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Eine Schlange auf der Stange

Donnerstag 14. April 2016 von Pfr. Dr. Theo Lehmann


Pfr. Dr. Theo Lehmann

Predigt ĂŒber 4. Mose 21,4–9

Wenn mein vierjĂ€hriger Enkel zu mir sagt: »Opa, im Garten liegt ‘ne dĂŒnne Schlange«, dann ist das harmlos, denn er meint ja nichts weiter als einen Regenwurm. Wenn meine Mutter uns erzĂ€hlte, wie sie von einer richtigen Schlange angefallen wurde, waren wir atemlos. Ihr mĂŒsst wissen: Meine Eltern waren Missionare in Indien, und dort sind die Schlangen tatsĂ€chlich zahlreicher als bei uns die RegenwĂŒrmer.

Wenn du die Bibel liest, findest du auch verschiedene Schlangengeschichten, das geht ja gleich los bei Adam und Eva. Ich erzĂ€hle euch heute die seltsamste Schlangengeschichte der Bibel, 4. Buch Mose, Kapitel 21. Da lesen wir: Das Volk Israel war aus der Ă€gyptischen Sklaverei geflohen und zog durch die WĂŒste. Am Tag war’s heiß, in der Nacht war’s kalt, und jeden Tag dasselbe Essen. Montags: Manna mit Wachteln. Dienstags: Wachteln mit Manna. Mittwochs: Manna mit Wachteln usw. Das ist so, wie wenn du jeden Tag BrathĂ€hnchen mit Brötchen essen mĂŒsstest. Das geht drei Tage lang gut, aber am vierten Tag kannst du die Viecher einfach nicht mehr sehen, und wĂ€hrend du an der knusprigen Haut deines Gummiadlers herumzerrst, fĂ€ngst du an zu trĂ€umen. Es erscheint vor deinem inneren Auge das Bild einer schlanken Bockwurst, und du hast nur noch einen einzigen Wunsch – endlich wieder einmal so eine ganz gewöhnliche, ordinĂ€re Bockwurst vom Pappteller essen zu dĂŒrfen.

Hitze, KĂ€lte, Hunger, Durst, einseitige ErnĂ€hrung, vielseitige Gefahren, das alles haben die Israeliten noch ausgehalten. Aber als sie an das Umleitungsschild kamen, da war der Ofen aus. Ihr wisst ja, wie das ist: Der Mensch ist unwahrscheinlich belastbar. Aber irgendwo hat jeder seine Grenze, und wenn er an diesen Punkt kommt, bricht er zusammen. Dieser Punkt war fĂŒr das Volk Israel das Umleitungsschild. Als sie da ankamen, brach die Revolution aus. Das kam so: Die Israeliten wollten nach Kanaan. Um dahin zu kommen, mussten sie durch das Hoheitsgebiet der Edomiter. Und die weigerten sich, die Durchreiseerlaubnis zu erteilen. Die stellten einfach kein Transitvisum aus, sondern stellten einfach ein Umleitungsschild auf. Großer Pfeil nach rechts in die WĂŒste: »LĂ€nge der Umleitung 150 Kilometer.« Und du weißt ja, wie das ist, wenn du es eilig hast und an so ein blödes Umleitungsschild kommst, das dich wieder eine dreiviertel Stunde kostet – da kommt Freude auf. 4. Mose 21, Vers 4: »Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete gegen Gott und gegen Mose.«

LĂ€ssig – unzuverlĂ€ssig

Solange alles glatt geht, gehst du in deine Gemeinde und der Glaube an Gott fĂ€llt dir leicht. Sobald es beschwerlich wird, wird dir das Vertrauen zu Gott schwer. Wenn’s bei dir im Leben nicht so lĂ€uft, wie du willst, wenn du an ein Umleitungsschild kommst, fĂ€ngst du an zu maulen, und das Erste, was du brauchst, ist ein SĂŒndenbock. Denn schuld, das ist ja klar, schuld sind immer die anderen. Dass du selber vielleicht auf den falschen Weg geraten sein könntest, ist von vornherein ausgeschlossen. Du bist o.k., und die, die den Mist gebaut haben, das sind die anderen, die da oben, das ist der da oben, das ist Gott. Der hĂ€tte schließlich dafĂŒr sorgen mĂŒssen, dass dein Leben ohne Probleme verlĂ€uft. Der hĂ€tte aufpassen mĂŒssen, dass dir nichts passiert. Und dann kommt unweigerlich die Frage: Wie konnte Gott das zulassen? Das ist zwar heute nicht unser Thema, aber ich will wenigstens ein paar Gedanken dazu sagen. Gott hat den Menschen bestimmte Ordnungen gegeben, z. B. die 10 Gebote, und gesagt: »Wenn ihr euch danach richtet, dann klappt’s, wenn nicht, dann kracht’s.« Nun stellt euch mal vor, da fĂ€hrt einer bei Rot ĂŒber die Kreuzung. Folge: es kracht. Der Fahrer steigt aus, wirft einen Blick auf seine verbeulte Karosse und dem daneben stehenden Verkehrspolizisten vor: »Wie konnten Sie das zulassen?« Na, wie finde ich denn so was? Die Frage des Unfallverursachers ist doch eine UnverschĂ€mtheit. Der Fahrer ist schuld, nicht der Polizist. Und wenn der Mensch das Gebot Gottes absichtlich ĂŒbertritt, dann reinfliegt, dann ist die Frage »Warum hat Gott das zugelassen?« unfair, unlogisch, unverschĂ€mt. Nebenbei, es ist genauso unfair, dann, wenn’s bei dir gekracht hat, vorwurfsvoll zu fragen, wieso Gott in dem Moment nicht zur Stelle war. Du, der war auch schon zur Stelle in dem Moment, als du losgefahren bist. Hast du ihn denn da gebeten, dich auf der Fahrt zu behĂŒten und seinen Schutzengel mitfahren zu lassen? NatĂŒrlich nicht; ĂŒber Schutzengel kannst du ja bloß feixen und zum Beten hast du beim Losfahren auch keine Zeit. Aber dann meckern, dass er dich nicht beschĂŒtzt hat, obwohl du ihn ja gar nicht um seinen Schutz gebeten hast! Und wenn du schon dauernd fragst, warum Gott etwas zugelassen hat, dann mĂŒsstest du ehrlicherweise auch fragen: Wie konnte Gott zulassen, dass du ein Leben lang bei Rot ĂŒber die Kreuzung gekachelt bist (also die Gebote ĂŒbertreten hast), ohne dass dir was passiert ist? Du bist feist und gesund und es geht dir gut, obwohl du Gott ablehnst und dich kein einziges Mal bei ihm bedankt hast; das hat Gott auch zugelassen! Also wenn schon, denn schon! Und was heißt hier ĂŒberhaupt »Wie konnte Gott zulassen?« Wir haben Gott doch schon lĂ€ngst die Zulassung entzogen, in unser Leben reinzureden. Als es um die europĂ€ische Verfassung ging, gab es eine heiße Diskussion, ob das Wort Gott in die Verfassung aufgenommen werden soll oder nicht. Die Mehrheit war dagegen – wir bauen das Haus Europa ohne Gott, den brauchen wir nicht. In den bayrischen Schulzimmern wurden die Kreuze abgehĂ€ngt – brauchen wir nicht. Und die meisten Menschen in Europa verbitten sich energisch, dass Gott in ihr Leben reinredet – brauchen wir nicht. Nur wenn was schief geht, geht das Gejammer los: »Warum hat Gott das zugelassen?«

Sackgasse

»Gott, warum?« – das war (Vers 5) die Frage der Israeliten, als sie vor dem Umleitungsschild standen, als ihr Weg anders ging, als sie gedacht hatten. Gott, warum? NatĂŒrlich gibt es FĂ€lle, in denen diese Frage berechtigt ist. Die Frage ist ja verstĂ€ndlich. Vielleicht kommt jeder Mensch irgendwann mal im Leben an einen Punkt, wo er diese Frage stellt. Sogar Jesus hat sie einmal gestellt, als er am Kreuz hing und schrie »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Ich sage dir nur: Es ist ein entscheidender Unterschied, ob du das als ein glĂ€ubiger Mensch sagst (wie Jesus) oder als ein UnglĂ€ubiger. FĂŒr euch Atheisten, die ihr ja behauptet, dass es Gott gar nicht gibt, ist die Frage, warum Gott etwas zugelassen hat, doch weiter nichts als eine Gedankenspielerei, eine intellektuelle Lappalie. FĂŒr uns Christen ist das aber eine existentielle Katastrophe. Wenn du dein Leben in die Hand Gottes gelegt hast, ihm vertraust und alles von ihm erwartest, und dann passieren dir Dinge, die du nicht verstehen, nicht verkraften, nicht einordnen kannst, dann geht dir diese Warumfrage an den letzten Nerv. Was wirklich Zweifel an Gott ist, davon habt ihr Atheisten ĂŒberhaupt keine Ahnung, sondern das wissen nur die Christen. Und ich sage dir: Wenn du nicht weißt, dass Gott dein Vater ist, der dir nichts Böses tut und der dich liebt, wenn du das nicht weißt, dann weiß ich fĂŒr dich keinen Trost, wenn es dich trifft.

Ich kenne die Warumfrage auch. Vor vielen Jahren hatte ich eine Freundin, Mutter von drei Kindern. Eines Tages bekam sie Krebs, und ihr wisst ja, was in einer Familie los ist, wenn einer Krebs bekommt, zumal wenn es die Mutter ist. Damals haben viele Menschen fĂŒr diese junge Frau gebetet. Ich bin noch oft mit meinem Mitarbeiter, wenn wir nachts vom Dienst kamen, in das Dorf gefahren, wo sie wohnte. Wir haben fĂŒr sie gebetet und ihr – wie es uns als Knechten Gottes befohlen ist – die HĂ€nde aufgelegt, aber die Dorothea wurde immer weniger. Eines Tages, als ich sie besuchte, lag sie nur noch da. Da hat sie mich angesehen und zu mir gesagt: »Theo, wenn ich tot bin, beerdigst du mich dann?« So was hatte mich noch nie einer meiner Freunde gefragt. Und ein paar Wochen spĂ€ter war es soweit. Da lag sie aufgebahrt im Sarg, und ich stand daneben, und da haben sie mich alle angesehen, so wie ihr mich jetzt anseht – der Ehemann, die Kinder, die Eltern, die Freunde, die Gemeinde. Und aus ihren Gesichtern sprach nur eine einzige Frage: »So, Pfarrer, jetzt erklĂ€re uns mal, warum Gott zugelassen hat, dass diese junge Mutter von drei Kindern sterben musste.« Ich habe diese Frage nicht beantworten können. Ich habe damals gesagt, dass Gott keine Fehler macht und dass »denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen« (Römer 8,28), und die Dorothea war ein Mensch, der Gott geliebt hat. Aber eine Antwort auf die Warumfrage wusste ich nicht. Ich weiß nur, dass diese Frage gefĂ€hrlich ist. Sie ist ja ein grundsĂ€tzlicher Misstrauensantrag. Dahinter steckt doch die Meinung: Gott hat nicht richtig aufgepasst, der ist unfĂ€hig, der macht Fehler. Das ist ja nicht nur Zweifel an Gottes FĂ€higkeiten, sondern auch an seiner GĂŒte, seiner FĂŒhrung, seinen Verheißungen.

Die Beißer machen’s noch heißer

Die Israeliten hatten von Gott die Verheißung, dass er sie nach Kanaan bringen wĂŒrde. Aber die Israeliten hatten kein Vertrauen mehr zu Gott, dass er das fertigbringen wĂŒrde. Das war ihre Schuld. Das ist das, was die Bibel SĂŒnde nennt: Unglaube, Ungehorsam, mangelndes Vertrauen. Aus diesem Misstrauen kommt auch das miesmacherische Gemaule der Israeliten, Vers 5: »Warum hast du uns aus Ägypten gefĂŒhrt, dass wir sterben in der WĂŒste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise.« Statt froh zu sein, dass sie ĂŒberhaupt noch was zu essen haben, haben sie noch die große Klappe. Die haben ĂŒberhaupt keinen Durchblick mehr, wie die ganze Geschichte gelaufen war. Gott hatte sie aus der Sklaverei befreit – hatten sie vergessen. Gott hatte sie durch das rote Meer gefĂŒhrt – hatten sie vergessen. Gott hatte ihnen versprochen, sie nach Kanaan zu bringen – hatten sie vergessen. Und dass sie nicht gleich nach Kanaan kamen, sondern jahrelang durch die WĂŒste irren mussten, und dass das ihre eigene Schuld war – das hatten sie erst recht vergessen. Alles vergessen, aber am Essen mĂ€keln: »Uns ekelt vor dieser Fastfood-ErnĂ€hrung.«

Weißt du, du kannst eine ganze Weile gegen Gott meckern. Du kannst jeden Morgen, wenn du dich im Spiegel siehst, dich bei Gott beschweren, dass du nicht so eine Traumfigur hast wie die Heidi Klum. Es haut Gott, den Chef des Universums, nicht gleich von seinem Thron, wenn Klein-Erna aus Winzighausen was an seiner Weltregierung auszusetzen hat. Gott ist hart im Nehmen. Aber du brauchst dich nicht zu wundern, wenn Gott irgendwann mal auch hart reagiert. Vers 6: »Da sandte Gott feurige Schlangen unter das Volk, die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.« Das ist ja nun nicht gerade die feine englische Art, wie sich Gott hier seinem vergesslichen Volk in Erinnerung bringt. Das passt vor allem ĂŒberhaupt nicht zu unserer Vorstellung vom lieben Gott, der schließlich dazu da ist, uns die Fliegen zu verscheuchen, aber nicht, um die Leute mit feurigen, fliegenden Schlangen zu piesacken. Aber ich rede hier ja nicht vom lieben Gott – ich weiß ĂŒberhaupt nicht, wer diesen Popanz eigentlich erfunden hat – , sondern ich rede von dem Gott der Bibel, und die sagt: »Irrt euch nicht, Gott lĂ€sst sich nicht spotten,« und: »Es ist schrecklich, in die HĂ€nde des lebendigen Gottes zu fallen.« Diese Seite Gottes, seine Heiligkeit, seinen Zorn, sein gerechtes Gerichtshandeln, haben die Menschen noch nie sehen wollen.

Aber die Bibel sagt nicht nur, dass Gott den SĂŒnder liebt, sondern auch, dass er die SĂŒnde hasst. Die Bibel spricht nicht nur von der Liebe Gottes, sondern auch von seinem Zorn ĂŒber die SĂŒnde. Und sie spricht vor allem auch ĂŒber die Folgen der SĂŒnde. Und unsere Schlangengeschichte ist eine einzige Auslegung des Bibelwortes (Römer 6,23): »Die Folge der SĂŒnde ist der Tod.« SĂŒnde ist doch kein harmloser Flop! SĂŒnde ist ein tödliches Gift, auch wenn du das auf den ersten Blick gar nicht so mitkriegst. Hast du schon mal Kohlenmonoxyd gesehen? Oder gerochen? Kohlenmonoxyd ist ein Gas, das ist garantiert unsichtbar, garantiert geruchlos, aber garantiert tödlich, wenn du’s einatmest und in deine Lungen reinlĂ€sst. So ist das mit dem Zeug, das die Bibel SĂŒnde nennt. Wenn du die in dein Leben reinlĂ€sst, merkst du erst gar nicht, wie gefĂ€hrlich das ist. Aber sie vergiftet dein Leben. Erst gehst du daran kaputt, dann gehst du deswegen in die Hölle. Sag jetzt nicht: »Nu mal langsam! Das darf man alles nicht so wörtlich nehmen, mit der SĂŒnde und der Hölle und so, der liebe Gott wird das schon nicht so verbissen sehen.« Also den Israeliten, die von den Schlangen gebissen waren, war dieses lahme GeschwĂ€tz vom lieben Gott, dessen Wort man nicht ernst zu nehmen braucht, lĂ€ngst vergangen. Die vergingen vor Todesangst, ĂŒberall im Lager Schlangen, Tote, Sterbende. In ihrer Angst rannten sie zu Mose und sagten (Vers 7): »Wir haben gesĂŒndigt, als wir gegen Gott und gegen dich geredet haben.« Mit anderen Worten: Es bricht eine Bekehrungsbewegung aus. Menschen kehren um zu Gott. Und das ist es, was Gott will, was er erreichen will durch seine GĂŒte und durch seine Gerichte. Und das ist es, was er auch heute erreichen will bei dir. Er will dich erreichen, dein Herz, dass du von deinem falschen Weg umkehrst.

Red’ kein Blech!

Als die Israeliten merkten, dass ihre SĂŒnde ihnen den Tod brachte, als sie sich bekehrten und um Vergebung baten, da sagte Gott zu Mose (V. 8): »Mach dir eine Schlange aus Metall und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sie ansieht, der soll leben.« Also jetzt wird’s verrĂŒckt! Dass Gott feurige Schlangen schickt, um die Menschen munter zu machen, klingt schon ungewöhnlich. Aber dass er eine Schlange auf der Stange hinstellt, um die Menschen heil zu machen, das klingt einfach unsinnig. Ich stelle mir vor, dass die Leute damals zu Mose gekommen sind und gesagt haben: »So ein Schwachsinn! Kannst du uns vielleicht mal erklĂ€ren, wie das funktionieren soll? Einfach bloß hinsehen und wupp – sind die Wunden weg, das glaubst du doch selber nicht! Du spinnst wohl? Das ist doch Dummenfang! Uns kann kein Arzt mehr helfen, da hilft uns auch deine Schlange nicht, das ist doch lĂ€cherlich.« Und lieber gingen sie zugrunde, weil sie zu stolz waren, einen bittenden Blick auf die erhöhte Schlange zu werfen. Andere argumentierten: »Wenn die wenigstens aus Gold oder so was wĂ€re! Aber einfaches Metall, was soll’n das nĂŒtzen? Ist doch alles Quatsch. An so was glauben ist doch primitiv.« Und sie gingen zugrunde, weil ihnen die Schlange als Rettungsmittel zu primitiv war. Andere sagten: »Es klingt zwar primitiv, aber vielleicht hilft’s tatsĂ€chlich; wenn ich auf die Schlange sehe? Aber das muss ja nicht gleich sein. Morgen ist ja auch noch ein Tag. Heute fĂŒhle ich mich eigentlich noch ganz wohl, und wenn es mir morgen schlechter gehen sollte, kann ich ja morgen mal bei der Schlange vorbeigucken.« Und noch wĂ€hrend sie so redeten, tat das Gift seine Wirkung und sie starben, und es war zu spĂ€t, nach der rettenden Schlange zu blicken. Sie gingen zugrunde, weil sie den entscheidenden – im wahrsten Sinne des Wortes – Augenblick verpasst hatten.

Es gibt in der Geschichte zwischen Gott und Mensch Momente, die sind einmalig, die kommen so nie wieder; es gibt auch ein ZuspĂ€t. Andere lagen da und beschĂ€ftigten sich nur mit sich, mit ihren Problemen, ihren Ängsten. Die sahen auf den Schlangenbiss am Fuß, sahen auf die Wunde an ihrer Hand, sahen, wie es immer schlimmer wurde, sahen nur auf sich, niemals auf die erlösende Schlange, und sie gingen zugrunde.

Angekreuzt

Und dann waren welche im Lager, die machten, was Gott sagte, auch wenn es primitiv klang. Die glaubten, was Gott sagte, auch wenn es verrĂŒckt klang. Die nahmen ihn beim Wort, auch wenn es unmöglich klang. Die nahmen es wörtlich, einfach so. Die sahen die Schlange an und wurden gerettet. Vers 9: »Wer gebissen wurde und auf diese Schlange sah, blieb am Leben.« So wird das hier in der Bibel berichtet. Und jetzt gibt es vermutlich eine Gruppe unter euch, die sagt: »So ein Blödsinn. Bisher hat er ja ganz nette Geschichten erzĂ€hlt, aber heute geht der Theo entschieden zu weit. Das kann er vielleicht noch seinen Ossi-Omas in der Oberlausitz andrehen. Das sind doch MĂ€rchen fĂŒr bekloppte Höhlengeister, so was kann man doch als vernĂŒnftiger Mensch wirklich nicht ernst nehmen.« Wirklich nicht? Jesus, der Sohn Gottes, der ja auch ein vernĂŒnftiger Mensch gewesen ist, hat diese Geschichte sehr ernst genommen, blutig ernst. Er hat sie nĂ€mlich auf sich bezogen und gesagt (Johannes 3,14): »So, wie Mose in der WĂŒste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.« Mit »Menschensohn« meint Jesus sich, mit »erhöht werden« meint er, dass er noch ans Kreuz gehĂ€ngt werden muss. Warum er gekreuzigt werden musste, warum sich Gott nichts anderes ausgedacht hat, um uns zu retten, hat Jesus nicht erklĂ€rt. Es muss so sein, weil’s Gott so beschlossen hat, basta. Und das Beste ist immer, dem Wort Gottes zu glauben, einfach so, wie es dasteht. Denn das Einzige, was Gott von dir verlangt, ist, dass du an ihn glaubst, ihn ansiehst, ihn als deinen Retter ansiehst. Also sieh ihn dir an, wie er am Kreuz hĂ€ngt, zwischen Himmel und Erde, von Gott verlassen, von den Menschen verspottet, wie er verblutet und fĂŒr seine Mörder betet: »Vater, vergib ihnen.« Wir alle sind ohne Jesus verloren. Wir alle sind von der gleichen Schlange gebissen, von der gleichen SĂŒnde infiziert, vom gleichen Gift verseucht, vom gleichen Tod bedroht. Und wir alle haben bei Jesus die gleiche Chance, »dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.« Jesus möchte, dass du lebst, verstehst du? Dass dein Leben gelingt, dass du das Leben hast. Nach so einem Abend kam mal ein junges MĂ€dchen zu mir, und sagte: »Ich tĂ€te mich schon bekehren, aber ich bin doch noch so jung.« Die dachte, wenn sie Christ wird, ist der Spaß am Leben vorbei. Dabei ist es genau umgedreht. Jesus hat gesagt (Johannes 10,10): »Ich bin das Leben. Ich bin gekommen, dass ihr ein Leben habt, das euch voll genĂŒgt.« So ein Leben mit Jesus heißt nicht, dass er dir deine Probleme abnimmt. So hatten sich das die Israeliten gedacht, als sie von den Schlangen fertig gemacht wurden. Sie kamen zu Mose und sagten (V. 7): »Bitte Gott, dass er die Schlangen von uns nimmt!« So hĂ€tten wir’s gern, dass Gott uns die Probleme aus dem Weg rĂ€umt, wie in dem Kindergebet: »Lieber Gott, mach doch bitte, dass die Vitamine nicht im Spinat, sondern im Pudding sind.« Oder wie das Morgengebet des alten Hektikers: »Gib mir Geduld, aber bitte gleich!«

Beste Blamage statt Demontage

Gott rĂ€umt dir die Schlangen und Schwierigkeiten nicht aus dem Weg. Er gibt dir keine Garantie fĂŒr ein Leben ohne Probleme. Er gibt dir Jesus, und der gibt dir die Kraft, deine Probleme anzupacken oder auszuhalten, und der vergibt dir, was du falsch gemacht hast – wenn du es bereust. Du brauchst nur zu glauben, dass das stimmt, was Jesus zuletzt am Kreuz gesagt hat: »Es ist vollbracht.« »Dieser Satz«, so hat der berĂŒhmte Prediger Spurgeon mal gesagt, »ist das stĂ€rkste Bollwerk gegen die Irrlehren der römisch-katholischen Kirche, die von solchem unbiblischen Firlefanz wie Fegefeuer faselt, von Werken und Ablass, als ob es möglich wĂ€re, sich auf diese Art und Weise nĂ€her an den Himmel ranarbeiten zu können.« Du hast nichts zu deiner Erlösung beizutragen und du kannst nichts dazu beitragen. Du brauchst dich nur an das Wort zu halten: »Es ist vollbracht.« Deine Erlösung ist vollbracht. Da fehlt nichts mehr. Nun kommt das ĂŒbliche Gegenargument: »Wieso soll ich an einen glauben, der vor 2.000 Jahren an einem Kreuz gestorben ist? Wieso kann der mir meine SĂŒnden vergeben? So was ist doch primitiv!« Und tatsĂ€chlich hat doch Professor Bultmann, dieser berĂŒhmte Vertreter der modernen, rationalistischen Theologie geschrieben: »Welche primitive Theologie, dass ein Mensch gewordenes Gotteswesen durch sein Blut die SĂŒnden der Menschheit sĂŒhnt.« Damit hat Bultmann die Mitte der heiligen Schrift verlassen, das Zentrum der Reformation verleugnet, das Kreuz als primitiv verspottet und das ausgesprochen, was viele denken, nĂ€mlich: Der Glaube an den Gekreuzigten ist Unsinn. An dieser Stelle muss ich euch mal eine Geschichte vom Kaiser Napoleon erzĂ€hlen. Dem wurde gesagt, man könne mit der Dampfmaschine mĂ€chtige Kriegsschiffe antreiben. Und da Napoleon stĂ€ndig Krieg fĂŒhrte und die ganze Welt erobern wollte, erklĂ€rte man ihm, die Dampfmaschine könne ihn diesem Ziel nĂ€her bringen. Da guckte Napoleon zum Salonfenster raus und sah, wie draußen einer vorbeiging, der eine Zigarre rauchte. Und da hat er spöttisch gefragt: »Das bisschen Dampf soll ein Kriegsschiff antreiben?« Damit war fĂŒr ihn der Vorschlag erledigt. Er hielt sich fĂŒr den GrĂ¶ĂŸten und merkte nicht mal, dass er unfĂ€hig war, Qualm von Dampf zu unterscheiden. Aber weil er stolz und mĂ€chtig war, verhinderten sein Stolz und seine Macht, verbunden mit seiner Dummheit, dass die Erkenntnis von der Kraft der Dampfmaschine ins damalige französische Heer eingefĂŒhrt wurde. Dieser Fehler hat spĂ€ter – unter anderem – sein Schicksal mit entschieden.

Das ist unsere Situation. Wir lehnen Gottes Rettungsmittel – das Kreuz – als primitiv ab. Dabei entscheidet sich unser Schicksal gerade daran, was wir von dem gekreuzigten Jesus halten. Ob wir in ihm eine Kraft Gottes erkennen, die unser Leben verwandelt, oder ob wir ihn verkennen, weil er am Kreuz einen schĂ€bigen Eindruck macht. Denn als er am Kreuz hing, da hing er nicht zwischen zwei feierlichen Altarkerzen, sondern zwischen zwei fiesen Anarchisten, hat nach Schweiß gestunken, nach Gott geschrien – das war kein elegantes Sterben, im Gegenteil, das war die grĂ¶ĂŸte Blamage, die Gott sich je geleistet hat. Da gibt es welche unter euch, die zu uns sagen: »Das ist doch eine Blamage fĂŒr euch. Ihr bietet hier jeden Abend euren Jesus an wie sauer Bier, aber tagelang hat kein Mensch Lust, bei euch mitzumachen.« Ja, das ist eine Blamage. Nicht fĂŒr Wolfgang Tost und mich, wir sind doch bloß Knechte von Jesus, aber fĂŒr ihn ist es eine. Der war schon immer bereit, sich zu blamieren, buchstĂ€blich bis auf die Knochen zu blamieren, Hauptsache, er kommt dir dadurch nahe, und nĂ€her als im Tod kann uns niemand kommen.

Die Krönung ohne Verwöhnaroma

Blamage hin, Blamage her – dieser Mann, der blutig am Kreuz hĂ€ngt, ist die Lösung: die Erlösung, die Gott uns anbietet. Ob primitiv oder nicht – dieser Mann ist Gottes letztes Angebot. Dieser Mann ist Gottes letztes Wort. Dieser Mann ist Gottes Weisheit letzter Schluss. Etwas anderes ist dem großen Gott, der sich das Universum ausgedacht hat und lenkt, etwas anderes ist ihm zur Erlösung der Menschheit nicht eingefallen. Und da stellst du dich mit deinem Stolz und deiner BeschrĂ€nktheit hin und hast noch die Frechheit, Gottes Weisheit als »Unsinn« abzustempeln. Wir halten unsere Dummheit fĂŒr der Weisheit letzten Schluss und Gottes Weisheit und Lösung fĂŒr Dummheit. Aber das hat schon der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief (1,18) geschrieben: »Es kann gar nicht anders sein: FĂŒr die, die verloren gehen, muss die Botschaft vom Kreuzestod als primitiver Unsinn erscheinen. Wir aber, die wir gerettet werden, erfahren darin Gottes Kraft.« Bei dieser gegensĂ€tzlichen Beurteilung ist es bis heute geblieben. Peter Maffay, der dieses Lied geschrieben hat »Lieber Gott, wenn es dich gibt«, der hat gesagt: »Ich betrachte Jesus mehr als eine historische Gestalt und weniger als eine Person, die fĂŒr mich gekreuzigt worden sein soll.« Der hat also ĂŒberhaupt nicht begriffen, wer Jesus ist. Und Bob Dylan, der grĂ¶ĂŸte Liedermacher unserer Zeit, der singt nach seiner Bekehrung in einem seiner Lieder: »Da ist ein Mann am Kreuz, und er ist fĂŒr dich gekreuzigt. Glaube an seine Kraft, sie reicht aus, um bestehen zu können.« Und dazwischen gibt es Menschen, die sagen: »Ist ja alles schön und gut, aber fĂŒr mich gibt es keine Rettung mehr. Meine Schuld ist zu groß. Ich kann mich bei Gott nicht mehr blicken lassen. FĂŒr mich gibt’s keine Vergebung. Ich habe zuviel falsch gemacht.« Mensch, was hat denn das damit zu tun? Jesus ist fĂŒr alle SĂŒnden gestorben! Wenn er Vergebung fĂŒr seine eigenen Mörder erbeten hat, vergibt er auch dir, auch dann, selbst wenn du einen Mord wie eine Abtreibung hinter dir hast. KĂŒmmere dich doch nicht darum, ob du viele SĂŒnden hast oder wenige, große oder kleine. Alles, was du zu tun hast, ist: Sieh auf Jesus! Glaub an ihn! Das heißt: Trau ihm zu, dass er dein Leben in Ordnung bringt und dir vergibt. Ich sage dir: Es ist niemand anders als der Teufel, der dir jetzt einreden will, das kĂ€me fĂŒr dich alles nicht in Frage, weil du hier neu bist oder zu alt oder zu jung. Ich will mal ein Wort zu den Alten sagen. Es ist schon fĂŒr einen jungen Menschen nicht leicht, sich zu bekehren. Und deshalb ist es fĂŒr einen Ă€lteren Menschen gleich gar nicht leicht, wenn du zugeben musst, dass du 30 oder 50 oder 70 Jahre verkehrt gelebt hast. Aber Bekehrung hat doch mit dem Alter nichts zu tun! Das wĂ€re doch die Krönung deines langen Menschenlebens, wenn du heute reinen Tisch machst, dir von Jesus deine SĂŒnden vergeben lĂ€sst und dann aufrecht in den Himmel gehen kannst.

Wer tickt oder was tickt?

Und ich will mal ein Wort zu den Jungen sagen. Ihr braucht gar nicht zu denken »Ja, der Pfarrer soll mal den Alten einheizen, wir haben ja noch Zeit.« So? Wie viel Zeit habt ihr denn noch? 20 Jahre? Oder zwei? Oder zwei Stunden? Ich bin ja als Jazzfan eifriger Leser der deutschen Jazzzeitschrift. Da war mal ein Interview drin mit dem Michael Petrucciani, einem der grĂ¶ĂŸten Jazzpianisten. Der hat da erzĂ€hlt, was er alles in seinem Leben noch machen will, welche CDs und mit wem, was er noch komponieren will usw. Da hat ihn die Reporterin gefragt: »Herr Petrucciani, wann wollen Sie denn das alles machen?« Da hat er geantwortet: »Ich bin doch noch jung. Ich hab doch noch Zeit.« Als ich diese SĂ€tze las, lag Petrucciani schon ein paar Wochen unter der Erde. Er hatte gedacht, dass er noch viel Zeit hat, und ahnte nicht, dass seine Uhr schon abgelaufen war. Nicht alle Stars leben so naiv dahin. Melanie Thornton hatte in Leipzig vor 40.000 Besuchern ein Konzert gegeben, danach ein Interview. In diesem Interview hat sie gesagt: »Wir wissen alle nicht, ob wir morgen noch leben. Ich lebe jeden Tag so, als ob es mein letzter wĂ€re.« Ein paar Stunden spĂ€ter war sie tot, als ihr Flugzeug beim Landeanflug auf ZĂŒrich zerschellte. Und wie ist nun deine Einstellung zum Leben und zum Sterben? Ich rufe dich zu Jesus, egal, ob du hier neu, alt oder jung bist. Genau du bist gefragt, egal, wie verwundet du bist, verwundet durch deine eigene Dummheit oder durch die Bosheit anderer Menschen. Ich rufe dich zu Jesus und berufe mich dabei auf seine eigenen Worte, »dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.« Alle! Nicht: Alle, die 18 sind, Abitur haben, anstĂ€ndig angezogen sind usw. Nein: Alle. Das heißt: Keiner ist ausgeschlossen. Du auch nicht.

Und selbst wenn du behauptest, du könntest nicht glauben, dann behaupte ich: Du könntest ja wenigstens wie der zweifelnde Vater sagen: »Herr, ich möchte glauben, hilf meinem Unglauben.« Das langt! Du brauchst doch nur wie der sinkende Petrus deine Hand auszustrecken und zu sagen: »Herr, ich versinke.« Das ist genug! Du brauchst nur wie der Zöllner zu sagen: »Gott sei mir SĂŒnder gnĂ€dig.« Das reicht! FĂŒrchte dich doch nicht, es mit Jesus zu versuchen, auch wenn du das mit dem Kreuz noch nicht richtig verstehst, auch wenn du das alles verrĂŒckt findest. Na klar, das Kreuz ist genauso verrĂŒckt wie die Metallschlange. Dass der Sohn Gottes fĂŒr uns stirbt, ist doch das VerrĂŒckteste, was jemals auf der Welt passiert ist und das alle unsere MaßstĂ€be verrĂŒckt. Kein Mensch kann das Kreuz begreifen, kein Mensch kann das Kreuz erklĂ€ren. Aber jeder Mensch kann daran glauben und jeder kann dadurch gerettet werden. Und die einzige ErklĂ€rung fĂŒr diese VerrĂŒcktheit – die Schlange auf der Stange und der Sohn Gottes am Kreuz – die einzige ErklĂ€rung fĂŒr diese VerrĂŒcktheit ist, dass Gott verrĂŒckt ist vor Liebe, vor Liebe nach einer verlorenen Welt, die sich ihm gegenĂŒber in Rebellion befindet. »Denn«, so sagt die Bibel (Johannes 3,16), »so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.«

Pfarrer Dr. Theo Lehmann

Quelle: Theo Lehmann, Gott will alle – sieben evangelistische VortrĂ€ge, 2. Auflage 2014 (BroschĂŒre des Gemeindehilfsbundes).

Die BroschĂŒre kann fĂŒr 2,00 € zzgl. Versand in der GeschĂ€ftsstelle des Gemeindehilfsbundes, MĂŒhlenstr. 42, 29664 Walsrode (info@gemeindehilfsbund.de, Tel.: 05161/911330) bestellt werden. Außerdem ist eine DVD mit allen 7 evangelistischen VortrĂ€gen, die fĂŒr den Fernsehsender Bibel TV aufgezeichnet wurden, in der GeschĂ€ftsstelle erhĂ€ltlich (20,00 € zzgl. Versand).

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 14. April 2016 um 17:25 und abgelegt unter Predigten / Andachten.