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Ein fĂĽr allemal – und immer wieder neu. Kindertaufe und Konfirmation als Stationen auf dem Glaubensweg

Donnerstag 7. April 2022 von Prof. Dr. Rainer Mayer


Prof. Dr. Rainer Mayer

1. Wer ist Christ?

Zu dieser Frage gibt es verschiedene Definitionen. Wird man als Christ geboren? Das behauptete z.B. ein in Deutschland aufgewachsener Bundestagsabgeordneter islamischer Herkunft in einer Fernsehdiskussion. Er meinte, niemand könne etwas für seine Religion; der eine werde eben als Moslem, der andere als Christ geboren. – Das klingt tolerant und entspricht einer vielfach verbreiteten Ansicht in der Bevölkerung. Und doch, wenn das so stimmte, dann wäre man herkunftsmäßig an seine Religion gebunden und letztlich ebenso wenig dafür verantwortlich wie für die eigene Augenfarbe: Man ist eben so zur Welt gekommen.

Wer das meint, überträgt allerdings – wahrscheinlich unbewusst – ein islamisches Religionsverständnis auf das Christentum. Denn im Islam gilt tatsächlich: Einmal Moslem, immer Moslem, ein für alle Mal! Adam war angeblich der erste Moslem, und deshalb ist jedes Menschenkind eigentlich ein Muslim. Das gilt auf jeden Fall erst recht für Kinder islamischer Männer. Ihre Nachkommen sind „automatisch“ Muslime. Wer den Islam verlässt, tut deshalb nach muslimischer Auffassung etwas Strafbares, geradezu Unnatürliches.

Wenn man eine solche Sicht auf das Christentum überträgt, irrt man sich jedoch gewaltig. Das Christentum ist, kurz gesagt, eine Entscheidungsreligion. Selbstverständlich gibt es auch im christlichen Bereich Traditionen und Familienbande. Ein Kind christlicher Eltern wird, wenn es gut geht, christlich erzogen. Bei der Kindertaufe wird das jedenfalls von Eltern und Paten versprochen. Davon abgesehen wird in unserem säkularisierten Europa keineswegs jedes Kind getauft; und unser Land ist kein christliches Land, allenfalls ein Land mit christlicher Tradition, die außerdem mehr und mehr schwindet. Die christliche Erziehung ihrerseits richtet sich nicht in erster Linie darauf, Traditionen kennenzulernen und Riten zu vollziehen, sondern sie richtet sich auf das Ziel der freien Persönlichkeit und entsprechend der persönlichen Glaubensentscheidung. Freilich ist eine wichtige Voraussetzung, dass Eltern und Paten ihr Taufversprechen ernst genommen und nicht bloß so dahingesagt haben, weil es nun mal zur Taufliturgie gehörte.

Der nächste Schritt ist die Konfirmation. Sie soll die Jugendlichen dazu anleiten, in das Versprechen, das Eltern und Paten bei der Kleinkindtaufe gegeben haben, nun ihrerseits selbständig einzutreten. Die Heranwachsenden sollen erkennen, dass es nötig ist, eine Entscheidung zu treffen, ob sie mit oder ohne persönlichen Glauben an Jesus Christus leben wollen. Niemand bringt diesen Glauben quasi automatisch von Geburt an oder automatisch durch die Kleinkindtaufe mit. Aber es wird auch niemand zu diesem Glauben gezwungen! – Aus dieser Quelle speist sich übrigens die abendländische Tradition der Glaubens- und Gewissensfreiheit, die neuzeitlich zu den Menschenrechten zählt. Glaubens- und Gewissensfreiheit sind nicht, wie oft behauptet wird, von der Aufklärung – sogar gegen das Christentum – „erfunden“ worden. Die Aufklärung hat vielmehr das Freiheitsdenken vom Christentum übernommen, auf die Vernunft ausgedehnt und politisch durchzusetzen versucht gemäß der Definition von Kant in seiner Schrift „Was ist Aufklärung?“ (1784): „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Abendländische Aufklärung und Christentum sind deshalb Geschwister. Diese Geschwister haben sich zwar, wie es unter Geschwistern vorkommt, immer wieder auch gezankt,  aber sie gehören zur selben Familie.

Zurück zur Frage „Wer ist Christ?“ Christ ist also nicht, wer in eine christliche Familie oder allgemein in christliche Tradition hinein geboren ist. Christ ist nicht, wer Kirchensteuer zahlt oder fromme Reden führt. Christ ist vielmehr, wer eine persönliche Entscheidung für ein Leben mit Jesus Christus getroffen hat; wer nicht nur glaubt und bekennt: „Jesus Christus ist ein HErr“, sondern wer glaubt und bekennt: „Jesus Christus ist mein HErr und mein Gott“ (Johannes 20,28). – Wie eine solche Entscheidung sich im Leben eines Christen praktisch auswirkt, nämlich welche Konsequenzen sich daraus ergeben, das ist nun die weitere Frage.

2. Die Entscheidung

Vieles geschieht nur einmal und kann nicht wiederholt werden. Man wird nur einmal geboren. Man hat nur ein Leben. Man kann zwar in Gedanken, aber nicht biologisch in die Kindheit zurĂĽckkehren.

Im dritten Kapitel des Johannesevangeliums wird die Geschichte von Jesus und Nikodemus erzählt. Der Pharisäer Nikodemus kam bei Nacht zu Jesus, um mehr über den Glauben zu erfahren. Jesus sagte ihm, man könne die Botschaft vom Reich Gottes nicht verstehen, es sei denn, man werde von neuem geboren. Nikodemus wandte mit Recht ein: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er zum zweiten Mal in den Leib seiner Mutter eingehen und geboren werden?“ – Biologisch hat Nikodemus völlig Recht. Biologisch gilt  das „Ein für allemal“ des menschlichen Lebenslaufes. Am Anfang geschieht die Geburt und am Ende steht der Tod. Dazwischen gibt es kein Zurück. Jesus aber hebt das Bild von der neuen Geburt auf die geistliche Ebene. Es gibt eine Wiedergeburt, sogar auch noch für biologisch ältere und alte Menschen, nämlich, wie es biblisch heißt, eine neue Geburt aus Wasser und Geist. Es geht um die Taufe und dann das bewusste „Ja“ zur Taufe bei der Konfirmation, falls man bereits als Kleinkind getauft wurde. Eine solche geistliche Entscheidung meint Jesus mit der Wiedergeburt. Sie geschieht ebenso ein für alle Mal wie die biologische Geburt. Diese Tatsache gibt dem, der Jesus Christus nachfolgt, eine Gewissheit, auf die er sich in Tod und Leben verlassen kann, einen festen Halt und klaren Bezug im ganzen Leben. Man bekommt Lebenssinn geschenkt. Ins Herz ziehen Freude, Friede und Freiheit ein. Wenn auch Schwierigkeiten kommen, so ist doch Distanz gewonnen zu allen negativen Mächten, die einen Menschen in Beschlag nehmen, binden und beherrschen wollen.

Eine besondere Chance zu solch einer Entscheidung bietet also die Konfirmation mit öffentlichem Bekenntnis. Dafür ist sie da, dafür wurde sie in der Kirche eingeführt, auch wenn das nicht immer deutlich gesagt wird. Die Folge ist, dass man eine klare Orientierung für das gesamte Leben gewinnt. Auf diese Weise ist ein geistgeleitetes und zugleich fröhliches, befreites, unverkrampftes Leben möglich, das seine Freiheit nicht aus der Beliebigkeit bezieht, sondern aus der Ausrichtung des Lebens auf ein Ziel. Man gleicht nicht „der Welle des Meeres, die vom Wind bewegt und getrieben wird“ (Jakobus 1,6), wie die bedauernswerten Menschen, die keine Orientierung haben und ihr Fähnchen in den Wind des Zeitgeistes hängen. Solche Leute sind keine Persönlichkeiten, auch wenn sie sich dafür halten. Das wird hier übrigens nicht zur Verurteilung Anderer gesagt, sondern als Hinweis für uns selbst.

Der Apostel Paulus bringt in Galater 3,27 ein schönes Bild für diese neue Lebenswirklichkeit. Er schreibt: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ Gott überkleidet den Menschen in der Nachfolge Jesu, bildlich gesprochen, mit einem schönen, makellosen weißen Kleid (vgl. Offenbarung 3,5; 6,11; 7,9). Dies wird an anderer Stelle  „hochzeitliches Gewand“ genannt (Matthäus 22,11). Wer mit diesem „hochzeitlichen Gewand“ überkleidet ist, geht zum ewigen Leben ein. Das wird in diesem Gleichnis des Matthäusevangeliums von Jesus selbst bestätigt. Wer Jesus Christus nachfolgt, dem wird Heilsgewissheit geschenkt! Es fehlt diesbezüglich an nichts. Da wird nicht nach Werken und Leistungen gefragt. Man ist befreit. Das muss man sich nur im Alltag des Lebens bewusst machen!

3. Der Glaubensweg

Um beim Bild der Bekleidung zu bleiben: Unter dem neuen, weißen Kleid leben aber, solange wir auf Erden sind, der „alte Adam“ und die „alte Eva“ weiter. Die bringen es immer wieder fertig, ihr neues, weißes Kleid zu beschmutzen. Das neue Kleid wird ihnen deshalb von Gott zwar nicht abgenommen, aber ihr Verhalten „betrübt den Heiligen Geist“ (Epheser 4,30). Um es mit einem anderen Bild zu verdeutlichen: Ein beschmutzter Scheinwerfer leuchtet nicht mehr hell. Aber er bleibt trotzdem ein Scheinwerfer. Es gehört leider zur Wirklichkeit unseres Lebens als Christ in der Welt, dass wir uns in dieser Weise immer wieder beschmutzen. Der Schmutz kommt an erster Stelle von innen, vom gegengöttlichen Widerstand des „alten Menschen“, der uns allen seit dem Sündenfall sozusagen zur zweiten Natur geworden ist. Der Schmutz kommt zugleich von außen, weil wir in politischen und kulturellen Zusammenhängen leben, die oft nicht vom Heiligen Geist geleitet sind. Die inneren und äußeren Versuchungen werden häufig nicht einmal erkannt. Man lässt sich vom Strom der Allgemeinheit mitreißen und handelt einfach nach dem, was „man“ so tut.

Gegen diesen Trend gibt es jedoch eine Waffe, nämlich die tägliche RĂĽckkehr zur Gnade Gottes in Jesus Christus, die Besinnung auf Jesu Vergebung und Gottes Treuebund, die tägliche BuĂźe, die tägliche Reinigung, das „ZurĂĽckkriechen in die Taufe“. Luther sagte einmal in seiner bildhaft-drastischen Sprache, „dass der alte Adam in uns durch tägliche BuĂźe soll ersäuft werden und sterben mit allen SĂĽnden und bösen LĂĽsten, und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch“. Bei dem allen geht es um das „Immer wieder neu“. Entsprechend heiĂźt es in Luthers Abendsegen: „Ich danke dir, mein himmlischer Vater durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diesen Tag gnädiglich behĂĽtet hast, und bitte dich, du wollest mir vergeben alle meine SĂĽnden, wo ich Unrecht getan habe…“. Im Morgensegen lautet es: „…du wollest mich diesen Tag auch behĂĽten vor SĂĽnde und allem Ăśbel, dass dir all mein Tun und Leben gefalle…“. So geschieht morgens und abends, abends und morgens die tägliche RĂĽckkehr in die vergebende Gnade Gottes in Jesus Christus. – Wer in dieser Weise betet, gibt damit zu, dass er nicht nur bewusst gesĂĽndigt hat, sondern auch ohne es zu merken, also unbewusst. Es geht ja um mehr als nur um die groben Fehltaten. Viel schwieriger zu erkennen und abzulegen sind die unbewussten Verfehlungen bis hin zu negativen Charaktereigenschaften. – Diese Einsicht darf allerdings nicht zur Selbstquälerei in missverstandenem „Heiligungsbestreben“ fĂĽhren. Psychologische TiefenschĂĽrfungen mit der Absicht, ganz „heilig“ zu werden, fĂĽhren nur zum Drehen um sich selbst bis hin zur Selbstrechtfertigung. Das aber ist genau der falsche Weg! Vielmehr kann man getrost mit Psalm 19,13 beten: „Wer kann merken, wie oft er fehlet? Verzeihe mir die verborgenen SĂĽnden.“ Der Heilige Geist wird schon zu seiner Zeit aufdecken, um was es geht. Und dann ist es Zeit, auch fĂĽr diese SĂĽnde um Vergebung zu bitten.

4. Bewusst und froh

Geistliche Lebenswahrheiten sind also perspektivisch zu betrachten. Das „Ein fĂĽr allemal“ schlieĂźt das „Immer wieder neu“ nicht aus, ja erfordert es geradezu. Und umgekehrt ändert die Notwendigkeit des „Immer wieder neu“ nichts an der Heilsgewissheit, denn das „Ein fĂĽr allemal“ bleibt ewig gĂĽltig. Anders gesagt: Im Blick auf Gott gilt das „Ein fĂĽr allemal“ unwiderruflich; im Blick auf uns selbst gilt die Aufforderung, täglich neu zur Gnade zurĂĽckzukehren, in sie „hineinzukriechen“. Deshalb ist es auch kein biblischer Widerspruch, wenn der Apostel Paulus den getauften Gemeindegliedern (Galater 3,27) versichert „ihr habt Jesus Christus [bereits] angezogen“ während er (Römer 13,14) getaufte Christen ermahnt: „…ziehet [immer wieder neu] an den HErrn Jesus Christus“. Beides gilt es zu beachten. Auf diese Weise ist ein geistgeleitetes und zugleich fröhliches, befreites, unverkrampftes Leben möglich, das seine Freiheit nicht aus der Beliebigkeit bezieht, sondern aus der klaren Ausrichtung des Lebens auf ein Ziel. Bei groben SĂĽnden haben wir als Hilfe fĂĽr die RĂĽckkehr zur Gnade das Angebot der Einzelbeichte unter vier Augen mit einem Seelsorger. Bei der Reinigung auch von unerkannten SĂĽnden hilft uns die Stille Zeit. Ebenso helfen formulierte Gebete dazu wie der erwähnte Morgen- und Abendsegen oder die Psalmgebete.

Wichtig ist, dass wir beim „Ein für allemal“ und beim „Immer wieder neu“ nicht eine der beiden Seiten vernachlässigen, sondern beide sollten im Leben eines Christen ein Gleichgewicht bilden. Die ausschließliche Betonung des „Ein für allemal“ kann zur Laxheit im Glaubensleben führen, zur bequemen Heilssicherheit anstelle von Heilsgewissheit. Die einseitige Betonung des „Immer wieder neu“ kann zu falschem Heiligkeitsstreben mit Verkrampfungen bis hin zu Niedergeschlagenheit oder zur Selbstrechtfertigung führen.

Das rechte Miteinander wird treffend wiedergegeben im Tauflied von Johann Jakob Rambach (EG Nr. 200):

Die Konfirmation und auch eine spätere Lebensentscheidung bedeuten, bewusst „ja“ zur eigenen Taufe zu sagen: Ja, ich will Jesus Christus als meinen Herrn und Heiland persönlich annehmen. Die Grundlage zeigt Strophe 1:

„Ich bin getauft auf deinen Namen, Gott Vater, Sohn und Hl. Geist; ich bin gezählt zu deinem Samen, zum Volk, das dir geheiligt heißt. Ich bin in Christus eingesenkt, ich bin mit seinem Geist beschenkt.“ 

Kommen später Zweifel, dann gilt Strophe 4:

„Mein treuer Gott, auf deiner Seite bleibt dieser Bund wohl feste stehn; wenn aber ich ihn überschreite, so lass mich nicht verlorengehn; nimm mich, dein Kind zu Gnaden an, wenn ich hab einen Fall getan.“

Dem Schritt zur immer neuen Lebenshingabe gibt die fĂĽnfte Strophe Ausdruck:

„Ich gebe dir, mein Gott, aufs neue Leib, Seel und Herz zum Opfer hin; erwecke mich zu neuer Treue und nimm Besitz von meinem Sinn. Es sei in mir kein Tropfen Blut, der nicht, HERR, deinen Willen tut.“

Folglich gilt für die Glaubensschritte im Leben eines Christen beides zugleich und beides je für sich: ein für alle Mal und dennoch immer wieder neu. Nicht: Ein für alle Mal – oder immer wieder neu, sondern: Ein für allemal – und zugleich immer wieder neu! Ja, es gilt beides! Auf diese Weise werden wir wunderbar tröstlich bestärkt in unserer Heilsgewissheit. Glaube ist ein Weg, kein Prinzip. Denn zu glauben heißt, lebendig zu sein – jetzt in dieser Zeit und in Ewigkeit.

Stuttgart, im März 2022

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 7. April 2022 um 19:26 und abgelegt unter Gemeinde, Seelsorge / Lebenshilfe, Theologie.