Gott wollte, dass wir es schriftlich haben. (2. Tim 3,14-17)
Mittwoch 12. November 2025 von Prädikant Thomas Karker

Worte haben wir, immer mehr, eine ganze Flut von Worten. Der Schöpfer hat uns einen Mund und eine Stimme gegeben. Wir müssen nicht brüllen wie ein Löwe oder bellen wie ein Hund oder zwitschern wie ein Vogel, sondern können reden wie ein Mensch. Seit Adam haben wir das gesprochene Wort. Dann entwickelten findige Ägypter heilige Bildzeichen. Mit Griffel und Meißel gruben sie Hieroglyphen in Platten und Steine ein. Andere Völker ahmten die Schriftsysteme nach. Seit Pharao haben wir das geschriebene Wort. Dann arbeitete der Mainzer Johannes Gutenberg an der Verwirklichung seiner Idee. Das Problem des Buchdrucks beschäftigte ihn Tag und Nacht. Im Jahre 1455 konnte er seine erste lateinische Bibel vorlegen, ein prächtiges Meisterstück. Seit Gutenberg haben wir das gedruckte Wort.
Dann gelang es, menschliche Sprache elektrisch zu übertragen. Die Fernsprechtechnik setzte mit großem Aufschwung ein. Telefonleitungen wurden gezogen, Telefongeräte wurden installiert. Seit Edison haben wir das übermittelte Wort.
Dann wurde die drahtlose Telegrafie eingeführt. Elektromagnetische Schwingungen trugen das Wort von Antenne zu Antenne. Über Detektorempfänger, dann Volksempfänger, dann UKW-Empfänger, dann Stereo-Empfänger hörte man die neuesten Nachrichten vom fernsten Kontinent. Seit Marconi haben wir das drahtlose Wort.
Dann brach der Siegeszug der neuen Medien über uns herein. Audio und Video sind „in“ und werden morgen noch „inner“ sein. Die Entwicklung geht hier ja rasend schnell, gestern noch 56-kB Modem, heute Breitbandkabel, G5 und Glasfaser mit 500 MB, wir werden nur so überschüttet. Heute haben wir das flimmernde Wort.
Wirklich eine ganze Flut von Worten, die uns ins Haus schwemmt. Aber sind wir damit auch reicher, beglückter, zufriedener geworden? Haben wir damit auch Freude und Kraft und Zuversicht gewonnen? Glauben wir, damit die Zukunft zu meistern? Wir leiden doch an den gemeinen und verlogenen Worten, die uns vermehrt zu Ohren kommen. Wir leiden doch an den schrecklichen und aufregenden Worten, die uns laufend unter die Augen kommen. Wir leiden doch an den leeren und sinnlosen Worten, die uns massenweise frei Haus geliefert werden. Die Inflation der Wörter macht uns doch Not.
Weil dem so ist, deshalb horchen wir auf, wenn einer nicht vom übermittelnden, drahtlosen, flimmernden Wort schwärmt, sondern auf das biblische Wort schwört. Auf Mose, Josua, Jesaja, Jeremia, Matthäus, Markus, Lukas. Wir haben Gottes Wort. Hier hat einer seine Hand nicht am Telefon. Hier hat einer seine Ohren nicht unterm Kopfhörer. Hier hat einer seine Augen nicht auf dem Bildschirm. Hier hat einer seine Hand, sein Ohr, sein Auge und sein Herz bei Gottes Wort.
Dann ist eigenartig, wie seit Jahrtausenden gegen Gottes Wort gekämpft wird. Man wollte Irrtümer in der Heiligen Schrift aufdecken. Man wollte sie als Menschenwort erweisen. Der Philosoph und Spötter auf die Bibel, Voltaire, sagte um 1750: „In hundert Jahren wird es keine Bibel mehr geben. Die letzte Ausgabe wird dann in irgendeinem Trödlerladen herumliegen.“ Doch er hat sich geirrt.
Aber die Bibel muss ein besonderes Geheimnis haben. Trotz aller Veränderungen in der Welt lesen heute noch Tausende von jungen und alten Menschen Tag um Tag in der Bibel und hören in ihr die Stimme ihres Herrn, des guten Hirten.
Ja, Gott schreibt an uns. Er selbst. Nicht irgendein untergeordneter fünfter oder sechster Engel sagt da etwas. Der allmächtige, lebendige Gott selbst redet uns als seine Menschen an. J.A.Bengel sagte dazu: „Die Bibel ist ein Brief Gottes, geschrieben an uns“.
14 Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weißt ja, von wem du gelernt hast 15 und dass du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die dich unterweisen können zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. 16 Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, 17 dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt. (2. Tim. 3,14 – 17)
Das Wort „nützlich“ kommt uns hier vielleicht ein bisschen seltsam vor. Es hört sich so materialistisch und egoistisch an, so geschäftlich; das klingt nach Soll und Haben, nach Prozenten und Dividenden. Ist die Bibel nützlich?
Das Wort „nützlich“ steht tatsächlich im griechischen Grundtext. In der englischen Bibel heißt es an dieser Stelle „profitable“, also etwas, das Profit bringt.
Nützen tut immer das, was mich tatsächlich zu einem Ziel weiterbringt. Zum Beispiel, wenn die Hausfrauen Essen machen, vergessen sie das Salz nicht. Das nützt. Salz nützt; es macht das Essen geschmackvoll. Wenn Sie in 3 Stunden nach Mallorca fliegen wollen, nehmen Sie kein Fahrrad, das nützt nicht. Nehmen Sie ein Flugzeug, das nützt! Das Wort „nützen“ meint: da kommt man tatsächlich weiter. Nutzlos heißt, man kommt nicht weiter. Und Paulus sagt dem Timotheus: Alle Schrift von Gott eingegeben bringt weiter, nützt! 4 nützliche Punkte sind uns im Text gegeben:
1. Nützlich zur Lehre: Wir werden informiert!
Bei dem Wort Information dürfen wir nicht an den Nürnberger Trichter denken, diesem Lernverfahren, von 1647, bei dem dem Schüler mit einem Trichter der Lernstoff eingefüllt wird, ohne dass er sich dazu anstrengen müsse. Informieren meint etwas anderes. Wir sagen von einem Sportler: In dieser Saison war er nicht „in Form“. Wenn die Bibel uns informiert, dann möchte sie uns „in Form“ bringen, so dass wir leben können, leben mit Gott.
Gott hat mich geschaffen. Dieser Satz hat eine kritische Kehrseite: Wenn ich ganz und gar aus Gottes Händen komme – wohin gerate ich, wenn ich mich aus diesen Händen herausbegebe? Zu jedem Lebewesen gehört das spezifische Lebenselement. Ein Fisch ist nur frei und lebendig im Wasser. Wenn man ihn aufs Trockene wirft, mag er zwar sehr vital herumzappeln, aber das ist Todeskampf. Mensch, du bist in diesem Todeskampf durch den Sündenfall. Dadurch bist du für Gott nicht „in Form.“ Mensch, du kommst nur „in Form“, wenn du eine Beziehung zu Gott hast und durch Jesus Christus ganz nah bei Gott bist. Das gilt es persönlich im Glauben zu erfassen, und es gilt für die ganze Welt. Ohne dieses Nach-Hause-kommen gehen wir ewig verloren. Welt, du hast deinen Ursprung nicht in Urknall und Zufall, nicht in Mutation und Selektion. Nein, hinter der ganzen Welt steht der Schöpfergott dieser Welt, Jesus Christus.
Für mich wird das immer mehr zu einem wichtigen und tröstlichen Gedanke: Die Welt hat ihr Ende, ihr Ziel in Gott. Wenn ich Zeitung lese oder die Tagesschau sehe, frage ich mich: Wo soll das alles hinaus in dieser unregierbar gewordenen Welt?
Und dann entdecke ich: Mensch, das ist doch für Christen nichts Neues. Es steht schon im Danielbuch, es steht schon bei Jesaja, dass Gott diese Welt einmal abräumt. Aber nicht in den Papierkorb. Er macht alles neu. Jesus ist nicht der Kaputtmacher, sagte Blumhardt, sondern der Neumacher.
Deshalb ist die Nachricht vom Weltende eine gute Nachricht. Was kommt? Wir alle wissen es nicht. Aber wer kommt, das dürfen wir wissen: der, der alles neu macht. Der Altbundespräsident Heinemann sagte einmal: Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt! Mensch, auf den musst du schauen. Nicht den Kopf hängen lassen, sondern: Kopf hoch, es wird Advent! Der Herr ist unterwegs. Weil uns die Schrift dieses verkündet, ist sie nützlich zur Lehre.
2. Nützlich zur Aufdeckung der Schuld: Wir werden korrigiert.
Das ist das Geheimnis und die Kraft der Bibel, dass sie von Gott eingegeben ist. Hinter der Bibel steht als letzte Autorität Gott selbst und sein Heiliger Geist. Darum hat sie bis jetzt allen Stürmen getrotzt und wird alle Stürme überstehen.
Die Worte der Schrift sind nicht im Denken von Menschen entstanden, obwohl sie durch die Gedanken, durch den Mund und durch die Hände von Menschen hindurchgegangen sind. Die Schrift ist von Gott eingegeben, in ihrer Gesamtheit und in den einzelnen Sätzen. Das meint der Apostel Paulus, wenn er sagt: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“
Von Gott eingegeben heißt in der griechischen Sprache an dieser Stelle: „Von Gott durchhaucht, von Gott und seinem Geist durchweht.“ In der Heiligen Schrift begegnet uns das Wehen des Heiligen Geistes. In der Schrift begegnet uns immer neu Gott selbst. Johann Albrecht Bengel schreibt: „Von Gott eingegeben, nicht nur, sofern sie durch die Verfasser vermöge göttlichen Eingebens geschrieben ist, sondern auch, sofern man sie liest, indem Gott durch die Schrift und die Schrift Ihn selbst gleichsam atmet.“ Die Schrift atmet Gott. Die Schrift atmet den Geist Gottes. Der Geist Gottes und die Heilige Schrift sind immer beieinander. Martin Luther hat gesagt: „Die Heilige Schrift ist das Gefährt des Heiligen Geistes.“
Und jetzt kommt dieser Heilige Geist und enttäuscht uns! „Ent-Täuschung“ ist manchmal etwas herrlich Positives, indem endlich unsere Täuschungen, unsere dummen Illusionen zerstört werden. Endlich wird uns der Star gestochen. Endlich sehen wir wirklich. Auch das ist solch ein Grundsatz der Bibel: Das Dichten und Trachten, das Planen und Überlegen des menschlichen Herzens ist wurzelhaft böse. Der Heidelberger Katechismus sagt dazu: Mensch, du bist geneigt, Gott und den Nächsten zu hassen. Davon müssen wir realistisch ausgehen.
Pfarrer Wilhelm Busch, war der Überzeugung, dass man schon den Kindern die Geschichten des Alten Testamentes erzählen müsse. Warum? Damit die jungen Menschen ein richtiges Gottesbild und ein richtiges Menschenbild bekommen. Das schafft Antikörper gegen alle Ideologien. Mensch, du bist verloren, du brauchst einen Retter. Welt, du bist verloren, du brauchst den, der dich neu macht. Die Bibel sagt uns deutlich: Wir sind keine Philanthropen, sondern Misanthropen. Da werden wir gründlich korrigiert.
3. Nützlich zur Besserung: Wir werden renoviert.
Ich möchte nicht sagen: repariert, so wie ein Oldtimer, der noch einmal durch den TÜV soll. Sondern wir werden renoviert, neu gemacht. „Schaffe in mir, Gott, einen neuen, beständigen Geist.“ „Ich will euch ein neues Herz geben,…“
Wir werden regeneriert. Das heißt: neu geboren. Wir bekommen einen neuen Anfang, werden durch Jesus Gottes Kinder. – Wir werden reanimiert. Das ist ein Wort, das die Mediziner heute gebrauchen, wenn jemand etwa nach einem Unfall als klinisch Toter ins Leben zurückgeholt wird. Das göttliche Wort wirkt noch mehr, es schafft Auferweckung. Jedes mal, wenn einer zum Glauben kommt, ist ein kleines Osterwunder geschehen. Er ist reanimiert, ins ewige Leben geholt worden.
Und schließlich? Wir werden rehabilitiert. Wir umgekippten und ausgeflippten Leute bekommen wieder einen neuen Stand. So wie der verlorene Sohn Schuhe an die Füße bekam zum Zeichen, dass er nicht mehr Sklave, sondern Grundeigentümer war.
Neu werden wir, renoviert, regeneriert, reanimiert, rehabilitiert – liebes Herz, was begehrst du noch mehr?
Die Bibel ist, nütze zur Besserung, zur Wiederherstellung, zur Zurechtbringung.
Wie man bei einer Modelleisenbahn umgefallene Lokomotiven und Wagen wieder aufs Geleise stellt, damit sie wieder weiterfahren können, so will uns Gott durch sein Wort wieder aufs Geleise stellen, damit wir wieder weitermachen können, auch in unsrem Dienst. Gottes Wort will unser Leben in die rechte Ordnung bringen.
Das Erziehungsziel Gottes mit seinem Wort ist, dass wir Menschen Gottes werden, die Gott recht sind, die ihre Sünden vor ihm eingestehen, die sich ihm aber auch im Gehorsam zur Verfügung stellen. Der Mensch Gottes ist der Mensch, dessen Leben Gott gestalten kann. Der Mensch Gottes ist der Mensch, den Gott zu guten Werken in dieser Welt und Menschheit benützen kann.
4. Nützlich zur Erziehung: Wir werden mobilisiert.
Wir werden informiert, korrigiert, renoviert und nun auch mobilisiert.
Das lateinische Wort „educare“ heißt, jemand herausführen, herausbringen. Ja, man müsste sagen, herausziehen aus dem Dreck, in dem wir stecken, wo der Karren festgefahren ist. Jesus zieht uns in das neue Leben, so wie man kraftlose, müde, kranke Leute vorwärtszieht.
In einem Gemeinschaftslied heißt es: „Du musst ziehen, mein Bemühen ist zu mangelhaft. Wo ihr’s fehle, fühlt die Seele, aber du hast Kraft.“ Gott möchte uns hineinziehen in ein neues Leben.
Da habe ich ein ernstes Gespräch zu führen und bitte: „Herr, gib mir Weisheit dazu, zieh mich.“ Ich habe eine mühevolle Arbeit zu tun: „Gib mir Freude daran, zieh mich.“ Ich habe mit einem schwierigen Zeitgenossen umzugehen: „Gib mir Liebe zu ihm, zieh mich.“
Wir werden informiert, korrigiert, renoviert, mobilisiert – und jetzt steht hier ein Doppelpunkt. Ja, was soll da eigentlich noch kommen, kann man denn noch mehr sagen?
Am Schluss unseres Textes heißt es, dass alles zu dem einen Zweck geschieht, damit „der Gottesmensch voll ausgebildet, rund und ganz sei, instandgesetzt zu jedem guten Werk“. Gottesmensch, das ist ein Wort, das uns alle hereinholen möchte. Gottesmenschen sind Leute, bei denen jede Zelle, jeder Blutstropfen, jeder Atemzug dem Herrn unseres Lebens gehören. Menschen für Jesus. Tersteegen dichtete: „In Wort und Werk und allem Wesen sei Jesus und sonst nichts zu lesen.“
Paulus will mit diesem Worte leben, und sein Schüler Timotheus soll dies auch. Wir haben Gottes Wort, mit dem wir leben können.
Paulus will mit dem Wort sterben, und sein Schüler Timotheus soll das auch, so wie es Martin Luther auf dem Sterbebett geschrieben hat: „Du, lege nicht Hand an diese göttliche Äneis, sondern verehre gebeugt ihre Fußstapfen. Wir sind Bettler, das ist wahr.“ Wir haben Gottes Wort, mit dem wir sterben können.
Paulus will mit diesem Wort auferstehen, und sein Freund Timotheus soll das auch, so wie es ein Physiker unsrer Tage formuliert hat: „Wir existieren nur in der Hoffnung, dass dies nicht alles ins Nichts hineinführt, sondern einem neuen Morgen entgegen.“ Wir haben Gottes Wort, mit dem wir auferstehen können.
Hast du auch dieses Wort Gottes?
Amen
Prädikant Thomas Karker, Predigt am Reformationstag 2023
Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 12. November 2025 um 15:55 und abgelegt unter Kirche, Predigten / Andachten, Theologie.













