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Zur Erinnerung an Pastor Heinrich Kemner (1903-1993)

Mittwoch 20. Juli 2011 von Dr. Joachim Cochlovius


Dr. Joachim Cochlovius

Weg und Ziel eines Menschen zu beschreiben – kann immer nur heißen: zu versuchen, Gottes WegfĂŒhrungen und Gottes Ziel mit seinem Leben zu verstehen. Und es kann nur heißen: Das VermĂ€chtnis zu entdecken, das dieses Leben hinterlĂ€ĂŸt. Ich möchte aus dem geistlichen VermĂ€chtnis, das Heinrich Kemner uns zugeeignet hat, ein dreifaches Erbe hervorheben.

Die große Schuldnerschaft

Bei unserem letzten Treffen im Vorstand des Krelinger Werkes, an dem er noch teilnehmen konnte, Ă€ußerte er die Absicht, an seinem 90. Geburtstag am 19. Juni 1993 ĂŒber das Pauluswort „Wir sind Schuldner“ zu sprechen. Wenn wir diese Absicht verstehen, dann verstehen wir das Geheimnis seines Lebens. Es ging ihm wie Paulus. Die Gnade Gottes war ihm so groß geworden, daß er nicht mehr anders konnte: ER mußte nun sein Leben, sein ganzes Leben, ganz und gar fĂŒr diesen Herrn einsetzen. Paulus sagte: „Mir ist ein heiliges Muß auferlegt.“ So war es auch bei Pastor Kemner. Die unfaßbare Gnade Gottes, der ihn suchte und fand, verwandelte sein Leben. Der Jugendfreund, der im Sterben die Gnade Gottes rĂŒhmte, und Spurgeons Buch „Allein aus Glauben“ wurden ihm der Anstoß zur ewigen Bewegung des Glaubens, und sie machten ihn zum lebenslangen geistlichen Schuldner. Und in dem Maße, in dem er sich in dieser heiligen Verpflichtung sah und sein Leben immer leidenschaftlicher fĂŒr den Dienst am Evangelium einsetzte, wuchs die sichtbare Gnade.

Nach seinem GelĂŒbde, in den vollzeitlichen Dienst zu treten, wenn Gott die sterbenskranke Mutter heilte, erlebte er die Gnade, daß ihr noch 34 Jahre zugelegt wurden. Nach mutigen Predigten im Dritten Reich, die ihm Verhöre, Feindschaft und einmal auch eine lebensbedrohliche Lage einbrachten, erfuhr er die Gnade immer neuer Bewahrungen. Gleich nach dem Krieg lerne er das Staunen ĂŒber Gottes Gnade, als von Jahr zu Jahr die kompromißlose VerkĂŒndigung auf den Ahldener Jugendtagen mehr und mehr Menschen anzog und viele zum lebendigen Glauben fanden. Viele seiner Evangelisationen hinterließen sichtbare Gnadenspuren, manche lösten Erweckungen aus – wie in Spöck und Adelshofen – wie man sie nur aus dem Neuen Testament oder bei Wesley, Harms, Blumhardt oder Hofacker kennt.

Und dann das RĂŒstzentrum hier in Krelingen, das als Modell christlichen Lebens und Glaubens einzigartig ist. Soviel sichtbare Gnade! So viel Staunen vor der RealitĂ€t des lebendigen Gottes in diesem Menschenleben! Das ist der Grund fĂŒr die große Schuldnerschaft, die ihn prĂ€gte. „Wem viel vergeben wurde, der vermag viel zu lieben.“ Wenn es um das Evangelium ging, war sein Einsatz grenzenlos. Einmal hat er uns Mitarbeitern klargemacht, was Opfer heißt. Er erzĂ€hlte von einer anstrengenden Evangelisationswoche. Am letzten Tag, einem Sonntag, hatte er nach einer Nacht voller Seelsorge morgens die Predigt gehalten. In der Mittagspause ĂŒberfiel ihn die MĂŒdigkeit, und erlegte sich hin. Da klopfte es an der TĂŒr. Es wollte noch jemand ein GesprĂ€ch. Ein kurzer Kampf im Herzen. Dann stand er auf und ging unter die kalte Dusche und war auch fĂŒr diesen Menschen bereit. Der abschließende Dienst am Nachmittag stand unter einem außergewöhnlichen Segen. Ich sehe ihn vor mir, wie er im April und Mai, schon unter großen Schmerzen, tĂ€glich in sein Arbeitszimmer kam und an seinem Schreibtisch saß und sich das Letzte abverlangte.

„Wir sind Schuldner.“ Zu dieser Geburtstagsansprache ist es nicht mehr gekommen. Aber sein Leben an der Seite seiner geliebten Frau, die ihm in jeder Beziehung Hilfe war, verkĂŒndigte genauso laut. Uns kann dieses sein Leben nur zum Gebet fĂŒhren: „Herr, laß deine Gnade ganz groß werden ĂŒber uns, daß wir die große Leidenschaft fĂŒr Dich neu lernen!“

Der große Christus

 Der Auferstandene hat sich selbst in Heinrich Kemners Leben und Glauben so unendlich groß bezeugt, daß dieses Leben mit allen Tiefen und Höhen, mit allen StĂ€rken und SchwĂ€chen am besten verstanden werden kann als Reflexion, als Widerhall des großen Herrn.

Die besondere seelsorgerliche Gabe hat hier ihren Grund. Christus vergegenwĂ€rtigte sich selber so massiv in seinem Leben, daß er einen Menschen wie selbstverstĂ€ndlich zu Christus fĂŒhren konnte. Viele haben das erlebt. Oft sah man nach wenigen SĂ€tzen im seelsorgerlichen GesprĂ€ch nicht mehr den Seelsorger, sondern Jesus selbst, den Seelsorger aller Seelsorger vor Augen.

Auch die christozentrische VerkĂŒndigung findet hier ihre Deutung. Er sah Christus unmittelbar vor Augen: die Wirklichkeit des Reiches Gottes war ihm greifbar nahe. So konnte er in geschenkter SouverĂ€nitĂ€t eigene Erlebnisse und Erkenntnisse als Beispiel fĂŒr Gottes Handeln und als Ruf zum Glauben deuten. Wir haben viele Geschichten oft gehört, aber sie hatten immer eine erstaunliche Frische, sie fĂŒhrten immer ins Heute der Gnade.

Christus war ihm auch grĂ¶ĂŸer als der eigene Intellekt. In der Christuswirklichkeit wurde ihm die Begrenztheit und die GefĂ€hrdung des Denkvermögens klar. „Mit dem Intellekt kann man alles erklĂ€ren, alles beweisen, alles entschuldigen.“ Aber diese Erkenntnis fĂŒhrte ihn nicht zur DenktrĂ€gheit, ganz im Gegenteil. Den Verstandesmenschen wurde er ein Verstandesmensch, doch nur, um ihnen zu bezeugen, daß der Friede Gottes eine höhere Dimension ist als alle Vernunft. Unvergeßlich bleibt ein Krelinger Abendvortrag des Philosophen Hans Georg Gadamer und der anschließende Dialog mit Pastor Kemner. Daß der gelebte Glaube durch alle intellektuellen Anfechtungen, auch der akademischen Theologie, hindurchtrĂ€gt, dies bleibt fĂŒr die Krelinger Studentenausbildung ein verpflichtendes VermĂ€chtnis.

Im Blick auf den großen Christus rang er auch um die Platzanweisung der Gemeinde Jesu heute in Kirche und Gesellschaft. Die Gemeinde muß sich die Kraft erbitten, mit Christus selbst im Hurenhaus zu leben. Das hat er oft gesagt. Von frommen Gettos hielt er nicht viel. Nicht weltflĂŒchtig, sondern welttĂŒchtig soll der Christ werden; und er wird es, wenn er an einen großen Christus glauben kann.

Der Glaube an diesen großen Herrn verschaffte ihm ein ungezwungenes VerhĂ€ltnis zu sich selbst. „Christus macht aus einem Spatzen keine Nachtigall, sondern einen echten Spatzen.“ Das konnte man an ihm ablesen. Er strebte nicht nach unnatĂŒrlicher Heiligkeit, sondern nach geheiligter NatĂŒrlichkeit. Die tausendfache Seelsorge machte ihn realistisch im Blick auf das Herz des Menschen, manchmal war er am Rand der Menschenverachtung. Die „stinkige Selbstverliebtheit“ seines eigenen alten Adam kannte er gut. Und das merkten andere, die er abholen wollte. Als begnadigter SĂŒnder setzte er sich zu ihnen auf die SĂŒnderbank, und wenn sie den Schritt ĂŒber die Linie noch nicht fanden, dann wollte er sie nicht verurteilen, sondern erleiden.

Der große Christus nahm ihm die Menschenfurcht und gab ihm Dienstgesinnung. Die reformatorische „Freiheit eines Christenmenschen“ wurde an ihm ablesbar: Niemand untertan zu sein, und gleichzeitig aus Liebe jedem zu dienen. So konnte das RĂŒstzentrum ein Werk im Kreuzeszeichen werden, in der Vertikalen auf Gott angewiesen, in der Horizontalen dem Menschen verpflichtet, der Hilfe braucht, dem AbhĂ€ngigen, dem Kranken, dem Einsamen und Verzweifelten. Uns bleibt, wenn wir das Leben und Lebenswerk Pastor Heinrich Kemners als Echo eines großen Herrn bedenken, die eigene Bitte: „Herr, werde du uns selber wieder ganz groß.“

Das große Ziel

 Wie oft haben wir hier in Krelingen das Kiekegaard-Wort gehört: „ Die einzige Neuigkeit des Erdentages ist der Ewigkeit Anfang in Jesus Christus.“ Dieser Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit im Leben eines Menschen, den Heinrich Kemner gern „Kairos“ nannte, war ihm Ziel des Menschseins hier auf Erden. Hören wir seine eigenen Worte: „Worauf kommt es an? Daß unser Leben und Sterben nicht im Vollzug des eigenen Willens, sondern im Vollzug des Willens Gottes liegt. Denen, die ihn lieben, mĂŒssen alle Dinge zum Besten dienen. Wer diese Wahrheit in Christus ergriffen hat, ist fĂŒr die Wirklichkeit frei geworden. Es kommt nicht darauf an, was wir tun, sondern wie wir’s tun und fĂŒr wen wir’s tun.“

Ja, das richtige Tun war ihm wichtig. Aber dieses Tun soll nicht dem Selbstbezug entspringen, sondern Handeln des erhöhten Herrn durch uns hindurch sein. Ewigkeitswert hat nur das Geschenkte, nicht das Gewollte und Gemachte. „Gib es auf, dein Leben am Erfolg auszurichten, sondern bitte Gott um Frucht!“ Wie kein anderer konnte er diese Zielsetzung einschĂ€rfen.

Welches Ziel hat er fĂŒr das Krelinger Werk erhofft? „Gott erhalte dem Werk die Bettelarmut im Geist. Nur wenn Gott es als Anstoß zu einer ewigen Bewegung beglaubigt, kann ein Glaubenswerk Anstoß und Korrektur fĂŒr die Kirche sein. Eine kirchliche Institutionalisierung wĂŒrde dem Glaubenswerk den erwecklichen Impuls nehmen. Glaubenswerke verlieren ihre Salzkraft, wenn sie am Ende nur noch sich selbst erhalten, erweitern und zu Großbetrieben entwickeln. Nur als Gebende bleiben Glaubenswerke die Empfangenden.“

Das ewige Ziel, das Heinrich Kemner nun schauen darf, hat er am Ende seiner Autobiographie mit den folgenden Worten des von ihm so hochverehrten Hermann Bezzel beschrieben. Sie sollen auch am Ende dieses Versuches stehen, sein geistliches VermĂ€chtnis an uns zu verstehen: „Wir wollen mit leuchtenden Augen werben und einladen, wir wollen Weckuhren unseres Heilandes sein, solange unsere Gnadenstunde noch wĂ€hrt. Wir wollen mit leuchtenden Augen sterben, wenn unsere Zeit vollendet ist. Die Gemeinde Jesu lebt vom Ziel her. Der Weg ist nichts. Über ein kleines werden wir ihn sehen, und dann sind alle Reiche der Welt  unseres Herrn und seines Christus geworden.“

Quelle: „Gedenkt eurer Lehrer (Hebr. 13,7). Pastor Heinrich Kemner (1903-1993“. BroschĂŒre des Gemeindehilfsbundes, 2. Aufl. 2006, u.a. mit der letzten Bibelarbeit Pastor Kemners, die er etwa ein Jahr vor seinem Heimgang gehalten hat. Die BroschĂŒre ist bei der GeschĂ€ftsstelle des Gemeindehilfsbundes, MĂŒhlenstr. 42, 29664 Walsrode erhĂ€ltlich.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 20. Juli 2011 um 8:00 und abgelegt unter Gemeinde.