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Einspruch im Namen der MenschenwĂŒrde

Donnerstag 14. April 2011 von Prof. Dr. Ernst-Wolfgang Böckenförde


Prof. Dr. Ernst-Wolfgang Böckenförde

Der Staat des Grundgesetzes kann niemanden zu der Entscheidung ermÀchtigen, ob ein anderer weiterleben darf oder verworfen wird. Ein PlÀdoyer des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde.

Artikel 1 des Grundgesetzes garantiert: Die WĂŒrde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schĂŒtzen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Ist eine gesetzliche Zulassung der PrĂ€implantationsdiagnostik (PID) mit dieser Garantie vereinbar – in welchem Umfang, oder steht sie zu ihr in Widerspruch? Aus rechtlicher wie auch ethischer Sicht sind vor allem drei Fragen von Bedeutung: Hat der Embryo, um den es bei der PID geht, teil an der MenschenwĂŒrde und an der staatlichen Achtungs- und Schutzpflicht? Stellt die PID, wenn das zu bejahen ist, eine Verletzung der MenschenwĂŒrde dar? Besteht bei einem strikten Verbot der PID ein Wertungswiderspruch zur normativen Regelung und praktischen Handhabung des Schwangerschaftsabbruchs nach Paragraph 218a Absatz 2 des Strafgesetzbuchs, der so nicht hinnehmbar ist?

I. Dass menschliche WĂŒrde jedem einzelnen lebenden Menschen zukommt, ist unbestritten.

Die darin anschließende, kontrovers diskutierte Frage ist die, wie weit sich diese Anerkennung menschlicher WĂŒrde in den Lebensprozess jedes einzelnen Menschen hinein erstrecken muss, damit sie auch wahr bleibt.

Ist es angĂ€ngig, dass sie erst an einer bestimmten Stelle im Lebensprozess des Menschen einsetzt, dieser in den Stadien davor aber verfĂŒgbar bleibt, oder muss sie vom Ursprung an, dem ersten Beginn dieses menschlichen Lebens bestehen? Nur das Letztere kann der Fall sein, wenn das, was die menschliche WĂŒrde ausmacht, das Dasein um seiner selbst willen (Bundesverfassungsgericht) oder der Zweck an sich selbst (Kant), nicht eine inhaltsleere Deklamation werden soll.

Die WĂŒrde, die ein fertiges Wesen auszeichnet, lĂ€sst sich nicht von seinem Lebensprozess abspalten, muss diesen vielmehr mit umfassen. Nimmt man nĂ€mlich eine bestimmte Phase dieses Lebensprozesses von der Anerkennung und Achtung, die dem Menschen von seiner WĂŒrde her geschuldet ist, aus oder sucht sie prozesshaft abzustufen, weil er doch erst ein Acht- oder Sechzehnzeller sei und zur ohnehin ungewissen Nidation noch nicht gekommen sei, reißt man ein Loch in die Entwicklung des einzelnen individuellen Menschen selbst. Soll die Achtung der WĂŒrde jedem Menschen als solchem gelten, muss sie ihm von Anfang an, dem ersten Beginn seines Lebens zuerkannt werden.

Dieser erste Beginn des eigenen Lebens des sich ausbildenden und entwickelnden Menschen liegt nun aber in der Verschmelzung von Samenzelle und Ei, dem Abschluss der Befruchtung. Durch sie bildet sich ein gegenĂŒber Samen- und Eizellen, die auch Formen menschlichen Lebens sind, neues und eigenstĂ€ndiges menschliches Lebewesen. Das ist heute gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnis. Auch die Stellungsnahme der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften geht davon aus, dass mit der Bildung des neuen Zellkerns das vollstĂ€ndige individuelle menschliche Genom entstanden ist.

Es sind, wie Herta DĂ€ubler-Gmelin in einem nun bald zehn Jahre zurĂŒckliegenden großen Interview (DĂ€ubler-Gmelin: WĂŒrde des Embryos ist unbezweifelbar) feststellte, alle Grundvoraussetzungen und FĂ€higkeiten dafĂŒr vorhanden, dass ein individueller Mensch entsteht beziehungsweise sich als solcher entwickelt. Das genetische Programm der Entwicklung ist fertig vorhanden, bedarf keiner VervollstĂ€ndigung mehr oder eines qualitativen Sprunges, entfaltet sich vielmehr von innen her nach Maßgabe eigener Organisation. Hier, und nicht erst irgendwann spĂ€ter, setzt die WĂŒrde des Menschen ein und ebenso die Verpflichtung der Rechts- und Verfassungsordnung, sich schĂŒtzend vor dieses Leben und seine Entwicklung zu stellen.

II. Wenn also auch dem Embryo MenschenwĂŒrde zukommt, was folgt daraus fĂŒr die PID? Ist sie – und wie weit – mit der WĂŒrde des Embryos vertrĂ€glich, oder widerstreitet sie ihr?

Hier ist zunĂ€chst davor zu warnen, die MenschenwĂŒrde in „kleine MĂŒnze“ auszufalten. Die MenschenwĂŒrdegarantie ist nicht als ein solches Schutz- und Abwehrinstrument gedacht, das alle weitreichenden BeeintrĂ€chtigungen oder Verletzungen der Persönlichkeit hintanzuhalten geeignet wĂ€re. Sie will und kann nur, um der Unantastbarkeit willen, einen elementaren Kernbestand menschlichen Seins umfassen. Wird dieser Kernbestand durch die PID betroffen und verletzt?

Bei der PID werden in vitro gezeugte Embryonen gezielt einer Untersuchung auf bestimmte genetische Anlagen und Defekte unterworfen, um sie bei deren Vorliegen der Frau nicht zu implantieren, sondern sie zu verwerfen, das heißt zu vernichten (töten). Das Ziel der PID ist mithin eine Aussonderung, aber nicht von defekten Samen- oder Eizellen, sondern von defekten Embryonen, das heißt menschlichen Lebewesen im frĂŒhesten Stadium ihrer Existenz. Sie ist ein und wirkt als Selektionsinstrument.

Es kann wenig Zweifel geben, dass die so eingesetzte PID gegen die Achtung der MenschenwĂŒrde der Embryos verstĂ¶ĂŸt. Ute Sacksofsky hat dies in ihrem Gutachten fĂŒr die Enquetekommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ ĂŒberzeugend dargelegt. Die PID wird nicht in Gang gesetzt, um den Wunsch nach einem Kind zu erfĂŒllen, dafĂŒr genĂŒgt die In-vitro-Fertilisation (IVF) als solche; sie wird in Gang gesetzt, um den Wunsch nach einem nicht mit bestimmten genetischen Defekten behafteten, insoweit gesunden Kind zu erfĂŒllen.

Der in vitro gezeugte Embryo wird nicht als solcher, als Subjekt und Zweck an sich selbst anerkannt und gewollt, sondern nur abhĂ€ngig von bestimmten Anlagen oder Merkmalen, die er hat oder nicht hat. Nur unter dieser Voraussetzung wird ihm die Chance zum Weiterleben und zu seiner Entwicklung als Mensch eingerĂ€umt. Deutlicher kann nicht zum Ausdruck kommen, dass er keinen Anteil an menschlicher WĂŒrde, am Dasein um seiner selbst willen hat.

Stehen aber einem strikten Verbot der PID, das sich hieraus als Folge ergibt, nicht die MenschenwĂŒrde und das Selbstbestimmungsrecht der Eltern und insbesondere der Frau entgegen? Verbieten diese nicht ihrerseits, die Frau zu nötigen, ohne Wissen darum ein eventuell mit schweren Krankheiten oder Behinderungen behaftetes Kind zur Welt zu bringen? Dies ist, wie Ute Sacksofsky ebenfalls herausgearbeitet hat, nicht der Fall. Weder werden die Eltern oder die Frau durch ein Verbot von PID zum Objekt gemacht und instrumentalisiert, noch werden sie in ihrem Recht auf Selbstbestimmung verletzt.

Ihre Entscheidung, ob, warum und wie sie einen Kinderwunsch erfĂŒllen wollen, ist frei und selbstbestimmt; wenn sie den gewiss nicht einfachen Weg ĂŒber die IVF gehen, wollen sie gerade unbedingt ein Kind. Sie werden dann nur daran festgehalten, wenn sie ein Kind wollen, es als solches, als Subjekt und Zweck an sich selbst zu wollen und nicht nur als ein Kind mit bestimmten Merkmalen und Eigenschaften.

Aber ist der generelle Verzicht auf die PID nicht hartherzig und verstĂ€ndnislos gegenĂŒber dem Leid von Eltern mit gefĂ€hrdender genetischer Disposition, fĂŒr die dann der Wunsch, eigene Kinder zu haben, entweder mit dem hohen Risiko schwer erkrankter oder behinderter Kinder belastet ist oder – durch Verzicht – gĂ€nzlich unerfĂŒllt bleiben muss? Sollten deshalb nicht fĂŒr sehr eng begrenzte FĂ€lle Ausnahmen möglich sein?

Diese Frage ist ernst zu nehmen, und man soll sie nicht einfach damit zurĂŒckweisen, dass es kein Recht auf gesunde Kinder gibt. Aber einer positiven Antwort stehen zwei GrĂŒnde entgegen. Zum einen geht auch bei einer nur begrenzten Zulassung der PID kein Weg daran vorbei, dass hier Menschen im Embryonalstadium als EntitĂ€ten behandelt werden, ĂŒber die nach wechselnden Kriterien wie ĂŒber Sachen disponiert werden kann. Es wird zwischen lebenswerten und lebensunwerten Embryonen unterschieden. Dazu hat sich im Jahre 2001 kein Geringerer als der damalige BundesprĂ€sident Johannes Rau in seiner Berliner Rede quergestellt: „Wer anfĂ€ngt, zwischen lebenswert und lebensunwert zu unterscheiden, ist in Wirklichkeit auf einer Bahn ohne Halt.“

Zum anderen bedeutet eine Auflistung von AusnahmefĂ€llen eine deutliche Diskriminierung der davon betroffenen Embryonen, die Menschen in nuce sind. Das verletzt das Benachteiligungsverbot des Artikels 3 Absatz 3 Satz 2 des Grundgesetzes, das („niemand“) nicht nur fĂŒr geborene Menschen, sondern ebenso wie das Recht auf Leben („jeder“) auch fĂŒr Menschen in nuce wie die Embryonen gilt. Überdies ist die Wirkung auf die betroffenen lebenden Menschen zu bedenken; es sind diejenigen, die eigentlich nicht da sein sollten, deren Leben eher als nichtlebenswert erscheint. Vermeidet man deshalb einen Katalog und stellt nur auf die besondere Schwere der genetischen Belastung ab, wird ein neues Interpretations- und Vergleichsfeld eröffnet mit AnalogieschlĂŒssen und VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeitserwĂ€gungen – ein Tor zu fortschreitender Selektion.

III. Bleibt noch die Frage, ob mit einem strikten Verbot der PID nicht ein sogenannter Wertungswiderspruch in die Rechtsordnung hineingetragen wird.

Gerade das wird vielfach vertreten. Kann nicht, so erhebt sich der Einwand, wenn sich nach geschehener Implantation bei der spĂ€teren PrĂ€nataldiagnostik (PND) erhebliche genetische Defekte oder sonstige Behinderungen herausstellen, die Schwangerschaft ohne grĂ¶ĂŸere Erschwernisse, wie die Praxis zeigt, nach Paragraph 218a Absatz 2 des Strafgesetzbuchs gerechtfertigt abgebrochen werden, und dies noch bis kurz vor der Geburt? Damit werde dann der Embryo in vitro quasi absolut, der Embryo in utero jedoch erheblich schwĂ€cher geschĂŒtzt. Das erscheint als ein Widerspruch von normativem Recht und gelebter Rechtswirklichkeit, der de facto einer Zeugung und Schwangerschaft auf Probe den Weg ebne.

Diese Argumentation klingt auf den ersten Blick eindrucksvoll. Aber sie hÀlt nicht stand. Bei einem Verbot der PID entsteht zwar eine Spannung zur gelebten Rechtswirklichkeit, aber es besteht kein normativer Wertungswiderspruch.

Bei Abtreibungsregelung und PID handelt es sich, wie auch Johannes Rau hervorgehoben hat, um zwei vollkommen unterschiedliche Sachverhalte. Beim Schwangerschaftsabbruch besteht ein konkreter Konflikt zwischen der Schwangeren und dem in ihr heranwachsendem Kind, die beide in einzigartiger Weise („Einheit in Zweiheit“) miteinander verbunden sind: Hier wird, wie das Mehrheitsvotum der Enquetekommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ (Bundestagsdrucksache 14/9020) weiter darlegt, ein existentieller Konflikt zwischen dem Lebensrecht des ungeborenen Kindes und dem Recht der Schwangeren auf Leben und physische wie psychische Unversehrtheit entschieden, was notwendigerweise schwierige AbwĂ€gungen mit sich bringt.

An dieser Beziehung und Konstellation fehlt es bei Anwendung der PID: Bei ihr geht es nicht um einen vorhandenen Konflikt, vielmehr wird durch die IVF mit PID ein möglicher Konflikt erst bewusst geschaffen und dann antizipiert, indem eine Zeugung auf Probe geplant und durchgefĂŒhrt wird. Und die Entscheidung fĂ€llt nicht konkret fĂŒr oder gegen die Fortsetzung einer Schwangerschaft, sondern abstrakt im Wege selektiver Aussonderung unter verschiedenen Embryonen.

Beide Sachverhalte sind also so unterschiedlich, dass sie keineswegs einheitlich bewertet und gestaltet werden mĂŒssten. Von einem Wertungswiderspruch kann daher keine Rede sein, wenn hier strengere Regeln gelten als dort.

Gleichwohl ist eine Spannungslage gegeben. Sie liegt in dem VerhĂ€ltnis von PID-Verbot und den Folgewirkungen einer nachfolgenden PrĂ€nataldiagnostik. Werden bei einer PND genetische SchĂ€den oder andere Krankheiten festgestellt, fĂŒhrt das heute in der praktischen Handhabung relativ leicht zu einer medizinischen Indikation nach Paragraph 218a Absatz 2 des Strafgesetzbuchs, ohne dass die weiteren Voraussetzungen dieser Vorschrift, nĂ€mlich die Gefahr einer schwerwiegenden BeeintrĂ€chtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren und der Umstand, dass diese Gefahr nicht auf andere, fĂŒr die Schwangere zumutbare Weise abgewendet werden kann, wirklich ernst genommen werden.

Ein genetischer Defekt oder eine Krankheit allein kann nach dem Inhalt des Paragraphen 218a Absatz 2 des Strafgesetzbuchs einen Schwangerschaftsabbruch niemals rechtfertigen. Die heute verbreitete Praxis ist ein faktischer Missbrauch der Vorschrift, und nur von daher kann dann die PID als „antizipierte PND“ erscheinen. Von solchem faktischen Missbrauch kann sich aber kein Argument fĂŒr die Zulassung der PID ergeben. Soll die dargelegte Spannung aufgelöst werden, muss die Korrektur an der richtigen Stelle ansetzen, nĂ€mlich bei der ohnehin gebotenen stĂ€rkeren BerĂŒcksichtigung der MenschenwĂŒrde und des Lebensrechts des Embryos bei der Anwendung der Abtreibungsregelung.

Quelle: F.A.Z. 15.3.2011

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 14. April 2011 um 8:35 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Medizinische Ethik.