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Der vergessene Gott oder: JĂĽnger gesucht. Kirche in Deutschland am Beginn des dritten Corona-Jahres

Freitag 28. Januar 2022 von Dr. Friedemann Lux


Dr. Friedemann Lux

2022 wird das dritte Jahr der Corona-Pandemie sein. Ob es auch das letzte ist, wissen wir noch nicht, wohl aber, dass die Pandemie und die vom Staat unternommenen Maßnahmen gegen sie schon in den ersten beiden Corona-Jahren zu Veränderungen geführt haben, die uns faktisch eine andere Republik gebracht haben. Aber dies soll kein politischer Aufsatz werden, auch kein medizinischer. Es wird nicht darum gehen, wie gefährlich der Virus nun „wirklich“ ist, auch nicht um Impfungen, Montagsspaziergänge und Sinn oder Unsinn von 3G und 2G, auch wenn ich diese Dinge manchmal erwähnen muss. Es soll um eine Ebene gehen, die viel tiefer liegt und die das Fundament für all das ist, was den Bürgern und Christen unseres Landes jetzt seit fast zwei Jahren um die Ohren fliegt und dessen Folgen sie auf Jahre hinaus beschäftigen werden.

Es geht um Gott. Genauer: Um den Gott, den die Bibel beschreibt und bezeugt und der traditionell das große Thema und Zentrum der christlichen Kirchen, Verbände und Gemeinden war. Und über den sich im Zusammenhang mit der Pandemie ein erstaunliches Schweigen ausgebreitet hat. Denn das ist Tatsache: Wo ein Diskurs über „Corona“ stattfindet, wo gestritten, argumentiert, diskutiert wird, hat man es fast immer entweder mit der politischen oder der medizinischen Ebene zu tun, also mit dem säkularen Bereich. Und egal, ob politisch Superkorrekte sich äußern oder Andersdenkende – von Gott redet in Zusammenhang mit COVID fast niemand, und wo er doch einmal erwähnt wird, bleibt er meist in einem nebulösen Irgendwo. Gott als Handelnder in der Pandemie? Schweigen. Gott als mögliche Lösung und Ende der Pandemie? Schweigen. Gott als Redender in der Pandemie? Schweigen.

Dieses Schweigen ist verständlich, solange man es mit Agnostikern, Buddhisten oder allgemein religiös Unmusikalischen zu tun hat. Es wird unheimlich, wenn man es mit Christen und Kirchen zu tun hat. Bis heute haben weder die EKD noch die Deutsche Bischofskonferenz eine Stellungnahme formuliert, in der „Corona“ als mögliches Gerichtsreden Gottes thematisiert und der Staat daran erinnert wird, dass die Unterordnung des Bürgers (auch des frommen Bürgers) unter seine Maßnahmen ihre Grenzen hat, dass es einen Sinn hat, wenn Christen sich zu Gottesdiensten, Festen, Konzerten versammeln, und dass es nicht egal ist, wenn das Heilige Abendmahl aus Hygienegründen ausfällt. Hier könnten die „Frommen“ und die „Evangelikalen“ natürlich sagen: „Was erwartet ihr von den Großkirchen, diesen großen Verdünnern des Glaubens? Kommt zu uns, wir sind anders!“ Aber sie sind nicht mehr anders. Auch die Leitung der Deutschen Evangelischen Allianz hat eine Stellungnahme wie die gerade skizzierte bislang nicht abgegeben, und es sieht nicht danach aus, dass sie dies in absehbarer Zeit nachholen wird. Eher findet man Warnungen vor „Verschwörungstheoretikern“ (ohne eine Silbe darauf zu verschwenden, ihre Argumente zu prüfen) und immer häufiger Aufrufe zur Impfung als angeblichem Akt der Verantwortung und Nächstenliebe. Aber Gott als Der, der uns durch die Pandemie etwas sagen, vielleicht gar uns zur Buße führen will? Große Fehlanzeige.

Man braucht gar nicht gläubiger Christ zu sein, um dies merkwürdig, ja unheimlich zu finden. Für den gläubigen Christen ist es noch mehr als unheimlich. Er merkt, wie er in einen Abgrund blickt – einen Abgrund, den Jesus und die biblischen Propheten und Apostel vorausgesehen und vor dem sie gewarnt haben. Dieser Abgrund ist: Gott redet – und die Christen wollen nicht mehr hören. Gott richtet – und die Kirchen wollen es nicht mehr wahrhaben. Christus bereitet sein Wiederkommen vor – und die großen christlichen Verbände interessiert es nicht. Christus sagt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“, und die postmodernen Christen antworten: „Unsere Politiker und Mediziner schaffen das! Sie sind schließlich die Experten.“

Wie konnte es dazu kommen? Und wie kommen wir aus dieser Sackgasse heraus?

Wie Gott ist – das Wissen der Bibel und des christlichen Abendlandes

Das Gottesbild der Bibel und der klassischen christlichen Kirche lässt sich in fünf Eigenschaften zusammenfassen: Gott ist Schöpfer, Richter, Erlöser, Herr und höchstes Gut. Als Schöpfer ist Gott der Urheber und Erhalter meines Lebens (erstmals bezeugt im Schöpfungsbericht,1. Mose 1,27); ohne ihn gäbe es mich buchstäblich nicht. Gott ist aber auch der Urheber meines Todes, und dieser hängt unmittelbar mit dem Sündenfall der Menschen zusammen (vgl. 1. Mose 3). Dass wir Menschen a) nicht selber über unser Leben verfügen können und b) unweigerlich auf den Tod zugehen, ist eine absolute Grundtatsache der biblischen Theologie und Anthropologie. „Die sterblichen Menschen lässt du zu Staub werden.“ (Psalm 90,3).

Der Tod wiederum ist, weil er die Folge des Sündenfalls ist, unweigerlich mit dem Gericht verbunden: „Denn der Lohn, den die Sünde zahlt, ist der Tod“ (Römer 6,23). Jeder Mensch, ob er will oder nicht, wird sich einmal vor Gott als Richter für alles, was er getan hat, verantworten müssen: „Sterben müssen alle Menschen; aber sie sterben nur einmal, und darauf folgt das Gericht“ (Hebräer 9,27). „Denn wir alle müssen einmal vor dem Richterstuhl vor Christus erscheinen . . .“ (2. Korinther 5,10). Der Richter ist gleichzeitig (in Jesus Christus) der Erlöser. Vor Gott verantworten muss sich jeder, aber niemand muss verlorengehen – sofern er denn die rettende Hand, die Gott ihm in Christus entgegenstreckt, ohne Wenn und Aber ergreift. Dieses absolut krasse Nebeneinander von Gericht und Gnade, Verantwortung und Erlösung ist das Kernstück der traditionellen biblischen und christlichen Lehre.

Als Schöpfer wie auch als Richter und Erlöser tritt Gott mir als Herr gegenüber. Nicht ich habe mir meine Existenz gegeben, nicht ich entscheide, was gut und was böse, was belohnenswert und was strafwürdig ist, und nicht ich kann mich erlösen und mir den Himmel garantieren. Dies sind lauter Dinge, die Gott vorbehalten sind, und die Erbsünde der Menschheit bestand gerade darin, dass sie selber Herr werden wollte („Ihr werdet sein wie Gott“, 1. Mose 3,5). Gottes Herr Sein zeigt sich auch darin, dass er negative Dinge in unser Leben schicken kann, die eine Strafe dafür sind, dass wir selber die Herren sein wollten und uns nicht um seine Gebote gekümmert haben. Sowohl in der Bibel als auch in der Kirchengeschichte sind solche Dinge wie Kriege, Vertreibungen, aber auch Krankheiten und Epidemien oft als Strafen bzw. Gerichte Gottes gedeutet worden – als ein Reden Gottes durch Unglücksfälle, das letztlich den Zweck hat, die Menschen zu ihm zurückzuführen. Die ganze alttestamentliche Prophetie ist von diesem Grundmuster geprägt, und wenn im Mittelalter die nächste Pest-Epidemie kam, schloss man die Kirchen nicht, sondern kam erst recht zusammen, um Gott um Gnade und Hilfe anzuflehen.

Es ist hochbemerkenswert, dass das allererste christliche Glaubensbekenntnis aus ganzen zwei Worten bestand. Zwei Worte, aber die hatten es in sich: Christos Kyrios – „Christus ist der Herr.“ Christus, und nicht irgendwelche heidnischen Götter. Christus, und nicht die menschliche Wissenschaft. Christus, und nicht das Schicksal. Christus, und nicht die staatliche Obrigkeit (damals vertreten durch die römischen Kaiser, die für sich die alternativlose Göttlichkeit beanspruchten). Und dieser Gott, der Schöpfer, Richter, Erlöser und Herr ist, ist damit auch das Höchste Gut, das es für Menschen gibt; die alten Theologen und Philosophen sprachen auf Lateinisch vom Summum Bonum. In der Bibel wird uns Gott als höchstes Gut exemplarisch in Jesu Doppelgleichnis vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle (Matthäus 13,44-45) vor Augen gestellt.

Folgen des klassischen Gottesbildes: Verantwortung, Aufgaben, Angst

Wie gesagt, dieses Bild von Gott und von unserer Existenz als Menschen hat viele Jahrhunderte lang das Denken der Theologen und Kirchen und des einzelnen Christen geprägt. Es hat geprägt, was die Menschen im Abendland unter Verantwortung verstanden: Die höchste Verantwortung war die gegenüber Gott und seinen Geboten. Noch in dem 1949 beschlossenen Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland heißt es in der Präambel, dass das deutsche Volk sich dieses Gesetz „im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott“ gegeben hat – der berühmte „Gottesbezug“ in der deutschen Verfassung, den Kräfte, die eine andere Republik wünschen, schon seit langem abschaffen wollen.

Dieses Gottesbild hat geprägt, was die Menschen im „christlichen Abendland“ als Aufgabe der Christen und Kirchen verstanden: Gottes Gebote, aber auch Gottes Erlösungsangebot den nahen und fernen Menschen, den Nachbarn und den Mächtigen zu predigen – mithin Mission zu treiben und Gemeinschaft zu pflegen. Es hat weiter ihre Loyalität geprägt: Zuallererst und vor allem anderen haben Christen Gott zu gehorchen und seine Aufträge wahrzunehmen. Dieses Bewusstsein von Verantwortung, Aufgabe und Loyalität ließ Martin Luther das Risiko des Scheiterhaufens eingehen, trieb Dietrich Bonhoeffer in den Widerstand gegen Hitler und ließ Pioniermissonare in dem Wissen nach Afrika ausreisen, dass sie schon Monate später der Malaria erliegen konnten. Die Prioritäten hätten klarer nicht sein können: Gott zuerst, und wenn es mich das Leben kostet!

Und nicht zuletzt hat dieses klassische Gottesbild geprägt, wovor die Menschen im „christlichen Abendland“ am meisten Angst hatten: vor dem ewigen Tod, vor dem Verlorengehen. Der „klassische Christ“ hatte nichts gegen Gesundheit und ein langes Leben, aber er wusste, dass es Wichtigeres gab: wo er die Ewigkeit nach seinem Tod verbringen würde. Sein großes Problem war nicht: Wie schlage ich Krankheit und Leid ein Schnippchen?, sondern: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Die Angst vor der Hölle hat in der Kirchengeschichte manchmal ungesunde Blüten getrieben; man denke nur an den Ablass-Skandal, der zum zündenden Funken der Reformation wurde. Aber Tatsache ist auch: Wo immer die Kirche in die Offensive ging und neue Gläubige gewann, hat sie die Frage nach ewigem Leben und ewigem Tod in den Mittelpunkt gestellt. Die großen Evangelisten des 19. Jahrhunderts gaben ihren Zuhörern, von denen die meisten aus minderbemittelten Schichten stammten, keine Geheimtipps zur Verbesserung ihrer finanziellen Lage, sondern sprachen sie gezielt auf ihr Seelenheil an. (Dass die Bekehrten ihr Geld anschließend nicht mehr versoffen, sodass ihr Lebensstandard sich hob, war ein logischer Nebeneffekt der Predigten.) Aber all dies war einmal im ehemals christlichen Abendland . . .

Schöne neue Welt ohne Gott

Zu Beginn der 2020-er Jahre stehen wir im Mutterland der Reformation vor einem religiösen Trümmerhaufen. Im kulturellen, wissenschaftlichen, politischen und auch religiösen Mainstream ist das oben skizzierte biblisch-christliche Gottesbild verschwunden bzw. auf ein paar harmlose Relikte zurückgestutzt worden. Gott als Schöpfer ist zwar nicht unbedingt abgeschafft (nur radikale Atheisten wollen bei der Entstehung der Welt ganz ohne ihn auskommen), aber stark relativiert worden. Der moderne und postmoderne Mensch empfindet sich in seiner Existenz nicht oder nur noch begrenzt als von Gott abhängig. Längst kann man neues Leben mit menschlichen Mitteln „machen“ („Designerbabys“, Gentechnologie, künstliche Befruchtung), und welchen Tod jemand stirbt oder ob er nicht doch noch etwas weiterleben kann, regeln die Ärzte und Krankenhäuser. Gott als höchste moralische Instanz und Richter (gerade auch nach dem Tod) scheint ausgedient zu haben. Seine Gebote sind dazu da, dass man sich überlegt, wie zeitgemäß sie noch sind. Gott als Erlöser wird entweder relativiert (nach dem Motto: in anderen Religionen gibt es doch auch Erlösung) oder trivialisiert (der Himmel als Selbstverständlichkeit, die man durch seinen Taufschein in der Tasche hat). Gott als Herr ist längst durch einen blutleeren himmlischen Opa mit Züchtigungsverbot ersetzt worden. Undenkbar, dass er strafen kann. Wenn Naturkatastrophen, Pandemien, Wirtschaftskrisen etc. kommen, muss man diesen Dingen mit den Mitteln moderner Wissenschaft und Politik begegnen. Buße? Brauchen wir nicht mehr.

Verantwortung hat der (post-)moderne Mensch gegenüber sich selber und der Zukunft. Seine Aufgabe ist es, die Welt mit den Mitteln des Fortschritts zu retten und zu erneuern. Seine Loyalität hat den Experten in Wissenschaft und Politik und dem Meinungs-Mainstream zu gelten. Und Angst hat er davor, dass irgendetwas, das er nicht beherrschen kann, ihn umbringen könnte, wobei dieses Etwas immer im Hier und Jetzt liegt und nichts mit irgendwelchen transzendenten Mächten zu tun hat, schon gar nicht mit dem Teufel und drei Mal nicht mit Gott. Der moderne und postmoderne Mensch hat Angst vor Krebs und Alzheimer, vor Arbeitslosigkeit und Ruin der Altersvorsorge, neuerdings auch vor COVID und dem Klimawandel, nicht aber vor Gottes Gericht, vor dem Teufel und vor der Hölle.

Was hat die COVID-Pandemie mit den Christen gemacht?

Katastrophe mit Voransage

Wir erinnern uns an die Plötzlichkeit, mit der die Pandemie im Frühjahr 2020 über uns hereinbrach. Vor allem die Kirchen und die Christen schienen völlig überrumpelt zu sein. Doch die Frage ist, ob man den geradezu willigen Gehorsam gegenüber den Einschränkungen des gemeindlichen Lebens nur durch den Überrumpelungseffekt erklären kann. In den Jahren und Jahrzehnten vor Corona hatte es in den (gerade evangelikalen) Gemeinden tiefgreifende Veränderungsprozesse gegeben, die die Gemeinden zu der Art ihrer Reaktion auf Corona geradezu prädestinierten. Gott als Richter, Herr und höchstes Gut war in Predigt und Gemeindeleben zunehmend in den Hintergrund geraten; es herrschte in vielen Köpfen das Zerrbild eines Wohlfühlgottes, der es schon nicht so genau nehmen würde. Die Lehre von der Wiederkunft Christi und dem Ende unserer derzeitigen Welt, die zum absoluten biblischen Urgestein gehört, war etwas für ein paar abgehobene Experten geworden. Fundamentalste Heilstatsachen wie die Jungfrauengeburt Jesu oder sein stellvertretendes Leiden waren keine Selbstverständlichkeiten mehr, und ein Stück Heil in anderen Religionen – warum nicht? Grundpfeiler der christlichen Ethik waren ins Wanken gekommen; selbst Pietisten kokettierten mit der Ehe für alle, Scheidungen und Sex unter Teenagern waren schon längst allgemein akzeptiert. Und in viele fromme Köpfe hatte sich der Mammon als Nebengott eingeschlichen, von dem opulenten Taschengeld über schöne Urlaubsreisen bis zur bombensicheren Altersvorsorge.

All dies, wohlgemerkt, war schon vor Corona. Das aber heißt: Die Kirchen und die Christen – auch viele von denen, die sich als die „Treuen“ und „Ernsten“ verstanden – gingen mit einem schwer lädierten geistlichen Immunsystem in die Corona-Krise. Sie waren nicht nur nicht auf so eine Krise vorbereitet, sie waren auf gar keine Krise vorbereitet. Nur deswegen konnten sie so überrumpelt reagieren. Es ist sicher nicht falsch, hier an die Warnung des Paulus in 1. Thessalonicher 5,3 zu denken: „Wenn die Leute meinen, es herrsche Frieden und Sicherheit, wird plötzlich das Unheil über sie hereinbrechen wie Wehen, die eine schwangere Frau überfallen . . .“

Die neue Angst

Zu Beginn des ersten Lockdowns im Jahre 2020 erklärte meine Stammbuchhändlerin kopfschüttelnd: „Ich verstehe die Welt nicht mehr. Die Leute, die am meisten Angst vor Corona haben sind die, die jeden Sonntag in die Kirche rennen.“ Diese Angst ist geblieben. Heute äußert sie sich unter anderem in 3G- und 2G-Regelungen für Gottesdienste und der Ausgrenzung „Ungeimpfter“. Wobei die Impfung gegen Corona die Angst bei nicht wenigen nicht (wie man eigentlich erwarten sollte) kleiner, sondern noch größer macht. Es gibt keine rationale Begründung dieser Angst. Warum Angst vor Corona (Sterberisiko weit unter 1 Prozent), aber nicht vor Krebs, Herzinfarkt und einem halsbrecherischen Fahrstil mit dem Auto (Risiko weit höher)? Erst recht gibt es keine geistliche Begründung. Nirgends in der Bibel werden wir aufgefordert, unsere Angst auf Dinge zu lenken, die uns das physische Leben kosten können. Wie Jesus seinen Jüngern sagte: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten können . . Fürchtet vielmehr den, der Leib und Seele dem Verderben in der Hölle preisgeben kann“ (Matthäus 10,28). Aber, wie schon Plato wusste: Menschen, die genügend Angst haben (bzw. denen man genug Angst macht), sind bereit, alles mit sich machen zu lassen und sogar ihre Freiheit zu opfern. Viele heutige Christen tun dies geradezu mit Wonne.

Ein neues höchstes Gut

Das erste Gebot lautet bekanntlich: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ (2. Mose 20,3). Kluge Seelsorger und Psychologen erklären uns, dass so ein „anderer Gott“ kein Götzenbild mit Altar sein muss. Mein „Gott“ – das ist schlicht und einfach das, was mir das Liebste und Wichtigste im Leben ist. Das höchste Gut eben. Für einen Gott bringt man auch Opfer und verzichtet auf Dinge, die „nicht so wichtig“ sind. Es ist erschreckend, was in den Kirchen heute alles nicht mehr so wichtig ist. Das neue höchste Gut nicht nur beim Durchschnittsbürger, sondern bei vielen, vielen Christen ist die Gesundheit, zurzeit verengt auf die Verschonung durch den Corona-Virus. Auch dies ist eine Katastrophe mit Ansage gewesen; schon lange vor Corona beschäftigte sich so mancher Christ mehr damit, wie er seinen Körper bis ins Alter fit halten konnte, als wie er seine Seele auf die Begegnung mit Gott vorbereiten konnte. Corona hat hier auch die letzten Dämme brechen lassen. Die Angst vor dem Virus hat sich zu einer Ersatzreligion entwickelt, zu einem finsteren Abgott, für den man fast alles zu opfern bereit ist: ein normales Gemeindeleben, ein normales Familienleben („bei Corona nicht zur Oma“), den Kaffeeklatsch mit der (wir wissen schon: ungeimpften) Freundin, den Kirchen- und den Posaunenchor und ironischerweise auch die Gesundheit, denn der vermeintliche Ansteckungsschutz durch Impfstoffe mit Notzulassung und durch Masken, die in der Arbeitsmedizin für die Dauerbenutzung verboten sind, hat seinen Preis, der mit der Zeit immer höher wird.

Der Christ, dessen Ängste um den COVID-Virus kreisen, hat praktisch Christus als König seines Lebens abgesetzt und stattdessen Corona auf den Thron gehoben. Merke: Gesundheit und ein langes Leben sind keine christlichen Grundwerte. Mission, Gemeinschaft mit anderen und ein normales Gemeindeleben sehr wohl.

Eine neue Verantwortung

„Man trägt Verantwortung“ liest man heute an den Eingängen vieler Geschäfte, und „Verantwortung“, das heißt Maske. Die klassische Verantwortung des Christen war eine doppelte: Zum einen hatte er seinen Mitmenschen klarzumachen, dass sie die Erlösung in Christus brauchten, um nicht verlorenzugehen. Das war Mission und Evangelisation. Und zum anderen hatte er durch sein eigenes Leben seinen Mitmenschen zu demonstrieren, wie ein Leben mit Christus – und das hieß nicht zuletzt: ein Leben ohne die Ängste der Welt! – aussieht. Das nannte man Zeugnis. Die christlichen Gemeinden und Kirchen, die faktisch Corona als ihren neuen Herrn inthronisiert haben, verstehen unter „Verantwortung“, dass man sich impfen lässt, alle Hygieneregeln einhält, keinen „Verschwörungstheoretikern“ glaubt und keine Montagsspaziergänge mitmacht. Sie wollen dem nichtchristlichen Nachbarn oder Kollegen nicht die Höllenstrafen ersparen, sondern einen schweren COVD-Verlauf. Ihr neues „Zeugnis“ lautet: „Wir haben dieselben Ängste wie ihr und sind bereit, alles für sie zu opfern.“ Auch dies trägt Züge einer neuen, letztlich antichristlichen Religion.

Neue Loyalitäten

Gott als Schöpfer, Richter, Erlöser, Herr und höchstes Gut verlangt unsere hundertprozentige Loyalität. Der Abgott der Pandemie hat auch diese Loyalität verschoben und umgelenkt. Es geht nicht mehr darum, Gottes Gebote zu befolgen, sondern die jeweils aktuellste Corona-Verordnung des Staats, des Bundeslandes oder der Stadt. Oder der Kirchengemeinde. Sünden sind Schnee von gestern; die wirklichen Übeltaten sind die Verstöße gegen staatliche (oder kirchliche!) Abstands-, Hygiene-, Test- und sonstige Regeln, und die Sanktionen der Ordnungsämter und Ordnungshüter reichen von Geldstrafen, für die man ein halbes Leben lang falsch parken könnte, bis zu Polizeieinsätzen, wie man sie bisher mit Molotowcocktails schleudernden Linksautonomen verbunden hatte.

Die Mehrheitsfraktion in den Kirchen und Gemeinschaften ist auch in der Loyalitätsfrage brav eingeknickt. Wie schon so oft in der Kirchengeschichte – etwa im „Dritten Reich“, in den Satellitenstaaten der Sowjetunion, während der Apartheid in Südafrika oder der Rassendiskriminierung in den Südstaaten der USA – verbarrikadieren sich heute Kirchenleitungen und Sprecher christlicher Werke und Verbände, aber auch brave Bibelstundenbesucher hinter einem unheilvollen Fehlverständnis eines der am häufigsten missbrauchten Bibelabschnitte – Römer 13,1-7. Kaum einer macht sich die Mühe, den genauen Wortlaut von Römer 13 zu studieren sowie das, was andere Bibelstellen über die rechte Einstellung zur Obrigkeit aussagen. Und so entsteht eine unreflektierte Loyalität gegenüber den Regierenden (die es schon richtig machen werden . . .) sowie den von ihnen auserwählten „Experten“, nach der unausgesprochenen Devise: Wer vom Staat protegiert und in Facebook und YouTube nicht gelöscht wird, muss recht haben.

Der Weg in die Christenverfolgung

Ich erlaube mir die folgende Prognose, die sich nicht auf die ferne Zukunft, sondern bereits auf die allernächsten Jahre bezieht: Wenn die Mehrheits-Christen, Kirchen und Gemeinden ihren bisherigen Corona-Kurs beibehalten, werden im Mutterland der Reformation schon bald (vielleicht sehr bald) Christen offen verfolgt werden. Auch dies ist eine Katastrophe mit Ansage. Die vergangenen Jahre haben zwar noch keine staatlich organisierten regelrechten Repressionsaktionen gegen Christen erlebt, dafür aber immer mehr juristische und administrative Veränderungen, die zusammengenommen wie die berühmte Schlinge wirken, die sich immer enger um den Hals des Opfers legt, bis sie eines Tages nur noch zugezogen werden muss. Gesetze gegen „Hassrede“ und „Diskriminierung“ sind zwar nicht als explizite Angriffe auf das Christentum formuliert, richten sich aber in zunehmendem Maße gegen ethische Positionen, die Christen nicht preisgeben können, ohne über kurz oder lang die ganze Bibel und damit letztlich Christus selber preiszugeben. Erwähnt seien nur: Abtreibung, Homosexualität, Ehe für alle, Erziehungsrecht der Eltern. Dazu kommt der zunehmende „Kampf gegen rechts“, der, da die „Mitte“ der Politik immer weiter nach links wandert, fast zwangsläufig auch christliche Grundwerte und -Positionen erfasst. Der zunehmende Einfluss des Islam macht die Lage nicht einfacher.

Die bisherige Reaktion der führenden „Frommen“ auf diese wachsende Bedrängung hat zu oft in Beschwichtigen und Nachgeben bestanden, nach dem unausgesprochenen Motto: Wenn wir uns ruhig verhalten und ihnen in dem einen oder anderen Punkt entgegenkommen, werden sie uns in Ruhe lassen. Die Geschichte sämtlicher totalitärer Staaten zeigt, dass dies ein verhängnisvoller Irrtum ist. Wo Christen zurückweichen, rückt der Feind weiter vor. Immer.

Es gibt keine Möglichkeit, vorherzusagen, wann genau der Hebel in Deutschland (oder anderen ehemals christlichen Ländern) endgültig in Richtung „Verfolgung und Bekämpfung“ umgelegt werden wird. Wir wissen aber drei Dinge. Erstens: Wir wissen aus der Bibel, dass die Verfolgung kommen wird, als Teil der „Wehen“ vor der Wiederkunft Christi. Wir wissen zweitens, dass der Anteil der echten (also bewussten und bekehrten) Christen an der deutschen Gesamtbevölkerung kaum mehr als noch 2 Prozent betragen dürfte; die riesengroße Mehrheit im Land ist entweder religiös gleichgültig oder antichristlich eingestellt. Und drittens kann sich jeder denkende Mensch ausrechnen, was das bereitwillige Kuschen der Kirchen in Sachen Corona dem Staat gezeigt hat: Er weiß jetzt, dass dann, wenn es darauf ankommt, die große Mehrheit in den Kirchen sich nicht wehrt. Er hat gelernt: „Mit den Christen kann man’s machen.“ Er wird es nicht vergessen.

Gibt es einen Ausweg? Kirche, bis Jesus wiederkommt

Bedeutet das bisher Gesagte, dass für die Christen in Deutschland alles aus ist? Keineswegs. Gibt es einen Ausweg? Absolut. Doch es wird ihn nicht geben ohne eine fundamentale Neuorientierung (die Bibel nennt das auch „Buße“) in den Kirchen und Gemeinden und bei den einzelnen Christen. Die Neuorientierung beginnt mit der Einsicht, dass es ein Zurück in „die gute alte Zeit“ NICHT geben wird. Es ist keine Phrasendrescherei, wenn Beobachter der Pandemie sagen, dass die Welt nach Corona nie mehr so sein wird wie vor Corona. Für die Kirchen dürften die Veränderungen sogar mit am empfindlichsten sein. Viele Pastoren und Prediger werden sich noch die Augen reiben, wer alles nicht mehr kommt, wenn die Pandemie endlich vorbei sein wird. Posaunenchöre und Kantoreien werden eingegangen, Gemeinden nachhaltig gespalten sein, Gebäude aufgegeben werden müssen, Freizeitheime wegen Insolvenz geschlossen werden. Nein, es wird nicht mehr so werden wie vorher.

Aber der Missionsbefehl Jesu „Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern“ (Matthäus 28,19) gilt immer noch so wie zuvor. Auch der Aufruf, ihn an die erste Stelle zu setzen, ja für ihn zu leiden. Und neue Gemeinden zu bauen. Und auf den großen Tag X – sein Wiederkommen – zu warten. Aber wie macht man das – nach dem Zusammenbruch des christlichen Abendlandes, mitten in dem großen Abfall von Christus und während und nach COVID?

Drei Anregungen seien gegeben: Die neue Kirche der Zukunft, die Jesus bei seiner Wiederkunft vorfinden wird, wird 1. aus Jüngern und nicht aus Traditionschristen bestehen, 2. in kleinen Gruppen organisiert sein und 3. eine Kirche der Märtyrer sein.

1. JĂĽnger gesucht

Als Jesus seinen Missionsbefehl gab, sagte er nicht: „Macht die Menschen zu Christen“, sondern: „Macht die Menschen zu meinen Jüngern“ (Matthäus 28,19). Es lohnt sich, über diesen Unterschied nachzudenken. Der Begriff „Christ“ (der als so etwas wie ein Spitzname für Jesusnachfolger begann) ist nach fast zweitausend Jahren „Christentum“ so abgedroschen, dass er in Gefahr ist, inhaltsleer zu werden. Wer ist denn ein Christ? Schaut man sich die Statistiken über die Mitgliedschaft in eingetragenen religiösen Vereinen an, wären in Deutschland immer noch über 50 Prozent der Bevölkerung Christen. Wenn das stimmte, hätten wir die gegenwärtigen Probleme nicht, und Regierung, Kirchen und Bevölkerung würden ganz anders mit der Pandemie umgehen.

Seit Jahrzenten schon bastelt man an Präzisierungen des Begriffs „Christ“ herum, um die „Aktiven“ von den „Lauen“ zu unterscheiden. Da gibt es „bekehrte Christen“, „entschiedene Christen“, „bibeltreue Christen“ und anderes. Es hat schon Stimmen gegeben, die allen Ernstes vorgeschlagen haben, den Begriff „Christen“ als missverständlich zu streichen und stattdessen von „Jesusnachfolgern“ oder „Jüngern“ zu reden. Aber egal, auf welche Vokabel man sich einigt: Die eigentliche Kirche, der Leib Christi, besteht aus Jüngern. Siehe den Missionsbefehl. Jünger sind keine Superchristen, geschweige denn perfekt; man denke nur an die Verleugnung des Petrus. Aber sie sind überzeugt von Jesus. Sie sind Untertanen des Königs, Soldaten seiner Truppe, Menschen, die von ihm begeistert sind und ihn als den größten Schatz ihres Lebens betrachten (vgl. wieder das Doppelgleichnis in Matthäus 13,44-45). Jünger folgen ihrem Herrn nach, sie gehorchen ihm. Sie basteln nicht an dem Projekt „Ich und mein Leben“, sondern an dem ungleich größeren Projekt „Gottes Reich“.

Jünger sorgen sich nicht um ihre Gesundheit, sondern um ihr Seelenheil. Und um das ihrer Mitmenschen. Jünger gehen nicht den breiten, sondern den schmalen Weg (Matthäus 7,13-14). Sie folgen nicht der Mehrheitsmeinung, sondern ihrem von Gottes Wort geschärften Gewissen. Sie gehorchen nicht dem Staat oder der Gesellschaft oder dem Zeitgeist, sondern Gott. Sie warten nicht auf eine menschengemachte schöne neue Welt mit „Klimagerechtigkeit“, sondern auf den wiederkommenden Christus und Gottes Gerechtigkeit (vgl. 2. Petrus 3,13).

Das Gegenteil von Jüngern sind Traditionschristen. Es gibt sie heute in verschiedenen Ausführungen. Es gibt die „einfachen“ Traditionschristen, die mit Kirchensteuer und Taufschein und hin und wieder einem Gottesdienstbesuch zufrieden sind. Und es gibt die „ernsten“ Traditionschristen, die zum Beispiel außer zum Gottesdienst noch in die Gemeinschaftsstunde gehen, treu ihren „Zehnten“ spenden, ihre festen Meinungen über die Wiederkunft Jesu oder die Entrückung haben und auf die „einfachen“ Traditionschristen herabsehen. Wenn es ernst wird und Verfolgung droht, schmelzen die Unterschiede zwischen „einfachen“ und „frommen“ Traditionschristen wie Butter in der Sonne. Wie COVID gezeigt hat und weiter zeigt. Denn Traditionschristen gehen nicht den schmalen Weg, sondern haben lediglich den breiten Weg religiös ausgeschmückt. Nein, die Kirche von morgen wird wieder aus Jüngern bestehen. Die Traditionschristen, egal welcher Schattierung, werden in der gottlosen Einheitsgesellschaft, die der Wiederkunft Christi vorangeht, aufgehen.

2. Small is beautiful

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte“, hat Jesus gesagt (Matthäus 18,20). In den vergangenen Jahrzehnten haben manche Kirchen und Gemeinden im „christlichen“ Westen auf die Zwei oder Drei herabgesehen. „Megakirchen“ waren Trumpf, Großveranstaltungen dokumentierten: „Wir sind wer.“ Gemeindewachstum wurde gerne an der Zahl der Besucher des Sonntagsgottesdienstes gemessen, weniger an der Zahl derer, die sich während der Woche privat zum Beten, Bibellesen oder Austausch trafen. Sowohl die Gemeinden in Osteuropa zur Zeit des Kommunismus als auch die in strikt islamischen Ländern heute zeigen uns ein ganz anderes Bild. Hier dominiert die kleine Hausgemeinde, die sich in privaten Lokalitäten heimlich trifft und damit zur „Untergrundkirche“ wird. Wer ein wenig die Kirchengeschichte studiert, der entdeckt, dass auch die frühe christliche Kirche im Bereich des Römischen Reiches von ihren Anfängen nach Pfingsten bis zur Konstantinischen Wende ganz überwiegend als Hauskirche strukturiert war. Anders konnte sie in einem Milieu, wo jederzeit die nächste Christenverfolgung losbrechen konnte, nicht überleben. Aber sie überlebte nicht nur, sie wuchs und wuchs. Sie wuchs auch später im Ostblock und sie wächst heute im Islam.

Es ist diese Hauskirche, die für die Christen auch in Deutschland das Zukunftsmodell ist. Eigentlich sogar schon das Gegenwartsmodell, denn in welcher normalen deutschen Kirchengemeinde, Stadtmission oder Gemeinschaft ist zurzeit eine normale Arbeit und ein normaler Gottesdienst möglich? Es ist ja nicht normal, wenn Singen nur mit Maske oder gar nicht „zulässig“ ist, man sich zum Gottesdienst schriftlich anmelden muss, die Wochenendfreizeit ausfallen muss, Aussätzige (Pardon: Ungeimpfte) auf die Empore müssen oder gar nicht reindürfen und die Gemeindeleitung unter dem Damoklesschwert der Angst vor Kontrollen durch das Ordnungsamt (oder vor der Ungnade der eigenen Kirchenführung) lebt.

Wache Jüngerinnen und Jünger haben dies bereits erkannt und sind dabei, Hausgemeinden im kleinen oder kleinsten Kreis aufzubauen. Sie entdecken, dass man das Heilige Abendmahl ja auch zu Hause im Wohnzimmer feiern kann und gar keinen „richtigen“ Pastor dazu braucht. Man kann auch an privaten Treffpunkten Bibelstunden, ja ganze Gottesdienste veranstalten. Und dass man den musikalischen Festgottesdienst mit Bachkantate überall dort veranstalten kann, wo es eine gute Musikanlage und die richtige Schallplatten- bzw. CD-Sammlung gibt, wissen wir im Grunde seit einem halben Jahrhundert.

Man kann auch im kleinen und kleinsten Kreis Evangelisation betreiben, Menschen zu Christus führen, Gott loben und anbeten, Seelsorge und Solidarität üben und sich systematisch in die Bibel einarbeiten. Und der folgende Satz ist keine Zukunftsspekulation, sondern eine nüchterne Feststellung: An dem Tag, wo Jesus wiederkommt, werden seine Jünger auf dieser Erde sehr wahrscheinlich nur noch in Hauskirchen organisiert sein. Die traditionellen Kirchengebäude werden dann alle entweder abgerissen oder zu Hotels, Diskotheken oder anderem umfunktioniert sein, so sie denn nicht (die schlimmste Variante) vom antichristlichen Staat kontrolliert werden. Die Kirche Jesu Christi der Zukunft wird aus zahlreichen privaten Zellen bestehen oder sie wird nicht mehr sein.

3. Bist du bereit, fĂĽr Jesus zu leiden?

Jünger müssen mit Verfolgung rechnen. „Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen“, hat Jesus seinen Jüngern gesagt (Johannes 15,20). Verfolgungen begleiten die Geschichte der Kirche jetzt seit zweitausend Jahren, und das lange Bestehen von Staatskirchen im „christlichen Abendland“ darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Verfolgung sozusagen der Normalzustand der Gemeinde Jesu Christi ist. (In den Staatskirchen wurde nicht selten die Kirche selber zur Verfolgerin.) In islamischen Ländern ist es heute ein ganz normaler Vorgang, dass jemand, der von Jesus Christus überzeugt worden ist und nun durch die Taufe in seine Gemeinde aufgenommen werden möchte, die folgenden beiden Fragen gestellt bekommt:

• Bist du bereit, für Jesus zu leiden?
• Bist du bereit, für Jesus zu sterben?

In der islamischen Kultur sind diese Fragen das Selbstverständlichste von der Welt. Sie waren es auch in den Untergrundkirchen des ehemaligen Ostblocks. Und genau diese Fragen kommen heute auf die Menschen im ehemals christlichen Abendland zu, die daran denken, Jünger Jesu zu werden – egal, ob sie bislang religiös unmusikalisch oder Traditionschristen waren. Bin ich bereit, für Jesus zu leiden, ja zu sterben? Nein, es geht nicht darum, sich mit Wonne als Christ verfolgen zu lassen, um damit mehr Punkte bei Gott zu sammeln! Sehr wohl aber darum, Gottes Wahrheiten unverdrossen zu bekennen und seine Aufträge anzunehmen und auszuführen, egal, was kommt. Ob man in der Zukunft auch im ehemals freien Westen für seinen christlichen Glauben ins Gefängnis oder KZ kommen kann, wird sich noch zeigen. Aber schon heute müssen wir mit größter Nüchternheit Fragen wie die folgenden beantworten (sie sind nur eine kleine Auswahl):

• Bin ich bereit, meinen Arbeitsplatz zu riskieren, weil ich sonst Christus verleugnen müsste?
• Bin ich bereit, den Traum vom eigenen Haus zu begraben und weniger Geld zu verdienen, weil ich sonst in meinem Beruf widergöttliche Positionen unterschreiben müsste?
• Bin ich bereit, für Christus meine Altersvorsorge zu riskieren? Meinen guten Ruf? Das Wohlwollen des Staates oder meiner Kirchenleitung?
• Was ist mir wichtiger: meine Gesundheit oder die Sache Jesu Christi?
• Was ist mir wichtiger: mein Ruhestand oder meine ewige Seligkeit?
• Was ist mir wichtiger: das Wohlwollen der gleichgeschalteten Medien oder das „Ja“ Gottes?
• Was ist mir wichtiger: dass meine Nachbarn mich in Ruhe lassen oder dass sie zu Christus finden?

Von den allerersten Gemeinden an war Christsein immer Jüngersein, und ein Jünger sein, das bedeutete, ein Zeuge Jesu Christi zu sein – auf Griechisch ein Märtyrer. Zeichen und Wunder sind für die Jünger und Jüngerinnen Jesu ein schönes Extra, für das sie dankbar sind, auf das sie aber keinen Anspruch haben. Das Martyrium ist ein Muss. Nein, nicht notwendig sofort Gefängnis, Folter und Tod, immer aber dieses: dass ich für Jesus den Kopf hinhalte, den Mund aufmache, ihm treu bin, Gott mehr gehorche als den Menschen (vgl. Apostelgeschichte 5,29) – egal, was es mich kostet. (Man denke noch einmal an das Gleichnis vom Schatz und der Perle.)

In der Zeit der Pandemie und der mit rasender Geschwindigkeit zunehmenden Diktatur ruft Gott uns nicht auf, den Kopf in den Sand zu stecken und zu warten, bis der Sturm vorbei ist. (Der Sturm wird weitergehen, bis Jesus wiederkommt.) Er ruft uns auf, den Kopf zu erheben: „Wenn diese Dinge zu geschehen beginnen, richtet euch auf und fasst Mut, denn dann ist eure Erlösung nahe“ (Lukas 21,28). Er ruft uns auf, in die Hände zu spucken und an die Arbeit zu gehen. Er ruft uns auf, ganz neu seine Zeugen zu sein. Er ruft uns auf, Jünger zu werden.
Wie antworten wir? Viel Zeit zum Ăśberlegen haben wir nicht mehr.

Dr. Friedemann Lux, Mitte Januar 2022

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 28. Januar 2022 um 11:02 und abgelegt unter Corona, Gemeinde, Kirche.