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Leben wir im Advent?

Samstag 28. November 2009 von Erweckliche Stimme


Erweckliche Stimme

Leben wir im Advent?

Advent ist gelebter Glaube; man k├Ânnte auch sagen, das Geheimnis einer Glaubensbewegung, die ihren Grund hat und die dem Unglauben nicht einsichtig ist. Diese Erwartung markiert das Gottesvolk aller Zeiten. Christen leben in der Welt, nicht von der Welt. Sie sehen, mit anderen Worten, immer ├╝ber den Erdentag hinaus.

So sind sie gewandert, die Menschen des Advent, vom ersten Blatt der Bibel an bis zum letzten. So haben sie gehofft und geglaubt, die Menschen des Advent, wo nach vern├╝nftiger menschlicher Einsicht nichts zu hoffen und zu glauben war. Die Mathematik des Glaubens ist eine andere als die des Verstandes. Manche machen den vielleicht ehrlichen Versuch, den christlichen Glauben so zu ├╝bersetzen, da├č er im Grunde, weil man die Glaubenserwartung nivelliert, eine Best├Ątigung des gelebten Unglaubens wird. Wenn das Gottesvolk die Glaubenserwartung verkauft, hat es der Welt im Grunde nichts mehr zu sagen. Die Glaubensgestalten der Bibel, die Propheten und Apostel, waren Menschen, die alle die zeitliche Glaubenserwartung durchbrachen. Sie wurden dadurch Positionslampen der Ewigkeit. Jesus sagt von Abraham: „Abraham, euer Vater, ward froh, da├č er diesen Tag sehen sollte; und er sah ihn und freute sich“ (Joh.8,56).

Dieses heimliche Wissen wurde geboren aus dem Quellgrund einer Freude, die sich letztlich nur deuten l├Ą├čt als Gewi├čheit im Heiligen Geist. Diese Adventsgewi├čheit leuchtet gerade in den Tiefpunkten israelitischer Geschichte, wo irdische Hoffnung, etwa wie in Babel, f├╝r immer dahin zu sein schien, am herrlichsten auf. Als man, wie Hesekiel es ausdr├╝ckt, in der Gefangenschaft in Babel sagte: „Unsere Hoffnung ist dahin“, schlug die Geburtsstunde der Adventsprophetie: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.“

Es war nur eine kleine Schar, die zur Zeit Jesu noch auf den Trost Israels wartete. Die Tr├Ąger der lebendigen Hoffnung sind zu allen Zeiten nie die vielen, sondern immer nur der heilige Rest gewesen. Das Geheimnis ihrer Erwartung lag in der Unbedingtheit ihres Vertrauens, da├č Gott unbeirrbar durch das Hoch und Tief menschlicher Geschichte seine Ewigkeit vollendet. Dieses Vertrauen zu den Verhei├čungen Gottes gab Mose die Sturheit, die Anfechtung vor Pharao zu durchstehen. „Er f├╝rchtete nicht des K├Ânigs Grimm; denn er hielt sich an den, den er nicht sah, als s├Ąhe er ihn“ (Hebr. 11,27).

Wenn ich die Weihnachtsgeschichte lese, mu├č ich immer bei der Gestalt des alten Simeon verweilen. Von ihm hei├čt es, da├č er sein ganzes Leben auf Weihnachten gewartet hat und immer nach dem Christkind unterwegs war. Ich mochte wissen, was die Pharis├Ąer wohl von diesem Mann gedacht haben, der so gar nicht ihren Denkkategorien entsprach. Ich m├Âchte wissen, wie die Schriftgelehrten ├╝ber ihn urteilten, die den Weisen aus dem Morgenland wohl h├Ątten sagen k├Ânnen, da├č Jesus in Bethlehem geboren werden sollte, aber die Weihnachtsstunde verpa├čten, weil sie ohne Advent lebten. Menschen des Advent leben in einer Wirklichkeitsdeutung, die ohne das Christkind nicht Ereignis, sondern nur Leerlauf ist. In dieser Glaubenserwartung war es dem alten Simeon eine Antwort geworden, da├č er den Tod nicht sehen wurde, er h├Ątte denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Diese Antwort Gottes im Heiligen Geist auf die Adventserwartung des Simeon wurde zweifellos mehr unmittelbar gelebt, als in klugen Reden debattiert. Das Reden vom Heiligen Geist steht oft im umgekehrten Verh├Ąltnis zu seinem Selbstzeugnis. Das Selbstzeugnis ist immer nur echt, wenn es nicht in emotionaler Bewegtheit, sondern in Demut, mehr durch Leben als durch Wort, Hinweis auf Christus ist.

Diese adventlich n├╝chterne Unmittelbarkeit, die Begegnung nach Christus hin, sollte in unseren Kreisen das geistliche Klima bestimmen. Unsere Glaubenszentren haben keinen Sinn und sicherlich ihren Lohn dahin, wenn sie sich nur selbst best├Ątigen wollen. Ich sehe das Hindernis f├╝r eine Erweckung mehr in einer eigenen diplomatischen, kirchlichen oder frommen Verkrustung als in der kindhaften Erwartung, da├č Gott immer da sein Reich baut, wo wir die Adventserwartung eines Simeon haben, die sich der Erf├╝llung gewi├č ist. Das Heilige ├╝berholt nicht das Nat├╝rliche, aber es erf├╝llt das Nat├╝rliche.

An jenem Morgen, als Maria das Jesuskind zum Tempel brachte, haben es viele Augen gesehen. War es nicht ein Kind wie alle anderen? Da war nichts von einem Strahlenkranz, den das Mittelalter malte. Und doch, die Augen des Simeon sehen ganz anders. Sie sehen durch die Windeln hindurch, sie sehen in diesem Kind die Erf├╝llung aller Adventshoffnung: „Dieser ist gesetzt zum Fall und zum Auferstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird“ (Luk. 2, 34). Das Ereignis der Weihnacht, und darin besteht weiterhin die F├Ąlschung, ist nicht nur Anla├č zu frommer und besinnlicher Feier, ist nicht die Begegnung mit einem Vater im Himmel, der zu allen S├╝nden der Welt die Augen zudr├╝ckt. Bei Gott sind Zorn und Liebe eines Lichtes Flamme. Das Kind in der Krippe deutet die Heiligkeit Gottes in seinem Kreuz. Wer deshalb von Advent nach Weihnachten hin sucht, kann die Krippe nie vom Kreuz trennen. Begegnung mit dem Christkind ist immer nur m├Âglich mit gebeugten Knien und mit vom Heiligen Geist erhellten Augen. Die Weihnachtsbotschaft deckt nicht die S├╝nde zu, sondern auf. Sie ist provokativ. Auch Krelingen m├Âchte als Gemeinde des lebendigen Gottes ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit sein, wie Paulus es ausdr├╝ckt: „Denn k├╝ndlich gro├č ist das gottselige Geheimnis: Gott ist geoffenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit“ (1. Tim. 3, 16).

Es ist deshalb die entscheidende Frage, ob Weihnachten frommer Selbstbetrug f├╝r uns oder wie bei Simeon das Ereignis unseres Lebens ├╝berhaupt ist. Wer alle Herrlichkeiten dieser Welt gesehen, aber die k├Âstliche Perle in der Krippe nicht entdeckt hat, bleibt deshalb ein betrogener Betr├╝ger. Wir wollen uns deshalb f├╝r unser Leben und Sterben erbitten, da├č wir nur die eine Wirklichkeit bezeugen, die Simeon wu├čte: „Herr, nun l├Ąssest du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen“ (Luk. 2, 29-30).

Pastor Heinrich Kemner, Dezember 1984, Erweckliche Stimme, Nr. 12, 24. Jahrgang

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 28. November 2009 um 21:54 und abgelegt unter Predigten / Andachten.