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Wider die Psychologisierung der Schuldfrage

Mittwoch 29. Oktober 2008 von Pfr. Dr. Rolf Sons


Pfr. Dr. Rolf Sons

Wider die Psychologisierung der Schuldfrage

Die Psychologie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wirkmechanismen menschlichen Verhaltens und Erlebens zu erforschen. Dabei hat sie sich durchaus religionskritisch mit dem Schulderleben und den damit zusammenhĂ€ngenden menschlichen GefĂŒhlen und Empfindungen auseinandergesetzt. Sie fragte nach, wie es zu menschlichen SchuldgefĂŒhlen kommt und wie man diese durchaus bedrĂ€ngenden GefĂŒhle wieder los werden kann. Die Antworten der Psychologie auf die Schuldfrage waren nur in ihren AnfĂ€ngen Aufsehen erregend oder gar provozierend. Inzwischen sind sie geistiges Allgemeingut und ganz unbewußt lassen wir uns in unserem Alltag von ihren ErklĂ€rungsmodellen leiten.

Im Folgenden will ich einige dieser ErklĂ€rungsmuster samt ihren Auswirkungen darstellen und hinterfragen. Hat die psychologische Sichtweise der Schuld unseren eigenen Umgang mit ihr verĂ€ndert? Haben wir uns vielleicht unbewußt lĂ€ngst die psychologische Sicht zu eigen gemacht und uns damit vom biblischen SchuldverstĂ€ndnis entfernt?

Schuld erklÀren oder vergeben?

Um menschliches Verhalten zu erklĂ€ren oder zu Ă€ndern, haben sich innerhalb der Psychologie unterschiedliche Verstehensmodelle entwickelt. Gemeinsam ist diesen Modellen, daß Schuld immer auf einen in der Tiefe der menschlichen Psyche sich abspielenden Konflikt zurĂŒckzufĂŒhren ist.

Nach dem tiefenpsychologischen ErklĂ€rungsversuch Sigmund Freuds geht das Schulderleben von Menschen auf einen Dauerkonflikt zurĂŒck, der zwischen unterschiedlichen KrĂ€ften bzw. Instanzen ausgetragen wird. Freud sieht das menschliche Ich zwischen diesen KrĂ€ften eingezwĂ€ngt. Auf der einen Seite wirken die KrĂ€fte des sogenannten „Es“, den triebhaften Anforderungen des Unterbewussten. Auf der anderen Seite drĂ€ngt das sogenannte „Über-Ich“ mit seinen durch Erziehung, Gesellschaft oder Religion geprĂ€gten Anforderungen, Geboten und Normen. Dem von beiden Seiten bedrĂ€ngten Ich bleibt in dieser Situation nur die Möglichkeit, mit Angst oder SchuldgefĂŒhlen zu reagieren. Schuldhafte GefĂŒhle und auch Verhalten werden damit erklĂ€rbar. Schuld ist nichts anderes als eine Flucht aus dem psychischen Dauerkonflikt. – Von Ă€hnlichen Grundannahmen ausgehend und an der Tiefenpsychologie anknĂŒpfend, beschreibt der entwicklungspsychologische Ansatz menschliches Fehlverhalten. Dieser geht davon aus, daß Kinder, denen es in der frĂŒhen Phase ihres Lebens an Zuwendung mangelt, außerstande sind, jenes Urvertrauen aufzubauen, das fĂŒr ein positives VerhĂ€ltnis zu anderen Menschen und zur menschlichen Gemeinschaft unabdingbar ist. Da sie kein Urvertrauen aufbauen können, geraten sie in Konflikt mit der Gesellschaft und werden schuldig. Schuld kann somit als Ergebnis nicht ausreichend erfolgter frĂŒhkindlicher Sozialisation interpretiert werden.– Dem sozialpsychologische ErklĂ€rungsmuster liegt zugrunde, daß menschliches Verhalten als Folge ganz bestimmter gesellschaftlicher und kultureller VerhĂ€ltnisse zu begreifen ist. Schuldhaftes Verhalten ist von den jeweiligen Normen und Werten einer Kultur oder Gruppe abhĂ€ngig. Da sich diese Werte jedoch von Kultur zu Kultur unterscheiden, bleibt Schuld immer relativ bzw. richtet sich nach den jeweiligen gesellschaftlichen oder zeitbedingten Gegebenheiten.

Die verschiedenen psychologischen Modelle lassen die Schuld in einem ganz und gar anthropologischen Horizont erscheinen. Schuld wird als Ergebnis eines kindheitlichen, sozialen oder auch innerpsychischen Konfliktes verstehbar und damit erklĂ€rbar. Da der Einzelne fĂŒr diesen Konflikt nicht verantwortlich ist, wird seine Schuld letztlich auch entschuldbar.

Wie ist diese psychologische Perspektive nun aus biblischer Sicht zu bewerten? ZunĂ€chst werden wir die psychologische Sichtweise nicht einfach ausblenden können. TatsĂ€chlich gibt es Konflikte, in die wir hineingestellt sind und wir oft gar nicht anders können als schuldhaft zu reagieren. Seelische und soziale Konflikte produzieren neue Konflikte, produzieren neue Schuld. Dennoch können wir das aus einem Konflikt resultierende Fehlverhalten nicht einfach entschuldigen. Wir wĂŒrden in diesem Falle den Menschen nicht mehr als verantwortliches Subjekt, sondern nur noch als Objekt seiner UmstĂ€nde ansehen. Schuld aus theologischer Sicht ist eben nicht nur das Ergebnis einer mangelnden Sozialisation. Schuld ist tiefer anzusetzen. Der Mensch wird nicht nur deshalb schuldig, weil die VerhĂ€ltnisse Schuld produzieren, sondern deshalb weil er selbst durch und durch SĂŒnder ist. Dieses SĂŒndersein aber lĂ€sst ihn immer wieder neu einzelne schuldhafte Handlungen hervorbringen, fĂŒr die er auch verantwortlich ist.

Wir sehen also beides: den Schuldzusammenhang, indem ein Mensch sich befindet. Gleichwohl aber heben wir auch seine Verantwortlichkeit hervor.

Opfer oder TĂ€ter?

Die Folge der psychologischen Sichtweise besteht unter anderem in einer verĂ€nderten Bewertung von Schuld. So erleben wir im Bereich der Strafgesetzgebung, daß Mörder auf ihre SchuldfĂ€higkeit ĂŒberprĂŒft werden. Die Frage wird aufgeworfen, ob der Beschuldigte wirklich als TĂ€ter oder vielmehr als Opfer seiner Lebensgeschichte und UmstĂ€nde anzusehen ist. Ist seine SchuldunfĂ€higkeit erwiesen, so wirkt sich dies auf jeden Fall strafmildernd aus.

Doch nicht nur im Bereich der Justiz, auch im Bereich der Seelsorge und Therapie zeigt das verĂ€nderte SchuldverstĂ€ndnis seine Wirkung. Psychische Krankheiten, SĂŒchte und Depressionen erscheinen nicht selten als einziger Ausweg aus Konflikten des Lebens, die der einzelne nicht zu lösen oder zu ertragen vermag. ÜbermĂ€ĂŸiger Alkoholgenuss oder Medikamentenmißbrauch sind dann nicht in erster Linie Ausdruck individuellen Versagens in der LebensfĂŒhrung, sondern primĂ€r durch soziale oder psychische VerhĂ€ltnisse bedingt. Nun wird verstĂ€ndlich, wenn sich einer, um seinen belastenden LebensverhĂ€ltnissen zu entfliehen oder um diese besser ertragen zu können, in den Alkohol oder in Drogen flĂŒchtet. Ähnliches gilt im Bereich von sexuellen Konflikten. So wird etwa eine intime Beziehung einer verheirateten Frau zu einem fremden Mann auf dem Hintergrund einer unerfĂŒllten oder schwierigen Ehe verstĂ€ndlich. Nicht selten raten Therapeuten dazu, die bisherige Ehe zu verlassen, um auf diesem Weg zu grĂ¶ĂŸerer Freiheit und LebenserfĂŒllung zu gelangen.

Wir sehen spĂ€testens an dieser Stelle das Defizit des psychologischen ErklĂ€rungsmusters. Zwar können die genannten humanwissenschaftlichen Aspekte verdeutlichen, daß Schuld immer auch soziale und psychologische Aspekte besitzt. Die humanwissenschaftliche Betrachtungsweise kann helfen, sorgsam zu sein und im Umgang mit Schuld zu differenzieren. Gleichwohl aber vermag sie das eigentliche Problem nicht an der Wurzel zu packen. Es reicht nicht, Schuld zu verstehen und sie zu erklĂ€ren. Schuld ist immer ein Verstoß gegen das Gebot Gottes. Daher will wie bekannt und vergeben werden. Der Weg dazu fĂŒhrt ĂŒber das Kreuz von Jesus Christus. Hier erfĂ€hrt sich der Mensch trotz seiner Schuld geliebt. Jesus ĂŒbernimmt die Schuld des SĂŒnders als seine eigene. Am Kreuz endet die Schuld. Hier wird ein echter Neuanfang möglich.

Echte Schuld oder nur SchuldgefĂŒhle?

In dem Maße wie wir auf die psychologische Seite der Schuld aufmerksam wurden, haben wir es auch gelernt, von SchuldgefĂŒhlen zu sprechen. Die Ursachen von SchuldgefĂŒhlen können sehr unterschiedlich sein. So empfinden Angehörige eines Verstorbenen hĂ€ufig SchuldgefĂŒhle, weil sie sich nicht ausreichend um ihn gekĂŒmmert haben. Christliche Eltern können SchuldgefĂŒhle entwickeln und fragen, was sie falsch gemacht haben, wenn ihre Kinder den Glauben ablehnen. Jemand verspĂŒrt SchuldgefĂŒhle, wenn er sich AnsprĂŒchen anderer verweigert und „Nein“ gesagt hat. Die Frage, ob es ich dabei um echte oder um falsche SchuldgefĂŒhle handelt ist nicht in jedem Fall einfach zu beantworten. Seelsorger neigen eher dazu, SchuldgefĂŒhle zu verharmlosen und die Betreffenden zu entlasten. Gleichzeitig aber kann es fĂŒr die Betroffenen auch eine große Hilfe sein, ihre SchuldgefĂŒhle ernst zu nehmen und sie vor Gott zu bringen. In jedem Fall ist zwischen echten und unechten SchuldgefĂŒhlen zu unterscheiden. Die echten beruhen auf realer Schuld und bedĂŒrfen der Vergebung durch Gott. Unechte können auch Ausdruck einer IchschwĂ€che oder gar einer tieferliegenden Störung sein. Nach Ulrich Eibach beziehen sich echte SchuldgefĂŒhle immer auf ein Objekt, an welchem die betreffende Person schuldig geworden ist, bezogen. Unecht dagegen sind die SchuldgefĂŒhle dann, wenn sie entweder ĂŒberhaupt nicht auf ein wahrnehmbares Objekt bezogen sind oder aber wenn sie zwar auf ein Objekt bezogen sind, aber in keinem rechten VerhĂ€ltnis zu diesem Objekt stehen. Dies bedeutet, daß das vermeintlich geschĂ€digte Objekt um die SchĂ€digung gar nicht weiß oder diese ĂŒberhaupt nicht also solche empfindet. Hans van der Geest spricht in letzterem Fall davon, daß im Falle eines unechten SchuldgefĂŒhls die Schuld keinen „Nennwert“ habe. Dies bedeutet, daß eine Tat subjektiv zwar als Schuld bewertet werden kann. Objektiv aber handle es sich um keine Schuld im eigentlichen Sinn.

Verschiedene Kriterien, wie etwa die Nachfrage nach den konkreten UmstĂ€nden oder die Unterscheidung, ob sich eine Schuld nur in Gedanken oder auch in Taten vollzog, können eine Hilfe bei der Unterscheidung sein. Auch die Frage, wie schwer ein Vergehen war und ob das angebliche Opfer die vermeintliche Schuld ĂŒberhaupt als solche empfindet, kann an dieser Stelle hilfreich sein (Ulrich Eibach, Seelische Krankheit und christlicher Glaube, Neukirchen 1992,  67ff).

Letztlich aber bleiben dem Seelsorger in dieser schwierigen Frage nur sein eigenes Urteilsvermögen und seine Selbsterfahrung. FĂŒr die Praxis der Seelsorge gilt, daß echte oder auch nur vermeintliche SchuldgefĂŒhle nicht vorschnell bagatellisiert oder beschwichtigt werden sollten. SchuldgefĂŒhle, welcher Art auch immer, gilt es zunĂ€chst ernst zu nehmen.

So sehr die Psychologie beitragen kann, SchuldzusammenhĂ€nge zu erhellen, so stĂ¶ĂŸt sie doch an eine Grenze, wo es darum geht Schuld als SĂŒnde vor dem lebendigen Gott zu begreifen. Mit Anselm von Canterbury ist daher zu sagen: Non considerasti quanti ponderis sit peccatum – du hast das Gewicht, die ganze Tiefe und das ganze Ausmaß der Schuld noch wirklich nicht erfaßt.

Aus: Theologische Orientierung Nr. 152
Albrecht-Bengel-Haus TĂŒbingen

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 29. Oktober 2008 um 16:47 und abgelegt unter Seelsorge / Lebenshilfe, Theologie.