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Durchbruch oder Dammbruch?

Montag 5. Mai 2008 von Rheinischer Merkur


Rheinischer Merkur

Durchbruch oder Dammbruch?
Streitgespr├Ąch Ministerin Annette Schavan, Stammzellforscher Oliver Br├╝stle, Moraltheologe Eberhard Schockenhoff und RM-Redakteur Matthias Gierth ├╝ber Menschenw├╝rde, tiefgek├╝hlte Embryonen und die Lobbyarbeit der Wissenschaftler

Forum Pariser Platz

Regelm├Ą├čig ist der Rheinische Merkur Medienpartner bei der Veranstaltungsreihe ÔÇ×Forum Pariser PlatzÔÇť. Sie wird von Deutschlandradio Kultur und Phoenix gestaltet und mit der Dresdner Bank in Berlin organisiert. Das nachfolgende Streitgespr├Ąch dokumentiert komprimiert die einst├╝ndige Debatte am 11. M├Ąrz. Es diskutierten Bundesforschungsministerin Annette Schavan, Professor Oliver Br├╝stle, Direktor des Bonner Instituts f├╝r Rekonstruktive Neurobiologie, Professor Eberhard Schockenhoff, Moraltheologe an der Uni Freiburg und Mitglied des Deutschen Ethikrats, sowie der stellvertretende Chefredakteur des Rheinischen Merkur, Matthias Gierth. Das Gespr├Ąch moderierte Deutschlandradio-Chefredakteur Peter Lange.

Frage: Warum sollte das Stammzellgesetz ge├Ąndert werden?

Oliver Br├╝stle: Die Zelllinien, die heute zur Verf├╝gung stehen, wurden vor 2002 gewonnen. Sie sind mittlerweile nicht mehr auf dem neuesten technischen Stand. Mittlerweile stehen bessere Zelllinien zur Verf├╝gung, die international eingesetzt werden. Wir m├Âchten mit unseren Kooperationspartnern in anderen L├Ąndern auf Grundlage dieser neuen Zellen zusammenarbeiten.

Annette Schavan: Wir haben in Deutschland einen besonderen Weg eingeschlagen. Wir wollen einen Schwerpunkt setzen bei Alternativen, der Forschung also, die sich bem├╝ht, zu Stammzelllinien zu kommen, ohne Embryonen zu verbrauchen. Das galt vor einigen Jahren noch als undenkbar. Heute wissen wir von der Reprogrammierung der somatischen K├Ârperzelle hin zur pluripotenten Stammzelle. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, alle Forscher sagen: Daf├╝r brauchen wir Erkenntnisse ├╝ber die Entwicklung der embryonalen Stammzelle. Und das muss mit Stammzellen m├Âglich sein, die von besserer Qualit├Ąt sind als die von 2002. Ich m├Âchte, dass das Gesetz in seiner Substanz erhalten bleibt, keinen Anreiz zu bieten f├╝r den Verbrauch menschlicher Embryonen. Andererseits m├Âchte ich, dass der schmale Korridor, der 2002 f├╝r die Forschung geschaffen wurde, auch in Zukunft erhalten bleibt.

Frage: Herr Schockenhoff, warum sind Sie gegen eine Gesetzes├Ąnderung?

Eberhard Schockenhoff: Es gibt grundlegende moralische Bedenken: Einmal der Umstand, dass ein menschlicher Embryo nicht einfach Forschungsmaterial ist. Er ist vielmehr der Anfang einer Lebensgeschichte eines anderen Menschen. Deshalb m├╝ssen wir ihm als einem ebenb├╝rtigen Menschen begegnen, besonders was seine W├╝rde und das Recht auf Leben anbelangt. 2002 hat man gesagt: Das Unrecht der Vernichtung der Embryonen, aus denen embryonale Stammzellen gewonnen wurden, k├Ânnen wir nicht mehr ungeschehen machen. Ein einseitiger deutscher Forschungsverzicht wird sie nicht wieder ins Leben zur├╝ckholen. Aber das kann man nun nicht immer wieder wiederholen. Wir m├╝ssen entscheiden, was uns das Bekenntnis zu W├╝rde und Lebensschutz wert ist. Das zeigt sich dann eben auch dort, wo es einmal einen Verzicht kostet.

Frage: Herr Gierth, wie sehen Sie das Verh├Ąltnis von Forschungsfreiheit und ethischen Bedenken?

Matthias Gierth: Forschungsfreiheit ist durch das Grundgesetz garantiert. Es hei├čt dort aber auch: ÔÇ×Das entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.ÔÇť Hier deutet sich schon an, dass es Einschr├Ąnkungen geben kann. Der Forschungsfreiheit steht der Menschenw├╝rdeschutz des Embryos entgegen. Menschenw├╝rde ist nicht abw├Ągbar. Forschungsfreiheit endet dort, wo die Menschenw├╝rde des Embryos beginnt. Zwar haben wir es mit Stammzellen zu tun und nicht mit Embryonen. Trotzdem darf man nicht ausblenden, woher die Stammzellen kommen.

Frage: Herr Br├╝stle, versto├čen Sie st├Ąndig gegen die Menschenw├╝rde?

Br├╝stle: F├╝r mein Verst├Ąndnis nicht. Die Stammzellen, mit denen ich arbeite, sind aus ├╝berz├Ąhligen befruchteten Eizellen entwickelt worden, die in Israel zur Verf├╝gung standen. Die befruchteten Eizellen lagerten tiefgek├╝hlt in Gefrierbeh├Ąltern. Ich halte es f├╝r gerechtfertigt, in einem solchen Fall die Frage zu stellen: Ist es es nicht wert, einige wenige der hunderttausendfach verworfenen ├╝berz├Ąhligen Eizellen zu nutzen, um potenziell therapeutisch relevante Zelllinien herzustellen? Wir m├╝ssen uns Gedanken machen ├╝ber die Schutzw├╝rdigkeit und fragen: Gilt sie f├╝r die befruchtete Eizelle im gleichen Ma├če wie f├╝r einen Embryo nach Eintritt der Schwangerschaft?

Frage: Herr Schockenhoff, was ist mit ├╝berz├Ąhligen Embryonen zu tun?

Schockenhoff: ├ťberz├Ąhlige Embryonen sind durch eine moralische Grenz├╝berschreitung entstanden. Im Ausland ist man hier viel unbek├╝mmerter als bei uns. In Deutschland d├╝rfen nach dem Gesetzeswillen keine ├╝berz├Ąhligen Embryonen entstehen. Hinsichtlich der grundlegenden Rechte des Menschseins ist der Embryo einem geborenen Menschen gleichzustellen.

Frage: Was ist mit der Menschenw├╝rde der Kranken? Z├Ąhlt sie nicht?

Schavan: Sie z├Ąhlt. Deshalb ringen wir ja so. Weil ja niemand das, was in der Medizin einmal m├Âglich sein kann, einfach ignoriert. Bei der Debatte 2002 standen die Therapien im Vordergrund. Heute ist es die Forschung, die Zellen noch besser zu verstehen. Forscher, die an der Reprogrammierung sind, sagen: H├Ątten wir nicht in den letzten Jahren Erkenntnisse aus der embryonalen Stammzellforschung gehabt, w├╝├čten wir nicht einmal, wie dieser Proze├č der R├╝ckentwicklung ├╝berhaupt geht. Vertiefte Erkenntnis steht heute im Vordergrund.

19.3.2008

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 5. Mai 2008 um 14:21 und abgelegt unter Medizinische Ethik.