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Covid-19 und mRNA-Impfstoffe ‚Äď eine kleine Orientierungshilfe

Freitag 26. März 2021 von Studiengemeinschaft Wort und Wissen e.V.


Studiengemeinschaft Wort und Wissen e.V.

Mit einer au√üerordentlichen Anstrengung sind in der Pharmaforschung angesichts des Infektionsgeschehens durch das SARS-CoV-2-Virus (Corona-Virus) Impfstoffe entwickelt und produziert worden. SARS-CoV-2 kann die Lungenkrankheit Covid-19 ausl√∂sen. Nach erfolgter Zulassung durch beschleunigte Verfahren sollen m√∂glichst gro√üe Teile der Bev√∂lkerung durch Impfung mit den entsprechenden Seren gegen SARS-CoV-2 immunisiert werden. Hier sollen einige wichtige Informationen zusammengestellt werden, die f√ľr die Beurteilung des Nutzens und der Gefahren der Impfstoffe wichtig sind. Welche Arten von Impfstoffen gibt es? Wie funktionieren die neuen mRNA-Impfungen? Und was bedeutet Immunit√§t?

Vorbemerkung: Wir haben bei der SG Wort und Wissen sehr viele Anfragen zum Corona-Virus, zur dadurch ausgel√∂sten Lungenkrankheit Covid-19 und zum neuartigen Impfstoff gegen das Virus erhalten. Da unser Mitarbeiter Peter Borger durch seine fr√ľhere akademische T√§tigkeit eingehende Kenntnisse √ľber Virus-√§hnliche genetische Elemente des Genoms besitzt, haben wir uns entschlossen, die nachfolgende Information zu diesem f√ľr die SG Wort und Wissen eher untypischen Thema weiterzugeben. In den ersten Abschnitten erhalten Sie √ľber den konkreten Anlass hinaus einige Informationen √ľber das menschliche Immunsystem, die Anlass zum Dank an den Sch√∂pfer geben, der den Menschen mit diesen ausgefeilten und lernf√§higen Abwehrmechanismen ausgestattet hat. Dass das Immunsystem √ľberfordert sein kann, ist ein Symptom der gefallenen Sch√∂pfung, sollte aber nicht vergessen machen, dass es in den meisten F√§llen sehr wirkungsvoll ist. Jeder Einzelne ist pers√∂nlich herausgefordert eine Position zu beziehen und diese durch sein entsprechendes Verhalten zu verantworten.

Virusimmunität

Ein in den K√∂rper eindringender Krankheitserreger wie das Virus SARS-CoV-2 muss eine Vielzahl von Barrieren √ľberwinden, bevor er eine Erkrankung ausl√∂sen kann. Diese Hindernisse erm√∂glichen eine nat√ľrliche Immunit√§t. Es gibt mindestens f√ľnf Verteidigungslinien des K√∂rpers, die durchbrochen werden m√ľssen.

Zun√§chst m√ľssen die sch√ľtzenden epithelialen Barrieren durchbrochen werden. Diese bestehen aus der Haut, der Nasenschleimhaut und der Lungenschleimhaut. Dar√ľber hinaus enth√§lt die Schleimhaut viele Arten von Molek√ľlen, die die Eindringlinge unsch√§dlich machen. Gelingt es dem Virus, diese Barrieren zu durchbrechen und in eine Zelle einzudringen, kommt es sofort mit den Zellen des Immunsystems in Kontakt, den Natural-Killer- und den Thymus-abh√§ngigen Zellen, der sogenannten NK- & T-Zell-Barriere des Immunsystems. Dies wird durch Interferone und Perforine unterst√ľtzt und ist eine sehr starke und effektive Immunantwort, die virusinfizierte Zellen ‚Äěmarkiert‚Äú und dann zerst√∂rt. Gleichzeitig wird das so genannte Komplementsystem aktiviert. Dabei handelt es sich um ein umfassendes System von Serumproteinen, die nacheinander aktiviert werden, um die Viren zu markieren, sodass sie durch spezielle Fresszellen eliminiert werden k√∂nnen. Durch Aktivierung dieser auch als Makrophagen bezeichneten Fresszellen werden auch alle Zellen mit Krankheitserregern sowie abgestorbene oder sterbende Zellen entsorgt. Gleichzeitig werden Zytokine ausgeschieden, darunter Interleukin-1, die einen Anstieg der K√∂rpertemperatur (Fieber) verursachen, was die Virusvermehrung hemmt. Alle diese Systeme arbeiten zusammen, um die Krankheitserreger zu stoppen.

Ist die Virusinfektion damit noch nicht √ľberwunden, wird das sogenannte adaptive Immunsystem angeregt, was eine Antik√∂rperproduktion ausl√∂st. Diese Reaktion besteht in der Aktivierung defensiver wei√üer Blutk√∂rperchen, der sogenannten B-Zellen. Es ist eigentlich die letzte Antwort gegen einen Eindringling, aber eine sehr wichtige. Die B-Zellen erkennen die Eindringlinge (mit ihren Zellmembran-gebundenen Antik√∂rpern) und beginnen, Antik√∂rper freizusetzen, die die Krankheitserreger binden und markieren. Diese Markierung stellt sicher, dass der Eindringling durch Phagozyten (Fresszellen) eliminiert wird. Sie werden durch andere wei√üe Blutk√∂rperchen (T-Helferzellen) aktiviert, die spezielle Molek√ľle (Zytokine) freisetzen, welche es den B-Zellen erm√∂glichen, den Eindringling immer besser zu erkennen (Isotypenwechsel). Die B-Zellen, die die besten Antik√∂rper produzieren, werden vom Immunsystem ausgew√§hlt und vermehrt: klonale Expansion. Am Ende bleibt eine Population von ‚ÄěSuperzellen‚Äú √ľbrig, die hochspezifische Antik√∂rper produzieren (jetzt als Plasmazellen bezeichnet). Jetzt ist das gesamte Immunsystem aktiviert, um die Infektion m√∂glichst rasch zum Abklingen zu bringen.

Sogenannte B-Ged√§chtniszellen zirkulieren nach einer √ľberstandenen Infektion im K√∂rper noch jahrelang, manchmal lebenslang, und reagieren bei der n√§chsten Begegnung mit dem gleichen Erreger sofort mit der richtigen Antik√∂rperreaktion. Es ist diese adaptive, Antik√∂rper-getriebene Immunit√§t, √ľber die in den Medien im Zusammenhang mit den Impfstoffen berichtet wird. Denn diese Immunisierung soll mit Impfstoffen erreicht werden, die die Antik√∂rperantwort erm√∂glichen bzw. verst√§rken sollen.

Eine Immunit√§t besteht jedoch aus viel mehr als nur aus diesen Antik√∂rpern. Tats√§chlich liegen Studien vor, die zeigen, dass 30‚Äď60% der untersuchten Bev√∂lkerung aufgrund der NK- und T-Zell-Immunit√§t oder durch immunologische Kreuzreaktionen mit anderen (Corona-)Viren bereits eine Immunantwort gegen das Virus SARS-CoV-2 besitzen [1-4]. Wie dringend notwendig ist also eine bev√∂lkerungsweite Immunisierung durch eine Impfung?

Unser Immunsystem ist also fast immer in der Lage, eine angemessene Antwort auf √§u√üere Bedrohungen zu finden. Allerdings braucht das Immunsystem manchmal eine helfende Hand, insbesondere wenn es mit einem sehr aggressiven Virus oder mit einem lebensbedrohlichen Mikroorganismus konfrontiert wird. Diese Unterst√ľtzung geschieht durch Immunisierung mit einem Impfstoff. Im Laufe der Zeit sind viele verschiedene Impfstoffe entwickelt worden. Diese sollen nachfolgend n√§her betrachtet werden, wobei wir uns auf Impfstoffe gegen Viren konzentrieren. Es gibt zwei deutlich unterschiedliche Kategorien von antiviralen Impfstoffen: 1. Impfstoffe, die inaktivierte Virusteile oder Virusproteine enthalten, und 2. Impfstoffe, die f√ľr virale Proteine codieren (DNA, mRNA oder rekombinante Viren).

Impfstoffe, die ein inaktiviertes oder abgeschwächtes Virus oder Virusproteine enthalten

In herk√∂mmlichen Impfstoffen werden entweder abgeschw√§chte oder tote Viren oder Fragmente davon verabreicht. Bereits im 18. Jahrhundert wurden Menschen mit fein gemahlenen Krusten von Pockenwunden von Kuhpocken gegen die echten Pocken (Variola) immunisiert. Die bei K√ľhen aufgetretenen Pocken erwiesen sich beim Menschen als viel weniger aggressiv, und diejenigen, die damit in Kontakt kamen, waren anschlie√üend gegen Variola immun. Die Impfstoffe, die mit abgeschw√§chten Erregern arbeiten, l√∂sen eine breite Immunantwort gegen alle Oberfl√§chenproteine von Viren aus. Kommt man nun mit einem √§hnlichen, dem eigentlichen Erreger in Kontakt, wird das ganze Immunsystem gezielt aktiviert und das Virus beseitigt. Pockenimpfstoffe sowie beispielsweise die Impfstoffe gegen Masern, Mumps und R√∂teln sind sogenannte Lebendimpfstoffe mit solchen abgeschw√§chten Erregern. Personen mit einem geschw√§chten Immunsystem (z. B. Patienten, die sich einer Chemotherapie unterziehen) sollten diese Impfstoffe nicht verabreicht werden. Diesen Nachteil besitzen Totimpfstoffe nicht. Dabei handelt es sich entweder um Impfstoffe aus inaktivierten Krankheitserregern (sog. Ganzpartikelimpfstoffe, z. B. gegen Hepatitis A und Polio) oder um Impfstoffe aus Fragmenten wie z. B. einem oder mehreren viralen Oberfl√§chenproteinen (sog. Subunit-Impfstoffe, z. B. gegen Grippe).

Herk√∂mmliche Impfstoffe haben den Nachteil, dass bei der Herstellung eine gro√üe Menge von Viren ben√∂tigt wird, die unter hohem zeitlichen Aufwand in Zellen oder H√ľhnereiern gez√ľchtet werden m√ľssen. F√ľr eine Impfstoffdosis werden mehrere Milliarden Viruspartikel ben√∂tigt, die aufgrund der Arbeit mit gef√§hrlichen Viren unter strengen Sicherheitsvorschriften produziert und aufgearbeitet werden m√ľssen.

Um diesen Problemen zu begegnen, wurden rekombinante Subunit-Impfstoffe entwickelt, bei denen die viralen Oberflächenproteine beispielsweise mittels gentechnisch veränderter Hefezellen produziert werden (z. B. gegen Hepatitis B und HPV).

Wie Medikamente k√∂nnen auch Impfstoffe Nebenwirkungen verursachen. Daher fordern verschiedene Kontrollbeh√∂rden wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie regionale Zulassungsbeh√∂rden wie die Europ√§ische Arzneimittelagentur (EMA) umfangreiche Testphasen mit vielen aufw√§ndigen Studien. So dauert die Entwicklung eines Impfstoffs bis zur Zulassung in der Regel mindestens 5‚Äď10 Jahre.

Antigencodierende Impfstoffe

Impfstoffe, welche die (meist modifizierte) Erbinformation (DNA, mRNA) eines Erregers beinhalten, werden als ‚Äěantigencodierende Impfstoffe‚Äú¬†bezeichnet. ¬†Diese Impfstoffe enthalten die¬†genetische Information f√ľr das Virusprotein (Antigen), gegen das eine Immunreaktion ausgel√∂st werden soll.¬†Nach der Impfung findet dann die Produktion des Virusproteins in den k√∂rpereigenen Zellen statt.

Solche Impfstoffe wurden auf dem Gebiet der Immunisierung seit einigen Jahren unter anderem gegen verschiedene Krebsarten entwickelt [5]. Mit Ausnahme der im Zusammenhang mit Covid-19 entwickelten Impfstoffe liegen jedoch noch keine Zulassungen f√ľr andere Anwendungen vor, befinden sich aber in fortgeschrittenen Testphasen [6].

Ein gro√üer Vorteil dieser Impfstoffe besteht darin, dass sie sehr schnell entwickelt und produziert werden k√∂nnen. Sie k√∂nnen im Labor ohne die Verwendung von menschlichen oder tierischen Produktionszellen zusammengesetzt werden. Die Forschung hat gezeigt, dass diese Art der Immunisierung sowohl zu einer zellul√§ren als auch zu einer adaptiven Immunantwort (mit Antik√∂rpern) f√ľhren kann.

Die Problematik dieser Impfstoffe besteht zun√§chst darin, dass Erbinformation in die K√∂rperzellen eingeschleust werden. Insbesondere DNA-Impfungen erwiesen sich bisher als nicht sehr effizient, weil DNA-Molek√ľle schlecht von den Zellen aufgenommen werden. Wenn die Aufnahme in die Zelle gelingt, muss die DNA in den Zellkern gelangen, wo sie in mRNA umgeschrieben werden kann. Diese muss danach in Virusprotein √ľbersetzt werden, gegen das die Immunantwort erfolgen soll. Ein Problem ist dabei, dass die Menge an Nukleins√§uren (DNA) und der damit synthetisierten Proteine in der menschlichen Zelle nicht ausreicht, um eine ausreichend starke Immunantwort zu erzeugen.

DNA-Vektorimpfstoffe

Die Entwicklung von¬†sogenannten DNA-Vektorimpfstoffen ist der Versuch, diesen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen. Diese Impfstoffe werden aus relativ schwachen Viren hergestellt, die typischerweise eine harmlose Erk√§ltung beim Menschen verursachen (zurzeit meistens Adenoviren). Die virulenten (= krankheitserregenden) Gene werden aus dem Erbgut dieser Viren entfernt, w√§hrend die viralen Genschalter erhalten bleiben. Dann wird in das Erbgut des harmlosen Virus ein Gen aus demjenigen Virus eingef√ľgt, gegen das eine Immunantwort erzeugt werden muss. Im Fall der Covid-19-Impfstoffe ist dies ein SARS-CoV-2-Gen, das f√ľr das virale Spike-Protein codiert.

Nach Injektion des modifizierten Virus, das das Gen von SARS-CoV-2 enthält, in den menschlichen Körper wird es von den körpereigenen Zellen aufgenommen. Auch hier muss die Vektor-DNA in den Zellkern gelangen und in mRNA umgeschrieben werden, woraufhin diese Zellen dann mit der Produktion des Spike-Proteins beginnen, das dann dem Immunsystem präsentiert und von diesem als körperfremd erkannt wird. Dies ruft dann sowohl eine zelluläre als auch eine Antikörper-Immunantwort hervor.

Es handelt sich hier um eine intelligente Nutzung von biochemischen Mechanismen, um Menschen zu immunisieren. Diese Technologie wird zurzeit bei dem Impfstoff AZD1222 der Firma Astra-Zeneca genutzt. Aber auch der russische Impfstoff Sputnik-V und der Impfstoff der Firma Johnson & Johnson sind DNA-Vektorimpfstoffe.

mRNA-Impfstoffe

Bei den Covid-19-mRNA-Impfstoffen handelt es sich um eine SARS-CoV-2-mRNA, die f√ľr das virale Spike-Protein codiert, die in einer Lipidh√ľlle verpackt ist. Die mRNA in dieser H√ľlle ist aber nicht einfach die gleiche mRNA, wie sie in unseren Zellen vorkommt, sonst w√ľrde sie innerhalb k√ľrzester Zeit abgebaut werden. Um die Stabilit√§t zu erh√∂hen, wurde einer der Bausteine der viralen mRNA, n√§mlich Uracil, durch Pseudo-Uracil ersetzt. Nach der Injektion hat die mRNA dadurch viel mehr Zeit, in die Zellen einzudringen und dort zu verbleiben. Der Vorteil ist, dass die mRNA sofort in das virale Spike-Protein √ľbersetzt werden kann, um die Immunantwort auszul√∂sen. (Dagegen muss DNA wie oben erw√§hnt zuerst in mRNA √ľbersetzt werden, bevor das virale Spike-Protein erzeugt werden kann.)

Im Herbst 2020 meldeten verschiedene Biotechnologie-Firmen Durchbr√ľche bei der Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen; die Meldungen erfolgten meist durch die Pressestellen der Firmen und wurden in den Tagesmedien verbreitet. Neben anderen war ein von BioNTech und Pfizer entwickelter mRNA-Impfstoff ein euphorisch kommentiertes Produkt [7, 8]. Zwei Pharmaunternehmen, das in den USA ans√§ssige Unternehmen Pfizer und das deutsche Unternehmen BioNTech, gaben bekannt, dass sich ihr mRNA-basierter Impfstoffkandidat BNT162b2 bei den Studienteilnehmern zu mehr als 90% wirksam hinsichtlich der Pr√§vention von Covid-19 erwiesen hat [8, 9]. Allerdings zeigte er bei 17% der getesteten Personen Nebenwirkungen [9].

Sind antigencodierende Impfstoffe gefährlich?

Es sind besonders diese neuartigen mRNA-Impfstoffe, die in manchen Medien heftig kritisiert werden, weil damit angeblich Menschen genetisch manipuliert, sie zu ‚ÄěMutanten‚Äú gemacht w√ľrden. Es wird oft behauptet, dass diese Impfstoffe in der Lage seien, unser Erbgut zu ver√§ndern. K√∂nnen sie das tats√§chlich?

Nach der g√§ngigen Meinung, die auch in den Medien immer wieder zu h√∂ren ist, sind mRNA-Impfstoffe in dieser Hinsicht unbedenklich.¬†Spektrum der Wissenschaft¬†schreibt zum Beispiel: ‚Äě‚ÄöEs gibt auch keinen Hinweis darauf, dass die von den K√∂rperzellen nach der Impfung aufgenommene mRNA in DNA umgeschrieben wird‚Äė, schreibt dazu das f√ľr Impfstoffzulassungen zust√§ndige Paul-Ehrlich Institut.‚Äú [10]

Vollkommen ausschlie√üen kann man eine genetische Ver√§nderung von Lebewesen durch mRNA-Impfstoffe aber dennoch nicht. Zum Verst√§ndnis m√ľssen wir einen genaueren Blick auf das menschliche Genom (Erbgut) werfen.

Das menschliche Genom enth√§lt ca. 20.000 Protein-codierende Gene sowie eine derzeit noch schwer absch√§tzbare Anzahl von regulatorischen RNA-Genen. Zusammen mit weiteren regulatorischen Sequenzen wie z. B. genetischen Schaltern machen diese Gene etwa 25% des Genoms aus. Dar√ľber hinaus bestehen etwa 50% des Genoms aus Sequenzen, die im Genom flexibel verschoben werden k√∂nnen (sog. Transposons) und deren Funktion und Bedeutung wir erst ansatzweise kennen. Es scheint sich vor allem um (epi-)genetische Schaltelemente zu handeln, die die Expression (Auspr√§gung) genetischer Programme steuern, also die¬†Nutzung¬†von Genen regulieren. Es gibt Hunderttausende dieser Elemente in unserem Genom.

Es ist wichtig zu wissen, dass jedes dieser transponierbaren Elemente f√ľr zwei Enzyme codiert: die Reverse Transkriptase (abgek√ľrzt RT) und die Integrase (abgek√ľrzt INT). Die Besonderheit des RT-Enzyms besteht darin, dass es ein RNA-Molek√ľl in ein DNA-Molek√ľl umwandeln kann, w√§hrend das INT-Enzym dieses neu gebildete DNA-Molek√ľl in die k√∂rpereigene DNA einbauen kann. Das bedeutet also, dass grunds√§tzlich biochemische Mechanismen vorhanden sind, fremde RNA-Abschnitte in k√∂rpereigene DNA umzuschreiben und diese in das vorhandene Erbgut zu integrieren. Damit k√∂nnten sich also auch genetische Ver√§nderungen ereignen.

Diese Gefahr ist auch bei den DNA-Vektorimpfstoffen nicht auszuschließen, da die Vektorviren das genetische Material (DNA) sogar direkt in den Zellkern einschleusen und damit das Potenzial haben, das Genom zu verändern.

Die unter hohem Druck in sehr kurzer Zeit entwickelten neuen antigencodierenden Impfstoffe, deren Wirkung auf die Minderung oder Vermeidung von Krankheitssymptomen¬†mit dem SARS-CoV-2-Virus Infizierter abzielt, konnten bisher nat√ľrlich nur begrenzt, d. h. v. a. auf kurzfristige Effekte hin, getestet werden. Langfristige Aspekte, wie z. B. die Wirkdauer, aber insbesondere auch eine m√∂gliche Genotoxizit√§t werden sich erst im weiteren Verlauf erweisen. Genotoxizit√§t bedeutet, dass der Einbau in die DNA die genetische Regulation st√∂rt, was zu genetischen Fehlfunktionen f√ľhren kann.

Die zurzeit verwendeten Covid-19-Impfstoffe haben nach einem beschleunigten Verfahren (Rolling Review) durch die Europ√§ische Arzneimittelagentur (EMA) eine bedingte Zulassung erhalten ‚Äď das ist zwar keine Notzulassung, wie sie in den USA oder in Gro√übritannien erfolgt ist, aber es m√ľssen dennoch innerhalb festgelegter Zeitr√§ume etliche noch fehlende Daten nachgeliefert werden. Es ist also zu erwarten, dass wir seltene Nebenwirkungen und auch Langzeitwirkungen auf diese Weise erst zuk√ľnftig entdecken und darauf reagieren k√∂nnen, wenn in Europa und weltweit bereits sehr viele Menschen diese neuartigen Impfstoffe erhalten haben.

Die mediale Verbreitung auch vorl√§ufiger und noch wenig gepr√ľfter Erkenntnisse stellt die Bev√∂lkerung unabh√§ngig von deren fachlicher Kenntnis vor die Herausforderung, Entscheidungen treffen zu m√ľssen, ohne dabei auf Erfahrungen oder Vorwissen zur√ľckgreifen zu k√∂nnen. So sehen wir einerseits eine gro√üe Besorgnis wegen der Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion vor allem f√ľr bestimmte Bev√∂lkerungsteile (Risikogruppen). Andererseits stehen nun Impfstoffe zur Verf√ľgung, bei deren Einsatz zwar die Vermeidung schwerer Verl√§ufe einer Covid-19-Erkrankung erwartet wird, deren Wirksamkeit und Sicherheit jedoch bisher nur im Rahmen sehr kurzer Studien mit relativ kleinen Gruppen von Probanden erwiesen werden konnte. Hinsichtlich der Nebenwirkungen bei Risikogruppen und der Langzeitnebenwirkungen f√ľr die gesamte Bev√∂lkerung bleiben noch viele Fragen offen [11]. An der¬†Beantwortung dieser Fragen muss noch lange Zeit intensiv gearbeitet werden.

Dank: Wir danken Isabelle Aberham f√ľr zahlreiche wertvolle Hinweise.

Anhang

Werden menschliche embryonale Stammzellen bei der Entwicklung, der Produktion und der Testung der antigencodierenden Impfstoffe verwendet?

Diese oder ähnlich lautende Fragen erreichten uns mehrfach. Daher an dieser Stelle eine kurze Stellungnahme:

In der medizinischen Forschung und bei der Herstellung und Entwicklung von Impfstoffen werden viele verschiedene Zelltypen verwendet.

Der Impfstoff ChAdOx1 der Firma Astra-Zeneca wurde mithilfe gentechnisch ver√§nderter menschlicher embryonaler Nierenzellen (HEK293) produziert, die urspr√ľnglich aus der Niere eines 1973 abgetriebenen F√∂tus gewonnen wurden. Zudem wurden in der Testphase MRC-5 Zellen, die urspr√ľnglich im Jahr 1966 aus der Lunge eines 14 Wochen alten abgetriebenen m√§nnlichen F√∂tus gewonnen wurden, verwendet [12]. Aber auch die mRNA- und manche anderen Impfstoffe verwenden embryonale Zellen zur Testung bzw. Produktion.

Sogenannte ‚ÄěFaktenchecker‚Äú versichern immer wieder, dass der Impfstoff der Firma Astra-Zeneca keine Stoffe aus f√∂talen Zellen enth√§lt. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, da solche Zellen f√ľr die Herstellung verwendet werden. Diese Zelltypen stammen von lebend abgetriebenen Babys, was in den Augen unseres Herrn eine S√ľnde ist. Diese Problematik ist nicht spezifisch f√ľr Covid-19-Impfstoffe, sondern besteht oft bei der Entwicklung von Pharmazeutika, insbesondere von Impfstoffen.

Geschrieben am 30.12.2020 von Peter Borger & Harald Binder (Letzte Aktualisierung: 19.03.2021)

 

Quellen

  1. Grifoni et al. (2020) Targets of T cell responses to SARS-CoV-2 Coronavirus in humans with COVID-19 disease and unexposed individuals. Cell 181, 1489‚Äď1501. https://www.cell.com/cell/fulltext/S0092-8674(20)30610-3
  2. https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2020-24/inland/warum-alle-falsch-lagen-die-weltwoche-ausgabe-24-2020.html
  3. Braun et al. (2020) SARS-CoV-2-reactive T cells in healthy donors and patients with COVID-19. Nature 587, 270‚Äď274.
    https://www.nature.com/articles/s41586-020-2598-9
  4. Cervia et al. (2020) Systemic and mucosal secretion specific to SARS-CoV-2 during mild versus severe COVID-19. bioRxiv, https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2020.05.21.108308v1.full
  5. Pardi N, Hogan MJ & Weissman D (2020) Recent advances in mRNA vaccine technoloy. Curr. Opinion Immun. 65, 14-20.
  6. Servick K (2020) mRNA next challenge: will it work as a drug? Science 370, 1388‚Äď1889.
  7. Cohen J (2020) Incredible milestone for science. Pfizer and BioNtec update their promising COVID-19 vaccine result. https://www.sciencemag.org/news/2020/11/covid-19-vaccine-trial-complete-pfizer-and-biontech-update-their-promising-result
  8. BIONTECH: https://biontech.de/de/covid-19
  9. New England Journal of Medicine: https://www.nejm.org/doi/10.1056/NEJMoa2027906
  10. Spektrum der Wissenschaft: https://www.spektrum.de/news/so-sicher-sind-rna-impfstoffe/1803899
  11. https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2034577

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 26. März 2021 um 11:11 und abgelegt unter Allgemein.