nicht nachvollziehbar, ja geradezu widersinnig.

(1)   http://www.sueddeutsche.de/politik/sinkende-geburtenzahlen-eltern-werden-so-unattraktiv-wie-nie-1.1552335. Der Artikel bezieht sich auf die folgende Studie: Bundesinstitut fĂŒr Bevölkerungsforschung (Hrsg.): (K)eine Lust auf Kinder? Geburtenentwicklung in Deutschland, Wiesbaden 2012. In dieser Studie sind nirgends Zahlen zur Kinderlosigkeit im internationalen Vergleich zu finden. Die Autoren behaupten lediglich, dass die Kinderlosigkeit in Deutschland „außerordentlich“ (Ebd., S. 52) hoch sei. Was dies bedeuten soll, bleibt undefiniert. Den damit eröffneten Spielraum fĂŒr Spekulationen nutzte die SĂŒddeutsche Zeitung, um die Studie als Beleg fĂŒr ihre familienpolitische Weltsicht zu nutzen. Auf die in der Studie prĂ€sentierten harten Fakten kann sich diese Sicht indes nicht stĂŒtzen.

(2)   Siehe hierzu: http://altewebsite.i-daf.org/458-0-Wochen-14-15-2012.html.

(3)   Siehe hierzu: http://www.erziehungstrends.de/Familie/Ostdeutschland. Diese Darstellung bezieht sich auf eine Auswertung des Eurobarometers 2006 von Angelika Scheuer und Jörg Dittmann (BerufstĂ€tigkeit von MĂŒttern bleibt kontrovers. Einstellungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Deutschland und Europa, in: Informationsdienst Soziale Indikatoren, Ausgabe 38, Juli 2007). Sie wird durch die neue Studie des BIB nicht widerlegt, sondern bestĂ€tigt. Von den dort aus dem World Survey 2008 ausgewĂ€hlten acht europĂ€ischen LĂ€ndern bewerten die Ostdeutschen die ErwerbstĂ€tigkeit von MĂŒttern mit kleinen Kindern am seltensten kritisch. Vgl.: Bundesinstitut fĂŒr Bevölkerungsforschung (Hrsg.): (K)eine Lust auf Kinder? a.a.O., S. 42.

(4)   Siehe: „Kinderzahlen in Ost- und Westdeutschland“ (Abbildung unten).

(5)   Zur Kinderlosigkeit im europĂ€ischen Vergleich: Bert RĂŒrup/Sandra Gruescu: Nachhaltige Familienpolitik im Interesse einer aktiven Bevölkerungsentwicklung, Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums fĂŒr Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2003, S. 13 (Tabelle 3). Zu den USA siehe weiter unten.

(6)   Siehe: „Kinderzahlen in Deutschland und den USA“ (Abbildung unten).

(7)   Vgl.: Hans Bertram et al.: Zeit, Infrastruktur und Geld: Familienpolitik als Zukunftspolitik, S. 6-15, in: Aus Politik und Zeitgeschichte – 23-24/2005, S. 7. Bertram bezieht sich hier speziell auf Frankreich und Finnland. Es ist evident, dass auch fĂŒr das Geburtenniveau in Schweden und anderen nordischen LĂ€nder dritte und weitere Geburten eine zentrale Rolle spielen.

(8)   Detaillierter hierzu: http://altewebsite.i-daf.org/461-0-Wochen-16-17-2012.html.

Quelle: IDAF Nachricht der Wochen 50-52 / 2012

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 26. Dezember 2012 um 8:27 und abgelegt unter Demographie, Gesellschaft / Politik.