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Predigt: Es ist vollbracht

Dienstag 11. Mai 2010 von Pfr. Dr. Theo Lehmann


Pfr. Dr. Theo Lehmann

Es ist vollbracht
Predigt zum KarfreitagÂ ĂŒber Johannes 19,16-30

Ich stelle mir vor, dass die Mörder von Jesus damals am Karfreitag gesagt haben: „Jetzt haben wir den Jesus endlich dort, wo wir ihn schon lange haben wollten, nĂ€mlich am Galgen. Unser Plan ist gelungen, der Fall ist erledigt, Gottseidank, jetzt haben wir’s geschafft.“ Die einzelnen Etappen in der AusfĂŒhrung des Plans waren der Verrat des Judas, die Gefangennahme in Gethsemane, das Verhör vor Pilatus, und jetzt kommt der letzte Akt – die Hinrichtung.

Ich verzichte auf den Versuch, Ihnen im Einzelnen plastisch vor Augen zu malen, welch körperlichen und seelischen Leiden Jesus in den letzten Tagen seines Lebens aushalten musste. Erstens erwĂ€hnt unser Text darĂŒber kaum Einzelheiten, und zweitens ist es so, dass wir uns an grausame Methoden der Liquidierung von Menschen (schon das Wort Liquidierung ist eine Grausamkeit) so gewöhnt haben, dass uns das Leiden von Jesus nicht mehr besonders aufregt. In den deutschen Konzentrationslagern sind die Menschen millionenweise sadistischer und grausamer umgebracht worden als Jesus, und vor allem grausamer, als wir uns das vorstellen können. Der Tod unserer Hauskatze regt uns mehr auf, als der Tod von Millionen damals und heute, geschweige denn der Tod von Jesus vor 2000 Jahren. Deshalb verzichte ich darauf, Ihre Phantasie zu bemĂŒhen, wenn es um den Tod von Jesus geht. Ich erinnere nur an die nackten Tatsachen: Er wurde gefoltert, verspottet, bespuckt, geohrfeigt. Die Soldaten haben mit dem wehrlosen Gefangenen ihren Jux getrieben. Er wurde bei lebendigem Leihe – nackt – an ein Kreuz genagelt, hing dort stundenlang, wĂ€hrend die Gaffer und SpaziergĂ€nger vorbeipromenierten und blöde Bemerkungen machten. Und das alles nicht etwa, weil er etwas verbrochen hatte wie die beiden anderen, die mit ihm gekreuzigt wurden, oder wie Barrabas, der Staatsfeind, der sogar ein Mörder war. Jesus hatte niemanden umgebracht, niemanden bedroht oder gehasst, niemandem etwas Böses getan. Im Gegenteil – es gab nur Gutes von ihm zu erzĂ€hlen.

Angefangen bei der Hochzeit zu Kana bis dahin, dass er Hungrigen zu essen, den Traurigen Trost, Kranken Gesundheit gegeben hat. Er hat den Menschen geholfen und er hat sie geliebt. Verstehen Sie – der hat nicht nur von NĂ€chstenliebe geredet, sondern er hat die Liebe gelebt. Noch als Sterbender am Kreuz bleibt seine Liebe konkret, und er kĂŒmmert sich noch um die Versorgung seiner Mutter. Statt an sich zu denken, denkt er buchstĂ€blich bis zum letzten Atemzug an andere. So war das sein ganzes Leben. Seine Liebe kannte keine Grenzen. Er ist mit seiner Liebe so weit gegangen, dass er sich gerade die als seine Freunde auswĂ€hlte, die von allen anderen geschnitten wurden: die moralischen und religiösen Nieten, die ihm nichts zu bieten hatten als ihr vermurkstes Leben. Zwielichtige Typen wie die betrĂŒgerischen Zollbeamten, eindeutige Personen wie die Huren, religiöse Versager und Außenseiter, mit einem Wort: die SĂŒnder waren seine liebsten Freunde.

Aber dieser Mann, der die anstĂ€ndigen Frommen stehen ließ und dafĂŒr lieber ein StrichmĂ€dchen zu Gott fĂŒhrte, der ging mit seinem anstĂ¶ĂŸigen Verhalten den Frommen, die ihre SĂŒnde nicht zugeben wollten, gegen den Strich. FĂŒr die war ein Gott, der die SĂŒnder nicht verurteilte, sondern mit Ihnen Freundschaft schloss, eine unertrĂ€gliche Zumutung. Der wurde so untragbar, dass sie beschlossen, ihn abzuschaffen. Selbst ein Verbrecher wie Barrabas war fĂŒr sie immer nach ertrĂ€glicher als Jesus, der Reine, der SĂŒndlose. Der musste weg, und deshalb ließen sie keine Ruhe, bis sie ihn aus der Welt geschafft hatten. Und als es endlich soweit war, dass sie ihn draußen hatten aus ihrer Gesellschaft, als es sich bloß noch um Stunden handeln konnte, bis er endlich aufhörte mit seinen provokatorischen Reden, als er bloß noch paar Minuten zu leben hatte, als es die Mörder endlich geschafft hatten, da sagt er, das Opfer seiner Mörder: „Es ist geschafft.“

Das ist ja nun merkwĂŒrdig. Denn wenn einer sein Leben am Galgen beschließt, zumal wenn er dort ganz unschuldig hĂ€ngt, das ist das ja nun nicht gerade ein Anlass zu der befriedigten Feststellung: Es ist geschafft. So sagen wir, wenn wir z. B. ein Examen bestanden haben, aber wer durchfĂ€llt, sagt doch nicht: Es ist geschafft.

In diesem Sinne kann dieser Satz also nicht gemeint sein, und sicher auch nicht in dem Sinne von „Jetzt bin ich am Ende, bin fertig, erledigt.“ oder „Jetzt ist es vorbei, jetzt hab ich alles ĂŒberstanden.“ So kann das schon deshalb nicht gemeint sein, weil Jesus ja nicht sagt: „Ich hab’s geschafft.“ sondern „Es ist geschafft.“ Das ist immerhin ein Unterschied. Dieser Satz ist gemeint als eine Vollzugsmeldung: Der Auftrag ist ausgefĂŒhrt, das Ziel ist erreicht, der Plan ist erfĂŒllt. Nun aber nicht der unheilvolle Plan der Menschen, die Jesus aus der Welt schaffen wollten, sondern der Plan Gottes, der fĂŒr die Menschen Heil schaffen wollte.

Wenn Sie die Bibel lesen, dann finden Sie im ganzen Alten Testament Andeutungen ĂŒber diesen Plan verstreut. Und wenn man diese Andeutungen zusammenstellt, dann stellt sich heraus: Alles, was Jesus tut und mit ihm getan wird, lĂ€uft nach einem in allen Einzelheiten festgelegten Plan ab. Allein in unserem Bibelabschnitt wird zweimal ausdrĂŒcklich darauf verwiesen, dass hier etwas aus dem Grunde geschieht, „damit die Schrift erfĂŒllt wird.“ Das erste Mal, als die Soldaten die Kleider des Gekreuzigten verteilen und verlosen (die genaue Regieanweisung zu dieser Szene steht in Psalm 22), das zweite Mal, als Jesus sagt „Ich habe Durst“, auch das ist in Psalm 22 vorausgesagt. Und nachdem sich auch dieses Detail planmĂ€ĂŸig so abgespielt hat, wie es im Textbuch vorgeschrieben steht, da sagt Jesus: „Es ist vollbracht.“

Das sagt er in dem Augenblick, als sich seine Mörder die HĂ€nde reiben, weil sie ihre PlĂ€ne fĂŒr gelungen und Jesus fĂŒr erledigt halten. Aber das stimmt gar nicht. Erstens, und das wissen Sie ja alle, ist die Geschichte von Jesus am Kreuz noch nicht zu Ende, sondern sie geht weiter, z. B. jetzt hier in diesem Gottesdienst, in dem Jesus als der Auferstandene dabei ist. Gerade heute, wo wir ĂŒber seinen Tod sprechen, spricht er zu uns und wartet darauf, dass viele von Ihnen aus bloßen Zuhörern zu Mitspielern in seiner Geschichte werden, dass Sie zum Glauben kommen.

Zweitens sieht Jesus die Sache genau umgekehrt wie seine Mörder. Denn obwohl seine HĂ€nde ans Kreuz genagelt sind, hat er die FĂ€den des Ganzen in der Hand, und er betrachtet sich nicht als den Erledigten, Unterlegenen, sondern als den Sieger. Denn er behauptet mit seinem Schlusssatz, diesem SchlĂŒsselsatz fĂŒr sein ganzes Leben, dass hier am Kreuz der Plan Gottes zur Vollendung kommt, ein Plan, den Jesus in freiwilligem Gehorsam ausfĂŒhrt und dem alle anderen Beteiligten, selbst ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen, dienen mĂŒssen. Auch Judas, Pilatus und die Kriegsknechte mĂŒssen mit ihren PlĂ€nen dem Plan Gottes dienen.

Jetzt wird es aber Zeit, dass ich Ihnen den Plan Gottes, von dem ich dauernd rede, endlich erlĂ€utere. Genau genommen handelt es sich sogar um zwei PlĂ€ne. Der erste bestand darin, dass Gott mit den Menschen auf freundschaftlicher Basis verkehren wollte, unter einer Bedingung: Er verlangte Gehorsam. Dieser Plan ist gescheitert, weil der Mensch den Gehorsam schuldig geblieben ist. Seither steht diese Schuld zwischen Gott und Mensch wie eine Mauer. Die Bibel nennt diese Mauer: SĂŒnde. Und auf die SĂŒnde, auf Ungehorsam gegen Gott, steht Todesstrafe. Nun hĂ€tte Gott ja auf stur schalten und sagen können: „Was, ihr wollt nicht? Dann lasst ihr’s eben bleiben, seht zu, wie ihr zurechtkommt, ich brauche euch nicht.“

Aber so ruppig und lieblos reagiert Gott nicht. Denn er liebt die Menschen, trotz allem. Und die Liebe macht bekanntlich erfinderisch. Und so erfindet Gott seinen zweiten Plan. Er nimmt sich nĂ€mlich vor, die Mauer der SĂŒnde zu durchbrechen und die Schuld, die zwischen Gott und Mensch steht, aus der Welt zu schaffen. Gott will mit allen Mitteln verhindern, dass der Mensch wegen seiner Schuld sterben muss. Deshalb greift er zum Ă€ußersten Mittel. Er will um jeden Preis das Leben der Menschen retten. Deshalb ist er bereit, fĂŒr diesen Plan den höchsten Preis zu zahlen: Das Leben seines einzigen Sohnes.

Zu Weihnachten haben wir gehört, wie Gott Mensch geworden ist, wie er uns hautnah auf die Pelle rĂŒckte, und nicht nur das, sondern er kam uns unter die Pelle, der ging uns unter die Haut im wahrsten Sinne des Wortes: Gott selber steckte in der Haut eines Menschen, nĂ€mlich des Menschen Jesus von Nazareth.

Heute hören wir, warum er das gemacht hat: Damit er schließlich seine Haut zu Markte tragen kann, indem er die SĂŒnden der Welt trĂ€gt; Jesus, der Sohn Gottes. Oben, an seinem Kreuz, war ein Schild angebracht, auf dem sein Name und der Hinrichtungsgrund drauf stand. Damit wurde der Tod von Jesus sozusagen der Weltpresse zugĂ€nglich gemacht in Latein, Griechisch und HebrĂ€isch, also den damaligen Weltsprachen. Denn was sich hier abspielt, das geht alle Menschen an. Deshalb gehen auch die Missionare der Kirche zu den Heiden bis in die letzten Winkel der Erde und sagen ihnen genau dasselbe, was ich Ihnen heute sage, nĂ€mlich: Machen Sie sich doch ĂŒber Ihr kaputtes VerhĂ€ltnis zu Gott nicht so viele Gedanken, sondern danken Sie Jesus, dass er das fĂŒr Sie schon in Ordnung gebracht hat. Geben Sie es doch auf, sich bei Gott durch frommes Getue beliebt machen zu wollen. Gott liebt Sie doch! Hören Sie doch auf, mit Ihrem schlechten Gewissen durch die Welt zu laufen, das haben Sie doch gar nicht nötig. Kein Mensch hat es nötig, sich mit seiner Schuld abzuschleppen.

Seit Jesus mit seinem letzten Atemzug gesagt hat „Es ist vollbracht,“ können wir aufatmen, denn er hat ja schon alles fĂŒr uns erledigt, er hat doch die Schuld fĂŒr uns mit seinem Blut bezahlt, er hat die ganze, vollkommene, endgĂŒltige Erlösung fĂŒr uns vollbracht, wir sind frei! Wir Christen leben schuldenfrei, deshalb sind wir so glĂŒcklich. Das unterscheidet uns von anderen Menschen. Nicht, dass wir ohne SĂŒnde sind, sondern dass wir wissen, wo wir sie loswerden können. Wir wissen, dass wir an unserer Schuld nicht zu ersticken brauchen, sondern dass wir sie am Kreuz abladen können. Damit brauchen wir uns nicht mehr zu quĂ€len. Das ĂŒberlassen wir alles dem Herrn Jesus.

Sehen Sie – das macht uns froh, und Sie alle können genauso frei und glĂŒcklich leben, auf Konto Gottes. Wenn Sie wissen wollen, wer Gott ist und was hinter dieser Vokabel steckt, dann dĂŒrfen Sie mit Ihren Überlegungen nicht bei einem sogenannten höheren Wesen einsetzen, das irgendwo im Himmel schwebt. Da kriegen Sie nie raus, wer Gott ist und was er ĂŒber Sie denkt. Gott schwebt nicht irgendwo in der Luft, sondern er hĂ€ngt am Kreuz. Da können Sie sehen, wer Gott ist. Das ist einer, der im wahrsten Sinne des Wortes stirbt vor Liebe, aus Liebe zu allen Menschen, also auch aus Liebe zu Ihnen.

Ich hoffe, Sie verstehen jetzt, warum das letzte Wort von Jesus nicht die resignierte Feststellung ist: „Jetzt habt ihr mich geschafft.“ Sondern es ist der triumphierende Ausruf: „Es ist geschafft,“ jetzt ist der Plan Gottes erfĂŒllt. Und selbst wenn Ihnen die Vokabel „Gott“ nichts bedeutet und ein Gott, der PlĂ€ne macht, noch viel weniger, dann muss es Ihnen doch etwas bedeuten, dass einer sein Leben lĂ€sst fĂŒr Sie, dass einer da ist, der Sie mehr liebt als Sie sich selber, der stirbt, damit Sie leben können. DarĂŒber mĂŒssen Sie sich allerdings im Klaren sein: An die Stelle, an der Jesus hĂ€ngt, gehören eigentlich Sie. Weil Sie vor Gott schuldig sind, mĂŒssten Sie von Rechts wegen dort vorn am Kreuz hĂ€ngen. Aber das brauchen Sie nicht, sondern Sie können da unten in der Kirchenbank sitzen und sich Ihres Lebens freuen, weil da vorn ein andrer fĂŒr Sie hĂ€ngt.

Verstehen Sie das, warum das so ist? Ich versteh‘s nicht, aber ich freue mich, dass es so ist und dass Gott das so eingerichtet hat. Und ich bin dankbar dafĂŒr, dass Gott so gut zu mir ist. Den Schaden, den die Schuld der Menschen angerichtet hat, hat Gott am Kreuz ein fĂŒr allemal wieder gut gemacht. Jetzt ist Gott wieder gut mit uns. Keine Schuld kann uns mehr von ihm trennen. „Es ist vollbracht,“ das heißt: Die Wiedergutmachung hat bereits stattgefunden. „Es ist vollbracht,“ das heißt: Jesus hat uns absolut nichts mehr zu tun ĂŒbrig gelassen, wenn wir mit unserer Schuld mit Gott ins Reine kommen wollen. FĂŒr unsere Erlösung brauchen und können wir nichts tun, weil er alles dafĂŒr getan hat. „Es ist vollbracht,“ das ist das letzte Wort von Jesus. Dem ist nichts mehr hinzuzufĂŒgen.

Pfarrer Dr. Theo Lehmann, Predigt zum Karfreitag, 10.04.2009

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 11. Mai 2010 um 17:04 und abgelegt unter Predigten / Andachten.