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Trösten lernen bei Martin Luther

Mittwoch 18. Mai 2005 von Dr. Joachim Cochlovius


Dr. Joachim Cochlovius

Trösten lernen bei Martin Luther
Nach Luthers Schrift „Vierzehn Tröstungen für Mühselige und Beladene“ (1519)

Einführung

Der Anlaß zu dieser Schrift

Am 12.1.1519 war Kaiser Maximilian gestorben. Im Vorfeld der Kaiserwahl gab es ein großes diplomatisches Tauziehen. Das Haus Habsburg schlug den Enkel Maximilians vor, Karl von Spanien. Der Papst favorisierte König Franz I. von Frankreich, aber die deutschen Kurfürsten wollten Karl zum Kaiser wählen. Der Papst versuchte noch, die Wende zu bringen, indem er dem sächsischen Kurfürsten Friedrich den Weisen die Kaiserkrone anbot, zusätzlich noch einen Kardinalshut. Aber die Kaiserwahl fand am 28.6.1519 mit einer einstimmigen Wahl Karls V. statt. Die Umstände der Wahl hatten Friedrich den Weisen gesundheitlich zugesetzt. Nach der Rückkehr in seine Residenz Torgau erkrankte er schwer. Der kurfürstliche Hofkaplan Spalatin forderte Luther auf, für den Kurfürsten eine Trostschrift zu verfassen. Im August 1519 ging Luther an die Arbeit, am 22. September war er damit fertig.

Die Aufgabe

Verschiedene Schwierigkeiten waren zu bedenken und zu überwinden. Luther sollte eine persönlich abgefasste Trostschrift schreiben, durfte aber seinem Landesherrn nicht zu nahe treten. Er mußte den Ernst der Situation bedenken, was aus der Reformation werden sollte ohne den Kurfürsten, gleichzeitig mußte er aber auch ein mutmachendes Wort finden. Auch der persönlichen Frömmigkeit des Kurfürsten mußte Rechnung getragen werden. Friedrich war ein eifriger Reliquiensammler. 1518 zählte man in seinen Sammlungen 17443 sog. „Heiltümer“. Hier stand Luther vor der Aufgabe, schonend und doch deutlich den Blick des Kranken von den Heiligen weg zu Christus zu lenken. Luther selbst war in großer Bedrängnis. Die Disputation mit dem Theologieprofessor Joh. Eck in Leipzig hatte keine Wende zugunsten der Reformation gebracht. Der Prozeß gegen ihn wurde in Gang gesetzt, nachdem er mehrmals herausgeschoben worden war.

Die Form

Im 14. Jahrhundert war der Kult der sog. „Vierzehn Nothelfer“ aufgekommen. Das waren Heilige, die in allen möglichen Nöten, von Zahnschmerzen bis hin zur Sterbeangst und Angst vor bösen Geistern, angerufen wurden. In der Torgauer Marienkirche gab es ein Altarbuch von Lucas Cranach, das diese 14 Nothelfer darstellte. Luther knüpft an dieses Bild an, weil er davon ausgehen konnte, daß der Kurfürst in seiner Frömmigkeit nun in seiner Krankheit bei diesen 14 Nothelfern Trost suchen würde. Aber im Grunde nimmt er nur die Zahl sowie die Tatsache auf, daß all diese Heiligen bestimmte Nöte und Leiden durchmachten sowie bestimmte Tugenden hatten, die vorbildlich waren. Im Ergebnis erzielt er auf diese Weise eine Gegenüberstellung von sieben Übeln und sieben Gütern.

Die Seelsorge

Luther spricht in dieser Schrift in taktvoller Weise den Erfahrungs- und Frömmigkeitshintergrund des Kurfürsten an. Er versetzt sich in die Verantwortung eines leitenden Amtes und in die damit verbundenen Freuden und Enttäuschungen. Er nimmt auch die Heiligenverehrung, ja sogar den Reliquienkult des Kurfürsten hinein, und er versucht ihn von dort in den unmittelbaren Christusglauben hineinzuführen. Die bestimmende und die ganze Trostschrift durchziehende Aussage ist die Feststellung: „Wahren Trost kann man nur aus der Schrift schöpfen“. Das Wort der Schrift, durch das Gott selber spricht, schenkt dem Menschen innere Freiheit von allem, was ihn bedrückt und bedrängt. Die Heilige Schrift handelt nach Luther in einer doppelten Weise an uns. Sie hält uns immer zwei Bilder des Lebens vor. In guten Tagen weist sie uns hin auf den Ernst böser Zeiten, und in bösen Tagen erinnert sie uns an die Tage des Glücks. Im Reichtum weist sie auf die Armut hin, in Armut auf den geistlichen Reichtum bei Gott, in Sorgen auf die Freuden, in Freude auf die Not usw. Dies ist nach Luther ein Grundzug des göttlichen Trostes. Wie führt uns nun die Schrift zu dieser inneren Freiheit? Luther sagt: „Der Heilige Geist weiß, daß jede Sache für den Menschen so viel Wert und Bedeutung hat, als er ihr selbst beimißt“. Der Heilige Geist arbeitet durch das Schriftwort an uns in der Weise, daß er uns befreit von der Hochschätzung und Liebe zu den irdischen Dingen und die göttlichen Dinge in ihrem Wert uns vor Augen stellt. Freiheit entsteht, indem der Heilige Geist eine völlige Umwertung der Werte vornimmt, so daß nichts Irdisches mehr eine Macht über den Menschen auszuüben vermag.

Tafel: Die sieben Übel

Die Übel in uns: Das eigene Verderben der Sünde

Der Mensch hat die Hölle in sich. Das ist schlimmer als das schlimmste körperliche Leiden. Ps. 11,11: „Alle Menschen sind Lügner“. Diese schlimme Verderbnis erfaßt der Mensch gar nicht in ihrer vollen Tiefe. Wer wirklich die Sünde erkennt, der muß zugrunde gehen, so wie es einige Gottesmänner erfahren haben. „Der Herr tötet und macht lebendig, führt in die Hölle und wieder heraus“ (1.Sam. 2,6; Lobgesang der Hanna). Es ist Gnade Gottes, daß wir an der Erkenntnis unserer Sünde nicht verloren gehen. Aber all unsere Schwachheit und unser Elend, das wir erkennen, dient dazu, daß wir daran denken sollen, daß Gott uns allezeit heraushelfen kann. Insgesamt steht fest, daß wir immer von mehr Leid verschont als geplagt werden.

Die Übel vor uns: Künftige Nöte

Die gegenwärtige Not wird kleiner, wenn wir an die vielen schrecklichen Möglichkeiten denken, welche die Zukunft z.B. an Krankheitsnöten über uns bringen könnte. Wie dankbar sollten wir sein, daß stets nur ein Bruchteil der möglichen Not uns dann auch tatsächlich trifft. So bekennt Jeremia in den Klageliedern: „Die Güte des Herrn ist es, daß wir nicht gar aus sind“ (Klagelieder 3,22). Durch ein Übel erinnert uns Gott an die vielen Übel, die uns in dieser Welt treffen könnten und auch treffen würden, wenn Gott sie nicht von uns fernhielte. So wie die Meereswellen eine Grenze haben (Hiob 38,11: „Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollen sich legen deine stolzen Wellen“), so begrenzt Gott auch unsere Not. Christen sollten mit Furcht vor möglichen Übeln in die Zukunft blicken „Darum, wer sich läßt dünken, er stehe, mag wohl zusehen, daß er nicht falle“. Das schlimmste Übel ist der Tod, der vor uns steht. Aber wir sollten bei der Betrachtung des Todes auch immer daran denken, daß er für uns Christen ein Diener des Lebens sein muß. So ist auch diesem Übel vor uns tapfer entgegenzusehen.

Die Übel hinter uns: Frühere Nöte

Der Blick auf die vielen Übelstände und Gefahren in unserem bisherigen Leben lehrt uns die Dankbarkeit für die Durchhilfe Gottes. Diesen Blick hatten die Männer und Frauen der biblischen Bücher. „Ich gedenke der vorigen Zeiten. Ich rede von all deinen Taten und sage von den Werken deiner Hände“ (Ps. 143,5). Dieser Blick nach rückwärts sagt uns: Gott ist bis jetzt bei dir gewesen, auch gerade dort, wo du es nicht gedacht und gespürt hast. Er wird auch in Zukunft bei dir bleiben. Und auch, wenn wir uns eine Zeitlang nicht in der Fürsorge Gottes wußten, sollen wir uns trösten mit dem Wort „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln“ (Jes. 54,7). Jeder, der aufmerksam seine Vergangenheit betrachtet, muß feststellen, daß Gott ihn umsorgt hat. Selbst der Geizhals muß das bekennen, daß Gott ihn dort, wo er nur eines im Sinn hatte, nämlich mehr Geld zu erjagen, treu versorgt hat. So können wir lernen, unsere Sorgen an Gott abzugeben. Wer das nicht lernt, der fällt unter das Schriftwort aus Ps. 28,5: „Sie wollen nicht achten auf das Tun des Herrn noch auf die Werke seiner Hände. Darum wird er sie zerbrechen und nicht aufbauen.“

Die Übel unter uns: Tod und Hölle

Zwei große Übel gibt es „unter uns“, den Tod und die Hölle. Der schlimme und gewaltsame Tod anderer Menschen soll uns daran erinnern, daß auch wir solch einen Tod verdienen würden. In Luk. 13, wo Jesus von den Galiläern redet, die während des Tempelopfers vor Pilatus niedergemacht worden sind, fügt er an: „Wenn ihr euch nicht bessert, so werdet ihr alle ebenso umkommen“. Ebenso ist der Hinweis Jesu auf die Leute, die der Turm von Siloah erschlug, zu sehen.

Die Hölle soll uns vor Augen stehen als der Ort, an den wir eigentlich gehören und wo wir zweifellos hinkämen, wenn uns nicht Gottes Gnade davor zurückhielte. Auch die Tatsache, daß Gott nicht allen Menschen den Weg zur Hölle versperrt, soll uns dankbar machen für die Gnade, die er uns schenkt. Vgl. Mt.11,21ff. die Weherufe Jesu über Bethsaida und Kapernaum: „Und du Kapernaum, die du bist erhoben bis in den Himmel, du wirst bis in die Hölle hinunter gestoßen werden“.

Die Übel zu unserer Linken: Die Leiden der Feinde und Sünder

Zu unserer Linken stehen unsere Feinde und Widersacher. Für sie gilt es zu beten und dem Vorbild Christi zu folgen und das uns angetane Unrecht zu vergeben und zu vergessen. Ferner ist an die offenkundigen Sünder zu denken, die eine furchtbare Seele mit sich schleppen. Sie sind gepeinigt von einer unheimlichen Unruhe, wie es Jes. 57,20f. heißt: „Die Gottlosen sind wie ein ungestümes Meer, das nicht stille sein kann, und dessen Wellen Schmutz und Unflat auswerfen. Die Gottlosen haben nicht Frieden, spricht mein Gott.“ Wie klein ist unsere Not angesichts dieses Elends. Doch auch im Blick auf sie sollten wir von heißer Christusliebe entbrennen und uns das Leid des Nächsten auf unser Herz nehmen.

Die Übel zu unserer Rechten: Die Leiden der Christen

Zur Rechten stehen unsere Freunde. Auch sie müssen leiden, vgl. 1.Petr. 5,9: „Dem Teufel widerstehet fest im Glauben und wisset, daß eben dieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen“. Denken wir auch an die Glaubensväter. Auch sie mußten leiden. Die Gedenktage der Kirche erinnern uns an ihr Leiden. Gott züchtigt seine Kinder, das wissen wir aus dem Hebräerbrief. „Welchen der Herr liebt hat, den züchtigt er, und er straft einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt“ (Hebr. 12,6). Und weiter: „Gott erzieht euch, wenn ihr dulden müßt. Als seinen Kindern begegnet euch Gott, denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt?“ (Hebr. 12,7). Ein solcher Zuspruch vermag sogar uns die Züchtigung lieb zu machen.

In allem Leid kennt Gott unsere Belastbarkeit. Er läßt uns nicht über unser Vermögen in Anfechtung fallen (1.Kor. 10,13) „Und er macht, daß die Anfechtung ein solches Ende findet, daß ihr’s ertragen könnt“. Schauen wir doch auf das furchtbare Ende Johannes des Täufers, des größten Propheten! Nach der Laune der Tochter eines ehebrecherischen Weibes mußte er sterben. Wie klein ist unser Leid angesichts dieses Todes!

Das Übel über uns: Das Kreuz Christi und der Tod Christi

Das größte Übel ist der gekreuzigte Christus. Christus hat mit seinen Leiden alle menschlichen Leiden berührt, geweiht und geheiligt und damit ihren Fluch in Segen gewandelt. Wenn Christus gelitten hat, dann sollten auch wir das Leiden auf uns nehmen und uns nicht davor scheuen. Mit seinem Tod hat er den Tod geweiht und uns mit dem Tod befreundet. Der Tod eines Christen ist daher nur eine eherne Schlange. Sie sieht aus wie eine echte Schlange, ist aber ohne Leben, ohne Gift und Biß. Unser Tod als Christ hat dieselbe Gestalt wie jeder andere Tod, aber er ist doch etwas ganz anderes. Der Tod ist für uns tot. So ist es auch mit den Leiden der Christen. Sie gleichen äußerlich den Leiden aller Menschen. In Wirklichkeit sind aber unsere Leiden als Christen der Anfang der Leidlosigkeit.

„Den Rock Christi, die Gefäße, Wasserküge und alles, was Christus berührt und gebraucht hat, achtest du für hohe Heiltümer – durch seine Berührung geweiht -, du küssest sie und hältst sie lieb und wert. Willst du dann nicht vielmehr Strafen, Unbill der Welt, Schande und Tod, die er durch seine Berührung geheiligt, ja sogar mit seinem Blut getränkt, gesegnet, die er mit willigem Herzen und in höchster Liebeskraft umfangen hat, – warum willst du nicht diese lieben, umfangen, küssen? Zudem ist darin viel größerer Verdienst, Lohn und Wert zu finden als in jenen Heiltümern. Denn hierin erlangen wir den Sieg über Tod, Hölle und alle Sünden, dort aber nicht.“

Im Kreuz Christi sollen wir das Herz Christi suchen und betrachten. Wie sehr hat er sich bemüht und geängstet, um den Tod zu töten und zu Spott zu machen! So können wir lernen, die Leiden nicht nur zu ertragen, sondern sie zu lieben, zu wünschen und suchen. In diesem 7. Bild müssen alle unsere Übel und Leiden verschlungen werden.

Tafel: Die sieben Güter

Das Gut in uns: Die leiblichen und himmlischen Güter

Da sind zunächst die Gaben des Leibes zu nennen: Schönheit, Kraft, Gesundheit, Sinnenstärke. Wer diese Gaben viele Jahre lang genossen hat, der sollte auch die Zeiten, wo Gott diese Gaben einschränkt oder ganz wegnimmt, ertragen können. Ferner schenkt Gott jedem Einzelnen – in sehr weiser Abwägung – ein fröhliches Herz, Ansehen, Macht, Klugheit und weitere irdische Güter. Wenn Gott nun diesen Gaben etwas Bitternis beimischt, dann sollten wir nicht bestürzt sein. Was ist ein Braten ohne Salz? Was ist dauernder Genuß? Schließlich wird die Lust zur Last! Wir sind außerstande, im Leben nur Gutes zu genießen. Wenn Gott uns nicht Leid und Übel zuschickte, wir müßten sie uns wünschen, da wir ungetrübte Lust gar nicht aushalten.

Es fehlt in dieser Welt und auch in unserem Leben nicht an zahlreichen Gütern Gottes. „Die Erde ist voll der Güte des Herrn“ (Ps. 33,5). So singen wir in der Abendmahlsliturgie: „Himmel und Erde sind deiner Ehre voll“. Nur es gilt diese Güte zu entdecken.

Zu den leiblichen Gütern treten aber beim Christen die himmlischen Güter, vor allem der Glaube an Christus. Beim Glauben ist es genau so wie beim Übel in uns. Wir können diese Wirklichkeit nicht voll ermessen. Wer den Glauben hat, hat ja Christus selbst, d.h. die Wahrheit. Wer ihn ermessen wollte, der wäre im Himmel. Die Seele würde sich augenblicklich vom Leibe lösen. So ist der Glaube jetzt nur als ein Angeld uns gegeben, das uns Hoffnung macht auf größere Gaben, wobei der Glaube uns schon jetzt verwandelt, ein fröhliches Gewissen schenkt, Vertrauen auf Gott, die Lust von Gott zu reden, sein Wort zu hören, mit Lust und Liebe Gott zu dienen, Gutes zu tun und Böses zu tragen.

Das Gut vor uns: Der neue Leib ohne Leiden und Sünden

Dem Nichtchristen bleibt nur die schwache Aussicht auf künftige bessere Zeiten. Er unternimmt gewaltige Anstrengungen, um eine bessere Zukunft zu erreichen, aber er bleibt im Irrtum befangen, wie wir am Gleichnis vom reichen Kornbauern sehen (Luk.12). Aber die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren ist jedem Menschen von Gott eingegeben. Kein Mensch kann das Hoffen lassen. Solch ein Hoffnungsschimmer ist in jedem Fall eine Gabe Gottes. Er weist uns hin auf die rechte beständige Hoffnung, auf Gott selbst.

Zwei kostbare Gaben haben die Christen noch zu erwarten: Der Tod ist für sie das Ende der Leiden dieses Lebens und der Eingang zum Frieden, wie man am armen Lazarus erkennen kann (Lukas 16). Das gilt für jeden Christen: „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn“ (Phil. 1,21). Psalm 23: „Ob ich schon wanderte im finstern Tal …“ Der alte Mensch in uns will aber den Tod nicht so verstehen und hindert uns immer wieder an dieser Erkenntnis.

Zweitens beendet der Tod auch die zahllose Folge der Fehler und Sünden. Dies macht uns Christen den Tod nur noch wünschenswerter, denn darunter leidet die gläubige Seele am meisten. Der Tod scheidet uns von der Sünde ganz und gar. So ist er für den Christen der Anfang des Lebens und der Anfang der Gerechtigkeit. Wir sollten Gott um Kraft bitten, den Tod in diesem Licht zu sehen und die Todesfurcht zu überwinden.

Das Gut hinter uns: Die frühere Fürsorge Gottes

Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus, wenn wir unser vergangenes Leben bedenken. Wohin wäre es mit uns gekommen, wenn wir einen freien Willen gehabt hätten, wenn nicht die Regie Gottes über uns gewaltet hätte! Wie gut ist es für uns gewesen, daß Gott „alles in allem wirkt“ (1.Kor. 12,6). Wir sollten uns schämen, daß wir so selten an die Fürsorge Gottes in unserem vergangenen Leben denken. Aus dieser Fürsorge dürfen wir auch seine Fürsorge hier und heute ableiten. Ps. 40,18: „Ich bin arm und elend, der Herr aber sorgt für mich.“ Die Bildung unseres Leibes im Mutterleib, wie Ps. 139 es beschreibt, ist ein schlagendes Beispiel für die Fürsorge Gottes – ohne unser geringstes Zutun. Wer nicht an dieser Fürsorge Trost schöpft für den heutigen Tag, dem ist nicht zu helfen. 1.Petr. 5,7: „Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorgt für euch.“ Ps. 55,23: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn. Er wird dich versorgen.“ Wir dürfen sicher und fröhlich leben, wenn wir Gott in seiner Fürsorge erkennen. Andernfalls machen wir unser Leben traurig und mühsam. Nur eine einzige Sorge ist berechtigt: daß wir dem Herrn seine Fürsorge für uns aus seiner Hand reißen.

Das Gut unter uns: Die Bewahrung vor der Hölle.

Ein Blick auf die Hölle und die Verdammten sollte uns zutiefst dankbar machen für Gottes Gnade in unserem Leben. Im allgemeinen beeindruckt uns dieses unendliche Leiden wenig. Aber wenn wir uns in die Seele der Verdammten versetzen, dann wird ihr Schicksal eine gewaltige Predigt. Wenn Gott Menschen verwirft, so sollen wir darüber seinen Willen ehren und seine Gerechtigkeit preisen, denn er begeht niemals einen Fehler. Wer an der Sünde Freude findet, dem geschieht es recht, daß er umkommt.

Das Gut zu unserer Linken: Das Glück unserer Feinde

Hier geht es um unsere Widersacher und Feinde, die noch am Leben sind. Ihr Glück vermag uns sehr zu reizen und in Anfechtung zu stürzen. Ps. 73,2f.: „Ich wäre schier gestrauchelt mit meinen Füßen, mein Tritt wäre beinahe geglitten. Denn es verdroß mich der Ruhmredigen, da ich sah, daß es den Gottlosen so gut ging.“ Oder auch Jer. 12,1: „Warum gehet’s doch den Gottlosen so gut, und die Verächter haben alles in Fülle?“ Was will uns Gott damit zeigen? Er will uns zeigen, wieviel mehr Gutes er für die Guten bereit hält, wenn er schon für die Bösen so viel Gutes hat. Die Guten sollen ihn im Glauben suchen und lieben. Ps. 73,28: „Das ist meine Freude, daß ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf den Herrn.“ D.h. der Gute hat die Zuversicht, daß Gottes Güte letztlich siegen wird. Das sichtbare Glück der Gottlosen ist für uns ein Stachel und Hinweis Gottes, auf die unsichtbaren Güter Gottes zu hoffen und unsere Leiden gering zu achten. Und noch ein Zweites: Die Widersacher müssen uns zu unserem Heil dienen. Sie sind uns zwar eine Anfechtung, aber gerade in der Anfechtung wachsen wir im Glauben. „Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen“ (Jak. 1,12). Die Feindschaft der Welt bringt uns geistlich voran. Die Welt versucht uns zu fangen, und gerade dadurch nützt sie uns.

Das Gut zu unserer Rechten: Die Gemeinschaft der Heiligen

Das ist die Gemeinde der Heiligen, unsere Freunde und Geschwister im Glauben. An ihnen erblicken wir das Heil und den Trost Gottes, allerdings nicht immer mit den Augen des Leibes, wohl aber mit den Augen des Geistes. Dazu kann auch äußerer Reichtum wie bei Abraham oder Ansehen und Ehre wie bei Daniel gehören. Aber die wichtigsten Güter sind Glaube, Liebe und Hoffnung. Das sind die Güter, die auch uns gehören. Das dürfen wir immer, in jeder Notlage wissen. So gehören auch den Heiligen unsere Leiden, sie tragen sie mit. „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal. 6,2). Welch ein Glück ist es, in solch einer Gemeinschaft zu leben, wo man sich mitfreut und mitleidet (1.Kor. 12,26). Ich bin nicht mehr einsam. Ich stehe unter dem Schutz Christi: „Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an“ (Sach. 2,8). Der Glaube der anderen hilft mir auf, die Keuschheit der anderen hilft mir rein zu bleiben, ihre Fürbitte sorgt für mich. Ich darf mich fremder Güter rühmen, gerade auch wenn ich arm, elend und häßlich bin. Ihre Ehre macht meine Schande wett. Das meinen wir, wenn wir bekennen: Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen. „Fürchte dich nicht, denn derer sind mehr, die bei uns sind, denn derer, die bei ihnen sind“ (2.Kön. 6,16).

Das Gut über uns: Der auferstandene Christus

Die himmlischen Güter werden erst die vollendeten Seligen recht und völlig erfahren und genießen. Das größte Gut über uns ist der Auferstandene. Christus hat dem Tod die Macht genommen. „Der Tod wird hinfort nicht über ihn herrschen“ (Röm. 6,9). Der Auferstandene ist uns geschenkt. Ich habe teil an seiner Auferstehung und an all ihren Früchten. „Wie sollte Gott uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm. 8,32).

Was hat Christus durch seine Auferstehung bewirkt? Die Sünde hat er vernichtet, die Gerechtigkeit erweckt, den Tod verschlungen, das Leben wiedergebracht, die Hölle besiegt, ewigen Ruhm erworben. Dies sind unschätzbare Errungenschaften. Das Menschenherz wagt es kaum zu glauben, daß sie ihm alle geschenkt sind. 1.Kor. 1,30: „Christus ist uns von Gott gemacht zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung.“ „So bin ich ein Sünder, aber ich gehe in Christi Gerechtigkeit einher; ich bin unrein, aber seine Heiligkeit ist meine Heiligung; ich bin töricht, aber seine Weisheit trägt mich“. Solch einen großen Schatz verschafft uns der Glaube an den Auferstandenen. Er macht uns zu Söhnen und damit auch zu Erben Gottes. Dieses Bild erhebt uns über unser Leid, aber auch über unsere Güter. Christi Reichtum gehört uns. Wir hängen an ihm. Er ist der beste Priester und Schutzherr. Man braucht gar keine anderen Bilder. Dieses eine vermag uns mit starkem Trost zu erfüllen. Man muß es aber gründlich und mit aufmerksamem Herzen anschauen. Dann werden wir an den Widerwärtigkeiten unseres Lebens nicht mehr leiden, vielmehr uns der Trübsale rühmen und vor lauter Freude an Christus sie kaum noch spüren.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 18. Mai 2005 um 16:52 und abgelegt unter Seelsorge / Lebenshilfe, Theologie.