Das Kreuz hängt noch, aber es spricht kaum noch
Mittwoch 21. Januar 2026 von idea e.V.

Zustimmender Kommentar zum IDEA-Beitrag „Dunja Hayali, Adventsikone der Zivilreligion“ (IDEA, 1/2-2026)
Der Beitrag benennt eine Entwicklung, die viele wahrnehmen, aber selten so klar formuliert sehen: Kirchenräume werden zunehmend zu Bühnen kultureller, politischer und gesellschaftlicher Selbstvergewisserung – während das Zentrum ihres eigentlichen Auftrags leise an den Rand rückt. Gerade in Berlin lässt sich diese Verschiebung kaum übersehen. Wenn ich morgens zur Arbeit fahre, sehe ich zunächst an einer Litfaßsäule großformatige Plakate mit Veranstaltungsankündigungen für den Berliner Dom: Lesungen, Konzertreihen, musikalische Abende. „Meisterwerke“ mit Ute Lemper, die Comedian Harmonists, Max Mutzke. Hochwertig, professionell, zweifellos gut besucht. Und doch bleibt ein Moment des Befremdens.
Denn diese Räume sind nicht primär als Konzert- oder Veranstaltungsorte gedacht. Sie sind gebaut worden für die Verkündigung des Evangeliums, für Gebet, für Gottesdienst – für Jesus Christus. Wenn Kultur den Kalender füllt und Christus zur Randnotiz wird, gerät die innere Ordnung aus dem Gleichgewicht.
Der Kontrast wird noch deutlicher, wenn ich wenig später an unserem eigenen Gottesdienstraum vorbeifahre. Ein schlichter, säkularer Veranstaltungsraum. Keine Kirchenfenster, kein historisches Gemäuer, kein Kreuz an der Wand. Und dennoch ist der Raum voll. So voll, dass wir im neuen Jahr einen dritten Gottesdienst beginnen werden. Nicht wegen besonderer Inszenierung, sondern weil dort Jesus Christus klar, verbindlich und ohne kulturelle Umverpackung verkündigt wird.
Diese Erfahrung wirft eine grundlegende Frage auf: Wenn Kirchen alles sein wollen – kulturelle Bühnen, Diskursräume, Orte gesellschaftlicher Selbstvergewisserung –, aber Christus selbst immer seltener vorkommt, was bleibt dann vom Christsein übrig? Eine religiös dekorierte Zivilreligion? Moralische Appelle ohne Heilsbotschaft?
Der Artikel beschreibt treffend, wie Inhalte ausgetauscht werden, während die äußere Form erhalten bleibt. Das Kreuz hängt noch, aber es spricht kaum noch. Jesus Christus, dessen Ankunft eigentlich gefeiert wird, scheint im eigenen Haus zunehmend fremd zu werden.
Es wäre doch tatsächlich einmal etwas Besonderes, wenn in der Kirche wieder von Jesus gepredigt würde – und zwar dort, wo er auch sichtbar hängt.
Carl Gregor von Hollen, Berlin
IDEA, 1/2-2026 (www.idea.de)
Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.
Foto: Chainwit. – Eigenes Werk/wikimedia
Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 21. Januar 2026 um 10:16 und abgelegt unter Gemeinde, Gesellschaft / Politik, Kirche.













