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Fukushima – das Ende der Kernenergie?

Donnerstag 21. Juli 2011 von Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Leisenberg


Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Leisenberg

W├╝sste man nicht, wo Fukushima liegt, so k├Ânnte man meinen, die Katastrophe h├Ątte sich mitten in Europa ereignet: 80 Prozent der Berichte in Europa stammen aus Deutschland. Nach ihrer journalistischen Gewichtung m├╝ssten die mehr als 15.000 Toten in Japan eher dem Reaktorunfall zuzuschreiben sein als dem Tsunami. So kann der unbefangene B├╝rger hierzulande nur zu dem Schluss kommen: Wir sind offenbar an der Grenze des technisch Be- herrschbaren angelangt und sollten diese Sackgasse schnellstens verlassen. Also nichts wie raus aus der Atomenergie! Das scheint die einzige ethisch vertretbare und auch aus christlicher Sicht verantwortbare Position zu sein! Und so sind sich inzwischen auch CDU und EKD einig: ┬źEnergiewende bitte bald!┬╗. M├╝ssten also nicht alle L├Ąnder jetzt ganz schnell aus der Kernenergie aussteigen?

Dabei ist offenbar niemandem aufgefallen, dass diese Forderung nicht einmal in Japan von einer Mehrheit aufgestellt wird, obwohl das Land ja mit zwei Atombomben wahrhaft vorgesch├Ądigt ist. Wenn man vorsichtig darauf aufmerksam macht, dass der Reaktorunfall in Fukushima bisher nur ein einziges Opfer mit unklarer Todesursache gefordert hat und das Krebsrisiko der dort besch├Ąftigten Arbeiter lediglich von 25 auf 27 Prozent gestiegen ist, dann klingt das in deutschen Ohren schon fast zynisch. W├╝rde man noch daran erinnern, dass es in den mittlerweile mehr als 11.000 Betriebsjahren westlicher Atomkraftwerke keinen einzigen Strahlen-Toten gegeben hat und das doch auf einen hohen Sicherheitsstandard schlie├čen l├Ąsst, dann w├╝rde man wohl als Atomlobbyist eingestuft.

Zun├Ąchst zeugt es von beachtlichen Sicherheitsreserven im Design der Reaktoren, wenn alle 54 japanischen Anlagen ein Erdbeben der St├Ąrke 9 ├╝berstanden haben, obwohl sie nur f├╝r eine maximale St├Ąrke von 8,2 ausgelegt waren. Dabei ist ein Beben der St├Ąrke 9 auf der logarithmischen Richterskala 32 Mal st├Ąrker als ein Beben der St├Ąrke 8! Auch alle Reaktorbl├Âcke in Fukushima schalteten bei Beginn des Bebens vorschriftsm├Ą├čig ab. Die Kettenreaktion war gestoppt, ein Gau wie in Tschernobyl damit ausgeschlossen. Nur die Restw├Ąrme von drei Prozent der Nennleistung in den Brennst├Ąben infolge von Zwischenreaktionen beim Zerfall von Uran musste noch eine zeitlang abgef├╝hrt werden. Dies war dann allerdings wegen der Zerst├Ârung der K├╝hlsysteme durch den Tsunami nicht m├Âglich, obwohl man auch daf├╝r Vorkehrungen getroffen hatte.┬á Inzwischen ist bekannt geworden, dass sich Japan dennoch nicht ausreichend um die Risikominimierung gek├╝mmert hat. Man wusste, dass an der K├╝ste durchschnittlich alle 36 Jahre eine Tsunamiwelle aufl├Ąuft, die h├Âher als zehn Meter ist. Dennoch ist der Anlagenschutz nur auf zehn Meter ausgelegt worden. Ein solches Vorgehen w├Ąre nach deutschen Sicherheitsstandards undenkbar, weil hier zu Recht eine weitergehende Sicherheitsreserve f├╝r eine Betriebsgenehmigung entscheidend ist.

Ganz sicher sollte man Atomkraftwerke stilllegen, die an einer K├╝ste liegen, wo zwei Kontinentalschollen aneinander sto├čen und daher schwerste Erdbeben einschlie├člich Tsunamis zu erwarten sind. Das w├Ąre aber noch keine wirklich sichere L├Âsung. Man sollte mittelfristig nur Reaktoren einsetzen, bei denen eine Kernschmelze mit ihren schlimmen Konsequenzen physikalisch ausgeschlossen ist. Ein solcher Reaktor wurde bereits 1986 in Hamm-Uentrop in Betrieb genommen und erfolgreich getestet. Er wurde nach der Tschernobyl-Katastrophe aus politischen Gr├╝nden stillgelegt. Heute wird er in China weiterentwickelt und wohl bald eingesetzt. Dieser ┬źKugelhaufen┬╗-Reaktor wird mit Thorium betrieben. Das hat viele Vorteile: Die Vorr├Ąte reichen f├╝r Jahrhunderte, und aus Thorium k├Ânnen keine Kernwaffen hergestellt werden. Er ist sogar sicher gegen Raketen- und Bombenangriffe und w├╝rde das Problem der Endlagerung gleich mit l├Âsen.

Die hier als ┬źunl├Âsbar┬╗ geltende Endlagerung hat zum Beispiel die Schweiz dicht an der deutschen Grenze ohne gro├čes Aufheben gel├Âst. Es g├Ąbe gen├╝gend sichere Methoden auch f├╝r eine dezentrale Endlagerung, wenn man sie denn wollte. Zudem haben deutsche Physiker die Transmutationstechnik entwickelt, bei der die abgebrannten Brennst├Ąbe durch Neutronenbeschuss k├╝nstlich gealtert werden und die Endlagerzeiten bis in den Bereich von Jahrzehnten verk├╝rzt werden k├Ânnen. Von einem weltweiten Ende der Kernenergie kann also keine Rede sein. Sie wird auch in Zukunft einen wichtigen Beitrag zu einer kohlendioxidfreien kosteng├╝nstigen Energieversorgung leisten.

Dem ├╝berst├╝rzten deutschen Ausstieg aus der Kernenergie wird wohl kein anderes Land folgen. Denn abgesehen von den gewaltigen Kosten f├╝r den Aufbau einer v├Âllig neuen Energieversorgung gibt es f├╝r die Speicherung der Wind- und Sonnenenergie in Zeiten ohne Sonne und Wind nicht einmal ansatzweise wirtschaftlich vertretbare L├Âsungen. So m├╝ssen die stillgelegten Atomkraftwerke durch fossile Kraftwerke ersetzt werden mit allen negativen Auswirkungen auf die Kohlendioxid-Emissionen.

Wenn Deutschland diesen Weg trotzdem geht, dann muss das offenbar andere als rationale Gr├╝nde haben. In der Tat hat in den letzten 50 Jahren in Deutschland eine Entwicklung stattgefunden, die es in dieser extremen Form nirgendwo anders gab. Seit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich eine ┬źFortschrittsreligion┬╗ ausgebreitet, die den Menschen suggerierte, durch die Technik allm├Ąchtig und durch die Wissenschaft allwissend zu werden. Mit den ┬źGrenzen des Wachstums┬╗ im Bericht des ┬źClub of Rome┬╗ 1972 wurde deutlich, dass das naturwissenschaftlich-technische K├Ânnen des Menschen seine Lebensgrundlagen bedrohte. Um also den Menschen vor sich selbst zu sch├╝tzen, vollf├╝hrten neomarxistische Vordenker eine radikale Abkehr von diesem Fortschrittsdenken und sahen die L├Âsung in einer Kultur der Angst vor der Technik und ihren Folgen. Hans Jonas rief die Natur als das ┬źHeilige┬╗ aus, das um jeden Preis zu sch├╝tzen sei. So erlebte der Sozialismus, der in den 70er Jahren eigentlich am Ende war, eine Auferstehung als ├Âkosozialistische Bewegung, in der sich Kommunisten, Atheisten, Feministinnen, Animisten und Naturfreunde wiederfinden konnten.

Dass man Furcht politisch hervorragend instrumentalisieren kann, zeigte dann die Kampagne ┬źAtomkraft? Nein danke!┬╗ Mit ihr hatte die ┬źgr├╝ne┬╗ Bewegung ihren ersten gro├čen politischen Sieg errungen. Seitdem steht der Kampf gegen die Atomkraft in der Geburtsurkunde der Gr├╝nen und ist, wie Renate K├╝nast j├╝ngst klarstellte, ┬źnicht verhandelbar┬╗. Fukushima verhalf dem ├ľkosozialismus zur unumstrittenen politischen und medialen Meinungsf├╝hrerschaft in Deutschland. Nirgends trat das offener zutage als in der nachfolgenden Berichterstattung. So kamen im ├Âffentlich-rechtlichen Fernsehen zwar Vertreter von Greenpeace zu Wort, aber ┬źkeine wirklichen Experten, die den Unfall sachlich kommentieren k├Ânnten┬╗, wie der Gie├čener Strahlenschutzexperte Professor Joachim Breckow kritisierte. Eine solche einseitige Bewertung und Kommentierung der Ereignisse spottet journalistischen Grunds├Ątzen, verfehlte seine Wirkung in der deutschen ├ľffentlichkeit aber nicht.

Die durch Atomkraft verursachten Probleme werden v├Âllig verzerrt dargestellt. Ja, es gibt Risiken, und es ist sehr bedauerlich, dass Menschen durch das Ungl├╝ck von Fukushima zu Schaden gekommen sind. Doch wie viele Menschen kommen durch andere Techniken zu Tode? Schaffen wir Kohlekraftwerke ab, weil j├Ąhrlich weltweit Tausende Arbeiter bei Unf├Ąllen in den Minen sterben? Die Herausforderung, Technik sicherer und menschenfreundlicher zu machen, stellt sich keineswegs nur bei der Atomkraft.

Fassen wir zusammen: Die sinnlose Stilllegung des einzigen eigensicheren Reaktors in Hamm-Uentrop wegen eines Unfalls an einem v├Âllig anderen Reaktortyp in Tschernobyl war nur der erste Schritt in eine angstgetriebene irrationale Energiepolitik. Heute erreicht diese Entwicklung ihren vorl├Ąufigen H├Âhepunkt mit der Entscheidung einer christlich-liberalen Regierung, wegen eines Reaktorunfalls in Japan, dessen Umst├Ąnde mit der Situation in Deutschland in keiner Weise vergleichbar sind, die derzeit sichersten Atomkraftwerke der Welt schnellstens abzuschalten.

Professor Wolfgang Leisenberg (69) ist promovierter Ingenieur und war von 2001 bis 2006 an der Fachhochschule Gie├čen-Friedberg Dekan f├╝r den Bereich Informationstechnik-Elektrotechnik-Mechatronik. Als Unternehmer hat er 2008 den ┬źHessischen Innovationspreis┬╗ erhalten. Er geh├Ârt zur Leitung einer freien Gemeinde in Gie├čen und hat sich in zahlreichen christlichen Initiativen engagiert, die sich f├╝r F├╝hrungskr├Ąfte in Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Wissenschaft einsetzen.

Quelle: Faktor C II/2011
Zeitschrift der „Christen in der Wirtschaft e.V.“

 

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 21. Juli 2011 um 8:00 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik.