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Institution statt Familie: Siegt die Dummheit bei der Kinderbildung?

Mittwoch 30. November 2011 von Institut fĂĽr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.


Institut fĂĽr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.

Institution statt Familie: Siegt die Dummheit bei der Kinderbildung?

In den Kulturkämpfen der „Bewusstseinsindustrie“ (Hans M. Enzensberger) sind Wörter die schärfsten Waffen: Ist einmal das richtige „Label“ verpasst, verdrängt das ideologische Klischee immer mehr die Wirklichkeit. Beispielhaft dafĂĽr ist der Streit um die Kinderbetreuungspolitik: Zu groĂźe Gruppen, zu wenige und wechselnde Erzieherinnen und zu wenig Aufmerksamkeit fĂĽr das einzelne Kind – die Alltagsprobleme in Kindertagesstätten sind vielen Eltern bekannt.

Gleichzeitig belegen einschlägige Studien, dass nur bei hoher Betreuungsqualität eine (zeitlich begrenzte) auĂźerfamiliäre Betreuung fĂĽr Kleinkinder förderlich oder zumindest unschädlich sein kann (1). Dessen ungeachtet gilt der quantitative Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur im politisch-medialen Jargon als „Bildungsinvestition“, die den Lebenschancen der Kinder diene. Spiegelbildlich dazu ist die finanzielle Familienförderung in Verruf: Den Eltern gewährtes Bargeld wĂĽrde von diesen lediglich fĂĽr Flachbildschirme, Spirituosen und Zigaretten verschwendet, während ihre Kinder verwahrlosten. Die Polemik auf die Spitze trieb jĂĽngst ein Bertelsmann-Funktionär: Ein Betreuungsgeld fĂĽr Eltern, die ihre Kleinkinder zu Hause erziehen, denunzierte er als „Verdummungsprämie“ (2).

Meist kommt die öffentliche Disqualifikation familiärer Erziehung weniger verbalradikal daher; sie artikuliert sich eher in gefälligen Begriffen wohlmeinender FĂĽrsorge: Eltern sollen durch „soziale Dienste“ von der „Alleinzuständigkeit“ fĂĽr ihre Kinder entlastet und Kinder durch Bildungsangebote gefördert werden (3). Um dies zu erreichen, mĂĽssten Kinder von klein auf „einen wesentlichen Teil des Tages in öffentlich organisierten und verantworteten Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungseinrichtungen“ verbringen (4). Familiäre Kinderbetreuung steht dieser Systemveränderung zur „Institutionenkindheit“ im Weg; statt diese durch Geldleistungen zu unterstĂĽtzen, mĂĽsse der Staat daher die Betreuungsinfrastruktur ausbauen – so lautet das Credo der Advokaten einer Entfamilisierung der Kindheit (5).

BefĂĽrworter elterlicher Wahlfreiheit hingegen sehen institutionelle Kinderbetreuung und finanzielle Hilfen nicht als Widerspruch, sondern als sich ergänzende Alternativen. Nach ihrer Ansicht sollten Eltern die Wahl haben zwischen einem Betreuungsplatz einerseits und einer Geldleistung fĂĽr die Eigenbetreuung ihrer Kleinkinder andererseits (6). In anderen Ländern wie Frankreich oder Finnland ist das möglich. Die dort gezahlten Beträge (ca. 300 €) ĂĽbersteigen dabei deutlich die Höhe des von der Bundesregierung geplanten Betreuungsgeldes (100 bis 150 €). Im Vergleich zu den öffentlichen Aufwendungen fĂĽr einen Krippenplatz, der in Westdeutschland etwa 1200 € pro Monat kostet, sind das eher Taschengeldbeträge (7). Diese massive BegĂĽnstigung institutioneller Betreuung bleibt im politisch-medialen Diskurs meist ausgeblendet; dagegen wird das Ehegattensplitting, das Einverdienerfamilien begĂĽnstigt, als vermeintliche „Subvention“ häuslicher Kinderbetreuung kritisiert (8).

Die Präferenzen in der Bevölkerung sehen anders aus: Häusliche Kinderbetreuung bevorzugen besonders kinderreiche Eltern; am Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur ist ihnen deshalb weniger gelegen als an Geldleistungen. Transfers wie das Kindergeld sind fĂĽr diese Familien ein dringend benötigter Teil ihres meist knappen Budgets. Dessen weitaus größter Teil ist fĂĽr den gemeinschaftlichen Grundbedarf an Nahrung, Kleidung und Wohnraum verplant. Sonderausgaben wie Restaurantbesuche und Reisen können sich kinderreiche Eltern nur relativ selten leisten. Im Unterschied zu Journalisten oder Politikern pflegen sie deshalb eher einen „häuslichen“ Lebensstil (9). Fehlen Kindern in diesem Umfeld deshalb die Bildungsanregungen? Den verbreiteten kulturpessimistischen Klischees widerspricht die erstaunlich gute Ausstattung der meisten Mehrkinderhaushalte mit Spielzeug, SachbĂĽchern, Lernsoftware und Musikinstrumenten (10). Diese „Bildungsinvestitionen“ entspringen der Aufmerksamkeit der Eltern fĂĽr die BedĂĽrfnisse ihrer Kinder. FĂĽr die Motivation und Ausdauer von Kindern beim Erlernen zum Beispiel eines Musikinstruments ist diese elterliche Zuwendung ein entscheidender Faktor (11). In einer durch Betreuungsinstitutionen bestimmten Kindheit droht dieser unersetzbare Bildungsfaktor zu verknappen – zum Schaden des kreativen Potentials nachwachsender Generationen. Wahrhaft verdummend sind daher nicht Transfers an Eltern, sondern die öffentliche Geringschätzung elterlicher ErziehungsmĂĽhen.

(1) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/290-0-Wochen-9-10-2010.html.

(2) So Jörg Dräger (Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung) wörtlich in der WDR-Sendung „Westpol“: www.wdr.de/tv/westpol/sendungsbeitraege/2011/1023/kinderbetreuung.jsp.

(3) Exemplarisch fĂĽr diese Argumentation: Bundesministerium fĂĽr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Bericht ĂĽber die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland (Elfter Kinder- und Jugendbericht), Berlin 2002, S. 57-58.

(4) Siehe: Thomas Rauschenbach: Vorwort, S. 25-27, in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland (Zwölfter Kinder- und Jugendbericht), Bundestagsdrucksache 15/6014, Berlin 2005, S. 25.

(5) Beispielhaft fĂĽr diese Sichtweise: Klaus Hurrelmann: Sozialisation – Bildung – Gesundheit. Kann wissenschaftliche Forschung politische Effekte erzielen? Abschiedsvorlesung an der Universität Bielefeld im Januar 2009, veröffentlicht in: ZSE – Zeitschrift fĂĽr Soziologie der Erziehung und Sozialisation 29. Jahrgang, 3/2009, S. 234-235.

(6) Siehe hierzu: http://www.erziehungstrends.de/Krippenoffensive.

(7) Zu den Kosten unterschiedlicher Modelle der Kinderbetreuung in Deutschland und Frankreich: http://www.erziehungstrends.de/node/525. Zur Kinderbetreuungspolitik in Finnland: Gerda Neyer et al: Fertilität, Familiengründung und Familienerweiterung in den nordischen Ländern, S. 207-234, in: Hans Bertram/Helga Krüger/C. Katharina Spieß (Hrsg.): Wem gehört die Familie der Zukunft? Expertisen zum 7. Familienbericht der Bundesregierung, S. 222-223.

(8) Zur Diskussion um das Ehegattensplitting: http://www.i-daf.org/361-0-Wochen-3-4-2011.html.

(9) Zur Lebenssituation und der familienpolitischen Interessenlage von Mehrkinderfamilien: http://www.erziehungstrends.de/Mehrkinderfamilien/Bundesfamilienministerium/Sozialforschung/2.

(10) Siehe: „Materialien zum Spielen und Lernen in Familien“ (Abbildung unten).

(11) Zur Rolle der Eltern fĂĽr Bildungsprozesse von Kindern: http://www.i-daf.org/259-0-Woche-5051-2009.html

IDAF, Nachrichten der Wochen 48-49 (www.i-daf.org)

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 30. November 2011 um 18:05 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik.