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Brief an den BundesprÀsidenten

Mittwoch 24. Juli 2013 von Kurt Heimbucher (1928-1988)


Kurt Heimbucher (1928-1988)

Zum 25. Todestag Kurt Heimbuchers

Dillenburg, 10. Dezember 1987

Kurt Heimbucher
Pfarrer
PrÀses des Gnadauer Verbandes

Herrn
BundesprÀsidenten Dr. Richard von WeizsÀcker
Villa Hammerschmidt, 5300 Bonn

Sehr verehrter Herr BundesprÀsident,

Herr Regierungsdirektor Mocker vom Bayerischen Staatsministerium fĂŒr Unterricht und Kultus hat mich davon unterrichtet, daß Sie mir auf Vorschlag des Bayerischen MinisterprĂ€sidenten das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen haben.

Ich möchte mich zunĂ€chst sehr herzlich dafĂŒr bedanken, daß Sie mir diese Auszeichnung zugedacht haben.

Ich möchte Ihnen aber mitteilen, daß ich diesen Orden aus verschiedenen GrĂŒnden nicht annehmen kann und will.

ZunĂ€chst möchte ich betonen, daß ich in meinem Leben nichts Außergewöhnliches getan habe. Ich habe versucht, mit den begrenzten Gaben und KrĂ€ften, die ich habe, meine Pflicht zu tun. Das ist fĂŒr mich eine SelbstverstĂ€ndlichkeit und rechtfertigt keine besondere Auszeichnung. UnzĂ€hlige BĂŒrgerinnen und BĂŒrger in der Bundesrepublik Deutschland  tun ebenso ihre Pflicht, ohne dafĂŒr einen Orden zu empfangen.

Der entscheidende Grund aber, warum ich den Orden nicht annehmen kann, liegt darin, daß mir der Staat „Bundesrepublik Deutschland“ seit einiger Zeit sehr fremd geworden ist. Es klingt pathetisch, es entspricht aber meiner Überzeugung, wenn ich sage: Ich liebe mein Vaterland. FĂŒr mich gehört  z. B. dazu auch Königsberg und Breslau, Weimar und Dresden. Aber dieser Staat, in dem ich lebe, wird mir unheimlich. Ich will Sie nicht lange aufhalten mit einer eingehenden BegrĂŒndung.

Ich möchte nur darauf hinweisen, daß unser Staat es seit Jahren zulĂ€ĂŸt, daß ungeborenes Leben getötet werden darf. Wenn ich mir die Zahlen der letzten Jahre vergegenwĂ€rtige, dann mĂŒssen es wohl schon Millionen ungeborener Kinder sein, denen das Recht auf Leben verwehrt worden ist.

Ich kann es nicht verstehen, daß unser Staat gewissen Gruppen rechtsfreie RĂ€ume gewĂ€hrt und den anstĂ€ndigen BĂŒrger wegen jeder Kleinigkeit zur Kasse holt. Wo bleibt da die Gleichheit vor dem Gesetz, wie sie das Grundgesetz vorgesehen hat?

Ich weiß nicht, was ich von einem Staat halten soll, der es nicht fertigbringt, seine BĂŒrger zu schĂŒtzen. Ich kenne z. B. viele Frauen, die sich abends in unseren GroßstĂ€dten nicht mehr auf die Straße getrauen, weil sie den Raub ihrer Handtasche oder schlimmere Übeltaten befĂŒrchten.

Wenn die Polizei bei chaotischen Umtrieben energisch durchgreift, so wie es viele BĂŒrger erwarten, wird sie von manchen Gruppen leider oft auch von manchen Journalisten, zu PrĂŒgelknaben der Nation gestempelt.

Die Preisgabe des deutschen Ostens durch die Herren Brandt, Bahr und Scheel in den siebziger Jahren hat mich sehr betroffen gemacht. Ich habe mir immer wieder die Rede des Baron zu Guttenberg, die er als seine letzte im Bundestag gehalten hat, angehört. Wie hat er, mit letzter physischer Kraft, vor diesen VertrÀgen gewarnt!

Ich könnte noch vieles, vieles nennen, was mich beschwert.

Dieser Staat ist mir fremd geworden. Dabei habe ich versucht, als ich als 17-jĂ€hriger, unverdienterweise der Hölle des Krieges entronnen, in das TrĂŒmmerfeld meiner Heimatstadt NĂŒrnberg zurĂŒckkam, mit innerer Leidenschaft diesen Staat mitaufzubauen.

Ich bin kein Agitator gegen unseren Staat, verehrter Herr BundesprĂ€sident. Aber mein Gewissen lĂ€ĂŸt es nicht zu, von einem Staat einen Orden anzunehmen, mit dem ich mich nicht mehr voll und ganz identifizieren kann.

Ich leide an unserem Staat, aber ich werde nicht nachlassen, in der FĂŒrbitte fĂŒr die VerantwortungstrĂ€ger dieses Staates vor Gott einzutreten.

Mit vorzĂŒglicher Hochachtung

Ihr

Kurt Heimbucher, Pfarrer

Quelle: gez. Kurt Heimbucher. Notizen aus meinem Leben. 2. Aufl. Wuppertal und ZĂŒrich 1989, S. 191-193

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 24. Juli 2013 um 9:10 und abgelegt unter Gemeinde, Gesellschaft / Politik, Kirche.