Was fordert die Lage unseres Volkes von unserer evangelischen Christenheit?
Dienstag 26. Mai 2026 von Prof. Dr. Adolf Schlatter (1852-1938)

Es würde mich freuen, wenn die Antwort lautete: Gebet. O ja! Das Evangelium gibt uns das Gebetsrecht und damit auch die Gebetspflicht für unser Volk. Wir können das mit gutem Grund das Höchste nennen, das wir unserem Volk geben können; aber es kann nicht das einzige sein. Ein echtes Gebet ist ein Kind der Liebe, und unserer Liebe ist gesagt: „Lasst uns nicht lieben mit Worten und mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.” Wer ein Beter für unser Volk ist, wird auch ein Täter sein, der Zeit und Kraft willig für die Arbeit zur Verfügung stellt, die für unser Volk geschehen muss.
Was muss geschehen? Nie haben die evangelischen Theologen dieser Frage die Antwort versagt; sie haben es immer zu ihrer Amtspflicht gerechnet, der Christenheit zu sagen, was sie zu tun habe. Sie haben in langer Reihe einhellig gesagt: Was geschehen muss, ist einzig das, was Paulus in Römer 13,1 geboten hat: „Jedermann sei den Obrigkeiten untertan.” Nie wird die Christenheit dieses Wort des Apostels vergessen, und kein evangelischer Theologe wird es bestreiten. Mit revolutionären Bestrebungen hat evangelische Politik nichts zu tun; sie ist uns im Gegenteil dazu unentbehrlich, damit unser Volk nicht in Revolutionen hineingetrieben werde, sondern damit wir eine Obrigkeit haben, der wir untertan sein können. Das ist ein Kennzeichen der Christenheit, das sie von allen Parteien unterscheidet, dass sie sich unterordnen und gehorchen kann. Die Parteien werden alle revolutionär und verweigern den Gehorsam, sobald ihre Interessen geschädigt werden und sie auf ihre Pläne verzichten müssen. Die Christenheit dagegen kann sich unterordnen, nicht von der Furcht gebeugt, nicht übermächtigemZwang unwillig sich fügend, sondern mit willigem, freiem Gehorsam, um des Gewissens willen, wie Paulus sagt, um Gottes willen, weil sie den dem Staat gegebenen Auftrag, die Boshaften zu verfolgen und die Gütigen zu schützen, ehrt.
Wer aber mit Römer 13,1 beweisen will, dass wir uns auch Widerchristlichem unterwerfen sollen, der kennt Paulus nicht und treibt Unfug. Wie soll aber Widerchristliches in der Wirtschaft, in der Schule, in der Justiz, im Völkerverkehr ausbleiben, wenn die Christenheit schweigt, untätig bleibt und ihre Pflicht unserem Volke gegenüber mit passiver Unterwürfigkeit erfüllt zu haben meint? Mit gutem Gewissen kann nur der leiden, der gehandelt hat. Entsteht Widerchristliches durch die Politik? Wer daran zweifelt, den muss man fragen: Schläfst du? Da Christus der Herr aller ist, besteht seine Kirche in allen Völkern, und sie ist überall, wo sie ist, die eine und dieselbe.
Gibt es nicht eine Politik, die die eine Kirche in einander hassende Nationen zerreißt, so dass jedes Volk sich am Unglück des anderen freut und keines dem anderen sein Gedeihen gönnt? Der Staat greift nach unseren Kindern und presst ihnen die von ihm gewollte Bildung ein. Ist es Einbildung, dass diese Bildung Gottlosigkeit und Zuchtlosigkeit, Erziehung zum Lügen und zur erhitzten Ichsucht, nicht Kultur, sondern Barbarei erzeugen kann? Der Staat ordnet durch seine Gesetzgebung und Verwaltung den Gang der Wirtschaft. Ist es nicht offenkundig, dass in der Weise, wie wir wirtschaften, Mammonismus entstehen kann, Überordnung des Gelderwerbs über jedes andere Ziel, Missachtung und Ausbeutung der Menschen, damit Geld erworben werde? Die Politik macht es notwendig, dass beständig gesprochen wird, in den Parlamenten, in der Presse, allüberall. Dient dieses Gerede der Wahrheit oder befreit es sich von der Wahrheitspflicht? Und ist es gleichgültig, dass unser Volk beständig ans Lügen gewöhnt wird und dies durch das Beispiel der führenden Stände, der Redakteure, der Advokaten, der Lehrer, der Regierenden? Wo die Lüge regiert, stirbt das Vertrauen, und wo kein Vertrauen gedeihen kann, zerfällt die Volksgemeinschaft. Es bleibt beim apostolischen Wort: „Wir haben Gemeinschaft miteinander, wenn wir im Licht wandeln.”
Der Staat ist der Träger der Macht. Immer aber ist der Besitzer der Macht in Gefahr, sie zur Unterdrückung der Freiheit zu missbrauchen. Ohne diese kann aber die Christenheit nicht leben, der einzelne Christ nicht, weil er in seinem Umgang mit den Menschen seinem Bekenntnis treu bleiben muss, und auch die Gemeinde nicht, weil sie für ihr Zusammenleben und für ihre Arbeit freien Raum haben muss. Lassen Sie sich von einem russischen Christen erzählen, was Gewaltherrschaft im Dienst des Atheismus für Folgen hat. Vielleicht sind einige hier, die erwidern: „Das Widerchristliche wollt ihr abwehren; das könnt ihr nicht; der Antichrist muss kommen, und er ist nahe.“ Meine Gegenfrage lautet: Wozu verwendest du diese Weissagung? Dazu, um zu verzagen und untätig zu bleiben, weil die antichristliche Woge unabwendbar auch über unser Volk rolle? Wir gebrauchen kein Schriftwort richtig, wenn es uns nur lähmt. Vom Antichristen kann nur der sprechen, der auf den Christus hofft, auf den, der seine Knechte fragt, ob sie das von ihm Empfangene bewahrten. Zur Treue der Christenheit gehört, dass sie tut, was sie kann, um dem widerchristlichen Wesen zu widerstehen….
Adolf Schlatter, Auszug aus einer Rede für den Christlichen Volksdienst, gehalten in Tübingen am 18.02.1929, erschienen in dem Buch „Gesunde Lehre – Reden und Aufsätze von Adolf Schlatter“, Freizeiten-Verlag Velbert, 1929.
Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 26. Mai 2026 um 9:14 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Kirche, Theologie.













