Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Erzbischof Janis Vanags, Ansprache zum 4.5.2010

Samstag 8. Mai 2010 von Erzbischof Janis Vanags


Erzbischof Janis Vanags

„Lettland muß noch zu einem guten und ordentlichen Staat heranwachsen.“ Ansprache zum 20. Jahrestag der UnabhĂ€ngigkeit Lettlands am 4. Mai 2010 im Dom zu Riga

„Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und ihr habt  nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ (Johannes 16, 21-22)

Bei dem Anhören dieser Worte Jesu werden viele Frauen  die Erfahrungen wieder erkennen, die sie selbst gemacht haben. Als in ihrem Leben zum ersten Mal die Stunde ihrer ersten Niederkunft heran kam, waren sie besorgt, denn sie wussten nicht, wie das alles sein wĂŒrde. Aber als das Kindlein ihnen auf den Bauch gelegt wurde, dachten sie nicht mehr daran, wie schwer und schmerzhaft alles war, denn der allerliebste Mensch, den sie hatten, war zur Welt gekommen.

Ähnlich war es auch mit dem ZurĂŒckgewinnen der UnabhĂ€ngigkeit Lettlands. Heute können wie den mutigen und unternehmerischen Menschen danken die damals die ErklĂ€rung der UnabhĂ€ngigkeit Lettlands verfassten, vorwĂ€rts brachten und  beschlossen. Als der Augenblick der Entscheidung immer nĂ€her  rĂŒckte, war nichts friedlich oder sicher. Doch als sie ausgerufen war, da freute sich das Volk und die Welt mit uns. Das Kind war zur Welt gekommen – unser wieder unabhĂ€ngiger Staat. Das war vor 20 Jahren.

Doch alle MĂŒtter wissen es, daß damit alles erst anfĂ€ngt. Es ist leichter, ein Kind zur Welt zu bringen, als es zu einem guten und ordentlichen Menschen zu erziehen. Die VĂ€ter wissen  ihre Frauen irgendwo gut aufgehoben, wenn sie ein Kind gebĂ€ren, und sind vielleicht nicht einmal dabei. Doch bei der Erziehung der Kinder mĂŒssen sie dabei sein – lange und sehr oft.  Auch die UnabhĂ€ngigkeit Lettlands wurde von einigen im ParlamentsgebĂ€ude in der Jakobistraße wieder hergestellt, aber bei der Erziehung mĂŒssen wir alle mit dabei sein.

Ein Geburtstag ist immer ein guter Anlass zum Feiern. Deshalb freuen wir uns heute, denn wir haben etwas, das viele Völker nicht haben – unseren eigenen Staat. Wir haben die viel grĂ¶ĂŸere Freiheit als sie, unser Leben selbst zu bestimmen. Sogar wenn wir aus irgend einem Grunde beschließen, Lettland zu verlassen, um an einem anderen Ort ein besseres Leben zu suchen, wird man nicht auf uns schießen, wenn wir es versuchen sollten, bei einem GrenzĂŒbertritt einen festgelegten Grenzstreifen zu ĂŒberschreiten.  Die Freiheit ist ein großes Geschenk, das wir auf so unglaubliche Weise ohne massenhaftes Blutvergießen empfingen, wunderbar wie aus der Hand Gottes. Freuen wir uns darĂŒber und danken wir heute Gott dafĂŒr. Wenn wir heute unseren HalbwĂŒchsigen betrachten, dann entfĂ€hrt uns vielleicht manches Mal ein Seufzer. Er gehorcht uns nicht, weiß sich nicht zu benehmen, er blickt nicht weiter als bis zu seiner eigenen Nasenspitze, sein Herz und Verstand haben nicht mit seinem Heranwachsen Schritt gehalten. Aber gerade dann dĂŒrfen wir uns von ihm nicht abwenden, denn er soll doch zu einem großen und guten Menschen heranwachsen.

Der StaatsprĂ€sident Lettlands hat das sehr schön gesagt: „Unser Ziel ist  ein vernĂŒnftig verwalteter, grĂŒner, kreativer und international aktiver Nationalstaat, in dem das demographisch wiederhergestellte, bĂŒrgerlich verantwortliche und miteinander vereinte lettische Volk lebt. “  Das ist ein gutes Ziel, dem ich aber sehr gerne noch etwas hinzufĂŒgen möchte, zum Beispiel: „indem man mit ehrlicher Arbeit  seiner Familie ein menschenwĂŒrdiges Leben verschaffen kann.“ Oder: „indem die lettischen und christlichen Tugenden in Ehren gehalten werden“, Oder: „indem Menschen verschiedener Volkszugehörigkeit miteinander im Frieden und in Eintracht leben und arbeiten.“ Wir sollten auch begreifen, daß wir nicht unsere Ziele formulieren und sofort verwerfen können, damit sie von einem anderen an einem anderen Ort  erreicht werden mögen, wĂ€hrend ich selbst von ihnen zurĂŒcktrete und abwarte, ob auch  alles nach meinen WĂŒnschen gelingt. Ein jeder ist an seinen Ort gestellt und nach  seinen  Gaben eingesetzt -.der junge Mensch bei dem Lernen in der Schule oder der Rentner bei dem Beten in der Kirche. Sie alle mĂŒssen mitmachen, um das gute Ziel zu erreichen.

Dennoch dĂŒrfen wir uns – mögen auch die Worte von Rainis „Ein jeder muß Hand anlegen, damit das große Werk voran kommt“ noch so richtig sein –  hinter ihnen nicht verstecken. Es ist doch klar, daß  von uns allen, die wir das ideale Lettland erbauen und in ihm lehren, diejenigen die grĂ¶ĂŸten Möglichkeiten haben, dieses zu tun oder nicht, welche Macht und Einfluss ausĂŒben. Jahrestage sind auch eine gute Zeit, Leistungen zu beurteilen – nicht nur die eigenen Werke, sondern vor allem deren Motive. Die Kirche nennt das  Erforschung des Gewissens. Weshalb bin ich dort, wo ich bin? Weshalb möchte ich dort sein? Die einzige Rechtfertigung fĂŒr die Macht, die jemand in einem freien Land ĂŒber andere ausĂŒbt, ist der Wille und die Bereitschaft, alles fĂŒr das gemeinsame Wohl zu tun. Ohne diese Motivation kann man mit der Freiheit weder die Welt beglĂŒcken, noch andere zur Freiheit erziehen. Deshalb ist es fĂŒr uns alle wichtig, die wir Macht und Einfluss ausĂŒben, daß wir von Zeit zu Zeit unser Gewissen erforschen und es befragen: weshalb befinde ich mich auf meiner Stelle? Aus welchem Grunde bin ich hierher gestellt worden und welche Ziele habe ich, wenn ich dieses Amt ausĂŒbe?  Und wenn jemand von uns dabei entdecken sollte, daß die Motive fĂŒr seinen Dienst nicht darin bestehen, dem Ziel des gemeinsamen Wohles zu dienen, und daß sich statt der Energie MĂŒdigkeit oder Ratlosigkeit eingestellt hat, und der gute Rat fehlt, was weiter zu tun sei, dann verbleiben nur zwei Möglichkeiten: entweder die Einstellung radikal zu verĂ€ndern oder es zuzulassen, daß statt meiner andere kommen, die in ihrem Herzen sowohl  Ideale haben, als auch den Schwung und die FĂ€higkeit, sie zu verwirklichen. Das wĂ€re ein wertvolles Geschenk an das halbwĂŒchsige Lettland, das noch zu einem guten und ordentlichen  Staat heranwachsen muß.

Jesus spricht: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine JĂŒnger und werdet meine Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“  Den zweiten Teil dieses berĂŒhmten Wortes kennen viele auswendig, doch oft vergessen wir den ersten Teil: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort und meine JĂŒnger seid, dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, die euch frei machen wird. Jesus redet hier von der Freiheit, die eine absolut notwendige Voraussetzung fĂŒr die Schaffung der politischen Freiheit ist – von der Freiheit des Geistes. Von der Freiheit von den inneren DĂ€monen, die in jedem stecken, von Vorurteilen, von Hass, von Missgunst, von Begierden und Leidenschaften im Dienst, von Fehlurteilen. Die Christus Nachfolge schafft in der Seele des Menschen die Kraft der Wahrheit und die Herrschaft des Rechts, die wir immer wieder neu im Leben unseres Staates fordern. 

Zum Schluß möchte ich zum Nachdenken ĂŒber einen Bericht aus dem Evangelium anregen. Jesus machte zehn AussĂ€tzigen ein wunderbares Geschenk – die Heilung von ihrer Krankheit. Sie konnten in die Gesellschaft und in ein normales Leben zurĂŒckkehren. Doch nur einer von ihnen kam zu Jesus zurĂŒck, um ihm zu danken und Gott zu loben. Und nur diesem einen sagte Jesus: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Wie groß ist der Teil unseres Volkes, welches die Freiheit empfangen hat, der zu Christus zurĂŒckgekehrt ist, um Gott zu loben? Ist es Einer von FĂŒnf, von Zehn oder von Hundert? Die GrĂ¶ĂŸe dieses VerhĂ€ltnisses wirkt sich tief auf  das Wohlergehen des Staates und unserer Mitmenschen aus wie auf unser eigenes Wohlbefinden – auch in unserer wahrhaftig nicht leichten Zeit.

Der Glaube an Gott, das Vertrauen auf Gott und der Segen Gottes geleite uns zu Beginn eines neuen Jahrzehnts unserer Freiheit.  

Übersetzung aus dem Lettischen: Johannes Baumann

 

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 8. Mai 2010 um 19:46 und abgelegt unter Christentum weltweit.