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Der Protestantismus vor dem ReformationsjubilÀum

Dienstag 14. MĂ€rz 2017 von Landesbischof i. R. Prof. Dr. Gerhard Maier


Landesbischof i. R. Prof. Dr. Gerhard Maier

In diesen Tagen mĂŒnden die Vorbereitungen fĂŒr das JubilĂ€umsjahr der Reformation in die letzte Phase ein. Das Gedenken gilt 500 Jahren Reformationsgeschichte, deren Beginn auf den 31. Oktober 1517 angesetzt wird. Damals schlug Luther 95 Thesen an, in denen er eine akademische Diskussion ĂŒber den Wert der AblĂ€sse herausforderte.

I. Einige derzeitige Tendenzen

  1. Eine davon wird gut fassbar im Chrismon-Artikel von Katharina Kunter, der kĂŒrzlich unter dem Titel «Ende eines Helden» erschienen ist.1 Der Verfasserin geht es darum, Martin Luther aus den Fesseln einer nationalen Vereinnahmung zu befreien. Sie verweist auf Beispiele aus dem ersten Weltkrieg. Dahinter steckt offenkundig das Bestreben, Luther im Reformations-Festjahr nicht irgendwelchen MissverstĂ€ndnissen zum Opfer fallen zu lassen.
  2. Eng damit verwandt ist eine zweite Tendenz, nĂ€mlich bewusst die dunklen Seiten des Reformators und ĂŒberhaupt der Reformation anzusprechen. Man möchte sich nicht dem Vorwurf aussetzen, ein einseitig positives Bild der Reformation zu vermitteln oder gar eine Art Kult der Reformatoren zu feiern.
    Kunter formuliert diese Besorgnis: Manchmal scheine es so, «als wolle die Kirche mit einem perfekt inszenierten ReformationsjubilĂ€um beglĂŒcken».2 Deshalb behandelt man immer wieder die antijudaistischen Schriften Luthers oder auch seine harte Kritik an den Bauern im Bauernkrieg oder an den TĂ€ufern oder – weil besonders aktuell – an den Muslimen.
  3. Eine dritte Tendenz tritt bei den ökumenischen GesprĂ€chen mit der katholischen Kirche hervor. Diese GesprĂ€che, die offenbar intensiv gefĂŒhrt werden, zielen darauf ab, möglichst viele gemeinsame Beurteilungen aufzuweisen. Es bleibt allerdings ein Grund-Dissens, den Kardinal Koch3 etwa so formuliert: Ein JubilĂ€um «kann von der Katholischen Kirche 2017 nicht gefeiert werden, wohl aber ein umfassendes Gedenken.»
  4. Eine vierte Tendenz lĂ€sst sich eher im Hintergrund wahrnehmen, ist aber durchaus spĂŒrbar. Sie ist keineswegs neu, sondern die Fortsetzung einer jahrhundertelangen Linie. Das ist die Tendenz, den Reformator als den Vater der Bibelkritik und als den Ausgangspunkt der historisch-kritischen Methode in Anspruch zu nehmen. Diese Tendenz wird zum Beispiel in Werner Georg KĂŒmmels «Das Neue Testament» in klassischer Weise formuliert4, und prĂ€gt heute die Einleitungswissenschaft in weiten Teilen.
  5. Aus einer Summe von Tendenzen, die sich natĂŒrlich immer neu vermehren lassen, ergeben sich noch keine Resultate. Als Zeitgenosse und gerade als evangelischer Beobachter fragt man sich jedoch: Was ist die Gesamtstrategie bei diesen JubilĂ€umsfeierlichkeiten? Worauf zielen sie? Adolf Schlatter hat in seinem «Christlichen Dogma» die Überzeugung vertreten, dass jedes Denken mit einem Wollen verknĂŒpft sei.5 Man fragt deshalb: Welches Wollen steckt hinter den vielen Planungen und Gedankenblitzen, die das JubilĂ€um vorbereiten? Werden wir manchmal nicht an einen LĂ€ufer erinnert, der ein perfektes Krafttraining absolviert, der aber bisher weder Bahn noch Ziel kennt?

II. Umschau: Der heutige Protestantismus in der Welt der Religionen

1. Inmitten der anderen christlichen Kirchengruppen

Die Wahrnehmung, dass er eine Bewegung innerhalb einer großen Kirche in dieser Welt bildet, fĂ€llt ihm schwer. Manchmal fĂ€llt es uns Protestanten schon schwer, auch in andern Protestanten noch die unam sanctam ecclesiam zu erkennen, die wir im Apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen. Das Ziehen von Grenzen blieb in unserer ganzen Geschichte ein offenes Problem. Ich erinnere mich an meine Jugend in Ulm an der Donau. Wenn einer ĂŒber die DonaubrĂŒcke ins bayrische Neu-Ulm ging, hieß es: «Jetzt kommt man in den Balkan», und wenn die Rede von lutherischen Gottesdiensten war, die man drĂŒben in Neu-Ulm feierte, lief manchem Ulmer eine GĂ€nsehaut ĂŒber den RĂŒcken.

Inzwischen ist deutlich, dass Gott die Hoffnung der frĂŒhen reformatorischen Generationen, dass die Reformation sich ĂŒberall durchsetzen wĂŒrde, nicht erfĂŒllt hat. Im Gegenteil: Die Lutheraner schwinden in ihren KernlĂ€ndern mehr und mehr, andere protestantische Denominationen nicht weniger. Die Christenheit wird heute stĂ€rker von den Kirchengruppen der Katholiken und Orthodoxen bestimmt. Eine besondere Tragik unserer Zeit liegt darin, dass die orientalischen Kirchen, die 1400 Jahre dem Islam widerstanden haben und in denen teilweise noch die Sprache Jesu gesprochen wird, jetzt binnen einer Generation nahezu ausgelöscht werden. Es ist allerdings hier nicht die Möglichkeit, dieses Thema weiter zu erörtern. Auch die bedrĂŒckende Tatsache, dass die protestantischen Kirchen teilweise untĂ€tig, teilweise sogar auf der Seite der Gegner der untergehenden Kirche sind, kann hier nicht weiter ausgefĂŒhrt werden. Genug, dass wir sehen, dass der Protestantismus auch 500 Jahre nach seiner Entstehung ĂŒber seinen Platz inmitten der anderen christlichen Kirchengruppen unsicher geblieben ist.

2. Inmitten anderer Weltreligionen

Die Renaissance des Islam wird in Europa immer noch als Überraschung empfunden. Es lĂ€sst sich wohl kaum ein grĂ¶ĂŸerer Gegensatz denken, als der zwischen dem Urteil unseres großen Dogmatikers Karl Heim (1874–1958) und dem tatsĂ€chlichen Geschehen. Karl Heim erklĂ€rte 1928, als er von der Tagung des Internationalen Missionsrates in Jerusalem zurĂŒckkehrte, es gebe eine «absolute Überlegenheit» des Christenglaubens gegenĂŒber den religiösen Werten aller anderen Religionen.6 Die außerchristlichen Weltreligionen hĂ€tten demnach keine Zukunft mehr gehabt. Achtzig Jahre spĂ€ter hat Deutschland zwischen vier und fĂŒnf Millionen Muslime, darunter zum Islam konvertierte Kirchenmitglieder, und man nimmt auf einen Schlag eine Million Muslime auf. Es hat muslimische Minister, Parlamentarier, Soldaten und einflussreiche muslimische VerbĂ€nde. Nicht anders das ĂŒbrige Westeuropa. Was geschieht hier? Als Christen haben wir die Überzeugung, dass Gott die Weltgeschichte regiert. Ist diese Überzeugung richtig, dann stellt sich die Frage: Was will uns Gott mit diesem Geschichtsverlauf sagen? Waren wir blind? Die Renaissance des Islam begann vor ca. 150 Jahren. Aber das ÜberlegenheitsgefĂŒhl, das den AbendlĂ€nder in Karl May’s «MenschenjĂ€ger» auszeichnet, ist uns immer noch geblieben. Haben wir vergessen, dass die mittelalterlichen Disputationen zwischen Christen und Muslimen in der Regel unentschieden ausgingen? Ich erinnere mich noch gerne an meinen evangelischen Religionsunterricht. Mit Genugtuung hörten wir von den christlichen Missionaren. Aber dass die Ausbreitung des Islam oft schneller vonstattenging, davon erfuhren wir nichts. Ist ein 500-jĂ€hriges JubilĂ€um nicht auch ein Anlass, sich den Fragen dieser Geschichte und vor allem den heutigen Herausforderungen zu stellen? Wie entschieden mĂŒsste da der missionarische Auftrag in den Vordergrund rĂŒcken.

Allerdings geht es nicht nur um Dialog, Mission und Theologie des Islam. Wie schon angedeutet, begegnen wir heute auch dem Buddhismus, dem Hinduismus und sogar dem Animismus auf erstaunlicher Breite. Wir haben es nicht mit schwĂ€chelnden Weltreligionen zu tun, sondern mit einer universalen Wiederkehr der Religion. Wiederkehr der Religion heißt aber zugleich: Wiederkehr der Wahrheitsfrage. Es geht um die Wahrheit, die meine Existenz gestaltet, nicht um Lessings Ringparabel, die mein Denken in einer sanftmĂŒtigen Toleranz zur Ruhe bringt.

Man muss es freilich Lessing zugestehen, dass er in fast prophetischer Hellsicht den zukĂŒnftigen Weg des aufklĂ€rerischen Europa beleuchtet hat. Seine Gedanken sind in großem Maßstab Allgemeingut des heutigen Protestantismus geworden. Als aktuelles Beispiel erwĂ€hne ich den Beitrag von Dietrich Heyde jĂŒngstens im Deutschen Pfarrerblatt.7 Im Schlussabschnitt stellt der Verfasser fest: «Jede Religion ist… eine (nicht die) menschliche Wahrheit» und: Jede Religion muss abrĂŒcken von dem «Anspruch, die alleinige Wahrheit zu sein».7a Soll der Protestantismus mit dieser vorgegebenen Relativierung in das GesprĂ€ch mit den Religionen und der Welt eintreten? Wo und wie wird er darauf im JubilĂ€umsjahr eine Antwort geben?

Damit rĂŒhren wir schon an den inneren Weg des Protestantismus, den wir in diesen 500 Jahren zurĂŒckgelegt haben.

3. Zum inneren Weg des Protestantismus

Der Protestantismus gleicht einem Strom aus zwei Quellen. Die erste Quelle ist ein biblisch-reformatorischer Impuls. Er suchte das wahre Evangelium, die echte apostolische Kirche, die Gnade und Gerechtigkeit Gottes fĂŒr den einzelnen Christen. Jener Impuls schlug sich nicht zuletzt nieder in der Liebe zum Wort Gottes entsprechend des berĂŒhmten Satzes Martin Luthers in seiner Assertio ominum articulorum von 1520: «ich will, dass die Schrift allein Königin sei» (solam scripturam regnare).8

Die zweite Quelle ist der Humanismus der großen europĂ€ischen Renaissance-Bewegung in Wiederaufnahme der vorchristlichen griechisch-römischen Tradition. Dieser Humanismus richtete sich damals kirchenkritisch gegen die bestehende römisch-katholische Kirche, trug aber das Potential zur Kritik an jeder vorfindlichen Kirche in sich. Das Licht, dem er folgte, war das Licht der Vernunft, die Kategorien, derer er sich bediente, schuf spĂ€ter die AufklĂ€rung.

Zuerst dominierte der biblisch-reformierte Impuls, der Luther, Calvin, Zwingli, Sattler und die frĂŒhen TĂ€ufer regierte. Man denke an die berĂŒhmte Definition Hans Schlaffers: «Ein Nachfolger Christi, der ist ein Christ.»9 Biblisch-reformatorisch wurde von der Herrlichkeit Christi gesprochen. Wieder und wieder wurde seine Zentralstellung hervorgehoben. Luther konnte ganz konzentriert sagen: «Wo Christus auch immer ist, da ist Licht.»9a Dann aber gewann der zweite Impuls, der aufklĂ€rerische Humanismus, mehr und mehr Raum. Im Zeitalter Lessings heißt es nun, dass Erziehung und AufklĂ€rung im Wege der Vernunft auf die «höchste Stufe» fĂŒhren werden.10

Noch immer gibt es das Kraftreservoir des biblischen Glaubens in den protestantischen Kirchen. Pietismus, biblizistische Theologie, bekenntnistreue Pfarrer, Erweckungsbewegungen und freie Gemeinden haben dazu beigetragen. Vor allem liegt ein solches Kraftreservoir in den außereuropĂ€ischen Kirchen. Es war ein Highlight fĂŒr die deutsche Fußballwelt, als die brasilianischen Fußballer in der 1. Bundesliga anfingen, ihre Trikots auszuziehen um mit dem großen Jesus-Namen auf ihren Hemden darunter zu werben. NatĂŒrlich wurde das von den deutschen OrdnungshĂŒtern rasch untersagt.

Doch neben den Kontinentalschollen biblischer VerkĂŒndigung und missionarischen Lebens drĂ€ngte sich unaufhaltsam das Meer aufgeklĂ€rt-humanistischer Impulse hervor. Das Dogma von der WidersprĂŒchlichkeit der Schrift setzte sich gegen die anderslautenden Äußerungen der neutestamentlichen Verfasser und gegen Augustinus durch. Wo die Inspirationslehre ĂŒberlebte, beschrĂ€nkte sie sich auf den Bereich der Personalinspiration. In den modernen Glaubensbekenntnissen, die Gerhard Ruhbach schon 1971 gesammelt hat,11 findet sich viel ĂŒber die Ohnmacht Jesu, seinen Kampf um die VerĂ€nderung der VerhĂ€ltnisse, ĂŒber Jesus als Bruder und Vorbild, aber wenig ĂŒber die Erlösung, die durch ihn geschah. Hier warten wirklich dringliche und der Zeit entsprechende Aufgaben auf uns. Mit dem Bild Martin Luthers als eines Polterers und Antisemiten hat man zu ihrer Lösung wenig beigetragen. Wir verlassen damit die Betrachtung Ă€ußerer und innerer Wege des Protestantismus und kommen zu einem dritten Teil:

III. Ungelöste Aufgaben

Dieser Punkt ist sicherlich am meisten subjektiv geprĂ€gt. Andere wĂŒrden ganz andere Akzente setzen. Meinerseits möchte ich hier auf drei Gebiete zu sprechen kommen: die Ethik, die Ekklesiologie und die Schriftfrage.

1. Das Gebiet der Ethik

Kaum ein Rom-FĂŒhrer wird sich die Möglichkeit entgehen lassen, die Via Urbana und die Via Panisperna zu besuchen, wo CĂ€sar gewohnt haben soll und Laurentius getötet wurde. Er wird dann wohl auch die kleine Nebengasse Salita Borgia aufsuchen, in der die Geliebte des Papstes Alexander VI. wohnte, die ihm vier Kinder gebar. Die VerhĂ€ltnisse des Borgia-Papstes waren bekanntlich einer der Auslöser der Reformation. Man hĂ€tte von daher erwarten dĂŒrfen, dass die Reformation der Ethik einen vorrangigen Platz einrĂ€umte. Das aber wird man nicht so ohne weiteres sagen können, jedenfalls nicht, was das Luthertum betrifft. Sehr frĂŒh begegnen wir der Klage, dass die evangelisch Gesinnten keineswegs einen vorbildlichen Lebenswandel fĂŒhrten. So schrieb Landgraf Philipp von Hessen 1530 an seine Schwester Elisabeth von Sachsen: «Ich sehe auch mehr Besserung bei denen, die man SchwĂ€rmer heißt, denn bei denen, die lutherisch sind.»12 Und Ludwig HĂ€tzer attackierte die AnhĂ€nger Luthers mit den Versen: «Ja, spricht die Welt: es ist nicht noth, dass ich mit Christo leide. Er litt doch selbst fĂŒr mich den Tod, nun zech ich auf sein Kreide. Er zahlt fĂŒr mich, dasselb glaub ich. Hiermit ists ausgerichtet. O Bruder mein! es ist ein Schein; der Teufel hats erdichtet.»13 Nicht umsonst hat spĂ€ter der Pietismus die Lebensreformation betont. Unter den Theologen des 20. Jahrhunderts legte Schlatter besonderen Wert auf die Werke des Gehorsams. In seiner Jakobusbrief-Auslegung konnte er schreiben: «Das ist die Weise der göttlichen Gnade, dass sie unsere bösen Werke vergibt und die Werke unseres Gehorsams uns zum Grund der Segnung macht.»14 Dabei geht es nicht nur um die theologische KlĂ€rung des VerhĂ€ltnisses von Glauben und Werken. Es geht vielmehr um die ganze praktische Arbeit der Kirche. Und es geht ganz grundsĂ€tzlich um das VerhĂ€ltnis von Prinzipien und Geboten, meines Erachtens besonders dringlich beim Prinzip der Liebe. Hat nicht der Protestantismus auf breiter Front die konkreten Gebote Gottes ersetzt durch seine Prinzipien, die sich nahezu beliebig fĂŒllen und fĂ€rben lassen?

Es entspricht ganz dem Wesen der AufklĂ€rung, wenn damit eine zunehmende Moralisierung des Lebens einhergeht. Sie findet statt unter den unmöglichsten Begriffen wie zum Beispiel dem des FremdschĂ€mens oder der Trauerarbeit. NatĂŒrlich kann man nicht alle Schuld an den gesellschaftlichen Entwicklungen dem Protestantismus zuschieben. Aber man wird nicht leugnen können, dass er dazu seinen Beitrag leistete. In alledem behielt er eine merkwĂŒrdige AffinitĂ€t zum politischen Leben. Ich erinnere mich an die Zeit, als es in der WĂŒrttembergischen Landessynode um die Frage ging, ob der Evangelische Kirchentag nach Stuttgart eingeladen werden sollte. Damals definierte der Bundesrichter Helmut Simon, eine fĂŒhrende Gestalt des Kirchentages, die evangelische Kirche so: «Wir sind eine BĂŒrgerrechtsbewegung.» Diese Simon’sche Definition scheint mir nahe an der Wahrheit und kommt mir immer wieder ins GedĂ€chtnis, wenn es zum Beispiel um öffentliche Stellungnahmen der evangelischen Kirchen geht. Dieser Tage erschien ein interessanter Artikel im Deutschen Pfarrerblatt, der den Titel trĂ€gt: «Die EKD und das neue Mittelalter».15 Verfasser ist Dr. Karl Richard Ziegert, frĂŒher Direktor der Ev. Akademie Speyer, 1995–2011 landeskirchlicher Beauftragter fĂŒr Weltanschauungsfragen. In einem Abschnitt, der mit «Abkehr von den Grundauffassungen der Reformation» ĂŒberschrieben ist16, beklagt er, dass die Kirche «in die Rolle der ersten Moralagentur der Gesellschaft» geschlĂŒpft sei. Sie sei zum Anwalt einer «Moral mit Annahmezwang» geworden.

Umso kritischer ist es, wenn die deutschen protestantischen Kirchen alle paar Jahre ihre Meinung Ă€ndern. Beobachten ließ sich dies beispielsweise in der Beurteilung von HomosexualitĂ€t und Mission. Kann eine christliche Kirche alle 15 oder 20 Jahre ihre Meinung Ă€ndern? Ein JubilĂ€umsjahr könnte ein Moment der Besinnung sein und AnstĂ¶ĂŸe zu biblischen KlĂ€rungen und Perspektiven geben. Wird diese Chance wahrgenommen?

2. Das Gebiet der Ekklesiologie

Wir sprachen bisher mit einer gewissen SelbstverstĂ€ndlichkeit von «Protestantismus». Dieser zusammenfassende Begriff ist wohl unverzichtbar. Aber hat er genĂŒgend Realsinn? Vor meinen Augen steht ein Erlebnis in Mbeya, Tansania, aus dem Anfang der 2000er-Jahre. Im Rahmen einer Reise einer wĂŒrttembergischen Kirchendelegation wurde ich damals zu Vorlesungen an der noch jungen UniversitĂ€t eingeladen. Aber nicht ohne VorprĂŒfung. Die Vertreter der dortigen lutherischen Theologie wollten von mir ganz konkret wissen, wie ich zu bestimmten Punkten stĂŒnde. Sie hatten mit Lutheranern aus Europa zwiespĂ€ltige Erfahrungen gemacht. Damals ging mir erst so richtig auf, wie tief der Riss zwischen europĂ€ischen und afrikanischen Lutheranern sein kann.

Wir wollten von ungelösten Aufgaben des Protestantismus im Gebiet der Ekklesiologie sprechen. Dabei geht es zunĂ€chst einmal um unsere Wahrnehmung. Wir sind Zeugen einer stĂ€ndig fortschreitenden AuffĂ€cherung. Wie viele protestantische Kirchen gibt es? Als ich Bischof in Stuttgart war, konnte ich das nicht einmal fĂŒr Stuttgart sagen. Als ich Regionalbischof in Ulm war, erhielt ich eines Tages eine schlichte Postkarte: «Wir haben in Ulm eine neue Gemeinde gegrĂŒndet.» Ich fand es sympathisch, dass man sogar eine Postkarte an den PrĂ€laten und Regionalbischof schrieb. Wie total anders das Denken in andern Kirchengruppen ist, wurde mir in Weißrussland bewusst. Als wir einen Arbeiterpriester in einer Vorstadt von Minsk besuchten, gab es zunĂ€chst eines jener langatmigen EinfĂŒhrungsreferate. Am Schluss reckte er sich hoch auf – irgendwie erinnerte er mich an Tolstois Figuren – und sagte langsam und betont: «Ich arbeite hier im Segen des Bischofs.» Dieser Segen drĂŒckte fĂŒr ihn gleichzeitig die Einheit der Kirche aus.

Seit den Reformatoren Luther, Calvin, Zwingli, Melchior Hofmann, Menno Simons und anderen hat sich die AuffÀcherung in Kirchen und Glaubensgemeinschaften innerhalb des Protestantismus immer weiter fortgesetzt. Der Dynamik dieser Entwicklung entspricht jedoch keine besondere Kraft der Ekklesiologie. Um es zugespitzt zu sagen: Wir alle lieben unsere Gemeinde, aber nicht die apostolische Kirche, die wir im Apostolicum und Nicaenum bekennen. Dahinter taucht eine zweite, biblische Dimension auf: Was ist dann mit Joh 13,34-35 und Joh 17,20ff?

Meines Erachtens wirkt sich hier bis heute ein reformatorischer Grundimpuls aus. Kurz gesagt: Wir wollten die Kirche reformieren, aber nicht Kirche sein. So bleibt die Ekklesiologie eine unge-löste Aufgabe.

3. Das Gebiet der Schriftfrage

Zweifellos ist das das schwierigste und doch ein entscheidendes Gebiet. Nur von «Hermeneutik» zu sprechen, wĂŒrde zu kurz greifen. Denn infolge der Reformation wurde die Bibel zu einem Volksbuch, das lange Zeit auch den Alltag der Evangelischen prĂ€gte. Man kann sich in der Tat diesem Thema nur so nĂ€hern, dass man zuerst mit grĂ¶ĂŸter Achtung von der Wiederentdeckung des Wortes Gottes spricht. Was Gottes Wort sagte, das wurde der alles andere ĂŒberbietende Maßstab fĂŒr Lutheraner, Calvinisten und die TĂ€ufer. Ob das Schleitheimer Bekenntnis vom 24. Februar 1527 darauf bestand, dass die Christen «gewappnet sind mit dem Wort Gottes» (Art. 6), ob die Confessio Augustana die Kirche als den Ort definierte, an dem das Evangelium rein gepredigt wird (Art. 7), ob das Zweite Helvetische Bekenntnis von 1566 das erste Kapitel sogar mit den Aussagen ĂŒber die Heilige Schrift als «das wahre Wort Gottes» begann – ĂŒberall, wo wir es mit der Reformation zu tun bekommen, gibt es keinen Zweifel daran, dass das biblische Wort Gottes die höchste Instanz darstellt. EindrĂŒcklich ist aber nicht nur dessen Bekenntnisrang, sondern auch die unmittelbar damit wachsende Liebe zu Jesus Christus. Weil gleichzeitig Heiligenverehrung und die Notwendigkeit einer Heilsvermittlung durch die Kirche entfielen, entstand ein neues, unmittelbares VerhĂ€ltnis zu Jesus. Im Solus Christus fassen sich ebenso wie im Sola fide, Sola gratia und Sola scriptura Hauptanliegen der Reformation zusammen. Noch einmal sei unterstrichen: Bis heute erscheint das unmittelbare, persönliche Jesus-VerhĂ€ltnis als eine Besonderheit der Reformationskirchen. Kind Gottes zu sein, wie es Röm 8 beschreibt, ein Nachfolger Jesu wie die Apostel zu werden, all das hat die Reformation neu erschlossen. Insofern sie dieses persönliche Jesus-VerhĂ€ltnis, gegrĂŒndet auf sein Wort, eröffnen, sind auch die Pfingstkirchen reformatorische Kirchen.

In einer langsamen, allmĂ€hlichen Entwicklung hat aber das Wort Gottes mehr und mehr die Stellung einer «Königin» eingebĂŒĂŸt, die ihm Luther so entschieden einrĂ€umen wollte.17 Es geriet nicht nur unter die Schatten des Zweifels, sondern der Theologiestudent sollte gezielt lernen, dass der Ausgangspunkt der neutestamentlichen Forschung «der wissenschaftliche Zweifel» sei.18 Die protestantischen Kirchen im nordatlantischen Raum stehen deshalb in einem ununterbrochenen Ringen um die Schriftfrage. Die Alternative lautet: Ist die Bibel Gottes Wort oder enthĂ€lt sie es nur? Soweit ich es beurteilen kann, vertritt eine breite Mehrheit bis in die evangelikale Bewegung hinein die These, dass die Bibel lediglich Gottes Wort enthĂ€lt. Die unmittelbar daraus folgende Aufgabe, festzustellen, wo dann in der Bibel dieses Wort Gottes vorliegt, ist kirchlich nicht mehr beantwortbar. Sie mĂŒndet in einen Subjektivismus, der ein Kirche-Sein ernsthaft in Frage stellt. Ich mache mir das an drei Generationen theologischer Lehrer klar: FĂŒr Rudolf Bultmann war die traditionelle SĂŒhnetheologie unsittlich, weil jeder fĂŒr seine eigene Schuld einstehen muss. FĂŒr seinen SchĂŒler Ernst KĂ€semann dagegen war die SĂŒhnetheologie unbestreitbar ein Teil des Neuen Testaments, allerdings nur eine Rand-Überlieferung. FĂŒr dessen SchĂŒler Peter Stuhlmacher wiederum war die SĂŒhnetheologie ein KernstĂŒck des Neuen Testaments. Die Folgen solcher Entwicklungen lassen sich zunĂ€chst daran aufzeigen, dass mehr und mehr die theologischen Kategorien durch anthropologische ersetzt werden. Die Bibel wird in deren Sichtweise als ein Niederschlag menschlicher Erfahrungen behandelt. Altes und Neues Testament leben aber von der Aussage «Und Gott sprach». Versteht man dies nur noch als Ausdruck menschlicher Erfahrung, dann verschwindet der Gott, der in Raum und Zeit eingreift, aus der Geschichte. Es verschwindet aber auch auf lange Sicht jeder Unterschied der Religionen. Denn die religiöse Erfahrung, fĂŒr sich betrachtet, teilen sich alle Menschen.

Unmittelbar zu beobachten sind die Folgen einer kritischen Bibelexegese sodann im Bereich der Inspirationslehre. Peter Stuhlmacher meinte schon vor vierzig Jahren, diese drohe zu «verkommen».19 In der Tat: Die Verbalinspiration, an der die KirchenvĂ€ter ebenso hingen wie die VĂ€ter der Reformation und des Pietismus, taucht heute meist nur noch in höhnischen oder schulmeisterlichen Bemerkungen auf. Die bloße Realinspiration scheiterte an ihren eigenen Problemen. Geblieben sind die RestbestĂ€nde der Personalinspiration wie das «religiöse Genie» oder ein Faszinosum oder Tremendum. Aber der ursprĂŒngliche Kern der Inspirationslehre, dass nĂ€mlich ein persönlicher Gott seine Botschaften bestimmten Menschen eigegeben habe, ging weithin verloren. Meines Erachtens wird uns dieser Verlust erst dann voll bewusst werden, wenn es im GesprĂ€ch zwischen Christen und Muslimen, zwischen Bibel und Koran, nicht mehr nur um freundliche Grußbotschaften, sondern um die Wahrheit geht.

Eine dritte Folge kritischer Schriftauslegung lĂ€sst sich an einem PhĂ€nomen beobachten, das Martin KĂ€hler einst den «Gelehrtenpapat» genannt hat. Im Verlauf der skizzierten Entwicklung konnte und durfte nĂ€mlich nur die wissenschaftliche Exegese feststellen, was Jesus wirklich gesagt haben könnte, welcher Evangelist irgendwelchen Tendenzen bis hin zu Polemik und Geschichtsverbiegung gefolgt sein soll, oder was die Aussagerichtung der biblischen Texte sei. Der evangelischen Gemeinde, die in der Reformation mit der Bibel beschenkt wurde, die gerade dadurch ihre MĂŒndigkeit erlangt hatte, wurde auf diese Weise die Bibel wieder entzogen. Ein Kontinuum der Reformationsgeschichte ist damit zerbrochen.20 Verse wie diejenigen, die Nikolaus Ludwig von Zinzendorf 1725 dichtete: «Herr, dein Wort, die edle Gabe, diesen Schatz erhalte mir, denn ich zieh es aller Habe und dem grĂ¶ĂŸten Reichtum fĂŒr. Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn? Mir ists nicht um tausend Welten, aber um dein Wort zu tun»21 haben damit die Bodenhaftung verloren. Ist es nicht so, dass unsere Andachten mehr und mehr von unseren klugen Gedanken leben, aber immer weniger vom Schwarzbrot der Bibel?

Welche Antworten wird das 500-jĂ€hrige JubilĂ€um auf solche Herausforderungen geben? Sicher: Ein JubilĂ€um ist kein Konzil. Aber eine Richtung, eine Wahrnehmung, eine Strategie sollte doch erkennbar sein. Das Gedenken an die Reformatoren genĂŒgt nicht, auch wenn sie von Gott gesegnete Menschen gewesen sind. Mein Wunsch lautet: Gebt den Protestanten das Bibelvertrauen zurĂŒck! In der Ă€ltesten uns erhaltenen christlichen Apologie, der des Aristides um 140 n. Chr., findet sich die Aussage: «Die Christen sind herumgezogen und haben gesucht, und die Wahrheit gefunden».22 Dankbare Finder der Wahrheit zu sein, das wĂŒrde uns Heutige mit den Reformatoren aufs engste verbinden.

Festvortrag von Landesbischof i. R. Prof. Dr. Gerhard Maier am Dies academicus der STH Basel am 24. September 2016

Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.
__________________

1 Chrismon, 06.2016, S. 48–49.

2 A.a.O, S.  49.

3 MĂŒndliche Mitteilung.

4 Dort 2. Aufl., Freiburg/ MĂŒnchen, 1970, S. 16ff.

5 Das christliche Dogma, 2. Aufl., Stuttgart, 1923, S. 96.

6 In: Ich gedenke der vorigen Zeiten, 4. Aufl., Wuppertal, 1980, S. 177 und 186.

7 Heft 8/2016, S. 432 ff.

7a A. a. O., S. 435.

8 Nach E. Hirsch, Hilfsbuch zum Studium der Dogmatik, 4. Aufl., Berlin, 1964, S. 85.

9 Vgl. «Die Johannesoffenbarung und die Kirche», WUNT, 25, 1981, S. 206.

9a WA 25, 120, 41 nach K. Aland, Lutherlexikon, 4. Aufl., Göttingen, 1983, S. 62.

10 G. E. Lessing, Die Erziehung des Menschengeschlechts, 1777, § 81.

11 Unter dem Titel «Glaubensbekenntnisse fĂŒr unsere Zeit», GĂŒtersloh, 1971.

12 Vgl. dazu G. Maier, Die Johannesoffenbarung und die Kirche, WUNT, 25, 1981, S. 205.

13 Vgl. a. a. O.

14 Der Brief des Jakobus, in: Schlatters ErlÀuterung zum Neuen Testament, 9. Teil, Stuttgart, 1928, S. 182.

15 Dt. Pf. Bl., Heft 7/2016, 116. Jahrgang, S. 383 ff.

16 A. a. O., S. 384

17 Vgl. Anm. S. 8.

18 So H. Conzelmann/A. Lindemann, Arbeitsbuch zum Neuen Testament, 3. Aufl., TĂŒbingen, 1977, S. 37.

19 Vom Verstehen des Neuen Testaments, NTD, ErgÀnzungsreihe, 6, Göttingen, 1979, S. 50.

20 Vgl. P. Stuhlmacher in ThB, 47, 2016, S. 224.

21 EG 198, S. 1.

22 Vgl. dazu G. Maier, Hermeneutik, 10. Aufl., Witten, 2015, S. 358.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 14. MĂ€rz 2017 um 11:53 und abgelegt unter Kirche, Theologie.