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Kirche, die keiner mehr braucht

Freitag 16. Juli 2021 von Peter Hahne


Peter Hahne

In Massen flĂŒchten die GlĂ€ubigen aus ihren Kirchen. Dabei mĂŒĂŸten Austrittswillige oder „Zwangsmitglieder“ (durch Taufe oder Elternhaus) doch schon lĂ€ngst weg sein. Die Zahlen waren bereits in den letzten Jahren dramatisch hoch. Jetzt geht es an die Substanz. Diesmal ist es so, als wĂŒrden die BundeslĂ€nder Bremen und Saarland geschlossen ausgetreten sein oder die Metropole MĂŒnchen, wenn man nĂ€mlich Kinder und Muslime etc. abzieht: insgesamt 441.000 Mitglieder kehrten beiden Großkirchen im Jahr 2020 den RĂŒcken.

Fast zu gleichen Teilen Katholiken und Protestanten. Das ĂŒberrascht, versteckte sich die EKD doch immer gern hinter dem Argument, der katholische Mißbrauchsskandal wĂ€re Hauptursache der Austritte. Nun ist es gerade der ach so fortschrittliche und moderne Protestantismus mit seinen Bischöfinnen, Pastorinnen, FlĂŒchtlings-Rettungs-Schiffen, Bibeln „in gerechter Sprache“ und dergleichen, der nicht weniger zur Ader gelassen wird als ein Katholizismus, der ja gerade erst beginnt, die EKD links zu ĂŒberholen.

Nein, die WELT bringt es auf den Punkt: „Nicht einmal Not lehrt noch beten!“ Und gibt dem vernichtenden Kommentar die Überschrift: „Die Kirche selbst hat das Signal gesendet, man brauche sie nicht mehr.“ Genau das ist das Dilemma, und darĂŒber wird all das klerikale ErklĂ€rungs- und Ursachen-GeschwĂ€tz fĂŒr das Drama zu Makulatur.

LĂ€cherlich die katholische Beruhigungs-Variante, den Leuten gingen die Reformen nicht schnell genug. Ach, dann mĂŒĂŸte die EKD ja Zulauf haben, so kommentiert auch die FAZ. Oder die evangelische Version, es seien ja weniger Austritte als erwartetet. Nein, Kirche war einfach nicht da, als sie am nötigsten gebraucht wurde.

„Wenn das Christentum nicht einmal in einer Zeit der Pandemie wieder mehr (!) Menschen existenziell zu berĂŒhren vermag, wann denn dann?“, fragt die WELT. Ja, die Menschen suchten noch, heißt es richtig, „aber sie werden in ihrer Kirche nicht mehr fĂŒndig.“ Das erkannte ĂŒbrigens schon Verleger Axel Springer, als er in den 1970er die EKD verließ und der selbstĂ€ndig-lutherischen SELK beitrat.

Unvergessen der Tweet des liberalen WELT-Chefs Ulf Poschardt nach dem Besuch eines Berliner Weihnachtsgottesdienstes 2017 „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der GrĂŒnen Jugend verbracht?“

Inzwischen hat sich dieses PhĂ€nomen in einer Weise beschleunigt, dass einem schwindelig wird: Regenbogen-Pfarrer und Gender-Bischöfe heißen alles gut, was der Zeitgeist gebietet, der Heilige Geist jedoch verbietet. Wer meint, die Grundurkunde des christlichen Glaubens, das Evangelium, nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich der Mode anpassen zu mĂŒssen, verliert jegliche AttraktivitĂ€t und GlaubwĂŒrdigkeit. Wozu eine Kirche, die in einer schwedischen SchulschwĂ€nzerin eine neue Heilige sieht?!

Unvergessen, wie der damalige Linken-Chef Gregor Gysi mir einmal sagte: „Wenn ich in die Kirche gehe erwarte ich, dass man ĂŒber SĂŒnde redet und mir die Leviten liest.“ Weil das eben sonst niemand kann. Doch SĂŒnde ist heute reduziert, pervertiert und minimiert auf KlimasĂŒnder, CoronasĂŒnder, DieselsĂŒnder oder AfD-WĂ€hler-SĂŒnder und Anti-Impf- und Anti-Regenbogen-SĂŒnder. FĂŒr das alles braucht man im Sinne des Kollegen Poschardt keine Kirche, das kann man bei GrĂŒnen und Jusos billiger haben.

Und das ist das nĂ€chste Problem: die Kirchensteuer wird einem Volk, dem gerade das Geld aus allen vorhandenen Taschen gezogen wird, einfach zu viel. Die Urlaubskosten haben sich dieses Jahr nahezu verdreifacht, so gerade das renommierte Vergleichsportal „Check24“. Die Energiepreise explodieren. Die kommenden Winter werden unbezahlbar. Und die Kirchen beteiligen sich ja an der Preistreiberei, nimmt man nur das Klima-Allotria von den Kanzeln oder das Herbeischiffen junger „FlĂŒchtlinge“ ins soziale Netz Deutschlands.

Dazu kommen Gender-Sprach-Richtlinien, die alles staatlich Verordnete weit in den Schatten stellen. Zum Jahresende hat der kĂ€mpferische Vorsitzende des Vereins deutsche Sprache (VDS), Prof. Walter KrĂ€mer, gegenĂŒber dem Bischof von Hildesheim seinen Kirchenaustritt zum Jahresende angekĂŒndigt —- „wegen der kirchlich angeordneten Vergewaltigung der deutschen Sprache.“ Er weiß damit bekanntlich mehr als zwei Drittel der BĂŒrger auf seiner Seite.

Ich könnte Listen von Pfarrern nennen, die ihre Posten verloren haben oder denen die Hölle heiß gemacht wird aus den himmlischen SphĂ€ren der Kirchenleitungen, weil sie sich (mit der Bibel in der Hand oder mit Luthers „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ auf den Lippen) all dem modischen Irrsinn zu widersetzten wagen. Nur dass CDU und CSU erstmals in ihrer Geschichte das christliche  Herzensthema „Lebensschutz und Abtreibung“ mit keiner Silbe im Wahlprogramm erwĂ€hnen, juckt die zeitgeistlichen Oberhirten nicht im Geringsten. Im Gegenteil, der Rubel rollt doch (noch).

„Geld erstickt den Glauben,“ dieser SchlĂŒsselsatz von Papst Benedikt XVI. bringt das ganze Dilemma auf den Punkt. Der Selbstbedienungsladen einer vom staatlichen Finanzamt eingezogenen Kirchensteuer lĂ€ĂŸt die klerikale Kaste so lange auf ihren synodalen Irrwegen wandeln, bis der letzte das Licht ausmacht.

Nur aus dieser Position heraus konnte man ungerĂŒhrt den obrigkeitlichen Corona-Verordnungen vorbehaltlos zustimmen. Die einsamen und hilfsbedĂŒrftigen GlĂ€ubigen in Seniorenheimen, Kliniken oder den TrauerhĂ€usern waren piep-egal, und jetzt kommt die Quittung. Das war gerade jetzt zu sehen, „als Bischöfe öffentliche Gottesdienste allzu klaglos absagten und manche Pfarrer ihre Kirchen allzu lange geschlossen ließen“ (WELT). Jetzt, wenn alles vorbei ist, braucht man Kirche tatsĂ€chlich nicht mehr.

Und wenn es noch eines Beweises bedarf, wie selbstzerstörerisch sich die Kirchen ihrer eigenen Substanz berauben: der Leitartikel der Neuen OsnabrĂŒcker Zeitung (NOZ) fordert hellsichtig und spitzfindig, kirchliche Privilegien unter die Lupe zu nehmen. Wenn immer weniger Eltern Mitglied einer christlichen Kirche sind, „gehört der konfessionell gebundene Religionsunterricht auf den PrĂŒfstand.“ Das kann man nahtlos erweitern auf die immer noch selbstverstĂ€ndlich erachtete Seelsorge in Armee, GefĂ€ngnissen oder KrankenhĂ€usern.

Was soll eine Kirche, die sich in Corona-Zeiten auf die Empfehlung reduzierte, auf Balkonen „fĂŒr die Helden“ zu singen oder das Internet zu nutzen und mitnichten daran dachte, auf „Systemrelevanz“ zu klagen? Die Zeit ist reif fĂŒr einen neuen Buchtitel: Kirche schafft sich ab.

Peter Hahne, 16.7.2021

Auch erschienen auf www.kath.net und der Achse des Guten (www.achgut.com)

Buchtipp: Peter Hahne: „Niemals aufgeben!“, Verlag mediaKern, 160 Seiten, Euro 9,95

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 16. Juli 2021 um 15:42 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Kirche.